Mental Coaching (2) - Tilt - Ein Perspektivenwechsel
Einleitung
In diesem Artikel
- Perspektivenwechsel
- Sekundärgewinn - die Vorteile einer nachteiligen Situation
- Die wahren Quellen des Tilts
- Dein Tilt, deine Chance
In diesem Artikel wird das Thema Tilt einmal völlig neu aufgerollt und eine neue Perspektive auf das Thema aufgezeigt. Diese Perspektive wird dir neue Wahlmöglichkeiten bieten, wenn es um Bad Beats und andere eher unangenehme Dinge geht. Des Weiteren wirst du eine einfache Technik lernen, die dich unterstützt, “negative” Situationen schnell zu akzeptieren.
Perspektivenwechsel
Worin liegt der Unterschied zwischen einem Optimisten und einem Pessimisten? Der Optimist geht mit einer positiven Erwartungshaltung durchs Leben, der Pessimist mit einer negativen. Unterschiedlich ist demnach die Ausprägung der Erwartungshaltung, jedoch haben beide eine. Dementsprechend ist die Antwort auf die obige Frage entweder “die Erwartungshaltung” oder “es gibt keinen Unterschied, denn beide haben eine”.
Die Poker Realität und der Bad Beat
Das Ausrasten oder Rumjammern beim Bad Beat ist emotional nachvollziehbar, rational betrachtet ist es allerdings bestenfalls peinlich. Betrachte mal die Gesamtsituation. Poker ist ein Geschicklichkeitsspiel, wenn es mit Methode und über einen langen Zeitraum gespielt wird. Was passiert bei einem Bad Beat? Der Gegner gewinnt eine Hand, die er laut deiner momentanen Erwartung nicht hätte gewinnen dürfen, da du dich schon als Sieger gefühlt hast. Wenn sich dieselbe Situation mehrmals ergibt, wirst du auf lange Sicht jedoch deiner Wahrscheinlichkeit entsprechend gewinnen.
“You have it in your power to turn a bad-beat around simply by realizing this simple truth: The more bad beats you encounter, the luckier you are. It's a sign that you are playing against opponents who continually take the worst of it, and if you can't beat someone who always takes the worst of it, you can't beat anyone.” ~Lou Krieger
Sekundärgewinn
Der Begriff “Sekundärgewinn” ist aus der Medizin entlehnt, dort wird er üblicherweise als “Krankheitsgewinn” bezeichnet. Also jene versteckten Gewinne/Vorteile, die der Kranke aus seiner Situation ziehen kann. Beispielsweise ein Mann mit Rückenschmerzen, der deswegen nicht zu arbeiten braucht. Der Begriff wird in diesem Artikel in allgemeinerer Form verwendet:
"Sekundärgewinn ist jeder versteckte Vorteil, den der Handelnde aus einer ungünstigen Handlung ziehen kann."
Dieser Vorteil ist dem Betroffenen oft nicht bewusst. Jedoch sind die unbewussten Wirkprozesse oft einflussreicher als bewusste Kontrollversuche. Zum Beispiel ist dir bewusst, dass der fette Burger nicht gesund ist, dein Hungergefühl ist da aber ganz anderer Meinung. Ein Sekundärgewinn ist von der Person abhängig, da jede Person andere Bedürfnisse und Ziele verfolgt.
Hier einige Beispiele, wo der (unbewusste) positive Aspekt eines als bewusst negativ bezeichneten Verhaltens zum Vorschein kommt:
| Verhalten | Sekundärgewinn |
| Rauchen | Einfacher Einstieg in Gespräche Soziale Kontakte und Gewohnheiten Zigarettenpause auf der Arbeit |
| Stress im Beruf | Keine Zeit für unangenehme Dinge haben Ausrede für Rumschreien, Jammern, etc. Hintern nicht von der Couch kriegen - mal ausspannen |
| Betrinken | Ausrede für Handlungen, die sonst für das Umfeld nicht akzeptabel wären (fremdgehen, unhöflich sein, etc.) Betäuben der Stimme im Kopf (innerer Monolog) |
| Verlusten hinterherjagen | Beruhigung des schlechten Gewissens Kontrollverlust durch Tätigkeit "überspielen" (Aktionismus) Nachher darüber beklagen können, wie blöd doch alles ist und Zustimmung finden |
| Beim Bad Beat den Monitor durch das Zimmer werfen |
Aggressionen freien Lauf lassen Aufmerksamkeit erhalten Botschaft an sich (und andere): Ich kann es mir leisten einen neuen 30 Zoll Monitor zu zerstören |
Oft handelt es sich bei Sekundärgewinnen einfach um Ausreden. Das Unterbewusstsein verfolgt die Befriedigung unserer Grundbedürfnisse. In gewissen Situationen ist dies klar erkennbar. Beispielsweise hast du Hunger, wenn dein Körper etwas zu Essen benötigt. In anderen Bereichen, wenn es zum Beispiel um Aufmerksamkeit und andere soziale Aspekte geht, findet der Prozess etwas subtiler statt. So werden oft in der Vergangenheit erfolgreiche Verhaltensmuster wieder ausgeführt, um ein vorhandenes Bedürfnis zu befriedigen. Dabei ist es möglich, dass dieses Verhaltensmuster allerdings in einem komplett anderen Kontext erfolgreich war.
Hannes hat als Kind unbewusst gelernt, dass er Aufmerksamkeit bekommt, wenn er lautschreiend den Teddy durch die Gegend wirft. Zwanzig Jahre später nutzt Hannes weiterhin dieses Verhaltensmuster - ohne das ihm es bewusst ist - allerdings nimmt er jetzt den Monitor und zwar wenn er einen Bad Beat hat.
Oft wird eine äußere Situation (Bad Beat, Zug verspätet, etc.) als Ausrede dafür genommen, dass jemand ein ansonsten “inakzeptables” und unübliches Verhalten an den Tag legt. Anders gesagt:
"Jeder hat die Verantwortung für seine Taten und die Freiheit darauf zu reagieren wie er will."
Der scheinbar bequemere Ausweg ist allerdings, der Situation die Schuld zu geben. Gleichzeitig geht mit diesem Schuld geben einher, dass man sich eine andere “bessere” Situation wünscht. Dieser Unterschied entsteht dadurch, dass die Realität nicht so akzeptiert wird, wie sie ist.
Betrachtet man den Tilt im Sinne des Sekundärgewinns so gibt es dafür zwei mögliche Quellen: Eine mangelnde Akzeptanz der Situation oder einen Wertekonflikt.
Mangelnde Akzeptanz der Situation
Dieser Umstand wurde sehr gut von Krach-Bumm-Ente im Artikel “Tiltprävention durch Arbeit am Kern des Problems” im Abschnitt “Die Wurzel des Bösen” beschrieben. Man weigert sich, eine Situation so anzunehmen, wie sie ist, da man meint, im Recht zu sein. Dieses “meinen im Recht zu sein” ist die Vorstellung, zu wissen, wie die Realität sein sollte oder sein müsste. Man verhält sich dabei praktisch wie ein kleines trotziges Kind, das im Supermarkt ne Schokolade will und dann laut schreiend am Boden liegt, wenn Mami nein sagt. Dieses Verhalten hat vielleicht bei Mami Erfolg, aber dem Dealer oder dem Algorithmus der Poker Server ist das relativ egal.
Zum Tilt bringt einen nicht die Situation an sich, sondern der innere Widerstand. Der Widerstand entsteht, weil man die Umstände nicht so annehmen will, wie sie sind. Sobald du die Umstände als gegeben akzeptierst, verschwindet der Widerstand und du kannst mit der Situation - so wie sie ist - angemessener/besser umgehen. Akzeptanz kann man trainieren, die sogenannte Sedona-Methode ist dabei eine der bewährtesten Methoden.
Die Sedona-Methode
Die Methode ist einfach und effektiv gehalten. Sie besteht aus vier Fragen, die du dir selbst stellst. Du kannst diese Methode generell auf jede Art von negativen Gefühl anwenden. Eine Möglichkeit ist zum Beispiel die Wut über einen Bad Beat.
Nun zur Methode, die darin besteht, dir folgende vier Fragen selbst zu stellen. Dabei ist es wichtig, einfach ehrlich und spontan zu antworten und dabei mit dir selbst in Kontakt zu gehen.
- 1. Kannst du dieses Gefühl in diesem Moment akzeptieren?
Sei ehrlich zu dir selbst und spontan. Der Prozess ist hier wichtiger als die Antwort.
- 2. Könntest du dieses Gefühl jetzt loslassen – nur für diesen Moment?
Wir können jedes Gefühl jederzeit loslassen, wenn der Impuls nur stark genug ist. Allerdings geschieht es meist indirekt. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich mit meiner damaligen Freundin wie irre Händchen gehalten habe, wir waren beide vorm Höhepunkt. Plötzlich schlägt jemand wie wild an das Fenster, allerdings so laut, dass wir beide komplett erschrocken hochgefahren sind - spitz war dann keiner mehr. Daher die indirekte Fragestellung, ob du es könntest das Gefühl loszulassen und zwar für nur einen kurzen Moment. Ebenso wie bei der ersten Frage ist der Prozess das Entscheidende.
- 3. Würdest du dieses Gefühl loslassen wollen?
Sei wiederum ehrlich zu dir selbst und spontan. Die Frage zielt darauf ab, was du willst. Das Können wird dadurch schon vorausgesetzt.
- 4. Wann? Wann würdest du es loslassen?
Dadurch, dass du angibst, wann du es loslassen wirst, hast du dir eingestanden, dass du es kannst und willst.
Die Methode eignet sich dafür, negative Umstände schneller zu akzeptieren und dadurch loszulassen. Sie funktioniert am besten, wenn du sie regelmäßig anwendest. Idealerweise beginnst du damit, sie zuerst für kleinere Unannehmlichkeiten zu nutzen. Bei der Bad Beat Wut ist es am günstigsten, über einen vergangenen Bad Beat nachzudenken, der dich zwar noch emotional berührt, dessen Wirkung allerdings begrenzt ist. Wenn die Methode für dich funktioniert, kannst du sie dann direkt nach einer weniger guten Session benutzen. Mit der Zeit wird es dir möglich sein, die Methode auch in kurzen Pausen oder sogar direkt nach einem Bad Beat zu nutzen.
Wertekonflikt
Ein Wertekonflikt liegt vor, wenn eine Person sich im Widerspruch zu ihren Werten verhält. Wenn die Person beispielsweise der Überzeugung ist "ich bin ein guter Mensch", jedoch nach ihrem Wertesystem "böse" oder "nicht gut" handelt, dann entstehen unangenehme Gefühle. In einem der nächsten Artikel wirst du mehr über Überzeugungen erfahren, die im Fachjargon als Glaubenssätze bezeichnet werden.
Die Überzeugungen, die du mit dir rumträgst, haben sich in Laufe deines Lebens angesammelt. Viele davon hast du ungefiltert aus deiner Umgebung - Familie, Lehrer, Freunde und Medien - übernommen. In diesem Sinne sind einige dabei, die uns zu einem Musterschüler/-bürger machen sollen. Dass viele der gesellschaftlichen Konventionen nicht gerade im Einklang mit Poker bzw. dem Poker-Lifestyle stehen, dürfte dir schon öfter aufgefallen sein. Insbesondere da der Poker-Lifestyle mit vielen heiklen Gesellschaftsthemen in Berührung kommt: Arbeit, regelmäßiges Einkommen, Steuern/Legalität, Geld “verdienen” etc.
Die meisten Menschen müssen für ihr Monatsgehalt hart arbeiten. Außerdem ist Pokern für sie irgendwo zwischen unberechenbarem Glücksspiel und höchstgefährlichem Hobby anzusiedeln. Wenn man dann so nebenbei erwähnt, dass man gerade ein durchschnittliches Monatsgehalt in ein paar Stunden er- oder verzockt hat, greift dies das Welt- und Selbstbild der Person an.
Betrachtet man das Thema Geld, so ergeben sich folgende Möglichkeiten für Wertekonflikte:
- Geld allein macht nicht glücklich!?
- Ist Poker eine ehrliche und gerechte Art, sein Geld zu verdienen?
- Wie viel Geld pro Stunde ist für dich - deinen Selbstwert / deine Leistung - angemessen?
- Wie viel Geld pro Stunde verdienen ist akzeptabel bzw. nicht “dekadent”?
Diese Fragen bringen dich vielleicht zum Überlegen oder gar in leichte Erklärungsnot. Dabei musst du beachten, dass diese Fragen gerade bewusst und offen gestellt wurden. Die Situationen im Leben sind meist komplexer und die Werte sitzen im Unterbewusstsein, welches besser mit einfachen simplen Sätzen arbeitet. Im bewussten Zustand hingegen kannst du eine Diskussion führen und abwägen, wie eine Lösung erreicht werden kann, während dein Unterbewusstsein üblicherweise einfach reagiert und zwar meist in einer Form, die weniger ausgewogen ist.
Wenn es für jemanden einfach unmoralisch ist, mehr als 20 Euro pro Stunde zu verdienen, dann ist es sehr wohl möglich, dass das Unterbewusstsein dies korrigiert und sich immer wieder Fehler einschleichen. Dieses selbstsabotierende Verhalten dient dazu, Wertekonflikte zu vermeiden, da sich die Person mit einem Stundenlohn von 50 Euro als unmoralisch wahrnehmen würde. Ein anderes Beispiel ist, dass manche gesetzeskonforme Menschen sich eine starke Belastung aufladen, weil sie sich in einer steuerlichen Grauzone zu befinden.
Tilt als Chance
Wenn du tiltest dann ist dies ein Hinweis deines Unterbewusstseins, dass etwas nicht im Lot ist.
Sei es, dass du zulange keine Pause gemacht hast und deshalb unkonzentriert spielst oder deine Überzeugungen mit deinen Handlungen im Konflikt stehen. Begreife es als ein Feedback von deinem Geist und/oder Körper. Dieses Feedback wahrzunehmen kannst du nutzen, um dich um die grundlegenden Herausforderungen zu kümmern. Der Tilt ist somit nur das Symptom oder der Überbringer der schlechten Nachricht. Betrachten wir mal einige Beispiele.
| Tilt | Mögliche Ursachen |
| Unkonzentriertes Spielen | Zulange ohne Pause gespielt Ablenkung Mangelhafte Ernährung Alkohol oder Drogeneinfluss |
| Ausrasten bei Bad Beat | Du willst nicht akzeptieren, dass dein Gegner Glück hatte Aufgestaute Aggressionen Geringes Maß an Selbstkontrolle |
| Ablenkung durch Internetbrowser/Chatfenster | Du bist nicht genug motiviert Selbstsabotierendes Verhalten, da ein Wertekonflikt vorliegt (Insbesondere Glaubenssätze in Bezug auf Geld und dieses nicht wert zu sein) |
Dein Tilt ist somit ein nützlicher Ratgeber, der nicht nur dein Pokerspiel, sondern auch dein Leben in eine angenehmere Bahn bringen kann. Er weißt dich daraufhin, wenn du deine Grundbedürfnisse vernachlässigst oder Konflikte vorliegen.
Zusammenfassung
Das Ziel des Artikels war es, dir eine völlig neue Perspektive auf den Tilt aufzuzeigen und ihn auch als Chance zu sehen. Jedes Verhalten hat immer auch einen Sekundärgewinn und diesen zu erkennen, hilft dir dabei, dein Verhalten zu ändern.
Im nächsten Artikel greife ich das Ändern von Verhalten auf und werde dir Wege zeigen, positive Pokergewohnheiten zu entwickeln.
Zum Autor: Carsten Bruns ist erfolgreicher Mental Coach. Er coacht und veranstaltet Seminare für Amateure und professionelle Pokerspieler. Er spielt selbst seit Jahren erfolgreich auf den Mid- und Highstakes Poker.
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