Aktualisiert am 12 März 26 von

Postmodernes Preflop-Mindset: Über Informations- und Adaptionsprozesse im NLHESH

Einleitung

In diesem Artikel

  • Die Vor- und Nachteile verschiedener Spielstile
  • Wie wichtig Information und Tableimage sind
  • Deine mentale Einstellung

Durch das Lesen dieses Artikels erweiterst du deinen Reflexionsgrad und das Verständnis der Shorthanded-spezifischen Spieldynamik. Insbesondere lernst du etwas über:

  • Die unterschiedlichen Stile des No-Limit Hold'em in ihrer Erscheinungsform sowie ihre spieltheoretischen Vor- und Nachteile.
  • Die Wichtigkeit der Information aus spieltheoretischer Sicht sowie aus evolutionärer Perspektive hinsichtlich der am Table stattfindenden Adaptionsprozesse (in diesem Zusammenhang auch über die Evolution der stilistischen Unterschiede).
  • Die Bedeutung von Tableimage und Gearshifting.
  • Die Haltung, mit der du dich an einen Pokertisch setzen und die du auch bei der Analyse von Händen haben solltest.

Ferner wirst du nach dem Lesen dieses Artikels durch einen erweiterten Blickwinkel gelassener und tilt-/belastungsresistenter pokern.

Einführung: „Come on, it's standard“

So kommentierte Tom Dwan, a.k.a durrr, seine Hand, als er 2008 im NBC National Heads-up Championship Duell in der dritten Hand des Matches TT gegen Phil Hellmuths AA reinstellte. Dieser, nachdem er ausgesuckt wurde, ließ es sich nicht nehmen, ein paar spöttische Bemerkungen über das aus seiner Sicht zweifelhafte Play seines Gegners zu machen und musste stolz (das tricky „quick Reraise“), aber broke seinen Sitz räumen.

Nachdem in den letzten Jahren, insbesondere seit 2003 (Moneymaker als „gewöhnlicher Buchhalter“ gewinnt das WSOP Main Event), der Pokerboom eingesetzt hat, gibt es neben der Masse an neuen talentierten Spielern als Nebeneffekt des Pokerbooms ein Aufkommen diverser Pokerschulen.

Die Theoretisierung des Pokerns greift um sich, vorzugsweise in der Variante No-Limit Texas Hold'em. Bedingt durch mediale Präsenz in Web und Fernsehen (Werbung/Übertragungen/TV-Shows/Filme [z.B. Rounders]) steigt die Zahl der normalen wie auch der guten Spieler stetig an.

Mit der Menge der Spieler und der damit einhergehenden stetigen Verbesserung der Spielqualität aus theoretischer Perspektive, wurde aus NLHE als Hinterhofpoker, bei dem Cowboys und Halunken sich gegenseitig die Mäuse abknöpften, ein Spiel der Mathematik und der Psychologie, in dem sich Millionen von Menschen im Wettstreit messen.

Mit dem Anspruch, besser zu pokern, geht immer der Traum vom großen Geld einher. Insbesondere der große Traum von einfachen Geld, das man ganz bequem von zuhause per Mausklick verdient.

Da dies jedoch nicht jedem Spieler vergönnt ist, sind Gewinnstrategien und profitable Spieltheorie nötig. Dabei gilt: je besser der Gegner, umso komplexer die Gewinnstrategie. So lässt sich eine Entwicklung zeichnen, die sich in den verschiedenen Stilen des No-Limit Hold'em ausdrückt.

Stilunterschiede

Der konservative Stil

In vielen publizierten Pokerbüchern der alten Schule (z.B. „Super System“ von Doyle Brunson) wird ein Stil gelehrt und propagiert, der im strengen Sinn durchaus ernsthaft als konservativ bezeichnet werden kann (Vorsicht, Rationalität, Bedacht, Sicherheit, Kalkulation).

Die zwei markantesten Kennzeichen dieses Stils sind zum einen die Beschränkung der Starthände, zum anderen die relative Größe der Betsize. Wer konservativ spielt, spielt auf Basis von Equity bzw. einer Value-Edge, weiß um die Bedeutung von Position und beachtet Metagame-Faktoren wie Tableimage und History (psychologische Aspekte).

Dieser Stil entstammt der Zeit der 50er/60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Er besitzt seine Profitabilität (zumal damals ausschliesslich live gespielt wurde: „Hinterhofpoker“) in der Ausnutzung des Gap-Concepts und des Card-Removal-Effekts, der loose-passiven Spielweise schlechterer Spieler sowie dem psychologischen Vorteil, den man durch große Betsizes (sicher wissend um seine Equity-Edge) als Druckmittel gegen emotionale, d.h. schlechte Spieler ausnutzte.

Zu den besonderen Details dieses Stils:

Preflop:

  • Tighte Openraisingrange (10-16%: 22+, A2s+, ATo+, KJ+, K9s+, Q9s+, QJo, JTs; je nach Position; Besonderheit: AQ in UTG fast nur suited, Argument: Position/Playability)
  • Overlimp und Coldcalls mit schlafenden Monstern IP und OOP (8-10%: 22-JJ, A2s-A5s, ATs, 54s-KQs, 75s-KJs)
  • Sehr tighte 3-Bets (2-3%: QQ+ AKo, AQs; Besonderheit: gegen BU-Steal auch AJs/AQo)
  • Keine 4-Bet-Bluffs (4-Bet-Fold): minimale 4-Bet-Range (1%: KK+; Besonderheit: AKs abhängig von Tableimage, Stacksize und evtl. Reads basierend auf Tells)

Postflop:

  • Selektive und situationsbezogene Bluffs und Moves sind selten
    • Continuationbet Flop, delayed Continuationbet Turn als PFA
    • Checkraise Flop OOP im Heads-up Pot auf paired Boards, Rag-Boards und A-high-rag-rag-Boards
    • Call Flop-bet/raise Turn IP im Heads-up Pot als Float.
      Im Blindbattle: Stop&Go-Play OOP bzw. Positionbet Flop/Turn IP.
  • Selten Bluffcatching mit (marginalen Valuehands)
    • mit AK oder AQ high auf Rag-Boards mit busted Draws
    • mit schwachen Toppair-Händen nach passiver Spielweise (WAWB) auf Flop und/oder Turn
  • Standardmäßig großes Betsizing auf nahezu allen Streets (große Valuebets)
    • zwischen 60% und 95% des Pots am Flop
    • zwischen 75% und 90% des Pots an Turn und River

Grob charakteristisch bezeichnet man den konservativen Stil als straight forward. Starke Hände werden stark gespielt, schwache Hände schwach. Bluffs werden selten und nur selektiv ausgeführt. Postflop ist die Aggression weitestgehend auf Pötte beschränkt, in denen man PFA ist bzw. eine Value-Edge annimmt.

Der moderne Stil

Seit es in großem Umfang (etwa seit Ende der 90er Jahre) Fernsehübertragungen gibt, in denen man die Holecards der beteiligten Spieler sehen kann, hat sich der allgemeine Spielstil verändert. Der konservative Stil hat aufgrund seiner vordergründigen Berechenbarkeit an Profitabilität verloren.

Dies führte dazu, dass viele Spieler entweder eine weitere Range an Händen oder bestimmte Hände anders oder nur gelegentlich anders spielen.

Das bedeutet: Der „moderne(re)“ Stil verliert die Value-Edge als absolute spieltheoretische Basis. Dafür gewinnt zum einen die Foldequity an Bedeutung, zum anderen versucht man, die Stärke seiner Hand gelegentlich zu verstecken (disguisen), um so Fallen für die Gegner zu stellen.

Dadurch erhöht sich in beträchtlichem Maße das Repertoire an Moves und Bluffs des modernen
Pokerspielers. Dies produziert in seinem allgemeinen Spielfluss eine ganz eigene Spieldynamik: das Spiel wird psychologischer, aggressiver und varianter.

Zu den besonderen Details dieses Stils:

Preflop:

  • Loose Openraisingranges / hohe Attempt-to-steal-Frequenz (PFR von 15-30%: 22+, A9s+, ATo+, K9s+, KJo+, QTs+, JTs als kleine Range bis zu 22+, Ax+, K9s+, KJo+, Q9s+, QTo+, J9s+, JTo, 54s+)
  • Höhere 3-Bet-Frequenz, IP auch gegen Raiser aus Early Position (je nach PFR des 2-Betters 2-12%: bis zu 22+, ATs+, AJo+, KJs+, KQo, QJs, JTs) for Value, Initiative und Foldequity
  • Selektiv 4-Bet-Bluffs als 4-Bet-Fold je nach Stacksize (ab effektiv 120BB solide) und Foldequity (oft [Min-]4-Bet aus UTG gegen 3-Bet aus Late Position sowie aus BU/CO gegen 3-Bet aus den Blinds)
  • Squeezeplay als Sonderform der 3-Bet, etwas frequenter als die gewöhnliche 3-Bet, aufgrund der erhöhten Foldequity (je nach Position und Calling-Tendenzen der involvierten Spieler bis zu 16%: 22+, A2s+, ATo+, K9s+, KJo+, QJs)

Postflop:

  • Erhöhte Aggression am Flop und River
    • Checkraise for Value und Checkraise als Bluff in 2-betted/unraised Pötten
    • Donkbet for Raiseinduce in 3-betted-Pots
    • Bluffbets am Turn River OOP und IP als betting into Scarecards
  • OOP Float als Move (meist deepstacked: 150BB+)
  • 3-Barrel-Bluffs bzw. Line-Bluffs (call Flop, bet/raise Turn, bet/raise River; checkraise Flop, bet Turn, bet River)
  • Variation im Betsizing: Blockbet (20-40% vom Pot) auf allen Streets OOP, Valuebets am Turn (55%-95% vom Pot) und River (30%-95% vom Pot)
  • Overbetting am Turn und River (meist als Openpush OOP) als Bluff und Valuebet
Vor- und Nachteile der Stile im Vergleich

Der fundamentale Vorteil des modernen Stils liegt, wie an seiner Begründung klar zu sehen ist, in seiner Unberechenbarkeit (disguise, deception). Hier greift Sklanskys „Fundamental Theorem of Poker“ (Theory of Poker), dass man immer dann profitiert, wenn der Gegner seine Hand anders spielt, als er sie spielen würde, wenn er wüsste, was für eine Hand man selbst hält. Demnach liegt der Sinn von Variation in Hand-, Line- und Betsizeauswahl im Heraufbeschwören von Fehlentscheidungen des Gegners.

Die Schattenseite davon ist, dass man oft mit einer Hand zum Flop oder gar zum Showdown geht, die an Equity gegenüber der gegnerische Hand(-Range) unterlegen ist, also Geld als Underdog investiert. Kurz gesagt: man weicht von der optimalen Spielweise (Game Theory Optimum) ab, um dasselbe beim Gegner zu bewirken. Man wird exploitable, um Exploitability zu erzeugen.

Ein weiterer Aspekt dieser modernen Herangehensweise ist, dass man damit zum einen die Varianz erhöht, zum anderen aber auch marginale Edges für sich kreiert bzw. ausnutzt. Während man im konservativen Stil z.B. einen Fold mit KJs im BU gegen ein MP-Raise macht, gewinnt der moderne Spieler hin und wieder unter Inkaufnahme einer erhöhten Varianz und Fehlergefahr postflop den einen oder anderen Pot mehr, wenn der Gegner seine Spielweise nicht (oder nicht rechtzeitig) anpasst.

Im Besonderen liegt ein weiterer Grund für die Profitabilität des modernen Stils im Generieren schwieriger Entscheidungen, die sich als psychologischer Druck für den Gegner so auswirken, dass er irgendwann eine große, d.h. teure Fehlentscheidung trifft. Es geht dabei also nicht um die reine Gewinnwahrscheinlichkeit.

Insbesondere bei der Spielvariante No-Limit, die zu einem überwiegenden Teil von den Implied Odds lebt, ist dies von größter Bedeutung: der Vorteil des modernen Spielers gegenüber dem konservativen liegt dabei in seiner Erfahrung im Umgang mit
diesen Situationen. Somit gilt die Annahme: der erfahrene moderne Spieler wird postflop weniger Fehler machen, als der konservative Spieler.

Poker aus evolutionärer Perspektive - die Basis eines postmodernen Spielverständnisses

The shark is huuuuungryyyyy!

So lautet der Trademark-Spruch von Humberto Brenes, der bei der WSOP mit seinem kleinen Shark-Cardprotector für Stimmung und Unterhaltung sorgt. So unterhaltsam dieses niedliche Tierchen auch sein mag, an ihr lässt sich eine fundamentale Wahrheit über den State of Poker ablesen, die durchaus tiefgreifende Schlüsse über gesellschaftliche und soziokulturelle Zustände unserer Generation ziehen ließe.

In der Tat: das Bild des Fressen-und-gefressen-Werdens, des Hais und des Fisches, wie es unter Pokerspielern beliebt ist, besitzt Legitimität. Der Pokerspieler von heute und als solcher auch du, der du in einer Pokerschule das Spiel lernen, d.h. beherrschen lernen möchtest, befindet sich in einem ständigen Kampf ums Überleben, in Pokersprache: den Erhalt bzw. die Vergrößerung der eigenen Bankroll.

In deinem Lebensumfeld, den Pokertischen, befinden sich andere Pokerspieler, die ebenfalls überleben wollen; sie sind eine Gefahr für dich und deine Bankroll. Ihr alle lebt in einer Welt, in der eure Lebensenergie begrenzt ist, in der Pokersprache: der Rake zehrt an euch. Jeder Kampf, d.h. jeder Pot, kostet Kraft.

Für diesen Kampf kann man sich jedoch vorbereiten: zum einen durch theoretische Vorbildung (mathematisch-analytisches Wissen, z.B. Charts) und mentale Vorbereitung (psychologische Stabilität, Tiltresistenz), zum anderen durch Nachbetrachtung vergangener Kämpfe
(Session-/Handreviews und Analyse).

Als Pokerspieler bist du in deinen Entscheidungen frei und lediglich durch das Limit am Tisch bzw. den effektiven Stack begrenzt. Als Grundlage für deine Entscheidung hast du mehrere mögliche Quellen: den Zufall, die Emotion und das Kalkül. Auch wenn manche Spieler, selbst Pokerprofis, ihre Entscheidung auf das Ergebnis eines Münzwurfes gründen, dürfte klar sein, dass dein Überleben am ehesten durch das Kalkül gesichert sein wird. Die wichtigste Ressource für das Kalkül ist dabei die Information.

It's a Thinking Player's World

Als Informationsquelle stehen dir zwei große Bereiche zur Verfügung: die Spieltheorie, d.h. die mathematisch-analytische Grundlage von Texas Hold'em und die Gegneranalyse.

Zunächst ist für dich der Gegner am anderen Ende des Tisches eine Black Box. Du weißt nichts über ihn, abgesehen von seiner Stacksize und seinem Screenname. Seine Entscheidungen sind für dich undurchschaubar. Theoretisch könnte es sogar ein Computer sein, der zufällig oder ganz und gar unzufällig, d.h. programmiert handelt bzw. spielt.

Um an einem Pokertisch begründete Entscheidungen zu treffen, die auf möglichst vollständiger Information beruhen, musst du annehmen, dass dein Gegner ebenfalls ein rational denkender Spieler (Thinking Player) ist, d.h. dass seine Entscheidungen auf Gründen beruhen, die nachvollziehbar und mehr oder minder transparent sind.

Ferner musst du dir bewusst sein, dass dein Gegner nicht zwingend spieltheoretisch optimal spielt und nicht jeder gleich spielt: Jeder Spieler besitzt seine eigene Spiellogik und begründet seine Entscheidungen in einer ihm eigenen (individuellen) Weise. Diese kann mit dem spieltheoretischen Optimum übereinstimmen, muss sie aber nicht. Daher ist es wichtig, dass du seine Entscheidungen begreifen lernst, um diese Information(en) gegen ihn zu verwenden.

Die Evolution des Poker: von der Callingstation zum LAG-TAG

Wie in der Natur vollzieht sich auch in der Welt des Poker eine konstante Entwicklung der ihr innewohnenden Systeme: Der Pokerspieler will überleben, also muss er sich anpassen. Wer dies tut, überlebt, wer nicht, stirbt aus (geht broke/steigt im Limit ab).

In der Evolutionstheorie spricht man vom Prinzip der Artenvielfalt, der Variation. Aus dieser Vielfalt der verschiedenen Arten werden einige wenige von der Natur bzw. dem „Lauf der Dinge“ ausgewählt, die weiterleben. Dies wird Selektion genannt. Durch fortwährende Selektion in der Welt kommt es schließlich zu einem Zustand der Stabilität.

Wendet man diese Theorie auf die Entwicklung des Poker an, so lässt sich eine einigermaßen plausible Linie zeichnen: Es beginnt mit einem Kartendeck und den Spielregeln. Ein paar Spieler, die, von den Regeln abgesehen, wenig bis nichts über das Spiel wissen, bilden die Grundlage der Variation. Somit ist jeder Spieler ein Variationsreiz für die Welt des Poker. Einige Spieler gewinnen dabei Geld, andere verlieren es.

Die besseren Spieler werden selektiert und überleben. Der besondere
Umstand, dass hier ein gewisser Teil Glück, d.h. Varianz im Spiel ist, entspricht dem Phänomen Zufall in der Natur. Doch tatsächlich überleben die besseren (die tüchtigen) Spieler langfristig und sind somit ein gewisser Stabilitätsfaktor der Welt.

Im Poker spielen denkende Menschen gegeneinander, die sich auf Basis von
Verstandsentscheidungen (wie oben gezeigt) miteinander messen. Wer bessere Entscheidungen trifft, wird überlegen sein. Im Poker hat sich seit den 1950er Jahren spieltheoretisch eine Menge getan und dieses technologische Wissen steht dank Fernsehen und Internet, insbesondere auch den Pokerschulen, einer breiten Masse an Spielern zur Verfügung.

Aus evolutionärer Sicht lässt sich hier eine Entwicklung nachvollziehen:

  • In der Welt der Callingstations werden die tight-agressiven Spieler (TAGs) selektiert, da sie aufgrund der Value-Edge mehr Geld gewinnen als sie verlieren („die konservative Zeit“: ungefähr 1950-1990).
  • In einer Welt von TAGs und Callingstations werden LAGs (loose-aggressive Spieler) und TAGs selektiert. Die TAGs haben gegenüber den Callingstations eine Value-Edge und gegenüber den LAGs bei hoher Varianz eine kleine Value-Edge. Die LAGs haben gegenüber den Callingstations eine Value- und Deception-Edge und gegenüber den TAGs bei hoher Varianz eine Deception-Edge („die Moderne“: ungefähr 1990-2003).
  • In einer Welt von TAGs, LAGs und Callingstations werden primär die Spieler selektiert, welche
    die Vorteile von TAG- und LAG-Stil (LAG-TAG) für sich nutzen können, sekundär alle
    übrigen, die manche dieser Vorteile ausnutzen („die Post-Moderne“).

Wichtige Aspekte des postmodernen Stils- Kenne deinen Feind

Die Macht des Wissens

Wesentlich für den Charakter des postmodernen Spielers ist das Wissen um seine Stärken und Schwächen, sein Mindset, mit dem er an den Tisch geht. Mach dir bewusst, dass du im Konkurrenzkampf stehst. Du hast ein Ziel: nämlich deine Bankroll zu erhalten und nach Möglichkeit zu vergrößern. Als Mittel steht dir eine Fülle von Informationen zur Verfügung.

Daher ist es für dich zentral, dich einerseits in Spieltheorie fortzubilden (durch Lesen anderer Strategieartikel, Schauen von Videos, Analysieren von Händen), andererseits Erfahrung an den Tischen zu sammeln, damit du im Umgang (d.h. der Verwertung von Informationen) geübter wirst.

Dabei ist es jedoch unabdingbar, dass du dir bei all diesen Handlungen bewusst bist, warum und mit welcher Absicht du es tust und nicht zuletzt, worin genau dabei deine Vorteile (Edge) gegenüber deinen Gegenspielern liegen.

Sammeln und Verwerten von gegnerspezifischen Informationen

Du bist dir bewusst, dass deine Gegner auf unterschiedlichen Stufen der pokerbezogenen Evolutionsleiter stehen, das heißt entweder vor-konservativ spielen (schlechte Callingstation), konservativ (TAG), modern (LAG) oder postmodern (LAG-TAG). Hierzu gibt es auch sinnstiftende Bezeichnungen von Spielertypen, die dir für das Ausnutzen gegnerischer Schwachstellen helfen können, z.B. Donkey, Rock oder Maniac.

Im Online-Poker solltest du dir zum einen Notes über ausnutzbare Spielweisen und Tendenzen der Gegner machen bzw. allgemein mit Stats spielen, die dir den Überblick über das Spielgeschehen doch stark vereinfachen. Hast du einen Spieler einmal als schlecht abgestempelt, kann das Gefahren beinhalten: Spieler lernen dazu!

Evolution ist kein statischer Prozess, der sich in Stufen vollzieht, sondern fließend ist und allmählich vor sich geht. Die grob gezeichneten Stile sind für schlechtere Spieler, die keinen exakten Stil mit Bewusstsein spielen, nicht bis kaum relevant, da sie oft auch aus dem Bauch heraus entscheiden. Daher solltest du dich niemals zu 100% auf Stats oder Notes verlassen, sondern Gewinn-/Verlustrisiko immer genau abwägen, soweit dir Information zur Verfügung steht.

Die Suche nach gegnerischen Leaks

Hast du einmal eine einigermaßen solide Einschätzung (aussagekräftige Samplesize: einige tausend Hände) deines Gegenspielers, kannst du ihn gezielt stilistisch einordnen und sein Repertoire an Moves einschätzen. Du weißt, ob du in bestimmten Spots 3-betten kannst oder nicht, wann ein Coldcall besser ist, wann eine 4-Bet unprofitabel ist, wann eine Bluff-4-Bet möglich ist, usw.

Im weitesten Sinn ist dein Vorteil als postmoderner Spieler, dass du um Stärken und Schwächen der verschiedenen Stile weißt und gezielt Leaks von Gegnern ausnutzen kannst: Entweder er foldet zu
viel oder er callt zu viel/oft. Möglicherweise ist er auch zu aggressiv.

Mathematik vs. Deception

Deine zwei großen Waffen im Poker sind zum einen die Mathematik, die sich in Form von Odds/Outs/Tendenzen/Stats/Move-Frequenzen äußert, zum anderen deine Deception, d.h. dein Informationsvorteil bezüglich der Handstärken. Gegen konservative Spieler steigt der Wert der Deception aufgrund der Implied Odds und der Steigerung gegnerischen Fehlerpotentials. Gegen moderne Spieler bekommt die Value-Basis eine größere Bedeutung.

An dieser Stelle kommt deine Entscheidungsfähigkeit zum Tragen. Im Poker gibt es eine Menge Spieler, die postmodern spielen. Gegen diese Spieler ist es wichtig, das Gaspedal, sprich die Aggression wohl zu dosieren. Es gibt insbesondere preflop ein großes Fehlerpotential, vorzugsweise mit marginalen Valuehänden in den großen 4-betted Pötten (JJ, QQ, AQ). Oft ist es besser, diese Hände auf Potcontrol zu spielen. Gegen die guten Postmodernisten wird man ohnehin kaum eine Edge haben. Daher sollte man in Pötten gegen sie vorsichtig vorgehen und in großen Pötten nach Equity spielen.

Angesichts der Komplexität der Konstellationen preflop und der Vielfalt von Gegnern
(Gegnertypen) musst du immer aufs Neue evaluieren, welche Komponente überwiegt: Value oder Deception. Spielst du mehrere tausend Hände gegen dieselben Gegner, musst du zudem prüfen, ob und inwieweit die Gegner sich an deine Spielweise anpassen. Dies kommt häufig weniger in den getrackten Stats zum Ausdruck als in einer oder mehreren markant anders gespielten Händen.

Vorzugsweise achtet man preflop auf das 3-Bet-Verhalten und Coldcalling-Tendenzen oder besondere Plays, wie etwa das berüchtigte „auf 3-Bet callen“ mit AA aus UTG gegen eine BU-3-Bet.

Insbesondere, wenn man immer wieder gegen dieselben Gegner spielt, ist es mitunter notwendig, seinen Spielstil ab und an zu wechseln, seine Hände zu mixen und auch die Aggressions-Frequenz hoch- und runter zu fahren (Power-Poker vs. Smallball-Poker): gewissermaßen aus seinem stilistischen Gefängnis von Ranges, Lines und Betsizes auszubrechen, die einen les- und berechenbar machen.

Kreativität und Handreading: der Faktor Talent

Als postmoderner Spieler vereinst du die Vorzüge der verschiedenen Stile. Dein großes Geschick besteht zum einen in der Berechnung gegnerischer Handranges und der Bestimmung möglicher Value- oder Bluffbets, zum anderen in der adaptiven Ausnutzung gegnerischer Leaks und Tendenzen.

Die Informationslage für die aus postmoderner Sicht optimale Spielweise ist mitunter nicht eindeutig und wenn sie es ist, schaffst du es nicht immer, sie in der aktuellen Hand zu bestimmen. Die menschliche Fähigkeit zu kalkulieren ist gelegentlich überfordert. Daher greifen auch hier evolutionäre Selektionsmechanismen über die unterschiedliche Verteilung von Talent und Rechenfähigkeit, Adaptionsgeschwindigkeit und Kreativität im Entdecken von Leaks sowie das Finden profitabler Spots.

Daher benötigst du viel Geduld und Erfahrung sowie die Bereitschaft zur ständigen Analyse und Informationsaufarbeitung, eine nicht ganz anspruchsfreie Lage. Nichtsdestotrotz gehört dies zum Mindset eines erfolgreichen Pokerspielers dazu.

Zu den besonderen Details des postmodernen Stils lässt sich im Rahmen dieses Artikels, wie sich aus seiner Begründungslage ergibt, kein auch nur annähernd vollständiger Überblick geben.

Als sein wesentlicher Zug lässt sich folgender festhalten: Die Vereinigung aller möglicher Spielweisen, die auf das Ausnutzen gegnerischen Leaks abzielt. Ganz konkret zum Verhalten preflop sei auf den richtungsweisenden Artikel von Hasenbraten verwiesen. Dort lernst du, wie du dir die richtigen Fragen stellst, um tendenziell zur richtigen Entscheidung zu gelangen.

Zusammenfassung

Im Online-Poker befindest du dich, evolutionär betrachtet, in einem Überlebenskampf mit deinen Gegenspielern. Deine Gegner gehen rational vor und spielen auf gänzlich individuelle Weise. Durch das Sammeln von Informationen über die mathematischen Grundlagen des Spiels und die Spielweisen deiner Gegner bist du in der Lage, ihren Spielstil zu erkennen und dessen Schwächen auszunutzen.

Als maßgebliche Orientierung bei der Einschätzung deines Gegners hilft dir dabei das 4-Stufen-Modell der Entwicklung eines Pokerspielers (Callingstation, konservativer TAG, moderner LAG, postmoderner LAG-TAG). Den Eindruck deines Gegners kannst du mittels Notes/Reads und getrackten mathematischen Stats verdichten bzw. anpassen, um dein Spiel beständig optimal auf seine Schwächen auszurichten.

Je moderner dein Gegenspieler agiert, umso wichtiger ist es, dass dein Spiel auf Equity basiert. Je konservativer er ist, umso bedeutender ist der Aspekt der Deception. Da jedoch kein Spieler einen idealisierten Stil in Reinform spielt, musst du beide Elemente in dein Spiel integrieren und darauf achten, welcher in Anbetracht der Umgebung der Spieler deines Tisches der wichtigere ist.

Für den Sonderfall, dass du mit Gegnern konfrontiert bist, mit denen du schon oft gespielt hast, die entsprechend auch Informationen über dich besitzen und nutzen, musst du hin und wieder aus deinem Spielmuster ausbrechen und einen Gang hoch oder runter schalten, um weiterhin unberechenbar zu bleiben.

Wichtig ist, dass du mit einem Bewusstsein an die Tische gehst, das dir eine möglichst breite Informationsbasis gewährt, die für dein Spiel ausschlaggebend ist. Dieser Artikel hat dir vermittelt, wie dies aus postmoderner Sicht möglich ist. Nun ist es an dir, dieses Bewusstsein zu entwickeln.

Viel Erfolg!