Die Grundlagen des Blindsteals
Einleitung
In diesem Artikel
- Ein guter Stack zum Stealen liegt bei 12 bis 17 BB
- Average Stacks sind die besten Gegner
- Tight passive Spieler sind die besten Gegner
Als Steal bezeichnet man ein Preflopraise, das nur das Ziel verfolgt, die Blinds zu gewinnen, d.h. deine Hand ist nicht stark genug für ein Valueraise. Diese Steals werden immer wichtiger, je größer die Blinds sind. Das hat zwei Gründe. Der erste ist, dass du meistens shorter wirst und somit das Verhältnis Blinds zu Stack größer wird. Der zweite Grund ist, dass du einen größeren Anteil der gesamten Chips am Tisch stehlen kannst.
Generell ist gerade Anfängern anzuraten, für ihre Steals und ihre Valueraises die gleiche Betsize zu wählen, denn gute Gegner könnten sonst sehr schnell deine Gewinne zerstören, indem sie dein andernfalls leicht zu durchschauendes Spiel ausnutzen.
Wenn man nun davon ausgeht, dass dein Gegner nicht in der Lage ist, zwischen deinen Steals und deinen Valueraises zu unterscheiden, dann hat das zwei Auswirkungen. Zum einen bekommen deine Steals mehr Glaubwürdigkeit, da du auch häufig eine sehr starke Hand zeigen wirst, mit der du preflop genau gleich gespielt hast, und zum anderen wirst du auf deine starken Hände häufiger ausbezahlt, weil es für deinen Gegner nicht möglich ist, dich immer, wenn du raist, auf ein Monster zu setzen.
Wie groß sollte dein Stack sein?
Es ist wichtig, dass du das Chance-Risiko-Verhältnis richtig wählst. Ein Blindsteal soll, wenn er erfolgreich ist, deine Siegchance auch wirklich erhöhen und gleichzeitig nicht dein Turnierleben bedrohen. Dein Stack muss über 10 BB sein, denn sonst bist du mit jedem Steal bereits potcommitted und du solltest dann die Hand einfach pushen. Ansonsten kann dein Stack so groß sein wie er will, aber bedenke immer das Risiko eines Resteals, das bei großen Stacks meist den Nutzen eines Blindsteals überwiegt.
Dein Stack muss also drei Bedingungen erfüllen. Erstens muss er klein genug sein, dass es sich für dich auch lohnt, die Blinds einzusammeln, denn wenn du bereits 30 BB deep bist, dann haben die 1,5 BB kaum einen Wert für dich. Wenn du aber nur noch 3 BB hast, dann musst du jede Chance nutzen, um diese 1,5 BB zu bekommen.
Zweitens muss dein Stack groß genug sein, dass du damit den Gegner unter Druck setzen kannst. Am einfachsten zu erklären ist das wohl an einem Beispiel: Du stealst mit einem Stack von 12 BB und der Spieler im Big Blind hat 20 BB. Dein Steal beträgt 3 BB. So muss der Big Blind jetzt 2 BB callen, um einen Pot von 4,5 BB zu gewinnen, aber er sieht für seine 2 BB nur einen Flop. Das heißt für ihn, es besteht immer die Gefahr, dass er, wenn er zum Showdown gehen möchte und du willens bist, dies auch zu tun, er hier vor einer Entscheidung um 12 BB steht und nicht nur um 2BB (Stichwort Leverage Effekt).
Denn wenn er preflop nur callt, dann entsteht am Flop folgende Situation: Der Pot ist 6,5 BB und dein Stack 9 BB. Da er nur 30% aller Flops trifft, du Position hast und preflop bereits Stärke gezeigt hast, bist du klar in der besseren Situation und kannst viele Pötte noch postflop mitnehmen, ohne getroffen zu haben.
Alternativ kann er auch vor dem Flop pushen, dann muss er aber auch da die vollen 12 BB investieren, um von dir 3BB zu gewinnen, und da du ja nicht nur stealst, sondern auch gute Hände raist, hast du hier oft auch einen klaren Call mit TT zum Beispiel. D.h. sein Resteal hat auch keine guten Aussichten auf Erfolg.
Die dritte Bedingung lautet: Dein Stack darf auch nicht zu groß sein, denn du willst nicht der sein, der sich vom Gegner durch dessen Stack maximal unter Druck gesetzt sieht, oder auch dem Gegner große implied Odds gibt.
Ein guter Stack zum Stealen liegt zwischen ca. 12 BB und 17 BB
Wie groß sollten die Stacks deiner Gegner sein?
Auch hier gilt, die Stacks müssen auf jeden Fall berücksichtig werden, es gibt vier Möglichkeiten:
- Bigstacks
- Average Stacks
- Shortstacks
- Supershorties
Bigstacks sind unschön für dich, weil du weniger Druck auf sie ausüben kannst, denn du kannst sie weder vom Tisch nehmen, noch ihren Stack crippeln. Meistens ist es auch so, dass gerade bei kleineren Buy-ins die Bigstacks die schwachen, schlechten oder loosen Spieler sind, denn sie sind mit den schlechteren Händen, die sie spielen, viel häufiger in Pötten als Spieler, die auf gute Starthände warten. Also sind sie meistens ganz schnell vom Tisch oder haben eben einen großen Stack. Gerade gegen solche Bigstacks sollte man äußerste Vorsicht walten lassen und besonders auf knappe Steals ganz verzichten.
Der Chipstand eines average Stacks ist in etwa so groß wie dein eigener. Sie sind die perfekten Opfer, denn du kannst sie zum Shorty machen oder direkt vom Tisch nehmen, wenn sie gegen dich verlieren. Somit baut dein Steal viel Druck auf. Außerdem haben sie mit ihrem Stack, der auch bei so 17-25 BB liegt, ein solides Polster. Sie können also nicht viel gewinnen, müssen aber ein enormes Risiko eingehen.
Shortstacks haben einen Stack von 6 bis 15 BB und müssen von dir mit sehr viel Vorsicht behandelt werden, denn sie haben nicht den Stack, um sich darauf auszuruhen und zu warten, bis die anderen sich gegenseitig vom Tisch nehmen. Sie haben zudem einen Stack, der dich in große Schwierigkeiten bringen kann. Auf der einen Seite pushen sie viele Hände, gegen die du weit hinten liegen wirst, aber ein Push von ihnen gibt dir auch immer gute Odds.
Ein Beispiel: Du hast 15 BB und stealraist auf 3 BB vom CO. Der BU pusht für 8 BB und die Blinds folden. Der Pot ist also 1,5 BB + 3 BB + 8 BB = 12,5 BB groß und du musst 5 BB callen. Das macht also Odds von 2,5 zu 1. Du musst folglich „nur“ 32% der Pötte gewinnen, um hier profitabel zu callen. (28% der Pötte musst du gewinnen, um breakeven nach Chips zu spielen, aber dann kommt noch ein Verlust durch das ICM dazu, den man auch noch kompensieren muss. Dieser ist hier mit rund 4% angesetzt.)
Sie sind ganz gefährlich für dich, denn wenn sie sich in dein Steal werfen, dann sind sie mit ihren 1-5 BB entweder schon All-In, oder du hast wegen der guten Pot Odds keine Chance mehr zu folden. Aufgrund ihrer verzweifelten Lage kann es zwar auch sein, dass sie sich mit Händen „reinwerfen“, gegen die du vorne bist, trotzdem ist das kein Ergebnis, das du dir wünschst. Verlierst du, ist dein Stack, mit dem du stealen konntest, aber nicht musstest, zu einem Stack geworden, mit dem du gezwungen bist, die Spots zu nehmen, wie sie kommen.
Welche Gegner eignen sich für einen Steal?
Tight: sehr gut, denn der Gegner wird nicht oft gegen deinen Steal vorgehen.
Loose: schlecht, denn oft musst du die Hand postflop spielen oder wirst preflop vor eine Entscheidung um all deine Chips gestellt.
Passiv: super geeignet, denn sogar wenn er was hat, wird er meistens dir das Bieten überlassen. Somit kannst du entscheiden, wie viele Chips du investieren willst. Gegebenenfalls kannst du bis zum River gegen ihn drawen, da er nicht bieten wird.
Aggressiv: schlecht, denn Aggression ist das letzte, was du mit einer marginalen Hand von einem Gegner sehen möchtest, egal ob vor oder nach dem Flop. Aggressive Spieler können dich zwingen, einen schlechten Fold zu machen, schlecht weil du die Odds hattest, gegen seine Hand, aber nicht gegen seine Range. Und auch postflop kannst du nicht beruhigt spielen: „Will er mich jetzt checkraisen oder hat er wirklich nichts?“ oder „Setzt er hier mit einem Draw und ist mein Midpair evtl. noch gut?“ Das sind alles Fragen, die man sich gegen aggressive Gegner häufig stellen muss.
Man kann die Gegner also in etwa so einstufen:
Tight passiv: ideal zum stehlen
Tight aggressiv: ist OK, denn er wird häufig folden. Wenn er dies nicht tut, hast du meistens einen leichten Fold auf sein Preflop-Reraise.
Loose passiv: ist OK, denn er wird zwar öfter vor dem Flop callen, dann aber viele Pötte aufgeben oder dir die Kontrolle über den Pot lassen. Somit zwingst du ihm dein Spiel auf und hast einen klaren Vorteil.
Loose aggressiv: der schlechtmöglichste Gegnertyp für einen Steal, denn er wird dich häufig vor schwere Entscheidungen stellen und erlaubt es dir auch nur sehr schwer, ihn zu kontrollieren.
Wie groß sollte dein Stealraise sein?
Bei der Raisegröße geht es natürlich darum, dass du ein gesundes Verhältnis findest zwischen Foldequity und deinem Wunsch, Chips zu sparen, wenn deine Hand nicht so super ist. Wenn du eine starke Hand hälst, möchtest du aber auch Value aus einem möglichen Postflopplay zu ziehen.
Eigentlich müsste man wohl an jedem Tisch oder sogar gegen jeden Gegner eine eigene Größe für Steals wählen. Da dies aber nicht möglich ist, haben sich zwei Größen eingebürgert: 3 BB und 2,5 BB. Beide werden jetzt einmal ganz kurz „mathematisch“ betrachtet.
Die Situation: Du hast 17 BB und stealst aus dem CO. Alle drei Spieler hinter dir haben 19 BB. Es wird aber immer nur der BU spielen und die Blinds folden.
Du investierst 3 BB, um die Blinds von 1,5 BB zu gewinnen, d.h. wenn von drei Steals zwei erfolgreich sind, dann ist die Situation break even, und du hast im dritten Fall noch die Chance, Chips zu gewinnen, wenn du den Flop siehst.
Wenn du vor dem Flop gecallt wirst, dann ist der Pot 7,5 BB groß. Somit muss eine Contibet von dir im Schnitt ca. 4 BB groß sein. Kommen anschließend keine weiteren Chips in den Pot und du verlierst, hast du 7 BB verloren und dir bleibt ein Stack von 10 BB.
Diesmal investierst du 2,5 BB, um 1,5 BB zu gewinnen, d.h. wenn von drei Steals zwei erfolgreich sind, hast du bereits ein Plus von 0,5 BB gemacht.
Wenn du wieder die Postflop-Situation betrachtest, dann ist der Pot hier nur 6,5 BB groß und deine Contibet wird im Schnitt ca. 3,5 BB groß werden. Somit hast du 6 BB investiert und noch einen Stack von 11 BB, solltest du verlieren.
Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob 2,5 BB „richtig“ wären. Das stimmt aber nur, wenn dieses Raise bei deinen Gegnern absolut die gleiche Foldequity erzeugt, wie das auf 3 BB. Das wird aber sicher nicht der Fall sein, denn wenn du den BB betrachtest, dann bekommt er bei einem Raise auf 2,5 BB Raise Odds von 2,6 zu 1 und bei einem Raise auf 3 BB Odds von 2,25 zu 1.
Hier ist es also wichtig, dass du verstehst, was für eine Wirkung deine Raisegröße hat, und dass du dir dieser Wirkung auch bewusst bist. Denn ein Raise auf 2,5 BB wird auf den Microlimits keinen Respekt finden. Auf High Limits ist es hingegen weiter verbreitet.
Position, Hände und Image
Ein Steal aus später Position gibt dir den Vorteil, dass weniger Gegner hinter dir sitzen, die mit einer starken Hand aufwarten können und du hast postflop häufig Position. Dafür generiert dein Raise aber weniger Foldequity, weil eher mit einem Steal aus diesen Positionen gerechnet wird.
Ein Raise aus früher Position bekommt von den Gegnern mehr Respekt. Dafür kann hinter dir noch sehr gut jemand mit einer Hand aufwachen, die er spielen will, und dieser Gegner hat dann oft postflop auch noch Position auf dich.
Es überwiegen die positiven Eigenschaften der späten Position und du solltest versuchen, aus dem CO, dem BU und dem SB zu stealen.
Gute Hände für einen Steal sind Broadwaykarten, suited Connectors und Pocketpairs, also generell Drawing-Hände, denn mit diesen kannst du, wenn es zum Postflopspiel kommt, auch noch gut treffen und vor allem auch mit Draws noch aggressiv weiter spielen. Wichtig ist natürlich auch: Je schwächer deine Hand ist, desto später sollte deine Position sein.
Ein Punkt, der auch erwähnt werden sollte, ist dein Image. Hast du von den letzten Händen sehr viele erhöht? Wenn ja, dann lass es und mache einen Steal lieber nicht, denn auch wenn du da 5 mal AA hattest, wissen das deine Gegner nicht und denken, du machst deine Raises mit Mist. Dementsprechend oft werden sie dann auch restealen. Wenn du dagegen 5-mal deine Aces gezeigt hast, dann sollte dein Steal bessere Chancen auf Erfolg haben.
Das Image, das du bei einem anderen Spieler hast, ist auch wichtig, wenn ihr beide Regulars seid und sehr viel gegeneinander spielt. Dann kannst du dieses Image auf jeden Fall mit deinem Tischimage „verrechnen“.
Umgekehrt gilt natürlich auch: Wenn du bisher an deinem Tisch 15 Minuten gefoldet hast, dann steigen die Chancen auf einen erfolgreichen Steal gewaltig.
Was machst du bei Limpern?
Bisher gingen wir bei Steals davon aus, dass du first in bist, doch gerade auf niedrigen Limits wird auch trotz hoher Blinds sehr häufig noch gelimpt. Das ist etwas, das man ausnutzen sollte.
Dazu muss man aber unterscheiden zwischen reinen Steals und loosen Valueraises. Generell ist es extrem wichtig, diese Limper genau im Auge zu behalten und auf folgende Dinge zu achten:
- Wie oft limpt er?
- Limpt er und foldet dann auf Raises vor dem Flop?
- Limpt er und callt die Raises dann auch? Oder pusht er diese sogar?
- Wenn er am Flop ist, geht er dann mit vielen, auch schlechten Händen noch broke?
Wenn du diese Sachen beobachtest, kannst du gegen Limper sehr gut spielen. Jemand, der viel limp/call spielt, hat meistens sehr schwache Hände, Connectors oder suited Karten. Mit Händen wie KQo oder A9s kannst du dann loose Valueraises machen und bist dabei meistens noch deutlicher Favorit. Reine Steals, also mit schlechten Händen wie z.B. J8s oder 33, solltest du gegen diese Spieler aber nicht machen.
Wenn er oft limp/fold spielt, dann ist das natürlich der absolute Traum. Dann kannst du minimal looser stealen, als du es normal tun würdest, und kannst seinen Limp von 1 BB als dead Money an sehen.
Wenn Gegner selten oder fast nie limpen, sondern normalerweise immer raisen, dann solltest du absolute Vorsicht walten lassen und alles folden, was knapp ist, wenn sie auf einmal limpen. Häufig sind das dann Fallen, vor allem wenn die Gegner einen Stack von rund 12 BB haben.
Fazit
Du solltest eine Raisegröße für Steals wählen, mit der du auf deinem Limit noch Foldequity erzeugst. Sie sollte aber nicht so hoch sein, dass deine Valuehände zu selten ausbezahlt werden.
Deine persönliche Raisegröße sollte auch davon abhängig sein, wie oft du stealst. Wenn das sehr oft der Fall ist, dann ist ein kleineres Raise besser, denn es muss weniger oft klappen, um trotzdem einen Gewinn abzuwerfen.
Du musst dir auch sehr bewusst machen, ob du postflop eine Edge hast. Liegt sie beim Gegner, solltest du so groß stealen, dass es nicht zum Postflopspiel kommen kann, also direkt vor dem Flop pushen (auch mit 15 BB) oder eine Betsize wählen, bei der du am Flop nur noch pushen oder folden kannst.
Es ist immens wichtig für dich, ob du überhaupt Steals machen willst, und wenn ja, wie häufig. Wenn du zum Beispiel Microlimits spielst, kann es sehr gut sein, dass du ganz auf Steals verzichten solltest. Deinen Gegner werden dann nämlich viel zu loose callen. Das bedeutet zum einen, dass deine Steals unprofitabler werden, aber vor allem heißt es auch, dass du mit deinen guten Händen meistens ausbezahlt wirst. Somit kannst du dir überlegen, ob es sich für dich lohnt, die Hälfte deines Stacks bei einem Steal zu riskieren und dann, wenn du das Monster bekommst, diese Hälfte nicht mehr aufgedoppelt zu bekommen, weil sie evtl. kein Teil deines Stacks mehr ist.
Du musst dir auch sehr genau überlegen, wie oft du stealst, also wie viele deiner Raises Steals und wie viele Valueraises sind. Das wird natürlich dein Image bei Gegnern, die dich beobachten, stark beeinflussen (Achtung: dieser Teil zählt nur bei guten Gegnern, mit denen man auch noch häufiger spielt). Wenn sie wissen, dass du bei 50% deiner Raises eine Hand hast, mit der du z.B. auf einen Push folden wirst, dann werden sie dich häufiger All-In setzen. Dadurch dass sie dich häufiger, folglich mit schlechteren Händen All-In setzen, wird wiederum aus einigen deiner Steals plötzlich ein Valueraise und du musst einen Push damit callen.
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