Aktualisiert am 06 Juli 26 von

Blinddefense - Wie du deine Blinds verteidigst

Einleitung

In diesem Artikel

  • Die Probleme beim Blinddefend
  • Die Arten des Blinddefends
  • Die größten Leaks beim Blinddefend

Unter einem Blinddefend im Sinne dieses Artikels verstehen wir eine Situation, in der du im Big Blind oder Small Blind sitzt und preflop genau ein Spieler vor dir erhöht. Das Merkmal dieser Situation ist, dass ein Spieler vor dir angezeigt hat, dass er an dem dead Money (die Blinds, welche du teilweise mitbezahlt hast) interessiert ist und demzufolge wohl auch eine Hand hält, mit der er darum kämpfen möchte. Hinzu kommt, dass alle anderen Spieler folden, so dass es postflop zu einem Heads-up-Spiel kommen wird.

Die Situation, dass du im Blind sitzt und ein Spieler vor dir limpt und somit deinen Blind nicht aggressiv angreift, ist in diesem Artikel nicht beschrieben, jedoch können einige der hier vorgestellten Aspekte auch auf diese Situation übertragen werden.

Ebenso verändert sich bei einem Coldcaller zwischen dem Preflopraiser und dir die Dynamik sehr stark, was zur Folge hat, dass einige der Konzepte in dieser Situation nur bedingt ihre Anwendung finden und neue Konzepte wie das Squeezeplay greifen.

Warum sollte ich meinen Blind verteidigen?

In jeder Pokerform gibt es sogenannte Zwangseinsätze. Seien es nun irgendwelche Antes oder Blinds, jedoch sind genau diese Zwangseinsätze der Grund, warum man das jeweilige Spiel so spielt, wie man es tun sollte. Ohne Zwangseinsätze hättest du keine Probleme, ewig auf die wirklich starken Hände zu warten und diese dann recht aggressiv durchzuspielen in der Hoffnung, dass

  • ein schlechter Spieler deine Strategie nicht kennt und dich auszahlt
  • ein anderer Spieler nur eine zweitbeste Hand macht

Die Blinds sind genau dazu da, um den Spielern schon einen Anreiz zu geben, in den Pot einzusteigen und das dead Money mitzunehmen.

In No-Limit Hold’em ist das Blindspiel auf den ersten Blick recht einfach zu meistern. Die Blinds sind im Vergleich zum effektiven Stack meist ein so kleiner Anteil, dass es sich besonders auf den Micro- und Smallstakes nicht lohnt mit marginalen Händen diesen kleinen Einsatz zu verteidigen und dadurch seinen gesamten Stack potenziell aufs Spiel zu setzen. Steigst du jedoch in die kleineren und normalen Midstakes auf, so wirst du erkennen, dass viele Spieler dazu tendieren, viel zu oft die Blinds anzugreifen, und du ein zu leichtes Opfer für diese Spieler bist, wenn du deine Blinds nicht mit etwas marginaleren Händen verteidigst, da der Gegner deine Monsterhände ansonsten nicht ausbezahlen wird.

Dieser Artikel soll dir nun zeigen, was du bei der Verteidigung deines Blinds beachten musst und welche Optionen dir selbst zur Verfügung stehen, um auch in den Blinds möglichst den größten Profit mit deinen guten Händen herauszuholen und den Verlust mit schwächeren Händen einzugrenzen.

Was macht das Blindspiel so besonders?

Zuerst einmal musst du dir die eigentliche Dynamik anschauen, welche sich für einen Spieler im Small Blind/Big Blind darlegt. Hierzu gibt es vier wichtige Punkte, welche das Spiel aus dem Blind heraus so schwierig gestalten.

DER POSITIONSNACHTEIL

Gerade in No-Limit Hold’em ist Position einer der wichtigsten Faktoren, um die eigene Hand postflop am profitabelsten spielen zu können. Daher ist es auch kein Wunder, dass ein guter Spieler darauf bedacht ist, dass seine eigene Range zum Button hin größer wird. Gerade in später Position werden marginale Hände profitabel und daher auch spielbar.

Spielst du nun aus den Blinds heraus, so hast du nur preflop die späte Position. Postflop wirst du immer einen Positionsnachteil dem Gegner gegenüber haben, da du immer zuerst agieren musst. Genau diese Tatsache macht das Blindspiel besonders schwierig, da du out of Position kaum Möglichkeiten der Potcontrol hast und es somit sehr schwer für dich wird, mit mittelstarken Händen das Maximum an Value herauszuholen.

Das folgende kurze Handbeispiel zeigt, wie schwer es für dich in so einer Situation sein kann.

Beispiel 1:

Reads:
CO: $200, thinking TAG
Hero: $200

1/2 No-Limit Hold'em (5 handed
)

Preflop: Hero is BB with 9 , 9

2 folds
, CO raises to $7.00, SB folds, Hero calls $5.00.

Du callst preflop, um dein Pocketpaar gegen das Openraise des Gegners auf Setvalue zu spielen.

Flop: ($15.00) Q , 4 , 4 (2 players)
Hero checks, CO bets $10.00, Hero calls $10.00.

Leider triffst du dein Set nicht. Die Continuationbet des Gegners sagt dir jedoch nicht, ob er auch wirklich diesen Flop getroffen hat. Da seine Range in dieser Situation sehr groß ist und er durchaus mit 90% seiner Range hier die Continuationbet ansetzen wird, bist du guter Dinge, dass du hier am Flop noch die beste Hand hältst und callst daher die Continuationbet.

Turn: ($35.00) J (2 players)
Hero checks, CO bets 25$, Hero folds.

Am Turn kommt eine Overcard zu deinem Pocketpaar und der Gegner feuert eine 2nd Barrel ab. Du hast nun überhaupt keine Ahnung, wo du stehst und weißt nicht, ob du diese zweite Bet noch einmal callen sollest oder nicht. Aus Angst, hier zu oft die schlechtere Hand zu halten, foldest du jedoch.

Fazit: Du stehst sowohl am Flop wie auch am Turn auf verlorenem Posten, da du keinerlei Informationen zur gegnerischen Handstärke hast und daher nicht weißt, woran du bist.
Dein Dilemma geht aber noch weiter. Beginnst du hier als Standardline, dein 2nd Pair am Flop zu checkraisen, so verwandelst du eine Hand mit Showdownvalue in einen Bluff, da der Gegner dein Checkraise tendenziell nur mit besseren Händen callt oder eventuell sogar mit schlechteren Händen reblufft und du teuer die bessere Hand foldest.

Ähnliches gilt für das Turnspiel. Egal welche Line du wählst, in der du Aggression zeigst, du verwandelst deine Hand in einen Bluff. Ob du nun check/raise oder donk/fold spielst, macht es nicht besser. Deine Hand wird zu einem Bluff. Check/callst du den Turn und spielst deine Hand ihrem Showdownvalue entsprechend, so legst du deine beiden Karten dem Gegner offen dar, der nun sicher erahnen kann, dass du in diesem Spot eine Hand mit Showdownvalue hältst, welche jedoch keiner zu großen Gegenwehr standhalten kann.

Um nun auf eine 3rd Barrel am River einen Herocall machen zu können, benötigst du schon besondere Reads und da diese oft sehr rar sind, wirst du hier sehr oft selbst auf eine Blankkarte am River check/fold spielen müssen.

Egal wie wir es drehen oder wenden, der Positionsnachteil macht es dir sehr schwer, diese Hand postflop profitabel zu spielen.

Doch nicht nur die mittelstarken Hände werden dir postflop Kopfzerbrechen bereiten. Selbst die richtigen Monster sind sehr schwer zu spielen. Genau diese Problematik verdeutlicht das folgende Handbeispiel.

Beispiel 2:

Reads:
CO: thinking TAG, Stack: 200$
Hero: Stack: 200$

1/2 No-Limit Hold'em (5 handed)

Preflop: Hero is BB with 4 , 4

2 folds
, CO raises to $7.00, SB folds, Hero calls $5.00.

Du callst preflop, um dein Pocketpaar gegen das Openraise des Gegners auf Setvalue zu spielen.

Flop: ($15.00) 3 , 7 , 4 (2 players)
Hero ???

Du hast die Hitbox bei deinem Preflopcall aktiviert und triffst dein Set. Nun stellt sich nur noch die Frage, wie du am meisten Value aus der Hand herausholen kannst. Sollest du hier am Flop check/raise oder donk/3-bet spielen? Oder wäre es nicht besser, den Flop zuerst nur zu check/callen, um eventuell dann den Turn zu donken? Oder solltest du den Turn nach einem check/call Flop doch lieber checkraisen?

Fazit: In diesem Beispiel reicht es schon, den Flop zu sehen und dir gehen tausende Fragen durch den Kopf und du weißt dann doch nicht, wie du nun am besten Value aus der Hand bekommst.

Spielst du check/raise oder donk/3-bet Flop, musst du schon in dem Maße glücklich sein, dass sich der Gegner auf solch einem Board mit einem Overpair stacken und das Geld in die Mitte wandern lässt. Hält er hier nur zwei Overcards, was aufgrund seiner relativ großen Openraising-Range der wahrscheinlichste Fall ist, so wird er auf ein Checkraise sehr leicht folden und auf eine Donkbet teilweise folden und in den seltensten Fällen bluffraisen.

Spielst du den Flop nur check/call und hoffst, dass der Gegner seine Hand soweit verbessert, dass er nun ein Toppair oder ähnliches hält, so beginnt das gleiche Spiel erneut. Mit einer Donkbet bekommst du kaum Value aus einer One-Pair-Hand heraus, da diese die Bet nur callen wird, um am River neu zu evaluieren. Checkraist du, so besteht auf der einen Seite die Gefahr eines Checkbehinds des Gegners, wodurch dir eine Möglichkeit genommen wird, Value aus der Hand zu holen. Gelingt dir ein Checkraise, so wird ein guter Spieler nahezu seine komplette Range, die du schlägst, folden und nur noch mit besseren Händen im Pot bleiben.

Du siehst also, selbst ein solches Monster lässt sich out of Position nur sehr schwer um Stacks spielen, wenn der Gegner nicht gerade selbst eine sehr starke Hand hält, von der er sich nicht verabschieden kann.

Diese beiden Beispiele zeigen eigentlich sehr gut, wie sich dein Positionsnachteil postflop auswirkt. Und genau dies solltest du schon preflop in deine Entscheidung einfließen lassen.
Bei beiden Händen sollte dir deutlich geworden sein, dass deine möglichen Spielweisen sehr stark von deiner gesamten Blinddefense-Range abhängt. Du brauchst also immer einen Gesamtplan in deinem Spiel, um wirklich aufschlussreich analysieren zu können, wie du in den oberen Beispielen deine mittelstarke Hand oder dein Monster spielen solltest.

DIE ERWEITERTEN HANDRANGES DER GEGNER

Neben dem Positionsnachteil ist es ebenso wichtig, die gegnerische Range korrekt einschätzen zu können. Die Openraising-Ranges der jeweiligen Gegner können sich sehr stark unterscheiden, wobei zwei Punkte generell zu beachten sind.

Umso später die gegnerische Position, desto größer ist die Openraising-Range. Viele Spieler haben auf den Midstakes den Grundsatz des Positionsspiels verinnerlicht und passen daher ihre eigene Range ihrer Position an. Ein Buttonraise ist demzufolge schwächer einzuschätzen als ein Raise aus UTG.

Das zuvor Gesagte trifft nicht auf alle Spieler gleichermaßen zu. Du kannst nicht davon ausgehen, dass jeder Spieler seine Ranges genau so anpasst, wie du es auch selbst machst. Das setzt eine gewisse Kompetenz des Spielers voraus, welche jedoch von Spieler zu Spieler unterschiedlich ausgebildet ist.

Du musst dich also unbedingt von folgender Denkweise verabschieden, wenn du dir Gedanken zu deiner Spielweise aus den Blinds heraus machst: „Wie spiele ich Hand XY gegen ein Button-Openraise/UTG-Openraise?“

Du musst vielmehr zu diesem Gedanken kommen: „Wie spiele ich Hand XY gegen exakt diesen Gegner gegen seine Button-Openraising-Range/UTG-Openraising-Range?“

Ein guter Anhaltspunkt ist der „Attempt to Steal“-Wert vom PokerStrategy Elephant oder PokerTracker, um eine Aussage über die Anpassung der gegnerischen Range bezogen auf die Position zu machen.

DER PSYCHOLOGISCHE EINFLUSS des "eigenen" DEAD MONEYS

Sitzt du selbst in den Blinds, muss dir eins klar sein: Du verteidigst niemals „deinen“ Big Blind oder Small Blind!

Nur weil die Chips noch vor dir liegen, gehören sie dir nicht. Du hast sie in den Pot getan, bevor du deine Hand gesehen hast. Du solltest daher auch nicht dazu verleitet werden, aufgrund der Tatsache, dass das dead Money aus deiner Tasche kommt, nun schlechte und unpassende Hände aus den Blinds heraus zu spielen, nur weil du „dein“ Geld zurückhaben möchtest. Es ist egal, von wem das Geld kommt. Es liegt im Pot! Die Tatsache, dass es von dir stammt, darf dein Spiel nicht negativ beeinflussen.

DEINE ABSOLUTE POSITION

Bist du im Small Blind oder im Big Blind? Die Antwort auf diese Frage beeinflusst deine Entscheidung maßgeblich. Abhängig von deiner Position hast du die Möglichkeit, die Setzrunde abzuschließen oder eben nicht.

Bist du im Small Blind, sollte immer die Spieltendenz der Big Blinds in deine Entscheidung einfließen. Tendiert er dazu, viel zu squeezen, 3-Bets light zu callen oder lighte 4-Bets in solchen Blinddefend-Situationen zu machen, solltest du dir dessen bewusst sein.

Deine Callingrange aus dem Small Blind sollte sich stark verändern, wenn du weißt, dass hinter dir noch ein Spieler im Big Blind sitzt, welcher sehr gerne solche Situationen ausnutzt, um eine 3-Bet anzusetzen und so den Pot sehr oft direkt preflop mitzunehmen. Allein durch die Tatsache, dass ein squeezefreudiger Spieler im Big Blind sitzt, kann aus einem Call ein Fold werden.

Anwendung der vorgestellten Aspekte

Bisher hat dieser Artikel die Umgebungsvariablen nur theoretisch beleuchtet. Direkte Ergebnisse für dich, die dir sagen, wie du dein Blinddefendspiel gestalten solltest, gab es noch nicht. Hier ist daher der richtige Punkt zu erwähnen, dass dieses „Vorspiel“ nicht umsonst war. Theoretisch könntest du dich jetzt an deinen Schreibtisch setzen und nur auf Basis der vorgestellten Parameter deine eigenen Schlüsse für dein Blinddefensespiel ziehen und dir selbst Klarheit über die eigenen Handranges in den möglichen Situationen verschaffen. Denn es sollte klar sein, dass es nicht die eine Strategie gibt, welche für jeden voll und ganz in sein Spiel zu übertragen ist. Du musst für dich eine gesunde Mischung finden, welche perfekt in deine Gesamtstrategie passt. Daher nimm dir Zeit dafür.

Soviel dazu. Gehen wir weiter im Thema. Zu Beginn stellt sich natürlich eine besondere Frage: Welche Optionen bieten sich dir beim Blinddefendspiel überhaupt? Preflop kannst du zwei unterschiedliche Wege einschlagen, welche in diesem Artikel als passiver Defend und als aktiver Defend kategorisiert werden.

DER PASSIVE DEFEND

Der passive Defend beschreibt die Situation, in der du das Preflopraise nur callst und so kostengünstig einen Flop sehen kannst. Der Vorteil des Calls liegt darin, dass du den Pot nicht zu groß werden lässt und dir so postflop out of Position noch genug Spielraum lässt, um dich in einem relativ kleinen Pot von mittelstarken Händen leicht trennen zu können. Nach dem Preflopcall selbst stehen dir Unmengen an verschieden möglichen Lines zur Verfügung, mit denen du die Hand fortsetzen kannst. Ein direkter Check zum Preflopraiser ist daher kein Muss. Den Positionsnachteil kannst du in diesem Sinne sehr gut zu deinem Vorteil ausnutzen, wenn du dich in den richtigen Spots dazu entscheidest, eine Donkbet am Flop anzusetzen. Klick also niemals zu schnell auf den Check-Button, sobald die ersten drei Karten aufgedeckt worden sind!!

Der Nachteil des passiven Defend liegt jedoch ebenso auf der Hand. Du spielst die Hand postflop out of Position und ohne Initiative. Das ist die mit Abstand schlechteste Ausgangsposition, welche man sich vorstellen kann, da du so oft kaum ausreichend Informationen über die gegnerische Handrange hast. Um aus dieser Ausgangssituation eine +EV-Situation zu gestalten, benötigt es also guter Postflop- und Handreadingskills.

DER AKTIVE DEFEND

Bei einem aktiven Defend entscheidest du dich, das Openraise preflop direkt zu 3-betten. Diese 3-Bet hat gleich mehrere Konsequenzen, welche je nach Spielsituation von Vor- oder Nachteil sein können.

  • Du erzeugst preflop Foldequity und kannst den Pot direkt gewinnen
  • Du tust etwas für dein 3-Betting-Image
  • Du definierst die gegnerische Range etwas besser
  • Du erhältst postflop die Initiative
  • Der Gegner ist zu einer Entscheidung gezwungen, wie er gegen die 3-Bets in Position vorgehen will
  • Du spielst postflop einen mittleren bis großen Pot out of Position

Du sieht also, dass du durch eine aktive Gegenwehr den Pot preflop zwar größer machst, dadurch jedoch die Initiative gewinnst und so durchaus Pötte gewinnen kannst, welche dir so nicht unbedingt zugestanden hätten. Einfach durch die Tatsache, dass du den Gegner vor die Entscheidung stellst, ob er nun wirklich um das „bisschen“ dead Money kämpfen will oder nicht, kannst du diese Situation für dich nutzen, denn du zeigst an, dass du bereit bist, um den Pot zu kämpfen.

Die häufigsten Fehler bei einem Blinddefend

Das nun folgende Kapitel befasst sich mit der Frage, worauf du genau achten musst, wenn du dich für einen Blinddefend entscheidest, und zeigt häufig gemachte Fehler auf. Wichtig ist hierbei, dass du dir über die grundlegenden Prinzipien im Klaren bist, welche in den Situationen greifen, um sie dann selbstständig in dein eigenes Spiel integrieren zu können. Kannst du die Situation richtig einschätzen, steht nichts mehr im Weg, ein kreatives und profitables Blindspiel in dein eigenes Spiel zu integrieren.

DAS SETMININGLEAK

Der erste wichtige Aspekt, auf den hier nun eingegangen wird, ist eine sehr häufig auftretende Situation. Du bekommst im Blind ein kleines bis mittleres Pocketpaar (22-99) und stehst nun vor der Frage, wie du deinen Blind damit verteidigst. Du hast sicher schon viel davon gehört, dass man die kleinen und mittleren Pockets sehr gut auf Setvalue callen kann. Hierfür existieren natürlich auch etliche Regeln, welche behaupten „man kann exakt dann callen, wenn man das 10- bis 15-fache des zu callenden Betrages noch als Reststack übrig hat und somit genug implied Odds hat, um bei einem Hit genug zu gewinnen und so die gesamte Situation als +EV-Situation zu gestalten.“

Der Gedanke hinter diesem „auf Setvalue callen“ ist unzweifelhaft korrekt. Nur bitte verabschiede dich von solchen Aussagen, dass man das x-fache des zu callenden Betrag braucht. Dieser Gedanke hat nämlich dann zur Konsequenz, dass, wenn man nur einen Dollar weniger als vorgeschrieben hat, nicht mehr die korrekten implied Odds hat, um callen zu können, und daher ein Fold korrekt wäre. Poker ist leider nicht so einfach, dass man sich nur die Stacksizes anschauen muss und dann direkt mit einem Pocketpaar sagen kann, dass man hier auch wirkliche einen +EV-Call macht. Dies wäre leider zu schön.

Was bedeutet das? Viele Spieler callen einfach blind ihre Pocketpaare auf Setvalue, ohne überhaupt einmal auf die gesamte Situation zu achten. Wichtige Kriterien, ob man callen sollte, sind doch die gegnerische Range und die Tendenzen des jeweiligen Gegners. Nur wenn die gegnerische Range „stark“ genug ist, um oft genug 2nd best Hände zu mache, und wenn dann noch der Gegner schlecht genug ist, auch mit diesen oft genug broke zu gehen, kannst du dir überhaupt die korrekten Odds anrechnen. Es ist daher oftmals schlichtweg falsch, gegen ein BU-Openraise aus dem SB ein kleines/mittleres Pocketpaar auf reinen Setvalue zu callen, da die gegnerische Range oftmals so groß ist, dass du nicht oft genug mit einem Set ein Payout bekommen wirst. Hinzu kommt, dass du recht oft gegen eine solch weite Range auf eine Continuationbet des Gegners die beste Hand folden wirst. Die Tatsache, dass du postflop out of Position spielen musst und es somit, wie in den Handbeispielen zum Positionsnachteil gut gezeigt, oftmals sehr schwer haben wirst, den maximalen Value aus der Hand herauszuholen, spielt hier eine große Rolle.

Pocketpaare sind also nicht einfach nur dafür da, um sie preflop zu callen und dann postflop mal zu schauen, wo man landen wird, wenn man sein Set nicht getroffen hat. Es ist keine Schande, ein kleines/mittleres Pocketpaar auch bei auf den ersten Blick guten implied Odds preflop zu folden.

Des Weiteren sollte auch klar sein, dass Pocketpaare gerade gegen recht weite Preflop-Openraising-Ranges gute Equitywerte haben. Das heißt, man kann mit ihnen durchaus auch einfach 3-betten und so die Initiative an sich ziehen, um den Pot ohne Showdown zu gewinnen oder die Möglichkeit zu haben, ein Set zu treffen und dann den Gegner in einem reraised Pot mit z.B. einem Toppaar zu stacken.

Ein einfacher Call mit einem Pocketpair nach bestimmten Setvalue-Regeln ist also nicht zwangsläufig +EV. Such dir derartige Spielsituationen aus deiner Elephant- oder PokerTracker-Datenbank und geh einfach mal verschiedene Handranges durch. Der beste Weg, dieses Leak zu beseitigen, ist, daran selbst abseits des Tisches zu arbeiten und sich klar zu werden, dass solche Setvalue-Calls preflop sehr stark vom Gegner und der jeweiligen Situation abhängig sind.

DAS BALANCINGLEAK

Ein weiterer Fehler vieler Spieler ist es, dass sie in einer passiven Blinddefend-Situation ihre Hand nahezu offen spielen. Viele Spieler tendieren dazu, nur Pocketpaare aus dem Blind heraus zu callen, und machen es so dem Gegner recht einfach postflop gegen sie profitabel zu spielen. Du solltest darauf achten, gerade postflop out of Position die jeweils gewählte Line auch wirklich insgesamt balanced zu haben.

Es kann nicht sein, dass du nur mit getroffenen Sets am Flop donk/3-bet spielst oder nur mittelstarke Hände am Flop und Turn check/call spielst, um dann am River auf eine dritte Barrel zu folden. Deine Ranges sollten immer soweit ausbalanciert sein, dass immer ein paar Semibluffs und Monster enthalten sind. Besonderes Augenmerk solltest du hierbei auf die Preflopcalls legen. Calle nicht nur mit Pocketpaaren! Nimm Hände wie KQ, AQ, JT hinzu, um deine gesamte Range einfach ausgeglichener zu gestalten und deine „donk/3-bet Flop“-Moves bzw. deine „check/raise Flop“- oder „check/call, donk Turn“-Moves insgesamt größer zu gestalten, so dass der Gegner dazu gezwungen wird, auch mal mit Toppair, no Kicker dein Checkraise am Flop und deine Turnbet zu callen, ohne zu wissen, ob er nun in ein Set läuft oder doch gegen einen Semibluff vorne liegt.

DAS 4-BET/FOLD-LEAK

Das nächste Leak geht nun weg vom passiven Blinddefend und tritt dafür nur zu häufig im aktiven Blinddefend auf. Du musst bei einer Preflop-3-Bet bedenken, gegen welchen Gegner du diese machst, wie es um dein Tableimage steht und welche History du mit dem Gegner hast. Gerade in den Midstakes beginnen viele Regulars damit, sehr light klein zu 4-betten. Hast du gegen diese Gegner eine zu große 3-Betting-Range aus dem Blind heraus und foldest dann alles außer deine Monster auf eine 4-Bet, solltest du die 3-Bet direkt sein lassen. In solch einer Situation bist du das perfekte Opfer für einen aggressiven 4-Better.

Hast du ein tightes Image und spielst du gegen einen aktiven Regular, dann nutz doch einfach dein Image. Es ist nichts dabei, wenn du auf eine kleine 4-Bet, mit der sich der Gegner nicht committet hat (das ist wichtig, um auch Foldequity zu haben), eine Bluff-5-Bet anzusetzen und deinen gesamten Stack für 100 BB in die Mitte zu stellen. Gerade mit einem normal tighten Image erzeugst du mit diesen Bluffs eine enorme Foldequity und bekommst dadurch später auch etwas mehr Value aus deinen Monstern heraus. Dabei ist natürlich zu sagen, dass man in dieser Situation nicht von einem Bluff sprechen sollte. Es ist vielmehr ein Semibluff, denn mit gut ausgewählten Händen hast du auch gegen normale Push-Calling-Ranges noch eine sehr gute Equity.

Gehst du von einer Callingrange von JJ+, AK aus, so hast du beispielsweise mit 99 33% Equity, mit ATs 29% und mit AQs 31%.

Und beginnt der Gegner erst einmal, seine Callingrange in solchen Situation zu vergrößern, so bekommst du massig Value aus AA, KK und es verbessert sich die Equity deiner Semibluffs.

Wichtig bei diesen Überlegungen, wie du gegen aktive 4-Better vorgehen solltest, ist natürlich, dass dir klar sein sollte, dass ein Call einer 4-Bet sehr oft eine sehr schlechte Entscheidung ist. Ansonsten gilt es, sich zu wehren und immer auf die jeweilige Situation einzugehen. Denn auch hier gibt es keine festen Regeln. Der Gegner, das Image und die History müssen einfach stimmen, um die Situation +EV zu gestalten. Auch diese Anpassung kann zu einem Leak werden, wenn man damit beginnt, zu viel preflop zu pushen.

DAS CONTINUATIONBETLEAK

Sollte eine Continuationbet immer die gleiche Größe haben? Sollte man bei bestimmten Boardtexturen immer contibetten? Diese Fragen lassen sich ganz gut beantworten: Jain!

In diesem Abschnitt geht es nun darum, wie du dich in einem 3-bet Pot hinsichtlich der Continuationbet verhältst, nachdem du deinen Blind preflop aggressiv verteidigt hast.
Ein wichtiger Punkt, welcher unbedingt angesprochen werden muss ist, dass deine Continuationbets kleiner sein sollten als in einem normalen raised Pot. Damit ist natürlich gemeint, kleiner relativ zur Potsize. Aber warum?

Deine Continuationbet selbst gibt meist keinerlei Auskunft über deine Handstärke. Der Sinn dieser Bet ist es, den Gegner vor eine Entscheidung zu stellen und den Pot, sofern du eine sehr gute Hand hast, soweit zu vergrößern, dass dir die Möglichkeit offen steht, bis zum River deinen gesamten Stack elegant in die Mitte zu schieben. Spielst du in einem 3-bet Pot, hast du in den seltensten Fälle Schwierigkeiten deinen Stack durch die einfache Line bet Flop, bet Turn, bet River schlussendlich in die Mitte zu schieben. Daher benötigst du am Flop keine 3/4 oder ganze Potsizebet. Mit zu großen Continuationbets lädst du den Gegner nur dazu ein, dich entweder direkt am Flop All-In zu raisen oder einfach am Flop zu callen, so dass du am Turn mit einer unimproved Hand vor einer dämlichen Entscheidung stehst und dich fragst, ob du nun noch einmal barreln sollest, wodurch du dich meist selbst committest, oder ob du die Hand aufgeben sollest.

Ein Merkmal für dieses Leak ist also, wenn du zu oft den Flop zu hoch contibettest und den Turn dann check/foldest. Dadurch verlierst du immense Summen an Geld.

Eine Continuationbet im Bereich von 1/2 bis 2/3 Potsize reicht meist völlig aus, um deine Ziele zu erreichen.

Aber nicht nur die Betgröße ist ein großes Leak bei einer Continuationbet out of Position in 3-bet Pots. Ebenso wichtig ist die Boardtextur. Prinzipiell sollte klar sein, dass postflop bei kleineren Reststack-zu-Pot-Verhältnissen die Handstärke abnimmt, mit der man bereit ist, broke zu gehen. Und hat man noch selbst die Möglichkeit, das All-In auszuführen dadurch noch einiges an Foldequity zu erzeugen, ist das natürlich eine sehr gute Situation. Du musst also bei einem -rainbow J-high-Flop mit KK nicht unbedingt contibetten. Sehr oft wird der Gegner selbst versuchen, den recht großen Pot einzusacken, und committet sich meist selbst dadurch zum Pot, ohne dies eigentlich beabsichtigt zu haben.

Ansonsten musst du dir natürlich immer im Klaren darüber sein, wie die jeweilige 3-Bet-Callingrange des Gegners aussieht. Prinzipiell ist zu dieser zu sagen, sofern man hier von einem thinking TAG ausgeht, dass er recht wenige Asse und vermehrt Pocketpaare und spekulative Hände halten wird. Daher sind auch trockene A- oder K-high-Boards eine sehr gute Gelegenheit für eine Continuationbet mit unimprovten Non-Pair-Händen.

Jedoch solltest du auch den Aspekt der Potcontrol im Blick behalten, welcher auch in 3-bet Pots seine Anwendung findet. Hältst du eine mittelstarke Hand, welche gute Chancen hat, einen uncontested Showdown zu gewinnen, solltest du dazu tendieren, von einer Continuationbet abzusehen.

Du solltest auch keine Probleme haben, je nach Gegner auf einem Flop: T52 mit J9 nach einer Preflop-3-Bet den Flop zu check/folden. Gerade wenn du das Balancingleak aus dem passiven Defend auf den aktiven Defend überträgst, sollte dir klar sein, dass, wenn du eine gute Range hast, mit der du den Flop check/raise All-In spielst, du diese Line mit „check/fold Flop“-Lines ausgleichen musst.

DAS POLARISATIONSLEAK

Einen Aspekt, welche viele Spieler beim 3-Betten ihrer Hände aus dem Blind heraus vergessen ist, dass sie durch ihre 3-Bet dazu tendieren, die gegnerische Range in gewissen Maßen zu polarisieren. Nun, was meint dieses „Polarisieren“ genau? Hier ein Beispiel:

Ein aktiver TAG openraist seinen Button und du bist im BB mit ATo. 3-bettest du nun, sollte dir bewusst sein, dass du durch deine 3-Bet all die schlechteren Asse aus der gegnerischen Openrange zum Folden bekommst und meist nur noch gegen AQ+ spielen wirst. Du spielst also bei einem Hit am Flop meist gegen ein besseres Ass und kannst daher nicht sehr froh darüber sein, wenn der Gegner dir viel Action gibt.

Bei einer 3-Bet musst du also immer darauf achten, wie du dadurch die gegnerische Range veränderst.

Ein ähnliches Dominationsproblem hast du auch, wenn du preflop ein Openraise nur callst. Schwache Asse oder Könige sind daher einfach sehr schlechte Hände, um sie in solchen Situationen out of Position zu spielen, da du postflop nie glücklich sein kannst, das Geld vollständig in die Mitte schieben. Hinzu kommt, dass du es aufgrund des Positionsnachteils immer sehr schwer hast, die Potgröße zu kontrollieren. Insgesamt bedeutet das also, dass du unbedingt vermeiden musst, out of Position tendenziell dominierte Hände zu spielen.

DAS DOMINATIONLEAK

Das zuvor Gesagte betrifft auch deine eigene 3-Bettingrange aus der Blind heraus. Aufgrund der Problematik mit der Domination der eigenen Hände durch den Gegner solltest du mittelstarke Highcard-Hände nicht 3-betten.

Da deine legitime 3-Betting-Range daher recht klein erscheint und du dadurch recht wenig Aktion bekommen wirst, wenn du denn 3-bettest, bietet es sich an, die eigene Range so zu polarisieren, dass du entweder Hände 3-bettest, welche der gegnerischen Range überlegen sind, oder Hände, welche eine sehr gute Postflop-Playability aufweisen und nicht so leicht dominiert sind bzw. leicht zu folden sind, sofern sie es doch sein sollten.

Damit gemeint sind Hände wie 76s, T8s, 97s, etc... Mit diesen Händen kann man postflop recht gut spielen und weiß sehr oft aufgrund der Postflopaktion, wie die ungefähre Equity der eigenen Hand gegen die gegnerische Hand aussieht. Hinzu kommt, dass es dir mit solchen Händen bei Gegenwehr nicht so schwer fällt, diese zu folden, da du meist schwache made Hands getroffen hast. Triffst du jedoch einen perfekten Flop und der Gegner kann sich selbst von seiner One-Pair-Hand nicht verabschieden, so ist das eine gute Möglichkeit, um den gegnerischen Stack einzusacken.

Fazit

Dieser Artikel hat dir hoffentlich gezeigt, auf was du bei deinem Blindspiel achten musst.
Werd also aktiv und schaut dir die hier vorgestellten Leaks einmal genauer an, ob sie in deinem Spiel auftreten und beseitige sie, sofern vorhanden.

Ein paar Stunden abseits des Tisches, in denen du dich um solche Dinge kümmerst, werden dein gesamtes Spiel und dein Spielverständnis auf eine neue Stufe bringen und dir somit sehr viele Dollar zusätzlich zu deiner Bankroll bescheren.