Aktualisiert am 06 Juli 26 von

Wann lohnt sich eine 2nd oder 3rd Barrel?

Einleitung

In diesem Artikel

  • Je looser der Gegner, desto unsinniger sind multiple Barrels
  • Gegen passive Gegner ist ein Check die bessere Wahl
  • Pokertracker-Stats und Timing Tells helfen weiter
  • Scarecards ausnutzen

Wer kennt das nicht: Preflop raist man mit einer guten Hand, erhält einen Caller und trifft nichts am Flop. Was nun? Eine Continuation Bet natürlich! Doch auch diese wird gecallt und der Turn bringt keine Hilfe. Meist muss die preflop so starke Hand nun aufgegeben werden.

Doch es gibt auch Ausnahmen, Situationen, in denen man den Gegner mit einer so genannten second Barrel oder eventuell sogar einer third Barrel, also einer oder zwei weiteren Continuation Bets zum Folden zwingen kann. Die richtigen Spots dafür zu finden, ist allerdings äußerst schwer. Dieser Artikel soll verschiedene Anhaltspunkte und Indikatoren aufzeigen, an denen die Sinnhaftigkeit von multiplen Barrels festgemacht werden kann.

Die verschiedenen Gegnertypen

Eine grobe Orientierung erhält man, wenn man den Typ des Gegners betrachtet. Die recht nahe liegende Regel lautet: Je looser ein Gegner, desto eher sollte man von einer 2nd Barrel absehen.

LOOSE PASSIVE - CALLING STATIONS

Bei diesem Spielertyp sind multiple Barrels natürlich nicht angebracht. Der Gegner callt dich ohnehin auch mit marginalen Händen runter und kann sich nur sehr schwer von seinem Blatt trennen. Wie man generell bei diesem Gegnertyp auf Valuebets setzt und Bluffbets aus seinem Repertoire streicht, so sind auch multiple Barrels gegen ihn wirkungslos.

MANIACS

Auch er ist kein gutes Opfer für weitere Continuation Bets. Er kann sich nur schwer von seinen Händen trennen und wird dich mit eventuellen Bluffraises ohnehin dazu zwingen, deine Hand aufzugeben. Wird die Continuation Bet am Flop gecallt, sollte man versuchen, mit marginalen Händen wie Bottom Pair oder sogar Ace High möglichst günstig zum Showdown zu gelangen. Es empfiehlt sich, je nach Textur des Boards, oft ein Check-Behind am Turn, gefolgt von einem Call am River, sofern man in Position ist.

TIGHT AGGRESSIVE - LOOSE AGGRESSIVE

Gerade wenn man in die höheren Limits aufsteigt, wird man diesen Zeitgenossen sehr oft antreffen. Ein meist recht starker Spieler, der sich auch von guten Händen trennen kann und dich mit seinen schwächeren Händen nicht sonderlich gut ausbezahlt. Gegen diese Gegnertypen eignen sich multiple Barrels in vielen Situationen, vor allem in Position, da Hände wie Toppair/Good Kicker, Middlepair oder auch ein guter Draw out of Position nur schwer spielbar sind. Diese wird er oft am Flop callen und am Turn auf eine weitere Bet hin aufgeben.

WEAK TIGHT - ROCKS

Es bedarf wenig, um diese Gegner zum Folden zu bewegen. Daher sind sie die idealen Ziele für multiple Barrels. Ein weiterer Vorteil ist, dass sie Draws zumeist passiv spielen und dich nicht durch ein Raise zu einem Fold zwingen.

UNKNOWN

Leider findest du dich teilweise in der unangenehmen Lage gegen einen unbekannten Gegner spielen zu müssen. Hier ist es sehr schwer zu evaluieren, ob eine weitere Barrel sinnvoll ist oder nicht. Timing-Tells (siehe weiter unten) können zwar hilfreich sein, aber du kannst keine Aussagen zu den Tendenzen des Gegners treffen. Auf niedrigeren Limits callt der Durchschnittsgegner deutlich mehr, weshalb es angebracht ist, auf 2nd oder 3rd Barrels gegen unbekannte Gegner so gut wie komplett zu verzichten.

FLOATER

Oft kommt es vor, dass Gegner deine Flopbet callen, obwohl sie nichts am Flop getroffen haben. Das tun sie in der Hoffnung, dass du danach check/fold spielst und sie den Pot leicht mit einer Bet einsammeln können. Das nennt man floaten. Die meisten Leute floaten nur, wenn sie in Position sind, aber es gibt auch einige Ausnahmen.

Hier gilt natürlich wie immer: Aufmerksam bleiben, Notes machen und darauf achten, in welchen Situationen der Gegner floatet. Gegen diese Gegner ist, wenn du einen „Bluff-Call" am Flop vermutest, eine Turnbet dann meist +EV. Oft ist gegen solche Gegner ein Bluff-Checkraise sogar noch besser. Auch Timing-Tells können Aufschluss darüber geben, ob der Gegner floatet oder ob er doch eine gute Hand getroffen hat. Gerade im Blindbattle zwischen Small Blind und Big Blind wird diese Spielweise oft gewählt.

MULTITABLER

Gerade auf den kleineren Limits gibt es viele TAGs, die an mehreren Tischen gleichzeitig spielen. Meist sind sie auch winning Player, aber ebenso perfekte Opfer für 2nd und 3rd Barrels. Da sie aufgrund der vielen Tische weniger aufmerksam sein können, sich häufiger an deinen Pokertracker-Stats orientieren und nicht auf das aktuelle Table-Image eines Spielers achten, merken sie erst relativ spät, dass du viel gegen sie bluffst. Bist du also gerade erst von einem anderen Spieler beim Bluffen erwischt worden, haben diese Spieler das oft gar nicht mitbekommen und du kannst gegen sie unverändert weiterspielen.

Welche Pokertracker-Stats helfen weiter?

Nicht jeder Gegner lässt sich in eine Schublade pressen und alle zeigen sie Eigenarten, die in kein Schema passen, insbesondere was das Thema Bettingpatterns betrifft. Gerade in der Frage, ob eine 2nd oder 3rd Barrel Sinn macht, kann nichts selbst erstellte Notizen zu Lines und Betsequenzen der Gegner in verschiedenen Situationen ersetzen.

Dennoch können verschiedene Pokertracker-Werte Hilfestellung leisten:

  • Went to Showdown: Gegen einen Gegner mit einem sehr hohen WtSD Wert sollte man auf second oder third Barrels in der Regel verzichten, da er dich oft runtercallen wird.
  • Folded to Turn- / Riverbet: Viele Gegner callen mit z.B. mit einem Flushdraw zwar eine Flopbet, folden dann aber auf eine weitere Turnbet, oder sie callen mit einem Toppair sowohl die Flop- als auch die Turnbet, folden dann allerdings auf eine Riverbet. Solche Reads erhält man natürlich eher durch aufmerksames Spielen, aber der Pokertracker-Wert bietet dir doch einen Anhaltspunkt. Hier gilt: Je höher der entsprechende Wert, desto eher solltest du eine weitere Bet setzen.
  • Coldcall %: Gegner, die übermäßig viel coldcallen, tun dies in der Regel mit Händen wie suited Connectors oder schwachen Assen. Diese Hände treffen dann am Flop oft etwas wie TPWK, oder ein Middlepair. Diese sind natürlich sehr anfällig für multiple Barrels. Je mehr ein Gegner preflop coldcallt, desto eher solltest du gegen ihn weitere Barrels abfeuern.

Anmerkung: Vor allem die Werte Folded to Turn- / Riverbet sind erst ab einer sehr großen Samplesize aussagekräftig. Man sollte sich also eher auf seine eigenen Beobachtungen verlassen und Pokertracker nur bei Gegnern, von denen man schon sehr viele Hände gesammelt hat, zu Rate ziehen.

Weitere Entscheidungshilfen

DIE RANGE DES GEGNERS

Nachdem der Gegner deine Flopbet gecallt hat, sollte sich der erste Gedanke um seine Range drehen, um die Frage, mit welchen Händen er sowohl preflop ein Raise, als auch eine Flopbet callt. Pokertracker-Stats und die Zuordnung zu einem bestimmten Spielertyp liefern Anhaltspunkte für das Preflop-Spiel.

Welche Gruppe von Händen er am Flop zu callen bereit ist, hängt in erster Linie vom Flop selbst ab. Sind darunter genügend Hände, die er auf eine oder zwei weitere Bets zu folden bereit ist, sollte man in der Regel betten. Was das genau heißt, wird in den Beispielhänden auf der nächsten Seite detaillierter dargestellt.

TIMING TELLS

Der so genannte „Instacall": Oft siehst du, dass ein Gegner deine Bet sofort callt, ohne vorher groß zu überlegen. Das ist meist ein Zeichen von Schwäche, da mit einer starken Hand eher überlegt wird, ob man gleich raisen sollte. Dabei ist allerdings darauf zu achten, dass dies eher gilt, wenn der Gegner Position hat, denn über check/call könnte er sich bereits Gedanken gemacht haben. Auch hier gilt, dass es sehr hilfreich ist, sich Notes zu machen, mit welchen Händen der Gegner instacallt, um dann zu überlegen, ob er diese gegen eine oder mehrere Bets folden wird.

STACKSIZES

Es ist unglaublich wichtig auf die Stacksizes zu achten, bevor man zu einer second Barrel ansetzt, denn deine Foldequity kommt meist nicht von der Turnbet selbst, sondern von dem Geld, das du noch nicht gesetzt hast. Hält ein Gegner TPWK wird er gegen eine ¾ Potsize-Bet selten folden, wenn diese ihn All-In setzt, da er garantiert einen Showdown sehen wird. Sind die Stacks aber ausreichend deep, dann wird er hier oft folden, aus Angst noch ein große Bet am River callen zu müssen.

DAS EIGENE IMAGE

Je öfter du multiple Barrels nutzt, desto wichtiger ist es, dass du dein Table-Image gut kennst. Wurdest du in letzter Zeit häufiger bei einem Bluff ertappt, solltest du dich mit weiteren Moves stark zurückhalten und lieber auf „thin Valuebets" vertrauen. Ist dein Image hingegen sehr solide, sind multiple Barrels eine extrem starke Waffe.

Auch ist darauf zu achten, welches Limit und gegen welche Gegner du spielst. Auf niedrigeren Limits ist meist ohnehin niemand sonderlich aufmerksam und das eigene Image ist eher zu vernachlässigen. Gleiches gilt, wenn du gegen extreme Multitabler spielst. Auf höheren Limits hingegen kommt dem Image zunehmend eine größere Bedeutung zu.

Scarecards ausnutzen

Karten wie ein Ass oder ein König auf Turn oder River, die gut möglich mit deiner Range als Preflop-Aggressor korrespondieren können, bieten eine gute Gelegenheit, den Gegner mit einer weiteren Bet aus dem Pot zu drängen. Das gilt natürlich nur, wenn die Scarecard nicht einen Draw komplettiert, der mit nennenswerter Wahrscheinlichkeit in der Range des Gegners liegt.

Bringt ein Ass z.B. das dritte Karo und du denkst, dass dein Gegner mit einem Flushdraw gecallt haben könnte, so kann dir ein Timing-Tell helfen. Checkt der Gegner sofort, ohne über eine Donkbet nachzudenken, dann ist es unwahrscheinlicher, dass er nun einen Flush hat, und du solltest eher betten, als wenn er vorher eine Denkpause einlegt.

WELCHE HAND REPRÄSENTIERST DU?

Scarecards sind nicht immer gut zum weiteren „Barreln" geeignet. Oft wird ein Gegner wissen, dass du auf einem drawless Board, wenn du die jeweilige Scarecard wirklich getroffen hättest, eher check behind spielen würdest. Du solltest sehr darauf achten, welche deiner Gegner dich schon so gut kennen und gegen diese dann eher auf weitere Barrels bei Scarecards verzichten.

Auf höheren Limits, wo der Playerpool gegen den man spielt, kleiner wird, empfiehlt es sich sogar, sein Spiel etwas zu variieren und öfter die Scarecard auch zu betten, wenn du getroffen hast. Das führt dann dazu, dass es schwerer wird, dich zu readen.

Aber auch in anderen Fällen, in denen keine Scarecard fällt, solltest du dir, bevor du bettest, erst einmal Gedanken machen, welche Hand deine Bet repräsentiert. Dann kannst du oft sagen, welche möglichen Hände dein Gegner nun folden könnte. Kommst du zu der Annahme, dass das genug Hände sind, um mit einem positiven Erwartungswert zu betten, solltest du das meist auch tun.

Der EV eines Checks

Auch wenn eine Bet am Turn einen positiven Erwartungswert hat, heißt das nicht unbedingt, dass du sie auch immer machen solltest. Oft genug wirst du gegen passivere Gegner, die einen busted Draw am River nicht bluffen, auch einmal mit Ace High noch zum Showdown gelangen und diesen auch ab und zu gewinnen (oder sogar noch eines deiner Outs treffen).

Somit ist der Erwartungswert eines Checks am Turn meist größer 0. Auf „knappe" 2nd Barrels mit Händen, die einen gewissen Showdownvalue besitzen, solltest du gegen passivere Gegner also eher verzichten. Gleiches gilt natürlich für 3rd Barrels am River. Könnte der Gegner einen Draw gehabt haben, gegen den du mit einem Check-Behind gewinnst, dann ist eine Riverbet in den meisten Fällen falsch.

Den EV einer Bet auf einer Street errechnet ihr übrigens mit folgender Formel:

EV = P(Fold)*Potsize - (1-P(Fold))*Betsize

Beispielhände

BEISPIEL 1A

Villain ist TAG. Du weißt, dass er meist 9 Tische gleichzeitig spielt und somit den Händen, in denen er nicht involviert ist, wenig Aufmerksamkeit schenkt. Auch hast du noch nicht allzu oft gegen ihn gespielt, so dass er von dir wohl nur deine PT-Stats kennt.

NL 100 6max


Stacks:

Hero: 130$
BB: 152$

Preflop: Hero is CO with 98

2 folds
, Hero raises to 4$, 2 folds, BB calls.

Als weiteren Read hast du, dass Villain seinen BB gegen Stealraises mit starken Assen, Pocket Pairs, suited Connectors und suited Broadways verteidigt. Ein Reraise würde er wohl mit AQ+, TT+ machen. Du vermutest bei ihm also folgende Range: AT, AJ, 65s-KQs, 22-99, KJs, QTs.

Flop: (8,5$) 322
BB checks, Hero bets 5$, BB calls.

Da er deine Continuation Bet callt, vermutest du bei ihm ein Pocket Pair. Alles andere hätte den Flop verpasst. Draws sind bei seiner Range auch nicht möglich. Er hält also entweder ein Full House oder ein Overpair. Ein Call mit AJ oder AT ist nicht ganz auszuschließen, da er sich mit diesen Händen noch vorn sehen könnte.

Turn: (18,5$) A
BB checks, Hero bets 11$, BB folds.

Das Ass ist natürlich eine ideale Scarecard, die du zu einer 2nd Barrel an dieser Stelle nutzen kannst. Angenommen, der Gegner callt jetzt nur noch mit AJ und AT und checkraist mit 22 oder 33. Da er nicht immer mit AJ bzw. AT am Flop callen wird, nehmen wir zudem an, dass er das genau mit der Hälfte aller AJ/AT-Kombinationen tut. Für AJo/ATo bleiben also noch jeweils 8 Kombinationen, für AJs/ATs jeweils 2. Zusätzlich ist noch 22 möglich, sowie 3 Kombinationen für 33.

Dem gegenüber stehen jeweils 6 Kombinationen von 44-77 und jeweils 3
Kombinationen von 88-99. Du erwartest hier also, dass er in 30 Fällen
foldet und in 24 Fällen nicht. Er wird also zu 55,55% folden, womit
deine Bet definitiv +EV ist, da er immer eine bessere Hand foldet.

Die Rechnung dazu:

EV = 0,5555*18,5$ - 0,4444*11$ = 10,27$ - 4,88$ = 5,39$

Du erwartest also, im Schnitt 5,39$ Gewinn mit dieser Bet zu machen. Hier kann man noch mit der Betsize ausprobieren, ob man nicht eventuell sogar noch mehr rausholen kann. Natürlich ist diese Rechnung mit Vorsicht zu genießen, da du wohl nie so genaue Reads hast, um seine Range ganz genau zu bestimmen. In diesem Fall ist es jedoch relativ eindeutig und somit eignet er sich sehr gut zu einer second Barrel.

Da der Gegner so viele Tische spielt und dich nicht gut kennt, ist dein Image zu vernachlässigen. Du musst dir auch keine Gedanken machen, ob deine Bet hier wirklich ein Ass repräsentiert. Anders sieht es da in Hand 1B aus.

BEISPIEL 1B

Gleiche Hand, anderes Limit, etwas anderer Gegner. Villain ist wieder TAG, diesmal jedoch jemand, mit dem du schon sehr viel zusammen gespielt hast. Er kennt deine Lines gut, spielt nur 2-3 Tische und ist sehr aufmerksam. Du gibst ihm dieselbe Range wie Villain aus Hand 1A.

NL 1000 6max


Stacks:

Hero: 1300$
BB: 1520$

Preflop: Hero is CO with 98

2 folds
, Hero raises to 40$, 2 folds, BB calls.

Flop: (85$) 322
BB checks, Hero bets 50$, BB calls.

Turn: (185$) A
BB checks, Hero?

Nun ist die Frage, wie du hier spielen würdest, wenn du wirklich ein Ass halten würdest. Das Board bietet kaum Draws und du könntest mit einem Ass gut behindchecken, um den Pot klein zu halten. Da dein Gegner dich gut kennt und weiß, dass du unter diesen Umständen mit dem Ass meist checkst, ist eine second Barrel nicht sinnvoll. Er wird dadurch misstrauisch werden und wohl oft noch mit einem Pair callen oder sogar als Bluff checkraisen.

Anders ist die Sachlage, wenn du diesen Turn auch mit Händen wie AT-AK in der Regel nochmals bettest. In diesem Fall ist die second Barrel wohl auch hier gut. Deine Hand hat nämlich keinen Showdownvalue und du könntest auch keine Riverbet callen, selbst wenn du eine 8 oder 9 am River triffst.

BEISPIEL 2

In diesem Beispiel hast du ein sehr solides Table-Image, bisher immer gute Hände am Showdown gezeigt und deine Stats sind 18/13/3,2/23.

NL 200 5handed


Stacks:
Hero: 246,10$
SB: 269,67$

Preflop: Hero is BU with KJ

2 folds
, Hero raises to 7$, SB calls, BB folds.

Flop: (16$) 859
SB checks, Hero bets 12$, SB calls.

Turn: (40$) 5
SB checks, Hero bets 29$, SB calls.

River: (98$) A
SB checks, Hero bets 66$...

Hier sollte das Spiel gegen 4 verschiedene Gegner bewertet werden:

  • a) 69 vpip / 24 pfr / 2 af / 35 wts - 100 Hände
  • b) 21 vpip / 14 pfr / 3 af / 22 wts - 500 Hände
  • c) 26 vpip / 18 pfr / 4 af / 23 wts - 400 Hände
  • d) 14 vpip / 8 pfr / 1.5 af / 28 wts - 350 Hände

Die Tatsache, dass du außer den PT-Stats keine weiteren Reads hast, erschwert die Bewertung natürlich. Aber manchmal hat man eben auch nur geminte Hände von den Gegnern und kennt ihre Spielweise nicht.

Fall a) Man kann sich hier bereits über die Continuation Bet am Flop streiten, aber für unser Thema sind Turn und River von Interesse. Sowohl Villains VPIP, als auch WtSD sind riesig. Es ist äußerst schwer, ihn in dieser Situation auf eine Range zu setzen, auch nach dem Flopcall, da er das wohl oft auch nur mit Overcards macht.

Die 5 am Turn ist eine denkbar ungünstige Karte für eine second Barrel. Der Gegner könnte höchstens einige Overcards folden. Jedes Pair wird er wohl nochmals callen. Andererseits könntest du mit deinem K high durchaus auch noch vorne liegen, falls er auf einem Draw sitzt. Du solltest hier lieber behindchecken und hoffen, einen Jack oder King am River zu treffen oder einen free Showdown zu sehen.

Das Ass am River sieht zunächst nach einer guten Karte für dich aus. Es sind keine Draws angekommen und das Ass passt gut in deine Range. Dieser Gegner callt dich aber oft auch nochmals mit einer 8 oder 9. Er wird hier nur busted Draws folden und selbst diese werden ab und zu das Ass getroffen haben, da er durchaus mit suited Aces aus dem SB callt. Du solltest dir mit deinem K high lieber den free Showdown nehmen, da du noch nennenswerte Chancen besitzt, ihn zu gewinnen, sollte der Gegner einen Draw gespielt haben.

Der EV eines Checks ist hier also definitiv größer 0, während der EV einer Bet nur sehr schwer zu bestimmen ist, da du bei 70% VPIP und keinen weiteren Reads große Schwierigkeiten hast, die Range des Gegners zu ermitteln. Tendenziell wirst du aber von fast allen Händen, die gegen dich vorne liegen, nochmals gecallt.

Fall b) und c) Da das Postflopspiel von TAGs und LAGs ähnlich ist, werden hier beide Fälle gemeinsam behandelt. Der LAG wird im Gegensatz zum TAG gegen dein Openraise vom Button wohl mehr Hände 3betten als der TAG. Es ist nicht so einfach, beiden eine Preflop-Callrange zu geben, aber vermutlich wird sie in etwa so aussehen:

  • b) TAG: 22-88, AJ, AT, KQ
  • c) LAG: 22-88, AJ, AT, Axs x

Viele LAGs 3betten hier auch mit jedem Pocket Pair oder suited Connectors. Dass du bisher eher tight gespielt hast, spricht aber dagegen.

Mit welchen Händen callen dich diese Gegner nun am Flop? Hier kommt eigentlich nur Folgendes in Frage:

  • b) 55-88, AT, AJ, KQ
  • c) 55-88, AT, AJ, KQ, QT, QJ, 65s - T9s (auch 22-44 sind eventuell noch möglich)

Nicht mit jeder dieser Hände wird dein Gegner immer die Line check/call Flop wählen. Vor allem die Flushdraws werden auf diesem Board meist aggressiv gespielt. Es ist allerdings schwer zu sagen, welche Hände der Gegner hiervon öfter halten wird als andere, ohne einen spezielleren Read von ihm zu haben.

Die 5 am Turn ändert auf den ersten Blick nicht viel. Deine erneute Bet versucht, ein Overpair oder ein Full House zu präsentieren. Andere starke Hände passen kaum in deine Range. Welche Hände könnte dein Gegner hier nun gegen eine erneute Bet folden?

  • b) 66, 77, AT, AJ, KQ

All diese Hände könnte der TAG hier gegen eine große Turnbet folden. Er bekommt für einen Draw keine guten Odds zum Callen und könnte auch schon drawing dead sein. Außerdem wird er wohl so sehr oft 66 und 77 folden. Du kannst aber nicht genau bestimmen, ob er wirklich so häufig gegen eine Turnbet folden wird. Sollte dies tatsächlich der Fall sein, dann ist die Turnbet definitiv gut, da all diese Hände gegen dich vorne liegen.

  • c) 66, 77, AT, AJ, KQ, QT, QJ, 87s - T9s

Die gleichen Argumente könnten auch den LAG zum Folden bringen. Mit 98 wurde ein mögliches Twopair geschwächt. Die Situation ist also ähnlich. Auch hier scheint eine second Barrel sinnvoll, auch wenn sicher nicht jeder LAG hier wirklich immer all diese Hände folden wird.

Am River lautet die Frage nun: Welche Hand hat dich hier am Turn gecallt, die jetzt auf eine Riverbet foldet? 55 und 88 sind eigentlich auszuschließen, da er diese wohl spätestens am Turn geraist hätte. AJ und AT haben nun TPGK getroffen, aber es ist durchaus möglich, dass er dies gegen eine third Barrel foldet. 66 und 77 werden wohl definitiv nicht noch einmal callen. KQ ebenfalls.

Der Erwartungswert eines Checks kann gleich 0 gesetzt werden, da keine Hand, die du am River schlägst, in seiner Range ist. Nun ist die Frage, ob eine 66$ Bet einen positiven Erwartungswert hat. Dieser ist genau dann positiv, wenn dein Gegner 66$/164$ ~ 0.4, also mehr als 40% seiner Range hier foldet.

Es gibt jeweils 6 mögliche Kombinationen bei den Pocket Pairs, selbst wenn er jedes Mal mit AJ und AT callt, foldet er 13 von 15 möglichen Händen. Das sind natürlich deutlich mehr als die benötigten 40%. Auch, wenn die Rechnung aufgrund von fehlenden Reads in der Realität nicht so exakt gegeben sein wird, ist eine third Barrel in diesem Fall sehr sinnvoll, da der Gegner viele in dieser Situation mögliche Hände folden wird.

Fall d) Diesmal hast du es mit einem sehr tighten Gegner zu tun. Sowohl VPiP, als auch PFR sind sehr gering. Zudem ist er eher passiv und hat einen relativ hohen "Went to Showdown"-Wert. Das spricht dafür, dass er wohl nur sehr wenig 3betten wird. Als Range für einen Call kann man ihm hier wohl 22-JJ, AQ, AK geben.

Gegen diese Range ist eine second Barrel am Turn eher unangebracht. Mit Ausnahme von AK und AQ wird er wohl nichts folden und selbst bei diesen Händen hast du keine Garantie.

Am River gilt die gleiche Rechnung wie in den Fällen zuvor: Der Gegner muss 40% seiner Range folden, um einer Bet einen positiven Erwartungswert zu verleihen. Der Gegner wird hier deutlich häufiger noch mit einem starken Ass in der Hand sein. Sein WtSD ist höher und der geringe AF spricht dafür, dass er mit AQ oder AK wohl die "c/c Flop, c/c Turn"-Line wählen würde.

Trotz des hohen WtSD ist es für ihn aber sehr schwer, noch einmal mit 66, 77, TT, JJ, die sehr gut zu seiner bisherigen Spielweise passen, zu callen. Diese Hände werden einen Großteil seiner Range ausmachen. Ob der Gegner noch oft genug foldet, ist nur mit PT-Stats schwer zu beantworten. Es ist in diesem Fall also deutlich knapper als gegen Gegner b und c. Timing-Tells sind an dieser Stelle eine sehr große Hilfe. Bei einem „Instacheck" des Gegners solltest du definitiv zu einer Bet tendieren, da sein Spiel eine Hand wie AK unwahrscheinlicher macht.

Fazit

Die richtige Anwendung von second und third Barrels kann die Winrate deutlich steigern. Es ist aber nicht einfach, gute Spots dafür zu finden. Das braucht vor allem Erfahrung und sehr gute Reads.

Wer plant, diese Bluffs in sein Repertoire aufzunehmen, dem sei empfohlen, nicht zu viele Tische gleichzeitig zu spielen und stark darauf zu achten, wie die Gegner spielen, denn wie die Beispielhände zeigen, ist die Entscheidung zu einer second oder third Barrel in hohem Maße vom Gegner abhängig.