Shortstack Strategie: Implied Odds
1. Einleitung
Im Artikel zum Thema Outs und Odds habt ihr erfahren, dass Outs die Karten sind, die eure Hand noch verbessern können, sollten sie als Gemeinschaftskarten ausgeteilt werden. Als Odds wurde das Verhältnis von nicht hilfreiche Karten : hilfreiche Karten eingeführt, das euch Auskunft über die Wahrscheinlichkeit gibt, dass eine der hilfreichen Karten als nächste Gemeinschaftskarte ausgeteilt wird. Die Odds können natürlich nicht nur für die nächste Gemeinschaftskarte gelten, sondern auch angeben, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass nach dem Flop eine der benötigten Karten am Turn oder River erscheint. Beispielsweise wurde gesagt, dass mit Odds von 4:1 ein Flushdraw am Turn zum Flush wird, sich mit Odds von 2:1 hingegen entweder am Turn oder am River materialisieren wird.
Abgerundet wurde die Darstellung durch die Einführung der Pot Odds, die das Verhältnis von Pot : zu bringendem Einsatz darstellen. Sie sind sozusagen eine in Zahlen gepackte Wiedergabe des Verhältnisses Nutzen : Risiko. Damit besteht die Möglichkeit, die mittels der Odds gegebene Wahrscheinlichkeit dem Nutzen-Risiko-Verhältnis gegenüberzustellen und eine Aussage darüber zu treffen, ob es sich lohnt, mit einem Draw einen Einsatz mitzugehen.
Dieses Prinzip solltet ihr unbedingt verstanden haben, bevor ihr mit diesem Artikel und auch generell mit der Bigstack-Strategie fortfahrt. Es ist essenziell, das Zusammenspiel von Odds und Pot Odds verstanden zu haben.
Die für diesen Artikel nun grundlegende Fragestellung lautet: Was ist mit den Gewinnen, die ich noch machen kann, wenn ich meinen Draw treffe? Bisher wurde für die Pot Odds nur das Geld in Betracht gezogen, das sich schon aktuell im Pot befindet. Aber es ist doch so, dass mit der nächsten Karte die Hand nicht beendet ist. Habt ihr beispielsweise am Flop einen Draw und geht einen gegnerischen Einsatz aufgrund günstiger Pot Odds mit, dann ist die Hand doch nicht vorbei, solltet ihr am Turn den Draw komplettieren können. Vielmehr wird euer Gegner häufig noch gewillt sein, mehr Geld in die Hand zu investieren. Diese zukünftigen Gewinne müssten sich daher begünstigend auf die Pot Odds auswirken. Und das ist auch der Fall. Die Pot Odds, die mögliche zukünftige Einsätze der Gegner berücksichtigen, nennt man Implied Pot Odds.
2. Implied Pot Odds
Wie schon erwähnt, sind Implied Pot Odds oder Implied Odds modifizierte Pot Odds, die berücksichtigen, dass ein Gegner u.u. auch dann noch Einsätze machen wird, wenn man seine Hand trifft.
Ein Beispiel für die Anwendung der Implied Pot Odds habt ihr sogar schon kennen gelernt. Es ist das Mitgehen20 aus dem Starting-Hands-Chart. Ihr geht mit einem mittleren oder kleinen Paar eine Erhöhung vor dem Flop mit, wenn ihr und der Gegner mindestens das 20fache des zu bringenden Einsatzes noch an Geld übrig habt.
Da ihr beim Mitgehen einer gegnerischen Erhöhung darauf spekuliert, am Flop euren Drilling zu treffen, ist klar, dass ihr häufig am Flop eure Hand wieder aufgeben müsst, denn ihr werdet den Drilling nur in etwa 12% der Fälle treffen. Damit ist die Investition, die ihr gebracht habt, in der Mehrzahl der Fälle verloren. Aber wenn ihr ihn trefft, dann habt ihr gute Aussichten, vom Gegner eine gute Portion seines Stacks zu erhalten.
Allein von den Pot Odds vor dem Flop wäre das Mitgehen unprofitabel. Es wird erst dadurch profitabel, dass ihr später einen großen Betrag gewinnen könnt, wenn ihr denn trefft. Mit einem Paar einen Drilling zu treffen, nachdem ein Gegner vor dem Flop erhöht hat, verspricht gute Implied Odds, was aber nur der Fall ist, wenn der Gegner auch noch genug Geld zum Verlieren übrig hat.
In der Tat ist es so, dass sich in No-Limit Hold’em nach der Bigstack-Strategie viele Entscheidungen nicht nach den Pot Odds richten, sondern nach den Implied Pot Odds, da die Einsätze einfach sehr hoch werden können. No-Limit Hold’em ist ein Spiel der Implied Pot Odds. Es stellt sich weniger die Frage: Wie viel ist jetzt im Pot, das ich gewinnen kann, sondern: Wie viel werde ich gewinnen können, wenn ich meine Hand treffe?
Daher ergibt sich für die Implied Pot Odds folgende Darstellung:
Implied Pot Odds = Aktueller Pot + zukünftige Einsätze des Gegners : zu bringender Einsatz
Nehmen wir bspw. an, der Pot beträgt am Flop $10. Der Gegner setzt $5. Die Pot Odds, die er euch gibt, liegen bei $15:$5, also 3:1. Geht ihr den Einsatz mit, dann beträgt der Pot am Turn $20. Sind wir uns nun sicher, dass der Gegner am Turn oder River auf jeden Fall noch einmal die Hälfte des Turnpots in seine Hand investieren wird, dann bedeutet das, dass er noch einmal einen Einsatz von $10 bringen wird. Diese kann man sich nun auf die Pot Odds anrechen, was uns zu Implied Odds von $15+$10:$5 führt, also 5:1.
| Frage 1: Welche gegnerischen Einsätze berücksichtigen die Implied Pot Odds? a) Die aktuellen und die möglichen zukünftigen Einsätze der Gegner b) Nur die aktuellen Einsätze der Gegner c) Nur die zukünftigen Einsätze der Gegner Frage 2: Der Pot ist am Flop $10 groß. Der Gegner setzt $5 und du musst $5 für einen $15 Pot bezahlen. Du hast damit Pot Odds von 3:1. Wie viel Geld müsste dein Gegner später noch bezahlen, wenn du Implied Odds von 4:1 benötigst? Frage 3: Der Pot ist am Flop $2 groß. Der Gegner setzt $2.00 und du musst $2.00 für einen $4.00 Pot bezahlen. Du hast damit Pot Odds von 2:1. Wie viel Geld müsste dein Gegner später noch bezahlen, wenn du Implied Odds von 4:1 benötigst? |
3. Die Implied Pot Odds beeinflussende Faktoren
Im Gegensatz zu den reinen Pot Odds basieren die Implied Pot Odds letztlich auf Annahmen, nämlich darüber, wie viel Geld der Gegner in der Zukunft noch zu investieren bereit ist.
Die wichtigsten Faktoren, die die Implied Pot Odds beeinflussen sind:
Wie loose ist der Gegner?
Loose heißt, dass ein Spieler gerne zum Showdown geht und seine Hand nur schwer ablegen kann. Je schwerer es einem Spieler fällt, seine Karten abzulegen, je looser er ist, desto höher sind eure Implied Pot Odds.
Im Gegensatz dazu steht die Frage, wie loose ein Spieler vor dem Flop ist. Wenn ein Gegner bspw. vor dem Flop viele Hände erhöht, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass er wirklich eine gute Hand am Flop trifft. Dementsprechend sinken die Implied Odds, es sei denn, er ist ein ausgeprägter Maniac, der nach dem Flop gerne große Bluffs startet.
Wie viel Stärke signalisiert der Gegner?
Je stärker die Hand eines Gegners, desto schwerer wird es ihm fallen, die Hand später aufzugeben.
Wie offensichtlich ist eure Hand?
Je offensichtlicher eure Hand ist, desto geringer sind natürlich die Implied Pot Odds. Ein Flushdraw ist zum Beispiel relativ offensichtlich. Ein doppelter Gutshot hingegen ist schon nicht mehr so offensichtlich. Dabei bedeutet Offensichtlichkeit nicht nur, dass die Karten des Boards eure Hand verraten, sondern auch eure Spielweise. Wenn z.B. zwei Karten der gleichen Farbe im Flop liegen, ihr schiebt und geht einen Ansatz mit und macht dann Action, wenn der Turn die dritte Flushkarte in der Farbe zeigt, dann ist eure Hand für viele Gegner einfach offensichtlich.
Habt ihr Position auf den Gegner?
Es ist leichter, noch Geld von einem Gegner zu extrahieren, wenn man Position auf ihn hat, also in den Setzrunden nach ihm agieren kann. Daher sind da eure Implied Pot Odds besser.
Seid ihr am Flop oder am Turn
Die Implied Pot Odds auf die nächste Gemeinschaftskarte sind im Regelfall am Flop besser als am Turn, da ihr mehr Möglichkeiten habt, den Gegner noch zu weiteren Investitionen zu bewegen, wenn ihr zwei Setzrunden statt nur einer noch vor euch habt.
Wie groß sind die an der Hand beteiligten Stacks?
Es ist nur logisch: Je mehr Geld die an der Hand beteiligten Spieler haben, desto mehr Geld kann man möglicherweise gewinnen.
| Frage 4: Ihr habt eher schlechtere Implied Pot Odds, wenn was gegeben ist? a) Eure Hand ist gut versteckt. b) Ihr habt Position auf den Gegner. c) Euer Gegner hat einen sehr kleinen Stack. Frage 5: Ein nach dem Flop sehr looser Gegner, verspricht was für Implied Pot Odds? Frage 6: Was für ein Gegner verspricht die besten Implied Pot Odds? |
4. Beispiele
Beispiel 1
Ihr seid auf dem Button und haltet:
Das Board zeigt:
Der Pot ist $18 groß. Der Gegner vor euch setzt $6. Ihr seid sicher, dass er eine starke Hand hält und deshalb so wenig setzt, um euch weiter im Pot zu halten. Die Pot Odds, die er euch gibt, liegen bei $24:$6, also 4:1. Für euren OESD bräuchtet ihr aber Pot Odds von 5:1. Eigentlich müsstet ihr eure Karten ablegen.
Andererseits ist die Wahrscheinlichkeit doch gegeben, dass der Gegner noch ein weiteres Mal Geld am River investiert, selbst wenn eure Straße ankommt. Um die Wahrscheinlichkeit abzuschätzen, muss man nur einmal untersuchen, wie viel er denn am River noch investieren müsste.
Der Pot beträgt nach seiner Bet $24. Ihr müsst $6 zahlen. Der Pot müsste aufgrund der Odds von 5:1 für einen OESD für ein Nullsummenspiel daher mindestens $6*5=$30 betragen. Das heißt, dass der Gegner am River gerade einmal $6 bezahlen müsste, dass ihr den Einsatz am Turn mitgehen könnt. Würdet ihr den Einsatz mitgehen, betrüge der Pot am River $30. Der Gegner müsste also gerade einmal noch 1/5 oder 20% des Riverpots zu investieren bereit sein, dass ihr die Implied Odds erhaltet. Da er eine starke Hand signalisiert, ist sogar davon auszugehen, dass er mehr zu zahlen bereit ist, vllt. ½ des Riverpots. Damit seid ihr auf jeden Fall auf der profitablen Seite.
Beispiel 2
Ihr spielt NL100 (0.50/1.00), seid auf dem Button und haltet:
Ihr habt $100. Ein Gegner in früher Position mit einem Stack von $120 erhöht auf $4. Alle Gegner steigen aus und ihr seid an der Reihe.
Ihr wisst von eurem Gegner, dass er ein sehr tighter Spieler ist, das heißt, dass er relativ wenige, dafür aber starke Starthände spielt. Wenn ein solcher Spieler in früher Position erhöht, dann hat er sehr oft ein hohes Pocket Pair wie AA, KK oder QQ. Gegen diese Hände ist man deutlich unterlegen. Nur in etwa 12% der Fälle wird man einen Drilling oder eine bessere Hand am Flop treffen, mit der man gegen das Paar des Gegners vorne liegt.
Nehmen wir der Einfachheit halber an, dass wir in 10% der Fälle gewinnen. Unsere Odds vor dem Flop liegen also bei 9:1 - in einem von zehn Fällen werden wir diese Hand gewinnen. Die Pot Odds hingegen liegen nur unwesentlich besser als 1:1. Auf den ersten Blick müssten wir also die Karten aufgeben.
Betrachten wir jetzt einmal das Geschehen nach einem möglichen Flop: In den meisten Fällen trifft man dort nichts und gibt die Hand einfach auf, macht also keinen weiteren Verlust. Trifft man aber seinen Drilling oder eine bessere Hand, so ist man dem Gegner haushoch überlegen und gewinnt in der großen Mehrzahl der Fälle die Hand. Besonders da in diesem Beispiel der Gegner selbst wahrscheinlich eine sehr starke Hand hat und diese selbst aggressiv und um einen großen Pot spielen will. In dieser beispielhaften Situation kann man gerade gegen schlechte Gegner davon ausgehen, oft den gesamten Stack des Gegners gewinnen zu können.
Nimmt man realistischerweise an, man würde im Schnitt hier zumindest noch 40 Big Blind, also $40, vom Gegner gewinnen, so lange man vorne liegt, also das Set trifft, und ansonsten foldet, kann man die Pot Odds wie folgt berechnen:
Der eigene (aktuelle) Einsatz, beträgt hier $4. Aktuell sind $5.5 im Pot, und sollte man seinen Drilling oder besser treffen, kommen noch $40 weiterer Gewinn dazu. Die Implied Pot Odds in diesem Falle wären dann 45.5:4, gerundet und gekürzt 11:1. Wir hatten unsere Odds zuvor auf 9:1 geschätzt. Stellt man beide Werte gegenüber, sieht man, dass die Implied Pot Odds günstig sind und wir daher die Erhöhung mitgehen sollten.
5. Fazit
No-Limit Hold'em ist ein Spiel der Implied Odds, einfach aus dem Grunde, dass die Einsätze nach oben hin nicht begrenzt sind und mit jeder Setzrunden anwachsen, man in späteren Setzrunden also auch mehr Geld in den Pot ziehen kann als in früheren.
Zusammenfassend kann man feststellen:
- Je mehr Stärke der Gegner signalisiert
- Je weniger offensichtlich eure Hand ist
- Je schwerer sich euer Gegner von einer Hand trennen kann
... desto besser sind eure Implied Odds. Zudem sind sie am Flop höher als am Turn und höher, wenn ihr Position auf den Gegner habt.
Dennoch muss hier betont werden, dass ihr eure Implied Odds nicht überschätzen solltet. Seid vorsichtig in euren Annahmen darüber, wie viel Geld ihr von eurem Gegner noch extrahieren könnt. Hat er eine gute Hand, könnt ihr vielleicht 1/2 Potsize des späteren Pots sicher noch aus ihm herauskitzeln. Aber darauf zu spekulieren, ihm seinen ganzen Stack abzunehmen, ist Wunschdenken.
Grundlage all dessen sind immer noch die Pot Odds und je schwächer euer Draw, desto eher solltet ihr auch strikt nach diesen handeln. Mit ihnen seid ihr auf der sicheren Seite. Der Umgang mit Implied Odds erfordert nicht zuletzt Erfahrung, die sich momentan für euch als Neueinsteiger in der Bigstack-Strategie nur auf den Satz beschränkt:
Mit einem Flushdraw oder OESD könnt ihr am Flop auch ruhig einen etwas höheren Einsatz mitgehen, selbst wenn ihr nicht ganz die notwendigen Pot Odds erhaltet.
6. Anhang: Lösungen
Frage 1: Welche gegnerischen Einsätze berücksichtigen die Implied Odds?
Antwort a ist richtig. Die Implied Pot Odds beziehen nicht nur die aktuellen Einsätze des Gegners ein, sondern auch die Einsätze, die er später möglicherweise noch zahlt.
Frage 2: Der Pot ist am Flop $10 groß. Der Gegner setzt $5 und du musst $5 für einen $15 Pot bezahlen. Du hast damit Pot Odds von 3:1. Wie viel Geld müsste dein Gegner später noch bezahlen, wenn du Implied Odds von 4:1 benötigst?
Antwort c ist richtig. Du zahlst $5. Für Pot Odds von 4:1 müsste der Pot also $20 groß sein. Der Pot ist aber nur $15 groß. Daher muss dein Gegner noch $5 bezahlen.
Frage 3: Der Pot ist am Flop $2.00 groß. Der Gegner setzt $2.00 und du musst $2.00 für einen $4.00 Pot bezahlen. Du hast damit Pot Odds von 2:1. Wie viel Geld müsste dein Gegner später noch bezahlen, wenn du Implied Odds von 4:1 benötigst?
Antwort b ist richtig. Du zahlst $2. Für Pot Odds von 4:1 müsste der Pot also $8 groß sein. Er ist aber nur $4 groß. Daher muss dein Gegner noch $4 bezahlen.
Frage 4: Ihr habt eher schlechtere Implied Pot Odds, wenn was gegeben ist?
Antwort c ist richtig. Hat euer Gegner nur einen sehr kleinen Stack sind eure Implied Pot Odds schlecht, da ihr ja kaum noch Geld von ihm gewinnen könnt.
Frage 5: Ein nach dem Flop sehr looser Gegner, verspricht was für Implied Pot Odds?
Antwort b ist richtig. Da sich dieser Gegner nur ungern von Händen trennt, auch von schwächeren, habt ihr natürlich weitaus mehr Möglichkeiten, später noch Einsätze von ihm zu erhalten. Daher sind die Implied Pot Odds relativ gut.
Frage 6: Was für ein Gegner verspricht die besten Implied Pot Odds?
Antwort a ist richtig. Ein Gegner, der ungern seine Hand aufgibt, und dann auch noch eine starke Hand hat, verspricht gute Implied Pot Odds und im Vergleich zu den anderen beiden Antwortmöglichkeiten die besten.