Aktualisiert am 06 Juli 26 von

Woche 29 (BSS): Monster Draws

Einleitung

von eplc

Diese Woche eine kleine Kolumne, die sich mit "Monster Draws" beschäftigt. Es wird genauer darauf eingegangen, welches Play wann angebracht ist und welche Faktoren dafür ausschlaggebend sind.

I) Outs und Implied Odds

BU ist passiv bis Calling Station, Preflop sehr tight

0.25/0.50 No-Limit Hold'em (6 handed)

Preflop: Hero is MP3 with K, Q
MP2 folds, Hero raises to $2.00, CO folds, BU raises to $5.00, SB folds, BB calls $4.50, Hero calls $3.00.

Flop: ($15.25) Q, A, 7 (3 playners)
BB checks, Hero checks, BU bets $10.00, BB folds, Hero??

An diesem Beispiel wird sehr gut klar, warum wir immer die Range unseres Gegners in Betracht ziehen sollten und erst mit dem Wissen darüber, unsere Outs counten. Ist BU hier ein passiver Spieler, der einen solchen Preflop Move nur mit ungefähr den Top 4% macht, können wir recht sicher unsere Two Pair Outs discounten und sind damit nicht mehr Favorit. Auch unsere Fold-Equity wird sich stark in Grenzen halten. In diesem Fall (sollte Villain einen entsprechenden WTS haben), empfiehlt es sich sogar, nur zu callen.
Selten ist ein Push ein großer Fehler, aber zumindest ein Fehler, der unser Play longterm unprofitabel/-EV macht.
Ebenso wird unsere Fold-Equity recht gering sein, zumindest gegen bessere Hände, schlechtere wiederrum sollen nicht folden. Ein Call/Fold wäre also mit dem vermeintlichen Monster Draw in diesem Fall das richtige Play.

Bevor wir eine Entscheidung bezüglich unseres Plays treffen, müssen wir immer erst einige Aspekte abwägen. Dazu gehört die bisherige Action, die Range unserer Gegner, sowie das Table Image und die History. Erst dann counten wir unsere Outs und überprüfen, ob wir ~14-15 Outs haben (damit Favorit wären oder uns in einer Coinflip- Situation befinden) oder auch 12 Outs haben (damit knapp Underdog wären) und ob wir genügend Fold-Equity haben.

Bei diesen Überlegungen darf ebenfalls niemals der Blick auf unsere Implied Odds verloren gehen. Nehmen wir an, Villain aus der ersten Beispielhand sei ein guter LAG (unseren Call am Preflop und seine Raisegröße lassen wir hier außer Acht). So wäre seine Range für die 3-Bet am Preflop und seine Conti-Bet am Flop deutlich größer und damit auch unsere Fold-Equity bei einem check/raise, bzw. unsere Two Pair Outs oft genug noch clean.
Abgesehen davon, wäre er mit Sicherheit in der Lage, seine made Hand zu folden, wenn wir hier unseren Draw passiv spielen und bei completed Draw aggressiv werden würden. Eine Calling Station wie im Ursprungsbeispiel würde uns in aller Regel noch genügend Value geben, ein guter LAG hingegen zerstört unsere Implieds, indem er dem Pot keinen weiteren Value beisteuern würde.
Ein Raise (check/raise All-In) wäre in dieser Konstellation aus oben gennanten Gründen daher das bessere Play. Bringen wir unser Geld als ungefähren Coinflip oder als leichter Underdog am Flop All-In, so werden wir trotzdem von LAG Villain ausbezahlt, da wir bereits vor dem completed Draw gepusht haben.
Natürlich wollen wir die Situation des Coinflips umgehen, aber mit entsprechender Fold-Equity, ist unser Move hier wieder +EV, da wir noch die Chance haben, dass Villain auf unseren Raise/Push foldet.

II) Check/Raise oder Bet/3-Bet?

Es gibt verschiedene Aspekte, die zu beachten sind, um die Entscheidung zu fällen, welches Play, je nach Situation, das bessere ist:

a) Gegnertyp/ Ranges
b) Stack Sizes
c) Dead Money
d) Folding Equity
e) History/ Image

zu a)
Unter I) wurde dieses Thema bereits ausführlich genug erläutert. Wichtig ist hierbei besonders die Frage, ob unser Gegner oft Donks raiset oder check/raises eher als made oder drawing Hand interpretiert.

zu b)
Stack Sizes spielen eine sehr wichtige Rolle, da diese entscheiden, ob wir mit einem check/raise oder bet/3-bet All-In kommen können oder nicht. Die angestrebte Situation ist natürlich immer möglichst All-In zu kommen.
I.d.R. können wir das in einem 3-bettet Pot mit check/raise All-In, in raised/3-way raised Pots mit bet/3-bet. Diese Angaben sind aber nur eine Richtlinie, wir müssen daher immer zuerst die Situation durchgehen, bevor wir eine Entscheidung treffen und dürfen dabei niemals die Stack und Raise Sizes vergessen.
Bei I) finden wir wieder ein gutes Beispiel für einen check/raise, daher hier eine Beispielhand, in der sich bet/3-bet auf Grund der Stack Sizes empfiehlt:

0.25/0.50 No-Limit Hold'em (6 handed)

Preflop: Hero is BB with K, Q
2 folds, CO raises to $2.00, 2 folds, Hero calls $1.50.

Flop: ($4.25) J, T, 6 (2 players)
Hero bets $4.00, CO raises to $14.00, Hero raises to $44.00 (All-In), ...

Würden wir hier check/raisen, so würde unser Raise bei weitem nicht groß genug sein, um All-In zu kommen und damit sowohl die Fold-Equity, als auch unsere Implied Odds zu maximieren. Somit entscheiden wir uns für die Variante bet/3-bet und haben eine gute Raise Size, die beide Faktoren berücksichtigt.

zu c)
Dieser Punkt ist ebenso sehr wichtig. Gerade im Bereich No-Limit wird dieses Thema viel zu selten erwähnt, dabei kann ein entsprechender Move hier einen großen Unterschied beim Gewinn von Value machen.
Betrachten wir wieder die erste Hand, um das Prinzip zu verstehen: Wir checken hier, da wir BB trappen wollen. Callt dieser die wahrscheinliche Continuation-Bet des PFAs, könnten wir mit einem Raise beide Spieler in einem großen Pot trappen. Gleichzeitig würden beide die Odds bekommen, um zu drawen. Da wir hier aber selbst einen starken/den stärksten Draw haben, müssen wir uns darum keine Gedanken machen.
Mit einer starken made Hand z.B. würden wir hier den Flop donken, um vom PFA einen Raise zu bekommen und damit BB zu isolieren.
Verändern wir die Positionen der Spieler, so empfiehlt sich gleich ein anderes Play:

Preflop: Hero is MP3 with K, Q
MP2 folds, Hero raises to $2.00, CO calls, BU raises to $5.00, 2 folds, Hero calls $3.00, CO calls $3.00.

Flop: ($15.25) Q, A, 7 (3 players)
Hero bets $11.00, CO calls, BU??, ....

In diesem Fall können wir CO mit einer Bet trappen und damit für den Fall, dass BU over the top kommt, Dead Money trappen, bzw. einen größeren Pot generieren, falls CO nicht mehr folden könnte, auf Grund zu guter Odds.

Wir sehen also: Wollen wir Dead Money generieren, so donken wir, wenn Spieler zwischen dem PFA und uns sind und check/raisen dann, wenn der PFA direkt hinter uns sitzt und weitere Spieler hinter ihm.

zu d)
Dieser Punkt geht einher mit allen anderen beschriebenen Punkten, die uns bei unserer Entscheidung helfen sollen.
Wichtig ist, ob unser Gegner in der Lage ist, marginale Hände (wie Top Pair) zu folden (siehe Gegnertyp), welche Odds wir ihm geben (siehe Stack Sizes) oder auch wie wir Draws/made Hands bisher gespielt haben (siehe History/Image).

zu e)
Mit Punkt a) Gegnertyp/Ranges ist schon ein wesentlicher Bestandteil dieses Aspekts abgedeckt.
Allerdings ist unsere bisherige Spielweise (besonders diese, verbunden mit Showdowns) maßgeblich für die Entscheidung, die wir in einer aktuellen Hand treffen. Haben wir Draws/made Hands bisher in ähnlichen Situation immer gecheck/raiset oder b/3-bet gespielt, so ist meist die entsprechend andere Spielweise optimal.
Mit einem sehr loosen Image sollten wir auch immer unsere Draws vorsichtiger spielen, genauso spielen wir diese aggressiver, wenn wir ein tightes Image haben.

Des Weiteren sehr bedeutend sind Reads auf Villain, bezüglich seiner Reaktionen auf check/raises oder Donk Bets.
Respektiert Villain beispielsweise auf einem sehr draw-heavy Board generell keine Donkbets, so donken wir öfter in diesem Fall, da wir extra Value durch einen Raise seinerseits bekommen und ihn sich möglicherweise mit einer schlechteren Hand committen lässt.
Ist Villain ein Spieler der sehr oft Continuation-Bets macht, so ist check/raise unsere bevorzugte Variante.
Dabei sollte man logischerweise nicht vergessen die Anzahl der Spieler und die Boardstruktur zu beachten sowie die bisherige History, was besonders Continuation-Bets und check/raises angeht.
Spielerspezifische Notes sind daher für unsere Entscheidung immer essentiell!