Aktualisiert am 06 Juli 26 von

Woche 31 (BSS): Implied Odds

Einleitung

von Thorsten77

In dieser Woche möchte ich ein Thema behandeln, dass die letzten Tage immer wieder aufgekommen ist: Implied Odds. Oft sehe ich Hände mit fragwürdigen Calls, die dann mit Implied Odds begründet werden. Ebenso kommt es vor, dass Hände gefoldet werden, weil die Pot Odds etwas zu schlecht sind - unter Berücksichtigung von Implied Odds hätte man aber callen müssen.

Was sind Implied Odds?

Unter Implied Odds bezeichnet man das Verhältnis zwischen der Größe des aktuellen eigenen Einsatzes und der Größe des aktuellen Pots zuzüglich der in zukünftigen Wettrunden erwarteten Gewinne. Letztlich erhöhen wir also die Pot Odds, indem wir uns überlegen, wieviel wir von dem Gegner noch an Value in zukünftigen Wettrunden bekommen. Während in Fixed Limit die Implieds i.d.R. nicht allzu groß sind, da man eben nur feste Beträge sezten kann, besteht im No-Limit die Möglichkeit, den gesamten Stack in die Mitte zu schieben - Implied Odds sind hier enorm wichtig!

Ein Beispiel-Szenario

Wie liest man eine Beispielhand?

Ein NL10 Spiel - UTG ist relativ tight.

Preflop: Hero is BU with 2, 2
UTG raises $0,40, 6 folds, Hero ???

Wie spielt Hero hier weiter? Standardmäßig ist das einfach zu beantworten: wir spielen nach der Call-15 Regel weiter, callen also, wenn unser Stack und der Stack von UTG mindestens 15*0,40$ = 6,00$ beträgt. Was würden wir aber machen, wenn wir die Regel nicht kennen?

Zuerst schauen wir uns die Pot Odds an. Wir müssen 0,40$ bezahlen, um einen Pot von 0,55$ zu gewinnen. Das sind also 1,375:1 - nicht besonders viel... Unsere Chance, ein Set zu treffen, sind etwa 7:1. Nach reinen Odds & Outs wäre das also ein einfacher Fold. Damit ein Call profitabel ist, müssen wir hier also noch Gewinne in späteren Wettrunden machen - diese Implied Odds werden bei der Call-15 Regel beachtet.

Wie hoch sind meine Implied Odds?

Leider gibt es für die Berechnung der Implied Odds keine festen Regeln/Formeln. Letztlich muss man selbst abschätzen, wieviel Gewinn man noch extrahieren kann wenn man sein Out getroffen hat. Ich betrachte hierfür folgende Faktoren:

  • Stackgröße

Klar ist, dass wir bestenfalls All-In gehen können, falls wir unser Out treffen. Somit ist das Minimum von der eigenen Stackgröße und der Stackgröße des Gegners eine obere Schranke für die Implied Odds. Der erste Blick sollte also immer auf die Stacks der Gegner gehen. Wenn wir annehmen, dass im obigen Szenario UTG z.B. einen Stack von 20 BB hat, so können wir hier nicht profitabel callen. Selbst bei einer Chance von 7:1 (wir nehmen hier an, dass wenn wir unser Set treffen wir auch immer gewinnen - in der Realität ist das natürlich nicht so, da wir z.B. von einem höheren Set geschlagen werden können) müssten wir bei 0,40$ Einsatz 2,80$ Gewinn machen, wenn wir unser Set treffen, damit ein Call profitabel ist. D.h. selbst wenn wir unseren Gegner jedes Mal All-In bekommen wäre ein Call nicht profitabel, da wir max. 2,15$ (seinen Stack plus die Blinds) gewinnen. In so einer Situation brauchen wir uns die anderen Faktoren nicht mehr anzuschauen, sondern folden einfach.

  • Stärke der gegnerischen Hand

Damit wir vom Gegner Value extrahieren können sollte er eine möglichst starke (zweitbeste) Hand halten. Im Beispielszenario von oben wissen wir, dass UTG eine starke Hand haben wird: er ist relativ tight und raist aus UTG. Das deutet darauf hin, dass er ein hohes Pocket Pair oder zumindest AK hat. In der Regel wird er mit Top-Pair oder Overpair den Flop und oft noch den Turn betten. Zudem können sich die meisten Gegner schwer von Händen wie TPTK oder Overpairs trennen - hier können wir also noch Value erwarten. Stellen wir uns nun ein Szenario vor in dem ein Raiser der relativ häufig Blindsteals macht am Button sitzt und wir im BB mit 22. Hier kann BU eine weite Range von Händen halten und wird am Flop oft mit einer schwachen Hand dastehen - wir werden hier vielleicht noch eine Conti-Bet bekommen, mit viel mehr können wir aber nicht rechnen.

  • Offensichtlichkeit der eigenen Hand

Für den letzten Faktor ist mir kein besserer Name eingefallen 😉 Letztlich geht es darum, wie offensichtlich unsere Hand für den Gegner ist. Sets sind so lukrativ, da man sie nur schwer erkennen kann. Wenn in unserem Beispielszenario das Board K J 2 kommt kann ein Call unsererseits viel bedeuten. Wir könnten z.B. ein TP getroffen haben, einen Flush Draw oder eben auch ein Set. Letztlich ist ein Set aber auf jedem Board möglich und man wird uns meist nicht auf exakt diese Hand readen können, wodurch wir mehr Value extrahieren können. Das andere Extrembeispiel ist ein Board wie K J 2 7 5 - wir haben das A. Selbst wenn der Gegner hier ein Set hat wird er uns nicht groß ausbezahlen wenn wir am River Action machen. Der Flush ist einfach zu offensichtlich.

  • Position

Es gibt im NL kaum Entscheidungen, bei denen Position nicht eine wichtige Rolle spielt - so auch hier. Generell spielen wir lieber In Position als Out of Position und das gilt auch hier. Die Position ermöglicht es uns, einfacher Value zu extrahieren. Nehmen wir für unser Beispielszenario an wir treffen unser Set am Flop. Der Gegner conti-bettet, wir callen. Am Turn haben wir nun durch die Position einen Informationsvorsprung: wir sehen was UTG macht. Checkt er so können wir aus ihm mit einer kleinen Bet noch etwas Value am Turn herauskitzeln. Bettet er so haben wir die Wahl zwischen Call und Raise. Out of Position ist das schwieriger. Angenommen wir spielen am Flop check/call. UTG weiß nun, dass wir etwas haben müssen. Wenn wir am Turn donken sagen wir ihm direkt, "ich habe eine Hand und will Value". Ein guter Spieler wird hier sehr vorsichtig weiterspielen und wir bekommen nicht mehr allzuviel Value. Insbesondere wird er uns nicht raisen. Wenn wir checken kann es gut sein, dass UTG hier Pot Control betreibt und einfach behind checkt. Wir bekommen am Turn also kein Geld mehr in den Pot und werden nur noch eine kleine Riverbet machen können, da der Pot nicht allzu groß ist.

Die konkrete Abschätzung eines Betrags für die Implied Odds ist und bleibt schwierig - letztlich braucht es Erfahrung um bessere Abschätzungen zu machen. Die oben genannten Faktoren helfen Euch aber dabei, die Abschätzung etwas zu formalisieren und damit zu besseren Entscheidungen zu kommen. Generell würde ich mir in jeder Situation überlegen: "angenommen ich bin in der Position meines Gegners, wie würde ich auf den folgenden Strassen weiterspielen? Wieviel würde ich noch callen?".

Handanalysen

Im folgenden betrachten wir uns noch 3 Hände, um die Faktoren einmal direkt anzuwenden. Wir gehen hierbei immer, sofern nichts angegeben, von Big Stacks mit 100BB aus.

Hand 1

Wie liest man eine Beispielhand?

Preflop: Hero is SB with J, Q
2 folds, MP1 calls $0,10, MP2 calls $0,10, 3 folds, Hero calls $0,05, BB checks.

Flop: ($0,40) 8, K, 6 (4 players)
Hero checks, BB checks, MP1 checks, MP2 bets $0,30, Hero ???

Wir haben hier letztlich nur die 9 Outs zum Flush. Ich würde hier davon ausgehen, dass ich mit einem :h oft vorne liege - nur das A:h schlägt uns. Trotzdem sollten wir das nicht unter den Tisch fallen lassen und müssen die Outs discounten. Nehmen wir einfach mal 6 Outs an, was in etwa 7:1 entspricht. Wir müssen 0,30$ zahlen, benötigen also 7*0,30$=2,10$ im Pot. Der Pot selbst liefert aber nur 0,70$ - wir benötigen also 1,40$ Implied Odds damit der Call break even ist. Ist das realistisch?

Alles spricht hier gegen einen Call. Wir sind in einem unraised Pot, d.h. wir wissen nichts über die Hand des Gegners. Seine Bet am Flop kann eine Positions-Bet sein: alle haben zu ihm gecheckt, da kann er gut einen Stealversuch machen. Des Weiteren liegen, wenn wir unser Out treffen, vier :h auf dem Board. Selbst ein Fisch öffnet hier die Augen und sieht die Flush-Gefahr. Hier wird eigentlich nur noch ein Set eine Bet callen, das dann 10 Outs auf das Full House hat; oder unser Gegner hat den Nutflush und schlägt uns. Letztlich ist auch unsere Position zum extrahieren von Value ungeeignet. Wir müssen wenn das vierte :h kommt in den Gegner reindonken, was ihn noch mehr stutzig machen sollte.

Bei einem Call wäre der Pot 1$ groß. Wir müssten also im Schnitt eine Bet am Turn und am River durchbekommen um 1,40$ zu erhalten. Das ist in dem Beispiel sehr unrealistisch, also folden wir.

Hand 2

Wie liest man eine Beispielhand?

Party Poker
No Limit Holdem Ring game
Blinds: $0.10/$0.25
6 players

Pre-flop: (6 players) Hero is Button with J K
UTG folds, UTG+1 calls, CO raises to $1, Hero calls, SB folds, BB calls, UTG+1 calls.

Flop: 4 3 5 ($4.1, 4 players)
BB checks, UTG+1 checks, CO bets $2, Hero calls, BB folds, UTG+1 folds.

Turn: A ($8.1, 2 players)
CO is all-in $6.5, Hero calls.

Betrachten wir in dieser Hand mal nur Flop und Turn. Am Flop haben wir den Flushdraw und zwei Overcards. Rechnen wir hier einfach mal mit 9-10 Outs, also etwa 4:1. Unsere Pot Odds sind etwa 3:1 - wir brauchen noch etwa 2$ implied odds. Ist das realistisch?

CO hat noch einen Reststack von 6,50$ (siehe Turn), was unsere obere Schranke ist. Seine Hand muss nicht allzu stark sein. Der CO raise kann auch ein Steal sein, evtl. hat er einen Draw oder ein mittleres Pocket. Der Flush ist relativ offensichtlich. Wir haben Position auf den Gegner.

Die Kriterien sind also mittelmässig. Der Call geht aber meines Erachtens in Ordnung - selbst wenn der Gegner eine Hand wie 88 hat - 2$ werden wir noch von ihm bekommen, selbst wenn der Flush ankommt.

Am Turn sieht die Sache dann anders aus. CO pusht hier all-in. Für uns heisst das: es gibt keine Implied Odds mehr. Wir können hier rein nach Odds & Outs spielen. Demnach wäre der Call hier falsch.

Hand 3

BB verteidigt seinen Blind i.d.R. nicht. Er ist ein tricky Player. Wir haben eine Note, dass er gute Hände slowplayed.

Wie liest man eine Beispielhand?

Preflop: Hero is BU with J, T
7 folds, Hero raises $0,40, SB folds, BB calls $0,35.

Flop: ($0,85) 9, 5, 2 (2 players)
BB checks, Hero bets $0,60, BB calls.

Turn: ($2,05) Q (2 players)
BB bets 0,70$, Hero???

Preflop und Flop sind relativ standard: wir versuchen zu stealen, werden gecallt und versuchen den Pot durch eine Conti-Bet mitzunehmen, was leider nicht gelingt. Am Turn wird es interessant: die Q macht uns den OESD und BB donkt hier in uns hinein.

Bei einem 100BB Stack haben wir hier noch viel Potential. Unser Gegner scheint eine Hand zu haben. Wir wissen, dass er normalerweise einfach foldet. Hier callt er Preflop und Flop und donkt am Turn in uns hinein. Das Board ist sehr trocken, so dass Draws unwahrscheinlich sind. Evtl. hat er hier ein Set oder ein Overpair, dass er als tricky Player so spielen kann. Wir haben einen OESD, den wir aber erst am Turn bekommen haben. Wenn nun am River eine 8 oder ein K kommt wird er uns so gut wie nie auf eine Straight setzen. Zudem haben wir Position. Wenn er eine starke Hand hat, wird er hier auch den River nochmal anspielen und wir können ihn noch raisen.

Alles in allem sprechen die Faktoren für einen Call. Mit 8 Outs haben wir 4,75:1, müssen also 0,70$*4,75 ~= 3,35$ machen. 2,75$ sind schon im Pot, so dass wir noch 0,60$ Implied Odds benötigen. Wenn wir callen ist der Pot 3,45$ groß. In dieser Situation müssen wir also callen! Wenn wir treffen, werden wir mit hoher Wahrscheinlichkeit noch ordentlich Value bekommen, so dass die Implied Odds den Call profitabel machen.