Aktualisiert am 12 März 26 von

Woche 47 (BSS): Coldcalling

Einleitung

Unter "Coldcallen" versteht man das Mitgehen einer vorangegangenen Erhöhung. Minraises fallen für mich nicht darunter, diese sind wie ein normaler Limp anzusehen. Der folgende Text bezieht sich auf das Spiel an Shorthanded Tischen.

 


Nachteile

Gehen wir eine Erhöhung nur mit, anstatt diese erneut zu raisen, besitzen wir keine Information über die mögliche Stärke der gegnerischen Hand. Kann ein normaler Villain nur eine bestimmte Handrange gegen eine 3-Bet callen, ist seine Openingrange aus manchen Positionen um ein vielfaches größer. Postflop können wir somit gegen alle möglichen Hände spielen und müssen daher größere Vorsicht walten lassen.


Ein weiterer Nachteil (in manchen Situationen) ist die Tatsache, dass man durch das Coldcallen oft in Multiwaypötte gerät, weil nachfolgende Spieler durch unseren Call bessere Odds bekommen und gerade Spieler aus den Blinds oft günstig den Flop sehen können.

Die Wahrscheinlichkeit, dass einer den Flop gut getroffen hat, steigt, die Wahrscheinlichkeit, dass Hero vorne liegt, sinkt. Auch hier ist es wichtig seine eigene Position richtig einschätzen zu können und seine Hand nicht zu overplayen.


Coldcallen wir nur, fehlt uns die Initiative. Zwar können wir diesen Nachteil durch Moves wie Floating oder Bluffraises kompensieren, gerade wenn wir IP sind, allerdings sollten diese Mittel nur in angemessenem Maße eingesetzt werden. Mindestens genauso häufig müssen wir gegen eine Continuationbet von Villain folden, teilweise sogar die beste Hand. Sitzen wir auch noch OOP, wird es noch schwieriger die mangelnde Initiative wegzumachen.

 


Vorteile

Sind Multiwaypötte für Toppairhände oder hohe Pocketpairs eher schädlich, da diese dann stark an Value verlieren, gewinnen Drawing Hands wie Suited Connectors oder kleine Pocket Pairs stark an Wert, je mehr Spieler im Pot sind. Wir bekommen bessere Odds und werden bei einem starken Hit besser ausbezahlt, da die Wahrscheinlichkeit steigt, dass auch ein anderer Spieler den Flop stark getroffen hat.


Zudem ist unsere Hand gewissermaßen versteckt. Genausowenig wie wir Villain's Handrange irgendwie einschränken können, kann er dies mit unserer tun. Zwar kann er davon ausgehen, dass wir Hände wie 72o oder AA nicht coldcallen werden, sofern wir aber auch Hände wie KQ, AJ (Beispiele) coldcallen, ist unsere Range sehr weit und jedes Board kann von uns sehr gut getroffen werden. Ohne Reads oder einer sehr starken Hand wird es für Villain oft sehr schwer, selbst mit Holdings wie TPTK, gegen viel Action von uns weiterzuspielen.


Ein weiterer Vorteil ist Domination. Würden wir potenziell dominierte Hände wie AJ, KQ, AT, etc. immer nur 3-betten, bringen wir damit fast immer alle schlechteren Hände zum folden und werden nur von den besseren gecalled. Treffen wir dann unser Toppair, ist der Untergang oft schon besiegelt. Coldcallen wir hingegen nur, so dominieren wir Villain's Openraisingrange und drehen den Spieß um. Gerade weil viele davon ausgehen, dass wir oben erwähnte Hände 3-betten würden, wird es für Villain selber schwer, so einfach von seinem TP runterzukommen.


Letztlich könnte man noch Potcontrol als Vorteil anführen. Im Gegensatz zu einer 3-Bet bleibt der Pot verhältnismäßig klein. Wir können damit Postflop freier aufspielen ohne wahnsinnig viel Geld zu committen oder direkt in All-In-trächtige Situationen zu kommen, bei denen wir vor schwierigen Entscheidungen stehen.

 


Welche Hände coldcallen wir?

Um es kurz zu sagen: it depends! Shorthanded Tische zeichnen sich durch eine dynmaische Spielweise aus. Macht euch frei von fixen Ranges und geht zu Gegner-, Image- und Historyabhängigem Spiel über! Allerdings möchte ich euch einige allgemeine Hilfen geben, mit denen ihr eure Entscheidung treffen könnt.


Positions! Die Openraisingranges nehmen von UTG -> BU stetig zu. Je "later" der Raise, desto geringer eure Implieds mit Drawing Hands. Dafür steigt die Chance selber zu dominieren, TP-Hände gewinnen an Value. Um der Gefahr, selber dominiert zu werden, zu entgehen, empfiehlt es sich gerade gegen tighte Gegner oder Raises aus early Positions potenziell dominierte Broadwaykarten einfach zu folden, wie es für die meisten von euch ohnehin schon Standard ist.


Mix up your lines! Versucht nicht lesbar zu werden und spielt gleiche Hände unterschiedlich. Es wird sehr schwierig für eure Gegner eure Hand zu lesen, wenn ihr euer Pocket Pair zwei Mal coldcalled habt und dieses Mal auf einmal 3-bettet.


Übertreibt es nicht mit dem Coldcallen! Gegen einen ganz normalen TAG, der aus dem CO openraised, sind Hände wie KQs oder AJ meist recht klare 3-Bets. Die Wahrscheinlichkeit eines Multiwaypots oder eines Squeezes ist je nach Blindbesetzung recht groß, in beiden Fällen können wir kaum profitabel weiterspielen. Gerade als Blinddefense sollten wir nur recht wenig coldcallen. Implieds haben wir sogut wie nie gegen die loose Stealingrange, hinzu kommt der bereits erwähnte Nachteil der mangelnden Initiative und der Position.


Bedenkt, dass ihr nicht nur auf Boards die ihr gut getroffen habt, weiterspielt. Viele Boards eignen sich gut um zu floaten etc, die richtigen Spots erkennt man mit der Zeit dann von alleine.


Zum Schluss noch ein Schmankerl. Befindet sich hinter euch ein aktiver Squeezer, von dem in diesem Moment aller Wahrscheinlichkeit nach ein Squeeze kommen wird, weil die Situation sich dafür anbietet (CO raised, Hero (BU) coldcalled, Squeezer im SB/BB, keine größere History oder dergleichen), kann man durchaus mal sehr starke Hände wie QQ+, AK nur coldcallen und gegen einen Squeeze shoven. Oft bekommt man abenteuerliche Calls, weil einem nicht geglaubt wird.

Dieser Move sollte aber nur in sehr guten Spots und mit Bedacht eingesetzt werden, schließlich wäre ein MWP meistens eine kleine Katastrophe und man kommt in schwierige Situationen, da sie sehr ungewohnt sind.

 

Falls noch Fragen vorhanden sind, stellt sie ruhig. Falls ihr wollt, dass ich auf irgendwelche Aspekte speziell eingehe, teilt mir dies einfach mit. Ansonsten sind wie immer Feedback und Themenvorschläge gern gesehen.