Woche 50 (BSS): Out of Position und der Umgang mit Minraises
Einleitung
Dieser Artikel behandelt ein sehr komplexes Thema welches sich nicht in Gänze hier behandeln lässt. Ich hoffe aber, dass ihr ein paar Ideen und Gedanken mitnehmen könnt und in Zukunft das Problem Minraise besser handhaben könnt.
Wie wir letzte Woche gesehen haben, spielt die Position in No-Limit Holdem eine tragende Rolle und erleichtert uns in vielen Fällen schwere Entscheidungen. Leider geraten wir auch häufig mit mittelstarken Händen (Toppair Good/Topkicker, Overpairs) in Situationen, in denen wir als Aggressor Out of Position spielen müssen.
Solange unsere Gegner sich nicht wehren, sollten entsprechende Standardlines ja aus den Strategieartikeln mittlerweile bekannt sein. Immer wieder sieht man grade auf den Microlimits aber Gegner, die uns, auf allen möglichen Flops, mit Minraises konfrontieren.
Heute beschäftigen wir uns mit einigen dieser Situationen und versuchen sie so zu analysieren, dass ihr in Zukunft selbstständig bessere Entscheidungen treffen könnt.
Hand 1: Drawheavy Board mit 2 Karten aus der Playingzone
$0.15/$0.25 No Limit Holdem 9 players
Stacks:
UTG ($23.10)
Hero ($25.45)
MP1 ($39.85)
MP2 ($57.05)
LP ($18.50)
CO ($30.95)
BTN ($36.15)
SB ($23.35)
BB ($24.20)
Pre-flop: ($0.4, 9 players) Hero is UTG+1 Q
1 fold, Hero bets $1, MP1 calls $1, 6 folds
Flop: 2


Hero bets $2, MP1 raises to $4,
Es gibt hier 3 mögliche Entscheidungen am Flop die alle ihre Berechtigung haben.
- i) Wir folden direkt, weil uns keine sinnvolle Line einfällt wie wir hier weiterspielen sollten.
- ii)Wir reraisen den Gegner AllIn bzw. Reraise und callen dann natürlich wegen den Potodds einen Push
- iii) Wir callen den Flop und entscheiden uns am Turn komplett neu
Diskutieren wir die Vor- und Nachteile der einzelnen Lines:
-
i) Ein Fold auf einen Minraise ist hier defintiv zu weak. Wenn wir hier immer folden, dann ist das viel zu einfach gegen uns zu verwenden und unser Gegner wird uns zu jeder guten Gelegenheit Bluffminraisen. -> damit scheidet der Fold in vielen Fällen schonmal aus.
-
ii) Auf diesem Flop kann unser Gegner viele Made Hands halten: Set, Twopair, ein Overpair < QQ, einen Draw mit der er plant günstig einen River zu sehen.
Board: 2c 8d 9d
Dead:equity win tie pots won pots tied
Hand 0: 55.306% 55.31% 00.00% 25734 0.00 { QhQs }
Hand 1: 44.694% 44.69% 00.00% 20796 0.00 { JJ-88, 22, AdKd, JTs, 98s, JTo, 98o }Wie wir sehen sind wir gegen diese Range leicht vorne. Wenn wir damit rechnen, dass unser Gegner jede 9 noch so spielt, dann vergrößert sich unsere Equity noch deutlich. Das heisst für uns, dass hier der Reraise gegen einen aggressiven Gegner der einzige richtige Spielzug ist.
-
iii) Unser Gegner ist relativ passiv und wir trauem ihm nicht zu mit einer mitteldurchschnittlich Hand hier zu raisen (z.b. TP no Kicker), aber wissen auch nicht ganz genau womit er den Minraise macht.
In diesem Fall würde ich vorschlagen, dass man den Flop callt und je nach Turnkarte eine neue Entscheidung trifft. Tendenziell ist C/F am Turn die bessere Line gegen einen passiven Spieler, falls er groß bettet. C/C ist eine Option auf eine kleine Bet. Gegen Spieler, die am Flop und Turn ihre Draws aggressiv spielen, kann man auch checkraisen.
Eine Line, die man sich auch schon für spätere Hände vormerken kann, ist übrigens:
Call Flop (Minraise) und B/F Turn. Dadurch definieren wir unsere eigene Hand ziemlich genau -> wir zeigen dem Gegner, dass wir eine Hand halten.
Wenn wir am Turn geraised werden, dann wissen wir mit ziemlicher Sicherheit, dass unsere Hand nicht mehr die beste ist und können aufgeben. Mit einem Call vom Gegner verhält es sich oft ähnlich, ist aber grade auf Drawheavy Board sehr schwer abzuschätzen.
Fazit zu Hand 1: Hier helfen Reads enorm bei der richtigen Entscheidung. Beobachtet eure Gegner intensiv und notiert euch, wie sie bestimmte Hände auf bestimmten Boards spielen.
Hand 2: AK OOP (eine mögliche Line um herauszufinden was der Gegner hält
Preflop: Hero is MP3 with K
5 folds, Hero raises to $0,40, CO calls 0.40, 3 folds
Flop: ($0,95) K


Hero bets $0.60, CO raises to $1,80, Hero ????
Wie auch schon zuvor gibts hier mehrere Lines die ihre Berechtigung haben. Wie wir schon grade festgestellt haben schenken wir der Line Fold Flop erstmal keine Beachtung (ausser der Gegner ist z.b. ein Rock der nur Monster raised)
Also stehen uns die Line i) Call Flop und eine neue Entscheidung am Turn und Line ii) Reraise Flop zur Verfügung.
-
i) Wie in Hand 1 schon gesehen empfiehlt sich in vielen Fällen hier die Call Flop Bet/Fold Turn Line um unsere Hand einfach zu definieren.
Allerdings kann man je nach Aggressivität des Gegners die Line natürlich stark abwandeln. (ein aggressiver Gegner wird am Flop oft Sets, alle möglichen Kings und eine Menge Pocketpairs raisen, weil er uns nicht glaubt, dass wir den Flop getroffen haben -> womit er in vielen Fällen auch Recht hat)
Board: 5c 9d Kh
Dead:equity win tie pots won pots tied
Hand 0: 71.884% 71.58% 00.30% 48897 207.00 { AsKs }
Hand 1: 28.116% 27.81% 00.30% 18999 207.00 { KK, JJ-77, 55, K8s+, K8o+ }Da wir gegen diese Range natürlich weit vorne sind (und ein Reraise unsererseits keinen direkten Zweck erfüllen würde) callen wir auch gegen sehr aggressive Spieler den Flop und entscheiden uns am Turn neu.
Hier bietet sich in vielen Fällen an C/C am Turn zu spielen bzw. man könnte gegen manche wirklich schlechte Gegner nachdenken am Turn C/R zu spielen, wenn man weiss, dass sie sich auch mit mittelmässigen Toppairs stacken lassen. (die sie am River evtl. nicht noch ein 3x betten würden und sich lieber den Freeshowdown nehmen würden).
Gegen passive Gegner sollte man am Turn auf große Bets tendentiell eher folden. Diese werden mit einer mittelstarken Hand oft den Turn nicht nochmal groß betten.
-
ii) Die Reraise Flop Line macht auf den ersten Blick wenig Sinn. (weil wir in i) schon festgestellt die besseren Hände des Gegners am Flop eh callen würden und die schlechteren folden würden)
Allerdings kann man gegen bestimmte Gegner den Flop trotzdem relativ weak reraisen, um herauszubekommen ob der Gegner seine Sets minraised oder nicht. Im Normalfall wird der Gegner alle schlechteren Hände als Set folden und seine Sets entweder callen oder reraisen.
Die Line Reraise Flop ist also nur dafür geeignet, um herauszufinden ob der Gegner seine Sets mit Minraises spielt oder nicht. Man muss dafür auf einem trockenen Board auch nicht unbedingt eine gute Hand dafür verwenden, sondern kann es im Prinzip mit irgendwelchen Karten machen. (aber ein trockenes Board dafür verwenden auf dem keine Draws möglich sind)
Hand 3: Paired und Semidrawy Board
$0.15/$0.25 No Limit Holdem (6 players)
Stacks:
Hero ($26.35)
UTG+1 ($20.60)
CO ($16.70)
BTN ($25.40)
SB ($37.60)
BB ($25.55)
Pre-flop: ($0.4, 6 players) Hero is UTG with Q
Hero bets $1, UTG+1 calls $1, 4 folds
Flop: J


Hero bets $1.50, UTG+1 bets $3
Kommen wir zur letzten Hand die wir heute besprechen wollen. Vor uns liegt ein semidrawy Board (T9 macht einen Openended Straightdraw und dazu gibts noch einen möglichen Flushdraw), dass allerdings Paired ist.
Unser Gegner kann hier mit einer großen Reihe von Händen In Position raisen. Da gibt's den Flushdraw, den Openended Straightdraw, das Fullhouse mit J8 und 88, einen einzelnen Jack, ein Pocketpair (das uns nicht glaubt, dass wir hier eine starke Hand halten)
Board: Js Jh 8h
Dead:
equity win tie pots won pots tied
Hand 0: 47.085% 47.09% 00.00% 28901 0.00 { QhQs }
Hand 1: 52.915% 52.91% 00.00% 32479 0.00 { JJ-88, AhKh, J8s+, T9s, 6h5h, J7o+, T9o }
Im Prinzip sind wir hier leicht hinten, aber je nach Rangeveränderung kann sich das hier stark ändern. Am Flop ist ein Reraise aus diesem Grund eigentlich nicht so gut und es empfiehlt sich oft erstmal nur zu callen und sich den Turn anzuschauen.
Schauen wir uns die möglichen Situationen an die am Turn entstehen:
-
i) Eine Karte, die einen Draw completet erscheint am Turn:
Tendentiell bevorzuge ich hier C/F zu spielen, da unser Gegner in vielen Fällen nicht mehr dazu neigt hier ohne starke Hand zu betten. (da der Draw genausogut für uns angekommen sein könnte)
-> Je passiver der Gegner, desto eher spielt man hier C/F.
-
ii) Es erscheint eine Blank am Turn. Eine readunabhängige Line ist hier wieder C/C Flop B/F Turn. Allerdings wird's kritisch, wenn uns unser Gegner nochmal called und wir am River vor der nächsten schweren Entscheidung stehen.
Ein passiver Spieler wird hier am Turn oft nur noch starke Hände betten die uns tendentiell geschlagen haben -> C/F
Ein aggressiver Spieler wird hier evtl. nochmal die ganze Palette mit der er uns am Flop geraised hat betten. Hier könnte man unter Umständen zu einem C/R tendieren, da unsere Equity gegen die Draws des Gegners etwas besser wird.
Fazit
Findet raus wie unser Gegner seine Made Hand, Draws und Bluffs spielt und entscheidet danach eure Spielzüge.