Aktualisiert am 06 Juli 26 von

Mathematik des Pokerns - Implied Pot Odds

Einleitung

In diesem Artikel

  • Implied Pot Odds sind verbesserte Pot Odds
  • Es hängt alles davon ab, wie zahlfreudig der Gegner ist

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Im Artikel zu den Outs, Odds und Pot Odds hast du das grundlegende
mathematische Verfahren kennen gelernt, mit dem man im Poker die
Profitabilität eines Draws feststellen kannst. Du zählst die Karten,
die dein Blatt verbessern, die Outs, stellst die Wahrscheinlichkeit
fest, mit der eine dieser Karten ausgeteilt wird, das sind die Odds,
und vergleichst sie schließlich mit den Pot Odds, also dem Verhältnis
von möglichem Gewinn zu Einsatz.

Doch es geht noch weiter. Denn die Pots Odds
betrachten ja nur: Was ist momentan im Pot? Doch es ist ja nun nicht
gerade selten, dass ein Gegner noch weiteres Geld investiert, wenn du
deinen Draw vervollständigen kannst. Diese möglichen zukünftigen
Gewinne werden bei der Berechnung der Pot Odds nicht herangezogen.

Und hier kommen die implied Pot Odds ins Spiel, um
die sich dieser Artikel dreht. Sie sind die Pot Odds, die nicht nur das
Geld berücksichtigen, das aktuell schon im Pot ist, sondern auch das
Geld, das dein Gegner später eventuell noch in den Pot einzahlen
wird... eventuell - implied Pot Odds sind nicht mehr reine Mathematik,
sondern haben etwas Spekulatives. Du musst eine Annahme darüber
treffen, wie viel der Gegner noch bezahlen wird, wenn du deinen Draw
vervollständigst.

Was sind implied Pot Odds

Wie schon erwähnt, sind implied Pot Odds oder implied Odds modifizierte
Pot Odds, die berücksichtigen, dass dein Gegner häufig auch dann noch
Einsätze machen wird, wenn du deine Hand triffst.

Ein Beispiel für die Anwendung der implied Pot
Odds hast du sogar schon kennen gelernt. Es ist das Mitgehen20 aus dem
Starting-Hands-Chart. Du gehst mit einem mittleren oder kleinen Paar
eine Erhöhung vor dem Flop mit, wenn ihr beide, du und dein Gegner,
noch mindestens das 20-fache dieses Einsatzes an Geld übrig habt.

Du spekulierst beim Mitgehen rein darauf, deinen
Drilling am Flop zu treffen und dann richtig Kasse zu machen. Du
triffst den Drilling aber nur in etwa 12% der Fälle. Das heißt
überspitzt, dass du in 88% der Fälle deine Karten am Flop gleich wieder
wegwirfst.

Zu 88% war deine Investition ein Verlustgeschäft. Langfristig ist das
Mitgehen einer Erhöhung in diesem Fall also nur profitabel, wenn du in
den 12%, in denen du deinen Drilling triffst, genügend Geld wieder
hereinholst, um die Verluste auszugleichen.

Um aber vom Gegner ordentlich Geld gewinnen zu
können, muss er Geld haben. Du kannst kein Geld gewinnen, das er nicht
hat. Und auf der anderen Seite kannst du nur das Geld von ihm gewinnen,
was du auch selbst einsetzen kannst. Daher müsst ihr beide einen
genügend großen Stack haben, eben das 20-fache, ein ausreichend hoher
Wert, der auch alle anderen Faktoren abdeckt, z.B. dass der Gegner ja
nicht immer seinen Stack in die Mitte schiebt, wenn du deinen Drilling
triffst.

Doch zurück zum Thema: Allein von den Pot Odds vor
dem Flop wäre das Mitgehen unprofitabel. Es
wird erst dadurch profitabel, dass du später einen großen Betrag
gewinnen kannst, wenn du denn triffst. Mit einem Paar einen Drilling zu
treffen, nachdem ein Gegner vor dem Flop erhöht hat, verspricht gute
implied Odds, was aber nur der Fall ist, wenn der Gegner auch noch
genug Geld zum Verlieren übrig hat.

In der Tat ist es so, dass sich in No-Limit Hold’em nach der
Bigstack-Strategie viele Entscheidungen nicht nach den Pot Odds
richten, sondern nach den implied Pot Odds, da die Einsätze einfach
sehr hoch werden können. No-Limit Hold’em ist ein Spiel der implied Pot
Odds. Es stellt sich weniger die Frage: Wie viel ist jetzt im Pot, das
ich gewinnen kann, sondern: Wie viel werde ich gewinnen können, wenn
ich meine Hand treffe?

Die implied Pot Odds sind also das Verhältnis Aktueller Pot + anzunehmende zukünftige Einsätze des Gegners : von dir zu zahlender Einsatz.

Implied Pot Odds = (Aktueller Pot + zukünftige Einsätze des Gegners) : zu bringender Einsatz
BEISPIEL
Vor dem Flop - NL25 Blinds: $0.10/$0.25
Du bist im BB

  • UTG1, UTG2, UTG3 und MP1 steigen aus
  • MP3 und CO gehen $0.25 mit
  • BU steigt aus
  • SB geht $0.15 mit
  • Du schiebst
Am Flop - Aktive Spieler(5): Du, SB, MP2, MP3, CO - Pot: $1.00
  • SB setzt $0.5
  • Du gehst $0.5 mit
  • MP3 und CO steigen aus
Am Turn - Aktive Spieler(3): Du, SB, MP2 - Pot: $2.00
  • SB setzt $1.75
  • Du steigst aus

Du hältst einen Flushdraw und bekommst am Flop Pot
Odds von 3:1. Du hast volle 9 Outs und brauchst eigentlich Pot Odds von
mindestens 4:1. Rein nach Pot Odds müsstest du also aussteigen.

Allerdings gibt es ja noch die implied Odds. Der
Einsatz beträgt $0.50. Das bedeutet, dass der Pot $2 groß sein müsste.
Er ist aber nur $1.50 groß. Es fehlen $0.50.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass du dieses Geld
noch gewinnen kannst, wenn du am Turn den Flush komplettierst. Im
Beispiel geschieht das leider nicht und dein Gegner setzt erneut. Die
Pot Odds liegen jetzt bei 2.1:1. Du brauchst wieder 4:1.

Der Pot müsste damit mindestens $7 groß sein. Es
fehlen $3.25. Gehst du mit, beträgt der Pot am River $5.50. Es ist
nicht sicher, dass du das Geld am River noch bekommst. Deine Spielweise
deutet stark auf einen Draw hin und im Verhältnis zum Pot muss der
Gegner einen relativ großen Einsatz zahlen.

Ist er schlecht und wird er ein Paar Asse am River
nicht weglegen, kannst du evtl. noch mitgehen. Im Regelfall aber hast
du hier nicht die nötigen implied Pot Odds.

Was beeinflusst deine implied Pot Odds?

Im Gegensatz zu den reinen Pot Odds basieren die
implied Pot Odds letztlich auf Annahmen, nämlich darüber, wie viel Geld
dein Gegner in der Zukunft noch zu investieren bereit ist.

Die wichtigsten Faktoren, die deine implied Pot Odds beeinflussen sind:

  • Wie loose ist dein Gegner?

    Loose heißt, dass ein Spieler gerne zum Showdown geht und seine Hand
    nur schwer ablegen kann. Je schwerer es einem Spieler fällt, seine
    Karten abzulegen, je looser er ist, desto höher sind deine implied Pot
    Odds.

    Im Gegensatz dazu steht die Frage,
    wie loose ein Spieler vor dem Flop ist. Wenn ein Gegner bspw. vor dem
    Flop viele Hände erhöht, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass er wirklich
    eine gute Hand am Flop trifft. Dementsprechend sinken die implied Odds,
    es sei denn, er ist ein ausgeprägter Maniac, der nach dem Flop gerne
    große Bluffs startet.

  • Wie viel Stärke signalisiert dein Gegner?

    Je stärker die Hand deines Gegners, desto schwerer wird es ihm fallen, die Hand später aufzugeben.

  • Wie offensichtlich ist deine Hand?

    Je offensichtlicher deine Hand ist, desto geringer sind natürlich die
    implied Pot Odds. Ein Flushdraw bzw. fertiger Flush ist zum Beispiel
    relativ offensichtlich. Ein doppelter Gutshot hingegen ist schon nicht
    mehr so offensichtlich. Dabei bedeutet Offensichtlichkeit nicht nur,
    dass die Karten des Boards deine Hand verraten, sondern auch deine
    Spielweise.

    Wenn z.B. zwei Karten der gleichen
    Farbe im Flop liegen, du schiebst und einen Einsatz mitgehst, und dann
    Action machst, wenn der Turn die dritte Flushkarte in der Farbe zeigt,
    dann ist deine Hand für viele Gegner einfach offensichtlich.

  • Hast du Position auf den Gegner?

    Es ist leichter, noch Geld von einem Gegner zu extrahieren, wenn man
    Position auf ihn hat, also in den Setzrunden nach ihm agieren kann.
    Daher sind da deine implied Pot Odds besser.

  • Seid ihr am Flop oder am Turn

    Die implied Pot Odds auf die nächste Gemeinschaftskarte sind im
    Regelfall am Flop besser als am Turn, da du mehr Möglichkeiten hast,
    den Gegner noch zu weiteren Investitionen zu bewegen, wenn du zwei
    Setzrunden statt nur einer noch vor dir hast.

  • Wie groß sind die an der Hand beteiligten Stacks?

    Es ist nur logisch: Je mehr Geld die an der Hand beteiligten Spieler haben, desto mehr Geld kann man möglicherweise gewinnen.

BEISPIEL
Vor dem Flop - NL25 Blinds: $0.10/$0.25
Du bist im CO

  • UTG1 steigt aus
  • UTG2 geht $0.25 mit
  • UTG3, MP1, MP2 und MP3 steigen aus
  • Du erhöhst auf $1.25
  • BU, SB und BB steigen aus
  • UTG2 geht $1 mit
Am Flop - Aktive Spieler(2): Du, UTG2 - Pot: $2.85
  • UTG2 schiebt
  • Du setzt $2
  • UTG2 erhöht auf $6
  • Du gehst $4 mit
Am Turn - Aktive Spieler(2): Du, UTG2 - Pot: $14.85
  • UTG2 setzt $8
  • Du steigst aus

Am Flop hast du einen Flushdraw und zwei Überkarten. Du musst nach der
Erhöhung deines Gegners $4 bezahlen, um einen Pot von $10.85 zu
gewinnen. Das macht Pot Odds von 2.7:1. Benötigen würdest du 4:1. Dein
Gegner müsste am Turn noch etwa $5.5 nachlegen. Davon ist auszugehen,
denn sein Checkraise (er schiebt und erhöht dann) demonstriert viel
Stärke.

Normalerweise kannst du also mitgehen. Allerdings können die
Begründungen für das Mitgehen von Gegner zu Gegner unterschiedlich
sein. Gegen einen sehr tighten Gegner gehst du mit, da er oft eine sehr
starke Hand haben wird wie einen Drilling, zwei Paare oder ein
Überpaar. Hier hast du zeitweise nur 8 Outs, aber dein Gegner wird in
den meisten Fällen noch seinen kompletten Stack in die Mitte schieben,
wenn du triffst.

Hast du umgekehrt einen sehr loosen und aggressiven Gegner, ist dies
nicht der Fall. Dann jedoch hast du oft auch mit einem Ass oder einer
Dame am Turn noch die beste Hand, somit 12-13 Outs, benötigst damit nur
noch Pot Odds von 2:1.

Am Turn wirst du ohne Treffer meist aufgeben
müssen, mit Treffer meist alles riskieren. Unabhängig vom Gegnertyp
werden eine Dame oder ein Ass als Riverkarte dir meist nicht mehr die
beste Hand machen. Du hast also 7-9 Outs. Am River wird der Pot 30.85$
groß sein, ihr habt dann beide noch rund 10$.

Hat dein Gegner irgendeine Hand, kommt er nicht
mehr davon weg. Du zahlst also am Turn $8, um auch bei einem Treffer
noch $10 extra zu gewinnen. Deine implied Pot Odds liegen damit bei
4.1:1. Es ist sehr knapp. Du benötigst zwischen 4:1 und 5:1.

Du solltest in dieser Situation aussteigen. Zwar
bekommst du $10 zusätzlich, wenn du gewinnst, verlierst aber auch
weitere $10, wenn du den Flush triffst, dieser deinem Gegner aber ein
Full House gibt. Dieser Umstand gibt den Ausschlag.

Noch einfacher wäre es bei einer Drei am Turn. Dann kannst du sogar schon am Turn gegen ein fertiges Full House stehen.

Fazit

No-Limit Hold'em ist ein Spiel der implied Pot Odds, einfach aus dem
Grunde, dass die Einsätze nach oben hin nicht begrenzt sind und mit
jeder Setzrunde anwachsen, man in späteren Setzrunden also auch mehr
Geld in den Pot ziehen kann als in früheren.

Zusammenfassend können wir festhalten:

  • Je mehr Stärke dein Gegner signalisiert
  • Je weniger offensichtlich deine Hand ist
  • Je schwerer sich dein Gegner von einer Hand trennen kann

... desto besser sind deine implied Pot Odds.
Zudem sind sie am Flop höher als am Turn und höher, wenn du Position
auf den Gegner hast.

Dennoch muss hier betont werden, dass du deine
implied Odds nicht überschätzen solltest. Sei vorsichtig in deinen
Annahmen darüber, wie viel Geld du von deinem Gegner noch extrahieren
kannst.

Mit diesem Artikel und dem zu den Odds, Outs und
Pot Odds hast du das Thema Mathematik des Pokerns fürs Erste
erfolgreich hinter dich gebracht. Die jetzt noch fehlenden drei Artikel
aus dieser Einführungsreihe in die Bigstackstrategie befassen sich mit
dem konkreten Spiel nach dem Flop. Der erste Text behandelt die für
dich als tight-aggressiven Spieler wohl wichtigste Spielsituation,
nämlich die, in der du vor dem Flop erhöht hast.

Gehe zum Artikel: Nach dem Flop - Du hast vor dem Flop erhöht