Woche 37 (BSS): Handanalysen zum Thema: Gewinne ich die richtigen Pötte?
Vorwort |
von Thorsten77 |
Letzte Woche haben wir uns mit der Frage "Gewinne ich die richtigen Pötte?" beschäftigt. Folgende Regel wurde aufgestellt:
„Je besser die eigene Hand, desto größer sollte der Pot sein um den man spielt. Analog gilt: Je schlechter die eigene Hand, desto kleiner sollte der Pot sein um den man spielt.“
In dieser Woche analysieren wir ein paar typische Situationen. Wir betrachten, mit welchen Bet-Sequenzen wir die Größe des Pots kontrollieren können und welche Vorteile dies hat.
1. Hand
BB: $11,66
Hero: $9,90
0,05/0,10 No-Limit Hold'em (9 handed)
Preflop: Hero is MP3 with A

UTG+1 calls $0,10, 2 folds, MP2 checks, Hero raises to $0,60, 3 folds, BB calls $0,50, 2 folds.
Preflop ist standard: wir raisen mit AA - zum einen wollen wir keinen Multiway-Pot, zum anderen möchten wir den Pot etwas aufbauen, da wir zur Zeit die bestmögliche Hand haben.
Flop: ($1,45) 4


BB bets $0,10, Hero raises to $1,00, BB calls $0,90.
Am Flop gilt es die Situation neu zu evaluieren. BB hat unseren Raise preflop gecallt. Am wahrscheinlichsten würde ich bei ihm ein Pocket Pair vermuten. Manche Spieler callen hier auch mit suited connectors, wobei das in dieser Situation kein guter Spielzug wäre. Letztlich kann er auch noch 2 Overcards wie AQ/AK/KQs haben, die er nicht reraisen wollte.
Insgesamt sehe ich mich gegen seine Range vorne. Mein Overpair ist eine schöne Hand, aber ich habe definitiv nicht die Nuts und die Hand ist verwundbar. Ich entscheide mich dafür, mit meinem Overpair um einen mittelgroßen Pot spielen zu wollen. Wie erreiche ich das am Besten? Man kann hier checken und den Turn betten, oder den Flop betten und den Turn checken. Es sind hier zwar ausser 65 keine Draws möglich, aber evtl. hält er auch eine Hand wie 88-TT - wenn nun eine höhere Karte am Turn kommt bekomme ich weniger Value, so dass ich hier einen Raise gut finde.
Turn: ($3,45) Q
BB checks, Hero checks.
Am Turn kommt eine Blank, d.h. eine Karte die die Situation nicht verändern sollte. Entsprechend bleibe ich bei meiner Strategie für die Hand und checke den Turn um den Pot nicht größer werden zu lassen. Um wirklich zu verstehen warum die Spielweise sinnvoll ist betrachten wir zwei mögliche Szenarien:
S1: Gegner hat 88. Im ersten Szenario liegen wir weit vorne. Der Gegner hatte am Flop ein Overpair und daher gecallt. Nun kommt die Q, die ihm nicht gefällt. Wenn wir betten zeigen wir große Stärke. Wir könnten ein Overpair haben oder eine Hand wie KQ/AQ - alles Hände die seine 88 schlagen. Wenn er mitdenkt kann er sich hier einfach von seiner Hand trennen und wir bekommen kein Value mehr von ihm.
Checken wir allerdings sieht es für ihn anders aus: wir haben standardmäßig eine Conti-Bet gemacht und zeigen am Turn Schwäche. Wir können hier z.B den Flop/Turn mit AK verfehlt haben. Auf jeden Fall suggerieren wir Schwäche und oft wird der Gegner den River betten oder eine kleine Value Bet callen. Durch den check behind ermöglichen wir also, von schwächeren Händen noch Value zu bekommen. Sicherlich geben wir ihm so eine Freecard - aber da er nur 2 Outs hat ist es weit profitbler den Pot klein zu halten und am River noch etwas Value rauszuholen - er trifft seine dritte 8 einfach zu selten.
S2: Gegner hat 77. Im zweiten Szenario liegen wir weit hinten. Wir haben gerade mal 2 Outs. Wenn wir nun betten wird der Gegner garantiert nicht folden. Angenommen wir betten 2,50$. Nun könnte der Gegner entweder callen (der Pot ist dann knapp 8,50$ groß) und den River pushen - wir haben eine schwere Entscheidung zu treffen. Er könnte genausogut einen kleinen Reraise machen - kann man hier einfach folden? Spielt er vielleicht KQ/AQ und hat nun TP? Hat er evtl. KK slow gespielt? Auch hier kommen wir in eine knifflige Situation.
Die Szenarien zeigen sehr gut: durch den Check behind geben wir eine Freecard die uns selten gefährdet, bekommen aber oft noch value von schwächeren Händen. Die Bet hingegen vertreibt schwächere Hände, bringt uns aber in schwierige Situationen falls der Gegner uns raist.
River: ($3,45) J
BB bets $2,00, Hero calls $2,00.
Nun bettet unser Gegner in uns rein. Wir haben am Turn Schwäche gezeigt, entsprechend müssen wir hier ganz klar callen. Hat er 88 so gewinnen wir hier einen Pot von ~7,50$ - also einen mittleren Pot. Hat er 77 so verlieren wir den Pot auch hier - aber wir verlieren mit unserer mittelstarken Hand einen mittelgroßen Pot. Hätten wir den Turn gebettet hätten wir hier wohl unseren Stach verloren.
2. Hand
Die zweite Hand zeigt eine ähnliche Situation, nur dass wir hier den Pot nicht kontrollieren:
Hero: $26,46
UTG+1: $18,22
0,10/0,25 No-Limit Hold'em (10 handed)
Preflop: Hero is CO with A

UTG folds, UTG+1 calls $0,25, 4 folds, Hero raises to $1,25, 3 folds, UTG+1 calls $1,00.
Flop: ($2,85) 6


UTG+1 checks, Hero bets $2, UTG+1 calls $2,00.
Turn: ($6,85) J
UTG+1 checks, Hero bets $4,75, UTG+1 raises to $9,50, Hero calls $4,75.
River: ($25,85) Q
UTG+1 bets $5,47 (All-In), Hero calls $5,47.
Das Problem ist die Bet am Turn. Durch die Bet commiten wir uns mit unserem Overpair. In der Regel vertreiben wir schwächere Hände und zahlen stärkere Hände aus. Hätten wir am Turn nur gecheckt hätten wir am River auf einen Push noch folden können. So wie die Hand gespielt wurde kommen wir nicht mehr von der Hand weg und müssen callen. Oft sieht man in so einer Situation dann hände wie 66 oder 88.
3. Hand
Hero: $10,00
SB: $9,90
0,05/0,10 No-Limit Hold'em (9 handed)
Preflop: Hero is BB with A

Flop: ($0,20) 4


SB checks, Hero bets $0,15, SB calls $0,15.
Hero hat TPTK und bettet um den Pot mitzunehmen - man will hier keine Overcard sehen. Er wird allerdings gecallt.
Turn: ($0,50) 8
SB checks, Hero bets $0,40, SB raises $1,80, Hero ???
Am Turn kommt eine Blank. Wir haben eine marginale Hand und wollen um einen kleineren Pot spielen. SB checkt und wir betten nochmal; unser Plan ist es, den Turn nochmal zu betten um gegen Overcards zu protecten und am River einen free showdown zu bekommen. Nun kommt allerdings ein Raise. SB sagt hier ganz klar, dass er um einen größeren Pot spielen will. Wenn wir callen wird der Pot am River $4,10 groß und wir können eine erneute Riverbet erwarten. Wenn SB am River nochmal 3$ bettet spielen wir also insgesamt um einen Pot der am Showdown gut 10$ groß sein wird. Das wollen wir mit unserer marginalen Hand definitiv nicht. Also folden wir.
4. Hand
Betrachten wir nun eine andere Situation: wir treffen ein Set. Full Ring Spieler werden oft als "Set miner" bezeichnet: sie folden fast alle Hände ausser sehr starke Starthände und Pocket Pairs; mit letzteren callen sie und hoffen ein Set zu treffen mit denen man den Gegner stackt. Man kann mit dieser Spielweise sicherlich auf den Limits bis NL100 gut profitabel spielen - doch auch in diesen Situationen muss man "richtig" spielen.
Hero: $4,94
BB: $8,44
SB: $5,10
MP3: $6
0,02/0,04 No-Limit Hold'em (9 handed)
Preflop: Hero is MP1 with 2

2 folds, Hero calls $0,04, MP2 folds, MP3 checks, 2 folds, SB calls $0,02, BB checks.
Preflop ist Standard: wir haben das niedrigste Pocket Pair in MP und limpen.
Flop: ($0,16) 2


SB bets $0,12, BB folds, Hero calls $0,12, MP3 calls $0,12.
Wir sind mit 3 Gegnern am Flop, was ein sehr gutes Resultat ist: wir haben uns den Flop günstig anschauen können und durch drei Gegner haben wir auch ordentliche implied odds. Dank Fortuna treffen wir auch unser Set.
Doch hier macht Hero einen kapitalen Fehler. Er hat bottom set und es gibt nur 2 Hände die ihn schlagen: 77 und QQ. QQ ist dazu noch äußerst unwahrscheinlich, da diese Hand preflop geraist hätte. Entsprechend sehe ich mich hier klar vorne und schätze meine Hand als sehr stark ein. Daher möchte ich um einen großen Pot spielen. Das erreiche ich aber nicht durch callen, sondern durch einen Raise.
Der Call ist hier aus 2 Gründen falsch:
1. Wir protecten nicht. Wir spielen gegen 3 Gegner in einem unraised Pot. Wir können die Gegner schwer auf eine enge Range setzen - eine Vielzahl von Händen sind möglich. Bei 3 Gegnern ist ein :h Flushdraw aber nicht unwahrscheinlich. Entsprechend müssen wir unsere Hand schützen, zumal wir bei starken Händen immer Schwierigkeiten haben werden unsere Hand loszulassen.
2. Wir müssen den Pot aufbauen. Wir haben auf dem Flop quasi die Nuts. Mit dem Set will ich all-in; in solchen Situationen machen wir am meisten Gewinn. Wenn ich nun aber calle wird der Pot oft nicht groß genug, so dass ich meinen Gegner nicht stacken kann.
Turn: ($0,52) T
SB bets $0,24, Hero raises to $0,70, MP3 calls $0,70, SB calls $0,46.
Hier raisen wir zwar, doch das ist eigentlich schon zu spät. Nehmen wir an MP3 foldet und SB callt unseren Raise: der Pot ist nun etwa 2$ groß, aber der Gegner hat noch etwa 4$ übrig - ohne die gegnerische Mithilfe werden wir hier nie genug Value aus der Hand bekommen, da wir bei einer normalen Riverbet von etwa 1,50$ insgesamt nur einen halben Stack vom Gegner gewonnen haben.
River: ($2,62) K
SB checks, Hero bets $2,00, MP3 raises $4,32 (all-in) [/COLOR], SB folds, Hero ???.
Am River sehen wir dann den worst case: Die straight wird möglich und der Flushdraw (relativ wahrscheinlich nach der Spielweise bisher) kommt an. Wir betten und werden all-in gesetzt. Durch die schlechte Spielweise auf den vorigen Strassen haben wir uns in eine unschöne Situation gebracht: wir haben zwar ein Set, bekommen auch noch gute Pot Odds für einen Call, aber liegen in der Regel nun immer hinten.
5. Hand
In der letzten Hand betrachten wir eine weitere wichtige Kategorie von Händen: Draws.
UTG+1: $3,53
Hero: $5,08
MP1: $2,09
SB: $3,66
BB: $1,96
CO: $1,88
0,02/0,04 No-Limit Hold'em (10 handed)
Preflop: Hero is MP2 with 7

UTG folds, UTG+1 calls $0,04, UTG+2 folds, MP1 calls $0,04, Hero calls $0,04, MP3 folds, CO calls $0,04, BU folds, SB calls $0,02, BB checks.
Der Call Preflop gefällt mir nicht sonderlich gut. Zwar sind schon 2 Gegner im Pot, aber es kommen noch einige Spieler hinter mir, die mich evtl. aus dem Pot raisen - so muss ich einen BB zahlen und habe noch nicht einmal den Flop gesehen. Selbst wenn die Gegner nur callen habe ich oft keine Position mehr in der Hand. Ein Call vom CO oder BTN fände ich da schon besser. Aber nehmen wir die Situation als gegeben an und betrachten wie die Hand weiter geht.
Flop: ($0,24) Q


SB bets $0,12, BB folds, UTG+1 calls $0,12, MP1 folds, Hero raises to $0,50, CO folds, SB calls $0,38, UTG+1 calls $0,38.
Wir haben den Read dass UTG+1 oft schwach mit marginalen Händen bettet. Wir treffen einen Flushdraw und haben ein Paar. Wir liegen hier also definitiv nicht vorne, haben aber die Chance auf eine relativ starke Hand (den Flush). Ich finde den Raise als Semi-Bluff hier ganz gut: die Spieler in early position haben oft mittlere Pocket Pairs, die sie auf einen ordentlichen Raise wegen der Dame eventuell folden. Zudem machen wir den Pot dadurch etwas größer, so dass wir bei einem angekommenen Flush auch noch ordentliche Turn- bzw. River-Bets machen können. Letztlich bekommen wir durch den Raise auch noch die Initiative und am Turn wird oft zu uns gecheckt - wir haben also die Option auf eine Freecard.
Turn: ($1,74) K
SB checks, UTG+1 checks, Hero checks.
Wir werden wider Erwarten von beiden Gegnern gecallt. Entsprechend scheinen die Gegner ihre Hand nicht aufgeben zu wollen. Eine weitere Bet macht wenig Sinn, da wir keine Fold Equity mehr haben. Wir nehmen also die Freecard dankend an.
River: ($1,74) 5
SB checks, UTG+1 checks, Hero bets $0,66, SB folds, UTG+1 calls $0,66.
Am River kommt der Flush nicht an, aber wir treffen ein weiteres Out und machen Trips. Nach den checks sieht es klar danach aus, dass weder SB noch UTG ein FH haben, ebenso ist eine 5 unwahrscheinlich. Daher können wir hier noch eine Value Bet machen. Ich hätte hier etwas mehr gebettet, aber die grundsätzliche Line in der Hand finde ich gut.
Fazit
Trotz der Einfachheit der Regel wird sie von Anfängern oft misachtet: mit starken Händen sieht man immer wieder Gegner ein Slowplay machen, was darin endet, dass sie nur wenig value bekommen: anstatt den Stack des Gegners zu gewinnen begnügt man sich durch die "tricky" Spielweise mit kleineren Pötten. Ebenso bringen sich Anfänger mit mittelstarken Händen oft in Situationen, in denen man einen vollen Stack riskiert. Anstatt die Größe des Pots zu kontrollieren und so Verluste gegen stärkere Hände zu verringern und Value von schwächeren Händen zu bekommen wird gerade mit Overpairs oder TPTK oft weiter gebettet und man bringt sich in schwierige Situationen falls der Gegner raist oder all-in pusht.
Um solche Fehler in Zukunft nicht mehr zu begehen überlegt Euch auf jeder Straße, welche Range der Gegner hat, wie stark Eure Hand gegenüber der gegnerischen Range ist und um welche Potgröße ihr spielen wollt. Danach könnt ihr entsprechend checken oder betten.