Woche 35 (BSS): Second Barrels
Einleitung
Wir machen unsere Continuation Bet am Flop, Villian callt und wir stehen am Turn ohne eine gute Hand da. Wann ist es sinnvoll, in dieser Situation nochmal zu betten? Auf diese Frage werde ich heute näher eingehen.
Was ist eine "2nd Barrel"?
Als eine 2nd Barrel bezeichnet man eine Turn Bet, ohne eine made Hand und mit der Annahme die schlechtere Hand zu halten. Ziel dieses Moves ist es, seinen Gegner von der besseren Hand zu betten und den Pot UI oder sogar drawing dead zu gewinnen.
Wann eine 2nd Barrel feuern?
Viele Spieler feuern entweder zu viele Barrels, da sie meinen mit laggy Play an ihr Ziel zu gelangen, andere feuern zu selten, da sie Angst haben bei einem Bluff gecatcht zu werden und unnötig viel Value zu verlieren.
Als ungefähren Richtwert gegen unbekannte Spieler sollte man etwa 20% der möglichen Spots für eine Barrel nutzen. Welche Spots das sind, hängt dabei immer von der Position, dem bisherigen Handverlauf und vor allem der Boardstruktur ab, wir bluffen also erneut bei ...
a) ... einer Scare Card am Turn. Scare Cards sind in der Regel Karten, die unserem Gegner selten weiterhelfen, unsere Hand wiederrum aber sinnvoll verbessern könnten. Dabei ist natürlich zu beachten, auf welchem Level des Denkens sich unser Gegner befindet. Sollte er schlichtweg nicht über unsere Hand nachdenken, können wir beinahe jede Overcard für einen Bluff nutzen, genauso wie jede mögliche, ankommende Straight oder auch eine Flushmöglichkeit.
Ist unser Gegner ein thinking Player, müssen wir unsere Spots mit mehr Sorgfalt wählen, können gleichzeitig aber toughere Spots für ihn finden und unsere Hand auch öfter zu einem 3-Barrel-Bluff fortsetzen.
b) ... der Möglichkeit unseren Draw profitabel zu semibluffen. Haben wir beispielsweise einen Flush- oder Straight-Draw, bzw. auch einen Gutshot/sicherer Overcard- Outs mit ausreichender FEQ, können wir eine Barrel feuern, auch wenn unsere Bet nicht for Value ist.
Hierbei sind Reads essentiell, sprich ob unser Gegner postflop loose oder tight ist, ob er oft zu Bluffs/Semibluffs ansetzt oder auch callt, um uns später aus der Hand zu bluffen.
PT und PA können hier nur bedingt weiterhelfen, besonders Notes sind wichtig. Achten wir allerdings auf Stats, richten wir unseren Blick auf den WTS (Fold to *Street*- Werte), die Coldcalling Frequency, seinen c/r- Wert und seine Aggression. Wir geben also immer Acht auf seine Tendenzen und Lines, um nicht in einem großen Pot getrappt oder von unserem Draw geblufft zu werden. Auch Timing Tells können hier ausschlaggebend sein, alles was wir mitnehmen können.
Selbst wenn unser Semibluff misslingt, investieren wir in gewisser Weise in unsere zukünftigen Moves, wir müssen nur die richtigen einsetzen, beispielsweise:
Zeigen wir am Showdown einen busted Draw, können wir umso öfter bei eintreffenden Draws bluffen, da unser Gegner bei uns die Tendenz vermuten wird, dass wir oft aggressiv semibluffen.
c) ... der Tendenz unseres Gegners oft zu floaten. Dies spielt besonders OOP eine wichtige Rolle, da wir selten gefloatet werden, wenn unser Gegner OOP ist.
Eine Bet kann ein Mittel sein, um zum einen ein Statement zu machen und seltener geblufft zu werden und zum anderen den Pot schlicht UI zu gewinnen.
Haben wir eine starke made Hand hingegen oder wollen mehr Nutzen und Value aus dem Float unseres Gegners ziehen, können wir in diesem Spot auch als Bluff check/raisen. Das ist allerdings ein High Variance Play und sollte nicht allzu oft angewandt werden.
d) ... einem Board, das eine hohe Wahrscheinlichkeit für ein 2nd Pair bei Villain bietet. Wenn Top und Mid Card so nahe beieinander liegen wie auf einem KJx oder T6x[9] Board und die PRF Action öfter auf einen J als einen K, bzw. auf eine 6, statt einer T schließen lässt, ist eine 2nd Barrel oft sehr profitabel.
Voraussetzung ist allerdings, dass unser Gegner nicht any Pair downcallt oder oft auch Bluff Raises oder Raises for Information am Turn ansetzt. Wir müssen also wieder recht spezielle Reads haben, die wir uns über Notes beschaffen sollten.
Allgemeine Gedanken zum Move
Wir sollten niemals zu oft eine 2nd Barrel feuern und dabei immer im Hinterkopf behalten, dass wir auch nicht zu weak-tight spielen sollten. Blufft nicht zu oft, aber lasst euch auch keine guten Möglichkeiten durch die Finger gehen. Vor allem die ein oder andere Intensivsession (1-3 Tables) und das Posten von Beispielhänden sind hier das Mittel zum Zweck.
Bedenke auch immer, dass ein fehlgeschlagener Bluff euch nicht entmutigen sollte, da wir gerade gegen aufmerksame Gegner damit in unsere zukünftigen Value Bets investieren.
Nimm dir außerdem die Zeit, um über den Sinn und die Profitabilität deiner 2nd Barrel nachzudenken und feuere nie, ohne einen guten Grund zu haben.
Wer all diese Punkte überdenkt und aktiv sein Spiel danach ausrichtet, wird sicherlich einige gute Bluff Spots finden, andere meiden und letztendlich enorm sein Spiel verbessern.