Woche 35 (BSS): Das Spiel in den Blinds
Einleitung
Auf mehrfachen Wunsch hin, wird heute das Spiel in den Blinds näher erläutert. Der wohl wichtigste Aspekt dabei ist natürlich die Blinddefense, auf die ich nach einigen kleineren Punkten eingehen möchte.
Die möglichen Situationen
Situation: Hero sitzt im SB und alle Spieler folden zu ihm hin
Grundsätzlich sollten wir mit nur ganz wenigen Ausnahmen nie opencompleten. Durch einen Raise gewinnen wir sehr oft den Pot Preflop oder mit einer Continuationbet am Flop, da wir die Initiative haben. Zudem können wir Villain's Range einschränken, completen wir nur, kann der BB any2 Cards halten. Zudem fällt es uns viel leichter Geld von ihm zu extrahieren, falls wir eine starke Hand treffen, im unraised Pot ist das selten möglich.
Haben wir eine spielbare Hand, raisen wir also auch first-in. Neben unseren starken Händen können wir auch viele spekulative Hände, wie suited Connectors/Gappers, raisen, genauso wie schwache Asse oder Kings.
Unsere Openingrange hängt wie so oft vom jeweiligen Gegner im BB ab. Da wir im Gegensatz zu einem Steal vom BU auf allen Streets Out Of Position spielen, sollten wir gegen callfreudige Gegner, die auch Postflop schwierig zu spielen sind, tighter raisen als gegen rockige Spieler, die einen Großteil ihrer Range folden. Ebenso sind Hero's Postflopfähigkeiten wichtig für die Range. Je looser wir spielen, desto öfters halten wir am Flop marginale Hände, die sich nicht so leicht spielen lassen, daher muss auch dieser Faktor berücksichtigt werden.
Situation: Alle Spieler folden, der SB completet
Die Spielweise vom SB zeugt schonmal von Schwäche, da man davon ausgehen kann, dass er jede einigermaßen starke Hand raisen wird. Seine Range, mit der hier nur auffüllt, ist recht groß. Oft sind es mittelstarke-schwache Hände, mit denen er sich billig den Flop ansehen möchte. Da wir also davon ausgehen können, dass wir SB hier sehr oft zum folden bringen werden, lohnt es sich auf jeden Fall hier zu raisen. Dabei ist unserer Range im Prinzip keine Grenze gesetzt. Theoretisch kann man hier mit any2 Cards raisen, da wir eine sehr große Fold Equity haben.
Situation: Alle Spieler folden, der BU openraised und Hero sitzt im BB (SB foldet).
Kommen wir nun zur Blinddefense. Ist der Gegner ein TAG, wird er mit einer recht breiten Range von Händen stealen (bis zu 40%!). Prinzipiell gibt es zwei Möglichkeiten, wie wir unseren Blind verteidigen.
Entweder wir callen nur und versuchen Villain am Flop auszuspielen oder wir 3-betten direkt Preflop. Zweiteres hat den eindeutigen Vorteil, dass wir den Pot oft direkt mitnehmen. Wir verhindern so, dass Villain uns mit einer marginalen Hand am Flop ausdrawed bzw. stark hittet. Zudem bekommen wir dadurch in Zukunft mehr Action für unseren starken Hände.
Allerdings können wir nicht jede spielbare Hand auch reraisen, da wir von thinking Spielern nach einer Weile lighter gecalled, gefloatet oder ge4-bettet werden. Zudem eignen sich nicht alle Hände für einen Reraise, da sie von Villain's Callingrange stark dominiert werden. Darunter fallen Hände wie AJ/AT/KQ/KJ und noch kleinere Broadways.
Wenn wir davon ausgehen, dass er auf eine 3-Bet 99+/AK/AQ called, gewinnen wir Postflop oft einen kleinen Pot oder verlieren einen großen, wenn wir mit unserem TP beispielweise outkickered sind. Da solche Hände aber oft zu schade sind, um sie gegen eine breite Stealingrange einfach zu folden, kann man z.B einfach den Raise coldcallen. Die Logik gebietet es, dass wir nicht nur weiterspielen können, wenn wir den Flop treffen, da dies nur in einem Drittel der Fälle passiert und wir oft gegen eine Contibet die stärkste Hand folden müssen. Daher muss man konsequenterweise auch unimproved gegenhalten um den Call profitabel zu machen.
Callen wir beispielsweise mit AJo und treffen auf ein K72 rainbow Board, eignet sich dies wunderbar für einen check/raise, da Villain hier einfach sehr viele Hände folden muss. Natürlich sollten wir auch öfters mit starken Händen diese Line anwenden, um nicht zu leicht lesbar zu sein.
Andere Hände eignen sich wiederum gar nicht für einen simplen Coldcall. Das sind vor allem spekulative Hände, wie SCs oder kleine Pocket Pairs. Aufgrund der breiten Range von Villain haben wir eigentlich nie die richtigen Implied Odds, um profitabel auf Setvalue oder Flush/Straight Value callen zu können.
Treffen wir einen guten Flop, wird Villain sehr oft gegen einen Check/raise folden oder seine Hand einfach am Turn aufgeben. Longterm werden wir aus den Blinds damit Verlust machen. Daher sollten wir diese Hände immer 3-betten, wenn wir damit weiterspielen möchten.
Auch hier muss auf die History geachtet werden. Haben wir schon öfters unsere Blinds verteidigt, sollten wir schwächere Hände einfach folden, da wir mit wachsender Wahrscheinlichkeit gecalled werden und uns auch für unsere Contibet nur wenig Credibility gegeben wird. Ein gesundes Mittelmaß ist wichtig.
Situation: Der BU openraised, der SB coldcalled, Hero sitzt im BB.
Für Silbermember evtl. etwas zu schwierig, aber trotzdem will ich es angemerkt haben. Diese Situation ist ein sehr guter Spot für ein Squeezeplay. Der SB wird aufgrund des Coldcalls nur selten eine wirklich starke Hand halten, da er sonst Preflop ge-3-bettet hätte. Der Openraiser (BU) hat ebenfalls eine breite Range, aus der einen Großteil gegen einen Reraise aus dem BB folden müssen wird. Bringen wir den ursprünglichen Raiser zum folden, haben wir die Hand quasi schon gewonnen, da der SB unsere Erhöhung nur sehr selten callen können wird.
Auch hier (man kanns nicht oft genug wiederholen) ist auf Images und History zu achten. Gegen Callingstations und Maniacs machen derartige Moves wenig Sinn. Hände mit denen wir so spielen können sind neben unseren Premiums auch wieder kleine Pocket Pairs und suited Connectors/Gappers. Schwächere Broadways sind aus oben genannten Gründen nicht dafür geeignet.
Situation: Hero sitzt im BB, alle folden, der SB openraised.
Die Situation ist nun eine andere, da wir den entscheiden Vorteil der Position haben. Wir können nun Pot Control betreiben und auch Floating ist eine Möglichkeit, die wir haben. Was sich aber nicht geändert hat ist die Tatsache, dass wir mit Drawing Hands nicht einfach callen sollten. Genau wie in der anderen Situation haben wir nicht die nötigen Implieds gegen eine einigermaßen loose Range des SB's.
3-Bet or Fold je nach vorangeganger Action sind die besseren Alternativen. Analog zum Spiel aus dem BB gegen den BU können wir aber auch hier unseren mittelstarken TP Hände nur coldcallen, um dann günstige Flops zu raisen oder auch nur zu callen, um dann bei einem Turncheck des Gegners zu bluffbetten (= Floating).
Um nochmal etwas klarzustellen: Mit TP Händen Preflop nur zu callen und günstige Flops zu check/raisen ist EINE Möglichkeit. Man kann sie auch 3-betten oder folden. Ebenso kann man am Flop variieren und mit Hit check/call spielen oder bspw. direkt donken. Andere Lines sind ebenfalls möglich, meine Aussage war also nur ein Beispiel für eine Art der Blinddefense und kein Kochrezept wie man solche Hände spielt.