Aktualisiert am 12 März 26 von

Das Freeplay (1) - Heads-up out of Position

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Das Freeplay (1) - Heads-up out of Position

von steinek

Das Freeplay ist eine Situation, die gerade auf den niedrigeren Limits häufig auftritt und dich oft vor schwierige Entscheidungen stellt.

In dieser Kolumne lernst du, welche Faktoren du stets beachten solltest und wie sich diese auf deine Line auswirken. Da es auf Grund der Vielzahl an möglichen Situationen nicht möglich ist, ganz allgemeinen Content zu liefern, wird sich jede Folge der Kolumne mit einer speziellen Situation befassen und diese detailliert analysieren.

Zuvor jedoch ein paar allgemeine Worte: Die folgenden Faktoren spielen eine wichtige Rolle und du solltest bei jeder Freeplay-Situation alle diese Punkte im Schnelldurchlauf durchgehen:

  • Die effektive Stacksize
  • Die Anzahl der Gegner
  • Deine Position im Verhältnis zu dem Spieler, der am häufigsten betten wird, wenn zu ihm gecheckt wird (meist der Spieler in Position)
  • Die Stärke deiner Hand
  • Die Struktur des Boards
  • Reads auf die Gegner

Du kannst dir nun leicht ausrechnen, dass es, wenn alle diese Punkte sehr differenziert betrachtet werden, beliebig viele verschiedene Fälle gibt, für die man keine Standardlösungen anbieten kann. Gerade dies macht aber das Spiel so interessant und du solltest dir als Ziel setzen, die Zusammenhänge zu verstehen, wie sich welcher Faktor auf die optimale Line auswirkt. Du wirst dann schon bald selber in der Lage sein, jede Situation treffend zu analysieren und entsprechend zu handeln.

In dieser Folge hat Hero stets einen Stack von ca. 15BB und wird im Heads-up Pot mit verschiedenen Situationen konfrontiert.Die ersten drei Aspekte in der obigen Liste der Faktoren sind also konstant gegeben: Hero hat einen Stack, mit dem postflop nicht mehr viel Spielraum besteht und er spielt out of Position gegen einen Gegner.

 

Die Ausgangssituation

Party Poker $11 NL Texas Hold'em 50/100 Blinds

Stacks & Stats
UTG 2040
UTG+1 6560
MP1 1910
MP2 1880
CO 2310
BU 1760
SB 2020
BB 1520 (Hero)

Preflop: Hero is BB with Q 7
UTG calls 100, 6 folds, Hero checks

Bis hierhin ist alles Standard. Preflop zu erhöhen ist nicht ratsam, da ein Limper aus früher Position zu oft callen wird. Ein direkter Push mit der Hand für über 15BB lohnt sich auch vom Verhältnis der zu gewinnenden zu den riskierten Chips (risk-reward-Verhältnis) nicht, so dass ein Check als beste Option bleibt.

Betrachten wir nun verschiedene Flopszenarien:

BEISPIEL 1

Flop: Q 7 3
Hero checks, UTG bets 200, Hero?

Du hast also ein Monster auf einem Board getroffen, das sehr dry ist. Es gibt keine Flush- und Straightdraws, so dass es dein primäres Ziel sein kann, Value zu bekommen und Protectionkaum notwendig ist.

Dies ist die perfekte Situation für einen Call und einen weiteren Check am Turn. Bei diesen Stackgrößen wird es dir auch ohne ein Raise am Flop gelingen, gegen einen zahlungswilligen Gegner alle Chips in die Mitte zu bekommen, was ja mit einer starken Hand wie dieser stets dein Ziel ist.

Ferner hat diese Line den Vorteil, dass du auch von schlechteren Händen noch Value bekommen kannst. Es ist keine Seltenheit, dass dich ein Gegner auf den unteren Limits mit Händen wie A4 am Turn All-In setzt und somit wird diese Line umso besser, je blufffreudiger dein Gegner ist.

Der Rest der Hand wird sich meist mehr oder weniger von allein spielen. Checkt er am Turn behind, so kannst du am River eine Valuebet setzen und setzt er am Turn, so solltest du raisen, da du nicht auf eine erneute Bet Villains am River spekulieren solltest, wenn nicht spezielle Reads dafür sprechen.

Fazit:

  • Mit einem Monster möchtest du so viele Chips wie möglich in die Mitte bekommen.
  • Auf einem Board, das sehr dry ist, kannst du dir ein Slowplay erlauben, da Protection kaum notwendig ist.
  • Je blufffreudiger dein Gegner ist, desto öfter solltest du zu ihm checken, um ihn bluffen zu lassen.
BEISPIEL 2

Flop: A 7 6

a) Hero checks, UTG bets 200

Hier hast du zwar ein Pair getroffen, aber du solltest dich hier ohne extreme Reads auf den Gegner von deiner Hand trennen. Er kann hier sehr gut Hände wie Ax halten. Oftkommt in solch einer Situation auch der Gedanke auf, einmal zu callen.

Allerdings ist dies nicht sehr ratsam, da du zwar sicherlich am Flop noch oft genug vorne bist, aber einfach noch zwei Streets zwischen dir und dem Showdown liegen, auf denen sich zum einen das Board ungünstig entwickeln kann und zum anderen musst du out of Position spielen und wirst nicht oft genug gratis zum Showdown gelangen.

Dies scheint etwas unbefriedigend. Du siehst dich zwar oft vorn, kannst aber dennoch kaum profitabel weiterspielen, da du out of Position bist und dir die Stacksizes im SnG keinen Raum lassen, um seine Position zu bestimmen. Betrachten wir also die folgende Alternative:

b) Hero bets 150

Wie bei jeder Bet, die du setzt, solltest du die Vor- und Nachteile derselben gegeneinander abwägen. Dich wird hier selten eine schlechtere Hand callen und eine bessere wird kaum folden. Selbst wenn der Gegner eine Hand wie 88 hält, wird er oft einmal callen, da es gerade schlechten Spielern oft schwer fällt, sich von gut aussehenden Pocketpairs zu trennen. Dies sind schon einmal zwei Punkte, die gegen eine Bet sprechen.

Andererseits hast du in a) gesehen, dass du diese Hand nach einem Check so gut wie immer einfach aufgeben musst, du hast aber immerhin ein Paar getroffen und solltest regelmäßig die beste Hand halten. Hat der Gegner nun eine Hand wie QJ, so wird er diese oft auf deine Bet folden, da er Respekt vor dem A und selber gar nichts hat.

Checkst du hingegen, so könnte er diese Hand dennoch betten, da er deinen Check als Schwäche sieht. Deine Bet würde also Bluffs vorbeugen und hat somit spieltheoretisch definitiv auch Vorteile.

So richtig schön ist hier keines der beiden Szenarien. Gegen einen Gegner, den du für recht ehrlich hältst, solltest du lieber eine Bet setzen, um den Pot hier mitzunehmen und zu vermeiden, noch ausgedrawt zu werden. Je spielfreudiger jedoch der Gegner ist, desto eher solltest du einfach zu check/fold tendieren, da du zu viele Chips investieren musst, um zumShowdown zu gelangen, was deinem schon recht angeschlagenen Stack schon sehr schadet.

Als generelle Richtlinie solltest du dich im Zweifel für die Variante entscheiden, bei der du weniger Chips investieren musst. Du hast auf den niedrigen Limits eine große Edge imPush-or-Fold-Spiel und dadurch, dass die Gegner deine Monster sehr regelmäßig ausbezahlen, so dass du es nicht nötig hast, dich in marginale Situationen zu verstricken, die schnell -$EV werden können, wenn du dich im Spielverhalten des Gegners verschätzt.

Fazit:

  • Mit einer mittelstarken bis schwachen Hand solltest du stets bemüht sein, große Pötte zu vermeiden.
  • Mit ehrlichen Reads auf den Gegner kann es sich lohnen, mit einer Donkbet den Pot mitzunehmen, gerade wenn es viele Turnkarten gibt, die deine Hand schwächen.
  • Gegen sehr spielfreudige Gegner solltest du einfach aufgeben. Gegen sie wirst du es nicht schaffen, einen kleinen Pot zu spielen und kannst getrost abwarten, bis du ein Monster hast und sie dir ihre Chips hinterherwerfen.
BEISPIEL 3

Flop: Q 8 4
Hero checks, UTG bets 200

Du hast nun ein Toppair getroffen und kannst davon ausgehen, dass der Limper sehr oft betten wird. Insofern ist ein Check hier so gut wie immer einer Bet vorzuziehen, da du primärValue von schlechteren Händen bekommen möchtest, die auf eine Bet deinerseits oft einfach folden würden.

Im Gegensatz zu Szenario 1) ist deine Hand hier aber deutlich verwundbarer. Jedes , jede 8, K, A würden deine Hand deutlich schwächer aussehen lassen.

Es besteht folglich deutlich mehr Notwendigkeit zur Protection. Da bereits 450 Chips im Pot liegen und ein ordentliches Raise deinerseits mindestens auf 650 Chips ausfallen sollte, ist hier ein direkter Push die beste Lösung. So generierst du maximale Foldequity gegen Hände, die dich noch ausdrawen könnten und bekommst oft sogar ziemlich schlechte Calls von Händen wie A8 oder 99, da diese den direkten Push eher als Schwäche werten.

Fazit:

  • Mit einer starken Hand, die aber verwundbar ist, solltest du maximal protecten, was bei dieser Stacksize meist ein All-In bedeutet.
  • Je drawlastiger das Board ist, desto notwendiger wird es, die Action möglichst schnell zu beenden, um marginale Spots mit ankommenden Draws und schon vielen investierten Chips zu vermeiden.
  • Ohne Reads, dass der Gegner oft nach einem Limp behindcheckt, ist das Checkraisen der direkten Bet klar vorzuziehen, da du so besser protectest.
» ZUSAMMENFASSUNG

In diesem ersten Teil der Kolumne hast du gelernt, wie du mit einer effektiven Stacksize von ca. 15BB out of Position das Freeplay angehst, wenn du nur einen Gegner hast.

Du hast gesehen, welche Faktoren dafür sorgen, dass du die Hand aktiv protecten musst (Drawlastigkeit, Verwundbarkeit der Hand), wann du dir ein Slowplay erlauben kannst (Monster und kaum Draws) und wann du auf Grund der schlechten Playability out of Position auch Hände direkt aufgeben solltest, die isoliert am Flop betrachtet noch das Investieren von Chips rechtfertigen würden.

Ferner ist dir nun bewusst, dass es im Freeplay keine klar definierten bestmöglichen Spielzüge gibt, sondern dass stets ein Abwägen vieler Faktoren wichtig ist und bei jeder Aktion hinterfragt werden sollte, warum diese sinnvoll ist. Diese Art des Denkens wird dir sehr schnell dazu verhelfen, auch in unbekannten Situationen durch logisches Kombinieren solide Spielzüge an den Tag zu legen.