Aktualisiert am 12 März 26 von

Das Freeplay (2) - Draws in der frühen Phase

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Das Freeplay (2) - Draws in der frühen Phase

von steinek

Nachdem der erste Teil der Kolumne verdaut ist und hoffentlich schon den einen oder anderen Dollar auf dein Konto gebracht hat, ist es nun an der Zeit, dass du dich der nächsten Lektion widmest.

Dieses Mal befindet sich Hero in der ganz frühen Phase des Turniers und hat noch 50BB und trifft einen Draw.

In dieser Phase solltest du stets im Hinterkopf haben, dass 300 verlorene Chips dem $EV mehr schaden, als ihm 300 gewonnene Chips helfen. Du kannst zum Beispiel mit dem ICM-Trainer von PokerStrategy.com sehen, dass du 1,95% an $Equity gewinnst, wenn du einem Spieler bei einem Startstack von 1500 Chips 300 Chips abnimmst, er jedoch 2,03% verliert.

Wo gehen die 0,8% des Preispools hin, die er mehr verliert, als du sie gewinnst? Richtig, zu gleichen Teilen an die sieben Gegner, die gar nicht an der Hand beteiligt sind.

Als Konsequenz ergibt sich, dass du in der frühen Phase stets bemüht sein solltest, marginale Situationen zu vermeiden. Für das Freeplay ergibt sich somit die Maxime, dass du dich im Zweifel für die Variante entscheiden solltest, die den Pot kleiner bleiben lässt und im Zweifel auch einmal eine Hand check/fold spielen sollest, mit der du dich noch regelmäßig vorne siehst, bei der aber schon absehbar ist, dass sie dich auf späteren Streets in sehr marginale Situationen bringen wird.

Stattdessen schaust du lieber zu, wie sich deine Gegner mit schwachen Händenin große Pötte verwickeln und freust dich, wie deine Equity wächst. Diese allgemeine Tatsache im Kopf behaltend, widmen wir uns nun wieder konkreten Situationen.

 

Die Ausgangssituation

Full Tilt Poker $6.50 NL Texas Hold'em 15/30 Blinds

UTG 1500
UTG+1 1500
MP1 1500
MP2 1500
MP3 1500
CO 1500
BU 1500
SB 1500
Hero 1500

BEISPIEL 1

Preflop: Hero is BB with Q 7
4 folds, MP3 calls 30, 2 folds, SB calls 15, Hero checks

Hier zu checken ist die einzig sinnvolle Option. Ein Steal lohnt sich bei den Blinds absolut nicht und würde oft darin resultieren, dass du out of Position gegen MP3 in einem schon eher großen Pot spielen müsstest, was man mit der Hand definitiv als marginal bezeichnen kann.

Flop: K 8 3
SB checks, Hero ?

Du hast einen Flushdraw getroffen und somit gute Chancen, hier noch oft die beste Hand zu bekommen. Nun gibt es zwei Optionen:

  • Die direkte Bet:

Auf dem, abgesehen vom Flushdraw, recht trockenen Board hat selten jemand eine starke Hand getroffen. Somit wirst du hier oft mindestens einen der beiden zum Folden bringen und bist damit schon ein Stück näher am Gewinn der Hand. Ferner machst du so den Pot schon etwas größer und hältst dir dadurch die Chance offen, im Falle eines Hits einen ordentlichen Pot zu gewinnen.

Ein Nachteil der Bet ist, dass gerade aufgrund des trockenen Boards auch dir kaum etwas geglaubt wird und daher auch Pocketpairs, die ja gerade bei MP3 nicht unwahrscheinlich sind, noch einmal callen werden. Du bleibst dann out of Position und hast kaum Informationen darüber, wo du stehst.

  • Checken und evaluieren:

Diese Line hat rein von den Informationen, die du bekommst, einen großen Vorteil. Insbesondere kommt hier der Faktor zum tragen, dass du relativ zu dem Spieler, der am häufigsten bettet, also zu MP3, die beste Position besitzt. Spielt er nämlich an, so siehst du, was SB macht und kannst dich dann entscheiden, ob du deinen Draw aggressiv, passiv oder gar nicht weiterpielen möchtest.

Bettet zum Beispiel MP3 45 Chips und SB callt, so kannst du bei 45 zu zahlenden Chips in einen Pot von 180 profitabel auf Flushvalue callen, da du am Turn zu knapp 20% hitten wirst und dir auch noch gute Implied Odds geben kannst, da zumindest SB hier oft wenigstens ein Pair halten wird, mit dem er noch eine Bet bezahlen wird.

Foldet SB hingegen auf die Bet von MP3, so stimmen die Odds nicht mehr und out of Position gegen einen Gegner fällt es auch schwer, optimal Value zu bekommen, da du im Falle eines Hits mit einer direkten Turnbet schlechtere Hände einfach vertreibst, die noch bluffen oder protectionbetten könnten und du mit einem Check riskierst, dass er sich die Freecard nimmt.

In dieser Situation wäre gegen sehr viele Gegner ein Semibluff ein angebrachter Spielzug. Er bettet hier oft mit Air, einfach weil zu ihm gecheckt wurde und du bekommst hier eventuell A high, bessere Q high oder gar kleine Pockets zum Folden und so ziemlich alle Hände, die noch sechs Outs gegen dich haben.

Falls er dich callt und der Flush nicht ankommt, solltest du dich nach der oben genannten Maxime eher zum Check am Turn entschließen in der Hoffnung, dass er aus Angst vor einem erneuten Checkraise viel behindcheckt und du noch einen freien River zu sehen bekommst.

Natürlich können spezielle Reads wie ein hoher Wert bei "fold to turn bet" oder eine Karte wie ein A, das du gut repräsentieren kannst, auch für eine zweite Semibluffbet sprechen.Raist SB hingegen ordentlich, so wird er am Flop kaum noch folden und deine Odds werden sehr schlecht und du kannst deinen Draw einfach aufgeben.

Ebenso, falls MP3 Potsize bettet, da du bei Odds von 1 zu 2 nicht mehr profitabel auf den Flush drawen kannst und ohne besondere Reads seine Range durch die große Bet eher stärker werden sollte, so dass die Foldequity bei dem Semibluffraise sinkt.

Ohne besonders passive Gegner spricht hier einiges für die zweite Line, zumal du auch vor einem Checkbehind von MP3 keine Angst hast, da ja eine Freecard deine Hand stark verbessern kann.

Fazit:

  • Mit einem Draw musst du dich entscheiden, ob du aggressiv oder passiv weiterspielst. Je mehr Gegner in der Hand sind, desto seltener wirst du den Pot nur durch Folds der Gegner gewinnen und eine direkte Bet wird schlechter.

    Selbiges trifft auf die Spielfreudigkeit der Gegner zu. Je öfter diese einem Gutshot bis zum letzten Atemzug die Treue halten, desto seltener wirst du sie zum Folden bringen und solltest dich damit begnügen, ihnen im Falle eines Hits Valuetown zu zeigen, sprich große Valuebets gegen sie zu machen.

  • Du solltest stets überlegen, wie die Action nach einem Check deinerseits am häufigsten verlaufen wird. Dabei ist es optimal, wenn der vermutlich aktiv werdende Spieler direkt hinter dir sitzt, da du dann die Action abschließt und somit deine tatsächlichen Odds kennst und nicht noch weitere Raises hinter dir befürchten musst.
BEISPIEL 2

Preflop: Hero is BB with T 9
4 folds, MP3 calls 30, 2 folds, SB calls 15, Hero checks

Wie im ersten Fall ist hier ein Check die einzig sinnvolle Line.

Flop: J 8 A
SB checks, Hero ?

Hier spricht sehr viel gegen eine direkte Bet, auch wenn du einen OESD getroffen hast. Auf diesem Board hat oft einer der Gegner ein Paar getroffen, dass er nicht so leicht aufgeben wird. Nur selten wirst du hier ohne zu improven den Pot gewinnen können.

Die Hand spielt sich im Prinzip recht einfach. Du solltest checken und wie im ersten Beispiel je nach der gegnerischen Action evaluieren, wie es weitergehen soll. Der wesentliche Unterschied hier liegt darin, dass du deutlich weniger Outs hast, wenn du ordentlich discountest: Sowohl ein weiteres als auch die Q würden dir auch mit der Straight nicht zu den Nuts verhelfen, da dann ein Flush oder eine bessere Straight möglich ist.

Du läufst also Gefahr, im Falle eines Hits viele Chips zu verlieren, was man als reverse Implied Odds bezeichnet.

Insofern solltest du nur bei guten Odds callen und auch mit dem Semibluffraise sehr vorsichtig sein und dieses nur bei Reads anwenden, dass MP3 in Position sehr häufig einen kleinen Bluff spielt, dann aber seine Hand aufgeben kann.

Fazit:

  • Je besser das Board den typischen gegnerischen Ranges hilft, desto eher solltest du dich von dem Gedanken verabschieden, den Pot durch Aggression zu gewinnen.
  • Je schwächer dein Draw und je größer die reverse Implieds, desto vorsichtiger musst du deinen Draw spielen und solltest dann auch keine Skrupel haben, auch einen OESD mal direkt check/fold zu spielen.
  • Bei mehr Gegnern fallen die reverse Implieds noch mehr ins Gewicht, da ein Flushdraw einfach wahrscheinlicher wird. Du solltest im weiteren Verlauf der Hand stets im Kopf haben, wie viele Spieler den Flop gesehen haben und dies bei angekommenen Draws berücksichtigen.
BEISPIEL 3

Preflop: Hero is BB with A 7
4 folds, MP3 calls 30, 2 folds, SB calls 15, Hero checks

Deine Hand sieht hier natürlich deutlich besser als in den vergangenen Beispielen aus. Dennoch ist auch hier der Check einem Raise vorzuziehen, da du im Falle eines Coldcalls kaum komfortabel weiterspielen kannst und der Pot oft nur dann groß wird, wenn du eine zweitbeste Hand hältst: Triffst du nämlich dein A, so folden die Gegner die meisten Hände ohne A.

Gibt dir aber jemand Action, so musst du befürchten gegen ein besseres A zu laufen.Dir wird es dann kaum möglich sein, die richtige Balance aus „Value generieren“ und „möglichst wenig gegen bessere Hände investieren“ zu finden.

Flop: 8 6 5
SB checks, Hero ?

Du hast hier den klassischen Monsterdraw getroffen. Jedes außer der 8 gibt dir die abgesehen von unwahrscheinlichen Straight Flushes (bei 2,3 oder 4) bestmögliche Hand und auch die Straightouts. Somit hast du hier meist volle 15 Outs und wirst somit in fast 60% der Fälle bis zum River eines deiner Outs treffen.

Du bist somit selbst gegen ganz starke Hände wie Sets noch halbwegs mit einem Coinflip unterwegs und hast also keine Probleme damit, wenn am Flop möglichst viele Chips in den Pot gehen. Ob nun eine direkte Bet oder ein Checkraise die bessere Line ist, hängt davon ab, wie oft MP3 in Position betten wird.

Ein unbekannter Gegner wird den Pot sehr oft attackieren und ein Call vom SB würde dir dann noch zusätzliche Chips in den Pot bringen, so dass diese Line ohne passive Reads zu bevorzugen ist.

Im Gegensatz zum ersten Szenario wirst du hier aber immer raisen, weil deine Hand so stark ist und man das auch mit einer drawing Hand schon fast als Valueraise bezeichnen kann.

Fazit:

Mit einem Monsterdraw hast du gegen alle Hände so viel Equity, dass du schon am Flop möglichst viele Chips in den Pot bekommen möchtest.

Je broadwaylastiger das Board ist, desto öfter hat einer der Spieler hinter dir etwas getroffen, was er auch anspielen wird und du kannst dann das Checkraise versuchen.

Je mehr Gegner hinter dir sind, desto mehr Chancen gibt es, dass jemand bettet. Andererseits sollte für eine Bet in viele Spieler auch die eigene Hand stärker sein, so dass jede einzelne Bettingrange in einem multiway Pot kleiner werden sollte. Wie der genaue Einfluss ist, lässt sich hier nur durch Reads entscheiden.

» ZUSAMMENFASSUNG

Im zweiten Teil der Kolumne hast du gelernt, wie du mit Draws im Freeplay umgehst. Grundlegend ist zunächst, die Stärke des eigenen Draws zu bestimmen und zu entscheiden, ob er so stark ist, dass du möglichst viele Chips in den Pot bekommen möchtest. Als zweites evaluierst du, wie groß die Chance ist, den Pot ohne Hit zu gewinnen. Dies ist insbesondere auf trockenen Boards und bei weniger Gegnern gegeben.

Schließlich bedenkst du stets vor deiner Flopaction, wie die Hand vermutlich weitergehen wird und welche Informationen über die gegnerischen Ranges du aus einem Check gewinnen könntest. Dabei hast du stets im Hinterkopf, dass du im Zweifel auch einen OESD oder einen Flushdraw einmal direkt folden solltest, wenn du sonst in marginale Situationen gelangen würdest, da verlorene Chips mehr schaden als gewonnene nutzen.