Aktualisiert am 12 März 26 von

Kannst du Aces preflop folden?

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Kannst du Aces preflop folden?

von Y0d4

Vor nicht allzu langer Zeit erschien unter der Überschrift Wann Asse preflop folden? eine News zu einer Artikelserie von MiiWiin. Obwohl die Überschrift offensichtlich nicht ernst gemeint war bzw. in den Artikeln die knappe Aussage zu finden war: Asse foldet man niemals vor dem Flop, entspann sich eine rege Diskussion um die Frage, ob es Situationen gibt, in denen man das doch tun sollte.

Kann es eine Spielsituation geben, in der es korrekt ist, ein Paar Asse preflop zu folden? Kurze Antwort: Ja, es gibt sie – auch wenn wir ein bisschen basteln müssen. Im Folgenden werde ich drei Situationen aus Satellites, MTTs und Cashgames beschreiben und versuchen zu erklären, wieso zur Hölle wir die beste Starthand in No-Limit Hold'em folden.

Satellites

Das wohl trivialste und bekannteste Beispiel sind Satellites. Das sind Turniere, in denen man einen Sitz in einem höher dotierten Turnier gewinnen kann. Die ersten Plätze erhalten dabei jeweils den gleichen Preis. Es macht keinen Unterschied, ob man Erster oder Zweiter wird.

Pokerstars, 70$ Turbo Sunday Million Satellite, 10 Entries, Tickets für die ersten drei Plätze.

Blinds 150/300
Vier Spieler sind verblieben, drei erhalten ein Ticket.

Cutoff 100
Button 7000
Du im Small Blind 2900
Big Blind 5000

Du bist im Small Blind mit AA.
Cutoff steigt aus, Button erhöht auf 7000 und ist damit All-In, du bist an der Reihe.

Sieht man sich hierzu die Nashkalkulation an, kommt man zu folgendem Resultat:

BU 99.5%, AA 22+ 3x+
SB 0.0%,
BB 0.5%, AA

Der Spieler im Button kann also profitabel mit fast allen Karten All-In gehen, während du im Small Blind mit keiner Hand profitabel mitgehen kannst. Selbst der Big Blind kann gerade einmal mit einem Paar Asse profitabel callen, obwohl er weiß, dass der Button-Spieler mit fast jeder Hand All-In geht.

Die Erklärung hierfür ist recht einfach. Du bist so gut wie "im Geld", da der Spieler im Cutoff nur noch 100 Chips hat, also gerade einmal 1/3 BB. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist das Turnier für ihn gelaufen.

Zudem ist die Auszahlung für die ersten drei Plätze identisch. Weitere Chips bringen dir einfach nichts. Es erhöht nur das Risiko auszuscheiden, aber nicht die Chance auf einen höheren Gewinn, da hier alle Gewinnstufen gleich bezahlt werden.

Du hast also eine sehr große Chance, auf einen der drei ersten Plätze zu kommen, wenn du dich aus der Action raushältst. Solltest du hingegen das All-In vom Button-Spieler mitgehen, hast du selbst mit deinem Paar Asse gegen eine zufällige Hand "nur" 85% Siegchance, verlierst aber zu 15%.

Fast sicher einen der drei ersten Plätze zu erreichen und ihn nur zu 85% zu erreichen, ist ein klarer Unterschied.

MTTs

Vor nicht allzu langer Zeit gab es im SNG-Gold-Forum einen Thread vom PokerStrategy-Coach Horror, in dem er in etwa folgende Situation beschrieb:

Du spielst das Main Event der World Series of Poker. In der ersten Hand erhältst du ein Paar Asse. Ein Spieler geht All-In. Die Frage von Horror lautete, ab wann du die Asse wegwerfen solltest.

Gehen wir das einmal mathematisch an. Solltest du mit Begriffen wie ICM, ChipEV und $EV nicht vertraut sein, dann wirf einen Blick in die Strategiesektion. Die Kernaussage wirst du aber dennoch verstehen.

Gegen eine zufällige Hand hast du knapp 85% Gewinnchance, gegen eine Hand aus den besten 5% aller möglichen Startkarten hast du knapp 80%. Im schlimmsten Fall wirst du also zu 20% aus dem Turnier fliegen und gar nichts gewinnen. Zu 80% wirst du deine Chips verdoppeln und damit auch deinen Anteil am Preispool, da ChipEV und $EV zu Beginn eines großen MTTs annähernd gleich sind.

Das Buy-in beim Main Event beträgt $10.000. Anfangs ist dein $EV damit bei $10.000. Die Rechnung für den zu erwartenden Gewinn, wenn du das All-In mit den Assen mitgehst, sieht wie folgt aus:

$EV = 80% * $20.000 + 20% * $0
$EV = $16.000

Gehst du das All-In mit, hast du also deine Gewinnerwartung von $10.000 auf $16.000 gesteigert, auch wenn du in 20% der Fälle aus dem Turnier fliegst.

Nun könnte man denken, dass du demzufolge in der Ausgangssituation immer dann die Asse weglegst, wenn du dir schon so anrechnest, im Durchschnitt mehr als $16.000 aus deinen $10.000 Buy-in zu machen (einen höheren Return of Investment ROI als 160% zu haben).

Es kann ja sein, dass du dir sagst: "Ich bin so gut und meine Gegner sind so schlecht, ich mache hier locker $20.000, selbst wenn ich die Asse weglege."

Das ist aber falsch, denn das Turnier endet ja nicht nach dieser einen Hand. Die $16.000 zu erwartendem Gewinn sind nur die Ausgangssituation nach dieser Hand. Da du aber mit einem frühen großen Stack besser aufspielen und andere Spieler unter Druck setzen kannst, ist die zu erwartende Auszahlung noch größer.

Im Prinzip kann man es so ausdrücken: Gerade weil du ein besserer Spieler bist, kannst du im Vergleich zu einem schlechteren Spieler aus 20.000 Chips mehr machen als aus 10.000 Chips. Du hast früh viele Chips und kannst dann so richtig loslegen und deinen Vorteil noch viel deutlicher ausspielen.

Es ist zu kurz gedacht, wenn du sagst: Die Chips, die ich durch das frühe All-In gewinnen kann, brächten mir zwar einen Vorteil, den kann ich aber ausgleichen, ohne so früh all meine Chips zu riskieren. Hast du früh einen großen Stack, erhöht sich dein Vorteil noch einmal und schlägt sich in einer noch höheren Gewinnerwartung nieder.

Greg Raymer, Sieger des Main Events 2004, sagte einmal:

"I tend to build a big stack or go broke early. However, I do not play with that specific goal in mind. I play each hand for itself, while keeping in mind my current table image. I think my results tend to come from the fact that I do not avoid risk. I am happy to get all my chips in the middle as long as I honestly believe I have an edge doing so."

In einem Email-Wechsel zwischen Barry Greenstein und einem PokerStrategy-Mitarbeiter zur Frage, ob Greenstein in der ersten Hand des Main Events die Asse wegwerfen würde, wenn vor ihm der ganze Tisch All-In ginge, antwortete er:


„Most of the players you would ask who choose to fold, do it so they can last longer. However, the goal is to make the money and have a shot at winning the tournament. There are very few players who are so good that they shouldn't risk their stacks here. I'm not sure if I'm one or not. One thing for sure is, if I win the pot, I will be able to put a lot of pressure on my opponents from that point on, which will help me build a mountain of chips.“

Aus beiden Zitaten lässt sich schließen, dass nach Meinung dieser beider Profispieler eine hohe Gewinnerwartung nicht zuletzt aus dem frühen Aufbauen eines großen Stacks resultiert. Auch andere bekannten Pros wie Phil Ivey oder Gus Hansen gehen zu Beginn eines MTTs große Risiken ein, um entweder einen großen Stack aufzubauen und durch das Ausspielen desselben ein große Chance auf den Final Table zu bekommen, oder um früh rauszufliegen und Zeit zu sparen.

Die einzige Situation in einem MTT, in der ich mir vorstellen könnte, Aces zu folden, wäre wenn ich an der Bubble bin und weit über meiner Bankroll spiele (z.B. durch einen Satellite ins Turnier gerutscht bin) – also die Auszahlung so viel wert ist für mich, dass ich gern ein wenig $EV dafür aufgebe.

Allerdings stellt sich dann die Frage, wieso man überhaupt das Turnier spielt und ob man sich nicht besser das Buy-in hätte auszahlen lassen sollen, wenn man im Spiel dann auf scared Money sitzt.

Cashgame

Naturgemäß ist es im Cashgame kaum möglich, die Asse preflop wegzulegen, spielen doch aus den anderen Beispielen bekannte Faktoren wie z.B. das ICM keine Rolle.

Chips haben hier einen exakten Geldgegenwert, den du dir direkt nach der Hand abholen kannst. Wir müssen also ein Beispiel konstruieren, in dem wir nicht die Odds haben, um mit Assen preflop das Geld in die Mitte zu schieben.

Ohne Kenntnis der gegnerischen Karten ist das unmöglich – also werde ich im Folgenden ein Beispiel mit bekannten Holecards zeigen und erklären, wieso wir nicht genug Equity haben. Dieses Beispiel wurde von PokerStrategy-Mitglied MartinK13 im Forum gepostet.

  Equity Gewonnen Unentschieden Verloren Hand
Du (im BB) 2,194% 0,104% 4,342% 95,554% AA
Spieler 2 7,378% 5,288% 4,342% 90,370% AA
Spieler 3 20,395% 20,374% 0,203% 79,423% JT
Spieler 4 15,104% 15,084% 0,203% 84,713% 77
Spieler 5 11,810% 11,790% 0,203% 88,008% 66
Spieler 6 9,200% 9,180% 0,203% 90,618% 55
Spieler 7 7,012% 6,991% 0,203% 92,806% 44
Spieler 8 5,143% 5,122% 0,203% 94,675% 33
Spieler 9 3,769% 3,749% 0,203% 96,048% 22
Spieler 10 17,995% 17,974% 0,203% 81,823% 88

Gingen bei dieser Handkonstellation alle Spieler vor dir All-In und du könntest aus bestimmten Gründen(z.B. du spielst auf Absolute Poker, du hast die Karten markiert, …) die Karten deiner Gegenspieler, könntest du einen guten Fold machen, da du nur 2,1% Anteil am Pot hast, aber bei gleich großen Stacks 10% zahlst.

Das liegt daran, dass …

  • … du kein Set machen kannst im Gegensatz zu den Spielern 4-10.
  • … die Spieler 4-10 deine Flushchancen verringern, da ihre Pocketpairs die gleiche Farbe haben.

Dieses Beispiel ist aber natürlich weit hergeholt und du fährst gut damit, wenn du deine Asse in Cashgames niemals preflop foldest. Und die Könige bitte auch nicht, also so gut wie nicht, aber das ist eine andere Geschichte. 😉

Ich hoffe, der Artikel war für dich interessant, aber nicht zu lehrreich, denn ich möchte nicht schuld an einer Riesenwelle von Preflop-Nits sein.