Objektivität I
Einleitung
Wir befassen uns diese und nächste Woche mit der Objektivität von Sichtweisen. Ich werde versuchen, Fallen aufzuzeigen, wie man sie umgeht und schließlich, auf was man sich wirklich konzentrieren sollte.
Inspiriert wurde diese Kolumne von einem engagiertem User, mit dem ich heute ein Gespräch hatte.
Fallen, sie lauern überall
Jeder von euch kennt bestimmt eine der folgenden Aussagen, egal ob aus seinem eigenen Mund, oder von jemand anderem.
Jede dieser Aussagen hat einen entscheidenden Denkfehler an sich. Auf diese will ich nun genauer eingehen:
Ich bin gut genug, aber die Fische lucken mich weg
Natürlich hat jeder von uns schon überdurchschnittlich schlecht laufende Sessions erlebt. Kein Draw kommt an, jeder unserer Bluffs fliegt auf und zu allem Überfluss müssen sich unsere Madehands auch noch immer zur zweitbesten am River improven, sodass wir gezwungen sind, viel Geld zu verlieren.
Klar kann man solche Sessions nur einem zuschreiben: Der Varianz.
Aber: Dennoch sind solche Aussagen, oder vielmehr die Gedanken, die dahinter stecken, fehlgeleitet. Ein Spieler ist niemals gut genug!
Das stetige Lernen, also die Verbesserung des eigenen Skills, sollte möglichst nie aufhören. Unser Ziel als ambitionierte Pokerstrategen ist, dass wir die Limits aufsteigen. Für diesen Aufstieg müssen wir uns aber immer verbessern! Auch die Aussage, dass man gut genug für ein Limit sei, ist irreführend. Der eigene BB/100 Wert ist in den meisten Fällen noch steigerbar, auch wenn wir ein Limit bereits "schlagen".
Der zweite Fehler in dieser Aussage ist folgender: die Fische lucken
Hier zeigt sich, dass man das Spiel Poker leider nicht verstanden hat.
Hierzu schweifen wir ein wenig ab: Zunächst in die Mathematik, dann in die Philosophie des Pokerns.
Sagen wir, wir haben gegen einen Fisch am Turn 80% Gewinnwahrscheinlichkeit. Wir betten und er callt. Nach unserer Bet sind aber nur 3 BB im Pot. Der Fisch callt also bei Potodds von 1 zu 3, hat aber nur genügend Outs um bei 1 zu 4 zu callen. Für einen Call bei 1 zu 3 brauchte er 25% Gewinnwahrscheinlichkeit, er hat aber nur 20%. Er investiert also 0,2 BB fälschlicherweise in den Pot.
Diese 0,2 BB gewinnen wir und zwar mathematisch gesehen immer, egal ob unser Gegner den River trifft oder nicht. Auch luckt der Gegner nicht am River. Er trifft lediglich mit den ihm zustehenden Prozentteil. Auch wenn unser Gegner oftmals aufgrund von Varianz öfter den River trifft als vorgesehen, so ist dies nicht als lucken (also quasi als unrechtmäßiges treffen) zu verstehen, sondern als pure Varianz mit der der eigentliche Fisch nichts zu tun hat.
Außerdem ist diese Varianz unser Freund! Sie verschleiert gegenüber dem schlechten Spieler seinen unausweichlichen Verlust und lässt ihn somit öfter gegen uns spielen, da ihm seine Situation als Fisch nicht so schnell bewusst wird.
Ich verdiene zu wenig Geld beim Pokern, ich muss mehr spielen!
Auch dieser Punkt ist im Grunde genommen falsch, zumindest auf eurem Limit.
Natürlich ist es euer Ziel viel zu spielen, um Spielerfahrung zu sammeln und Limits aufzusteigen. Dadurch verdient ihr aber (trotz weitgehend gegenteiliger Meinung) kein nennenswertes Geld. Richtiges Geld verdient ihr erst, wenn ihr ein hohes Limit schlagt ala $5/$10. Geld verdient ihr durch Skillsteigerung, weil diese euch langfristig wesentlich mehr Geld einbringt als stupides 8-Tabling auf $0.5/$1. Ich bin der Meinung, dass das Verhältnis zwischen lernen und spielen locker 1 zu 2, wenn nicht mehr sein sollte. So werdet ihr langfristig um einiges mehr verdienen.