Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

GTO-Pokertheorie: Der Schwarze Schwan

Der nächste Artikel zu Einblicken in die Welt der Spieltheorie und Wirtschaft beschäftigt sich mit Ereignissen, die niemand auf dem Radar hat, die allerdings tiefgreifende Auswirkungen haben.





Nassim Nicholas Taleb
Nassim Nicholas Taleb

Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, bei der wir einige der wichtigsten Themen abdecken, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.

Es wäre natürlich nachlässig, wenn wir in dieser Artikelreihe nicht auch ein oder zwei Theorien von Nassim Nicholas Taleb anschneiden würden, da der Essayist und Forscher mit Wall-Street-Vergangenheit auch in Pokerkreisen einen exzellenten Ruf genießt. Als Einleitung soll dazu eine Hypothese dienen, die wohl jeder, der schon eine Weile in der Pokerszene aktiv ist, schon einmal gehört haben sollte.

Eines der bekanntesten theoretischen Konzepte von Taleb ist der sogenannte Schwarze Schwan, im Englischen auch als Black Swan Event bekannt. Dabei handelt es sich vereinfacht gesagt um ein Ereignis, das niemand kommen sah, das jedoch extrem tiefgreifende Auswirkungen hat. Die spezifischen Kriterien für ein Black-Swan-Ereignis gestalten sich für Taleb wie folgt:

  • Das Ereignis ist eine Überraschung (für den Beobachter)
  • Das Ereignis hat extreme Auswirkungen
  • Beim ersten Auftreten des Ereignisses wird es im Nachhinein so rationalisiert, dass man es hätte erwarten können

Den Schwarzen Schwan vermeiden und antifragil werden

Nassim Nicholas Taleb
Die Theorie entstammt einer alten, falschen Überzeugung, dass es keine schwarzen Schwäne geben würde

Taleb beruft sich dabei auf eine ganze Reihe von Beispielen wie den Aufstieg des Computers, den Ersten Weltkrieg oder die Terroranschläge vom 11. September. Alle drei Ereignisse waren nur sehr schwer vorhersehbar, haben die Welt aber tiefgreifend verändert und wurden nachträglich trotzdem als eigentlich unvermeidbar abgetan. Dass die Black-Swan-Theorie von Taleb auf so viel Anklang in der Welt traf, liegt vermutlich auch daran, dass die Veröffentlichung in denselben Zeitraum gefallen ist wie der Beginn der weltweiten Finanzkrise 2007/2008, die wiederum selbst ein Black-Swan-Ereignis mit äußerst verheerenden Folgen war.

Taleb argumentiert dabei nicht, dass man Black-Swan-Events irgendwie vorhersehen könnte, wenn man nur mehr achtgeben würde. Stattdessen schlägt er vor, dass man mehr Fokus auf eine ausreichende Robustheit legen sollte, wenn eben jene negativen Ereignisse auftreten, mit denen man schlichtweg nicht vorab rechnen kann. Institutionen sollte man dazu bewegen, dass sie sich antifragil aufstellen, das heißt, dass sie auch innerhalb chaotischer Zustände noch robuster werden. Als Beispiel wird dabei die IT-Sicherheit angeführt, die nach jeder Hackerattacke einen Schritt nach vorn macht, da man sich wieder gegen einen neuen Angriffsvektor zu schützen lernt.

Ein Schwarzer Schwan, der vielen Menschen persönlich in ihrem Leben begegnen könnte, ist der plötzliche Verlust der Arbeitsstelle. Der eine oder andere hatte vielleicht gedacht, dass er einen Job fürs Leben gefunden hätte, als er vor rund 30 Jahren bei einem Schreibmaschinenhersteller gelandet war. Den Aufstieg des Computers hatte man dabei nicht auf der Rechnung. Auch auf uns werden wohl noch technologische und soziale Veränderungen zukommen, die das eigene Leben in einer Weise auf den Kopf stellen, mit der man niemals hätte rechnen können. Dagegen wappnen kann man sich, indem man stets versucht neue Fähigkeiten zu erlernen, sich weiterzubilden, sich ein Netzwerk mit beruflichen Kontakten knüpft und vielleicht einer Nebentätigkeit nachgeht, die sich irgendwann bezahlt machen könnte, wie zum Beispiel Poker. Auf diese Weise kann man sich eine gewisse Robustheit aneignen, um einem Black-Swan-Event in Bezug auf die eigene berufliche Laufbahn entgegenzuwirken. Taleb argumentiert in dieser Hinsicht, dass Freiberufler und Unternehmer häufig antifragiler aufgestellt sind als Festangestellte, da sie stets mit einem Auftragsengpass rechnen und entsprechende Anpassungen vornehmen müssen.

Der Black Friday

black friday
Der geschaltete Hinweis des US-Justizministeriums am Black Friday

Auch in der Pokerszene hatten wir bereits unser ganz eigenes Black-Swan-Event: der berüchtigte Black Friday im April 2011. Damals hatte das US-Justizministerium in einer koordinierten Operation den Zugang zu PokerStars, Full Tilt und Ultimate Bet für US-Spieler gesperrt und damit das effektive Aus für Online-Poker in den USA eingeläutet. Im Falle von Full Tilt und Ultimate Bet sorgte die Aktion auch dafür, dass Guthaben von Spielern auf der ganzen Welt jahrelang in der Schwebe und für die Betroffenen nicht verfügbar waren. Die Auswirkung war nicht nur, dass viele professionelle Spieler Geld und die Aussicht auf zukünftiges Einkommen verloren, sondern auch, dass die Pokerindustrie insgesamt ins Wanken geriet und viele Beschäftigte ihren Job verloren.

Niemand hatte das Ganze kommen sehen, es hatte extreme Auswirkungen auf die gesamte Pokerwelt, im Nachhinein haben wir es jedoch als ein Ereignis rationalisiert, mit dem man eigentlich hätte rechnen müssen.

Was ist also die Lektion, die man als Pokerspieler von Black-Swan-Events wie dem Black Friday lernen sollte? Das Wichtigste ist wohl, dass man nicht alles in nur eine Waagschale werfen sollte. Es ist schlicht unverantwortlich seine gesamte Bankroll bei einer einzigen Pokerseite zu lagern, zahlreiche Spieler verfahren jedoch nach wie vor so. Auch e-Wallets sind nicht zwangsläufig ein guter Ort, um dort das gesamte eigene Vermögen aufzubewahren (dasselbe gilt auch für Kryptowährungen). Wenn Geld für jemanden ein Werkzeug ist, um mehr Geld zu machen, sollte man sicherstellen, dass man sein Werkzeug nicht aufgrund eines unvorhergesehenen Ereignisses auf einen Schlag verlieren kann. Dabei ist es egal, ob die Guthaben nachweislich bei einem Anbieter gesichert sind oder nicht. Es kann genauso ein Schwarzer Schwan aus anderer Richtung auftauchen, zum Beispiel in Form von behördlicher Beschlagnahme oder einem ausgeklügelten Angriff von Hackern. Sich als Pokerspieler auf derartige Ereignisse einzustellen, hat nichts mit Paranoia, sondern vielmehr mit gesundem Menschenverstand zu tun.

Allgemeiner betrachtet, erreicht man die beste Abschwächung eines Black-Swan-Events, indem man schlichtweg in sich selbst investiert. Etliche Pokerspieler befanden sich nach dem Black Friday in der Schwebe ohne Aussicht auf ein Einkommen durch Poker und einer Lücke im Lebenslauf. Man kann nie wissen, wann man sich vielleicht einen neuen Job suchen muss oder der aktuelle einem einfach gar keinen Spaß mehr macht. Daher ist es wichtig, dass man etwas Zeit in die Entwicklung übertragbarer Fähigkeiten steckt, damit man immer Optionen hat, falls es zum Worst-Case-Szenario kommt.

Welche Theorien außerhalb der Welt von Poker haben euch am meisten beim Verbessern eures Spiels oder in anderer Weise geholfen?

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