Samy89 für euch im Weekend-Interview
Unser No-Limit-Experte stand uns Rede und Antwort und wir haben mit ihm unter anderem über seine Schulzeit, den Weg zum Studium und seinen Werdegang als Pokerspieler gesprochen.

PokerStrategy.com: Du stehst jetzt kurz vor dem Abschluss und bist bald Master of Science mit 27 Jahren und ein richtiger Physiker. Dein Weg dahin war allerdings eher steinig. Wie ist bei dir die Schule gelaufen?
Samy89: Heyho. Danke erst mal für die Einladung. Wenn ich mit 27 fertig sein möchte, dann muss ich noch mal ordentlich Gas geben, wird also eher ein Jahr später - aber gut, daran sollte es nun nicht scheitern.
Von der Hauptschule zum Physikstudium
Die Schule ... Nun ja, nicht so gut. Zuerst war ich auf einer Realschule, rutschte dann nach dem 6. Schuljahr ab in die Hauptschule. Nie gelernt, selten da gewesen - einfach selber schuld. In der neuen Schule kam ich dann in eine Klasse, die mir zeigte, dass so etwas wie Regeln für sie nicht existieren.
Erinnere mich noch ziemlich gut an meinen ersten Tag (Achtung, kleine Wall of Text): Ich wartete vor dem Klassenzimmer auf die Lehrerin - eine ältere Frau kurz vor ihrem Renteneintritt - während mich meine neuen Mitschüler recht skeptisch anguckten. In der Klasse fingen dann ein paar an auf die Tische zu steigen, schrien rum und beleidigten alles, was zwei Beine hatte - auch die Lehrerin, die einfach alles ignorierte.
Nach ca. 2h ging es dann zum Sportunterricht, in welchem es zu meiner ersten Schlägerei kam. Wollten mir halt klarmachen, dass ich nix zu melden habe, woraufhin sie mich schlugen und ich zurückschlug. Das Spiel ging dann ein paar Mal so. Irgendwann allerdings wehrt man sich dann nicht mehr, da man gegen die Gruppen immer den Kürzeren zog, und lässt es über sich "ergehen".

Dies ging dann ziemlich genau 1 Jahr so. Als Kind war es für mich eine heftige psychische Belastung. Um dieser Belastung aus dem Weg zu gehen, ging ich dann knapp 2 Jahre einfach nicht mehr zur Schule. Zu Hause konnte ich wegen meiner Mum auch nicht bleiben, da ich es ihr aus Angst verschwieg, und so irrte ich einfach an jedem Ort meiner Stadt umher.
An einem Tag ging ich mal ins Internetcafé und entdeckte dort dann das Game Counter-Strike (CS). Bin mir sicher, dass die meisten Leser hier das Game auch kennen und es gesuchtet haben. Nun, ich war vorher schon stark spielebegeistert, dieses Game hat in mir aber noch mal eine gewisse Leidenschaft geweckt. Konnte so zusätzlich auch aus dem Alltag entfliehen und habe meine ganze Kraft auf dieses Spiel gerichtet.
Klingt vielleicht bescheuert, aber der Umgang mit dem Game hat mich schon geprägt. Es erzeugte in mir das erste Mal ein Gefühl von Ehrgeiz und Disziplin. Das Training, die Ligaspiele und Turniere, die traurigen Momente, wenn man ein wichtiges Spiel verlor und das folgende Aufrappeln, das Gefühl des Dominierens und des Dominiertwerdens, haben mich als Mensch weiterentwickeln lassen.
Das alles habe ich zwar mit meinen Teamkollegen zusammen durchgemacht, dennoch war man den Hauptteil alleine vor seinem Rechner. In gewisser Weise empfinde ich es nun als Vorteil, da man sich nicht von anderen Menschen hat beeinflussen lassen und die eigene Entwicklung nur durch Leistung geprägt wurde. Möchte das hier um Gottes willen nicht schönreden, aber diese Zeit hat mir stark bei meiner Selbstfindung geholfen.
Diese Ära endete, als ich im 10. Schuljahr in eine andere Klasse gesteckt wurde. Dort war es bei weitem angenehmer, wobei meine Ansprüche auch nicht mehr so wirklich hoch waren. Habe dort dann meinen Hauptschulabschluss mittelmäßig beendet und ging meiner Mutter zuliebe auf eine Berufsschule, um den Realschulabschluss in einem Jahr vergeblich nachzuholen. CS war immer noch präsent in meinem Leben und der Grund für den misslungenen Abschluss auf der Berufsschule.
Nach diesem Jahr kam dann eine Kehrtwende in meinem Leben, da ich zu Unrecht lebenslang vom Ligabetrieb gesperrt wurde. Viele Gespräche mit dem Anwalt vom Team sorgten für eine Übergangszeit, im Endeffekt blieb das Resultat aber bestehen, sodass ich mich von meinem Game trennen musste. Auch wenn ich darauf nun zurückblicke, war das erneut ein super Glückstreffer, denn meine Energiereserven mussten nun durch etwas anderes verbraucht werden - Abi machen!
Fand leider keine Schule, die mich nehmen wollte mit einem Hauptschulabschluss, weswegen ich ein "autodidaktisches Abitur" machte. Bedeutet kurz: Du bringst dir zu Hause alles selber bei, musst dann nachweisen, dass du bereit bist für die Abschlussprüfungen (das wird mit Probeklausuren bewiesen), und darfst dann alle Klausuren in einer Schule schreiben. Nachteile: Musste jeweils nach Hamburg für die jeweiligen Probeklausuren fahren (waren ca. 10-12 Termine, die starke Termindifferenzen hatten), hohe Kosten und anstatt 4 waren es 8 Prüfungen, da sie mich ja aufgrund der Außerschuligkeit überall abfragen mussten.
Um mir das finanzieren zu können, habe ich also jeglichen Job angenommen, der mir in die Quere kam: Teller im Hotel waschen, Winterdienst, Landschaftsgartenbau, Autos waschen etc. Nach knapp 4 Jahren hielt ich schlussendlich dann doch mein Abitur in der Hand.
"Man ist für sein Leben selbst verantwortlich"
PokerStrategy.com: Dann hast du dein Abi gemacht und dich neben der Schule mit Jobs über Wasser gehalten. War das die anstrengendste Zeit deines Lebens? Was hast du hier gelernt?
Samy89: Die anstrengendste Zeit würde ich nicht sagen. Mir hat es viel Spaß gemacht den Stoff zu lernen und dort habe ich meine Liebe zur Naturwissenschaft entdeckt. Klar ist es viel Arbeit für mich gewesen mit den Jobs parallel und war chronisch pleite sozusagen, dennoch war das körperliche Arbeiten auch ein gewisser Ausgleich zur kognitiven Arbeit.
Zudem durfte ich viele verschiedene Menschen kennenlernen. In diesen Berufszweigen sind Ehrlichkeit und Offenheit fast immer sehr präsent. Das fand ich damals schon ziemlich cool und finde es im Nachhinein immer besser, je mehr ich mit anderen Menschen aus dem Studium zu tun habe/hatte. Gelernt habe ich, dass man für sein Leben selbst verantwortlich ist, solang man mit einem gesunden Körper und Geist geboren wird. Alles in meinem Leben ist gewissermaßen eine Reflexion meiner Entscheidungen, und wenn mir etwas dabei nicht passt, dann bin nur ich dafür verantwortlich etwas daran zu ändern (daher auch mein Blog-Titel).

PokerStrategy.com: Poker hat dein Leben deutlich bequemer gemacht. Wie hat deine Pokerkarriere angefangen und gab es für dich so etwas wie "den" Durchbruch?
Samy89: Mit Rumgedonke bei 10€ Live-Turnieren (Stichwort Poker-Bundesliga). Ehrlich gesagt zog sich das knapp 1 Jahr, und dass es so was wie erfolgsorientierte Strategien im Poker gibt, hätte ich damals nicht gedacht. Durch einen Ex-Teamkollegen wurde ich dann auf eure Seite aufmerksam gemacht und erkannte, dass es zumindest so was wie Strategien gibt.
Dass ich mich schlussendlich zum Lernen von Poker entschlossen habe, kam einfach dadurch, dass ich einfach ziemlich Bock hatte, mal Geld und damit auch eine gewisse Freiheit zu haben. Auf "normalem" Wege hätte ich darauf noch lange warten müssen, da der Zeitpunkt ca. 1 Jahr nach Beginn des Abis war und ich derzeit finanziell versuchte irgendwie über Wasser zu bleiben.
Allerdings sah ich an meinen Eltern, dass trotz Vollzeitjob alles andere als Geld und Freiheit als gegeben angesehen werden konnte. Dies verstärkte mein Vorhaben definitiv - und so ging es dann auch los. Mein Durchbruch würde ich an dem Punkt definieren, als ich genug Geld im Monat machte, um meine Jobs zu kündigen. Das war ca. 1 Jahr vor Abiabschluss. Seitdem musste ich auch keinen Job mehr suchen.
"Man ist gezwungen, sich weiterzuentwickeln"
PokerStrategy.com: Was findest du am Poker am interessantesten?
Samy89: Die Vielfältigkeit find ich ziemlich geil, wodurch das Spiel aufgrund von Monotonie nie langweilig für mich wird. Die Vielfältigkeit entsteht dabei durch die verschiedenen Spiel-Ideologien, Tischdynamiken und natürlich dem spieltheoretischen Aspekt (Stichwort Gameplan/Clusterung und Exploit).
Zum anderen feier ich es, dass es so viel Potenzial für Fehler gibt, die einen daran hindern, weiter aufzusteigen. So wird man gezwungen sich nicht nur spieltheoretisch weiterzuentwickeln, sondern vor allem auch psychologisch. Als ich vor ca. 3 Jahren das erste Mal NL100 spielte, wurde ich direkt mit einem Upswing belohnt. Dachte dann ich wäre der King schlechthin und spielte übertrieben "selbstbewusst". Einfach total Banane und so bekam ich die Rechnung ein paar Tage später.
Hochmut kommt vor dem Fall, mehr muss man dazu wohl nicht sagen. Also, Probleme an einem selber erkennen und versuchen zu beseitigen, ist ein wichtiger Prozess im Leben. Ist das Potenzial der möglichen Fehler dabei groß und ist man selber gewillt diese zu beseitigen, so ist das Resultat umso besser.
PokerStrategy.com: In deinem Blog schreibst du auch viel über das Universum. Ist das auch das, was dich in der Physik am meisten interessiert?
Samy89: Die Ereignisse im Universum finde ich auf jeden Fall interessant, speziell Astrophysiker werde ich aber nicht. Aber das bedeutet nicht, dass mein Werdegang keine Astrophysik beinhalten wird, da alles miteinander wechselwirkt. So z.B. ist Einstein theoretischer Physiker gewesen, seine Errungenschaften fanden dafür aber hauptsächlich Anwendung in der Atom-, Kern-, Astrophysik und Quantenmechanik.
Während des Masters kann man sich z.B. auch nur zwischen Quantenmechanik und statistischer Physik als Primärthema entscheiden. Alles Weitere sind Wahlfächer, die keinen primären physikalischen Hintergrund haben (z.B. Neuropsychologie/Medizin/Chemie etc.). Sollte man eine Stelle als Doktorand bekommen, so muss man sich dann doch spezieller festlegen. Ich selber habe mich noch nicht festgelegt, kann mir aber gut vorstellen, im Bereich der Quantenmechanik/Atom-Kernphysik tätig zu werden. Grund ist, dass in den Bereichen viel Forschung betrieben wird und es noch extrem viel zu entdecken gibt.
"Ich bin mit der Wahl meines Weges zufrieden"
PokerStrategy.com: Viele stehen Wissenschaftlern kritisch gegenüber. Man verbringt viel Zeit mit Dingen, die vermutlich nicht das Leben der Menschen verbessern. Wie stehst du dazu?
Samy89: Das empfinde ich als ideologische Frage, was für einen selber wichtig ist. Wenn meine Lebenszeit dafür draufgeht, die Natur zu verstehen, dann ist das für mich gut investierte Zeit. Das selber ist für mich wichtig, deswegen bin ich mit der Wahl meines Weges zufrieden.
Man sollte sich vorher nur klarmachen, was einem wichtig ist, um nicht später da zustehen und etwas zu haben, nur weil andere es von einem verlangten bzw. ihrem Glauben einem aufzwängten. Also, der Versuch die Erde zu heilen ist Ansporn genug für mich. Ob und wie stark das mir gelingt, ist neben Leidenschaft und Hingabe wohl auch etwas Glück abhängig, wobei ich mir beim Letzteren nicht sicher bin.
PokerStrategy.com: Vielen Dank für das Interview Samy89!
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