Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Kritische Fehler von Anfängern: Aktuell beste Hand

Dara O'Kearney liefert uns eine weitere Kurzlektion für Pokeranfänger. Dieses Mal im Fokus: zu viele Folds mit Händen, die sich noch verbessern können.

Dara O Kearney
Dara O'Kearney

In meinem letzten Artikel habe ich am Thema Boardabdeckung erläutert, welche strategischen Aspekte von Anfängern ignoriert werden, die bei Profis zum Standardrepertoire gehören. Dieses Mal will ich ein weiteres Leak von Hobbyspielern aufgreifen, das nicht nur Geld kosten, sondern beim Spielen auch für den einen oder anderen Frustmoment sorgen kann.

Wenn eine Entscheidung darüber ansteht, ob man sein Geld in die Mitte schieben sollte oder nicht, stellen Hobbyspieler zu sehr die Frage in den Fokus, ob sie aktuell die beste Hand halten, anstatt über die notwendige Equity für einen Call nachzudenken.

Sie tendieren dazu Hände zu folden, mit denen sie aktuell hinten liegen, auch wenn sie eigentlich die Equity für einen profitablen Call haben. Gleichermaßen tendieren sie zur Überbewertung ihrer Hand, wenn es aktuell tatsächlich die stärkste ist, und ignorieren, dass sie trotz Made Hand gar nicht über genug Equity für ein Play verfügen. Beide Fehler sorgen zwangsläufig für Frustmomente und eine Belastung des Mindsets, weil man vermehrt das Gefühl hat, einen Bad Beat kassiert zu haben.

Als Beispiel soll eine Hand von einem gecoachten Amateurspieler dienen, die ich vor Kurzem mit einem Postflop-Solver analysiert habe. Gespielt wurde mit einem effektiven Stack von 30 Big Blinds. Unser Hero im Hijack hatte mit AJ auf 2 Big Blinds eröffnet, der Small Blind mit 66auf 6,7BB erhöht und der Hijack gecallt.

Der Flop brachte Q88.

Am Flop hat der Small Blind dann 5,9BB in einen Pot von 14,8BB gesetzt. Der Solver hat für den Spot einen eindeutigen Shove seitens des Hijacks empfohlen. Auch ein Min-Reraise wurde für vereinzelte Fälle empfohlen, aber den Grund dafür heben wir uns für einen zukünftigen Artikel auf.

Die Analyse der genauen Ranges, die der Solver den beiden Spielern zugeordnet hat, wollen wir uns ersparen, aber der Small Blind wurde auf eine tighte Valuerange gesetzt, während beim Hijack eine lineare Range vermutet wurde, die AA-KK beinhaltet, allerdings nicht AK, AQ, QQ und JJ, da diese Hände preflop geshovet worden wären. Die Ranges außen vor hatte der gecoachte Amateurspieler deutliche Probleme zu verstehen, warum das Ganze ein Snapshove mit AJo war.

"Aktuell beste Hand" vs. Equity

Hellmuth
Es geht um mehr als die Frage, ob man mit seiner Hand aktuell vorne ist

Seine Logik war, dass er aufgrund der niedrigen Stacks nicht viel Foldequity auf seiner Seite hatte, sodass ein Shove praktisch einem Call mit Ace High gleichkam. Zudem ging er davon aus, dass er nur von einer Made Hand gecallt werden würde und dass er sehr leicht dominiert werden könnte. Gleichermaßen könnte jeder getroffene Draw aufgrund des gepairten Boards schnell in Schwierigkeiten geraten. Sein abschließender Kommentar war, dass er mit Pocket Sechsern in dem Spot deutlich zufriedener gewesen wäre.

An diesem Beispiel wird die Tendenz offensichtlich, dass unerfahrene Spieler zu sehr darauf achten, ob sie die "aktuell beste Hand" halten. Entsprechend häufig kommen bei ihnen auch Overfolds zusammen. Es ist bei einem Gelegenheitsspieler ein natürlicher Instinkt, die eigene Hand zu folden, wenn sie erwarten, dass sie in weniger als 50% der Fälle gewinnen können.

Man muss beim genannten Beispiel jedoch den effektiven Stack und die Höhe des Pots beachten: Am Flop hatte Hero noch 23,6 Big Blinds übrig und die potenzielle Chance, einen Pot von 61,5BB zu gewinnen. In solch einem Spot benötigen wir nur 38% Equity, um breakeven zu spielen. Nicht etwa 50% wie viele Anfänger erwarten würden. AJo mit einem Spade hätte etwas mehr als 40% Equity gegen die Range, die der Solver zugeordnet hat. Es ist bei Weitem kein Traumspot, aber dennoch bleibt ein Shove mit Ace High im konkreten Fall ein profitables Play.

Das Problem mit einer "aktuell besten Hand" wie einem kleinen Pocket Pair ist, dass man im Grunde nur zwei Outs hat, wenn man doch damit hintenliegen sollte. AJo hingegen hat eine Vielzahl an Outs gegen die unterschiedlichsten Hände, selbst wenn der Gegner in dem Spot eine Acht halten würde. In Spots, in denen Foldequity kaum eine Rolle spielt, ist es immer besser, wenn man eine Hand hält, die sich noch deutlich verbessern kann.

Genau das zu verstehen, kann auch dabei helfen, einige der Probleme mit dem eigenen Mindset loszuwerden, was das Auftreten von Bad Beats betrifft. Nur weil man zu einem bestimmten Zeitpunkt die beste Hand gehalten hat, muss man nicht zwangsläufig die beste Equity gehabt haben.

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