Eigene Equity realisieren oder gegnerische verwehren?
In einem weiteren Artikel erläutert Dara O'Kearney welche Frage man sich genau stellen muss, wenn man entscheiden will, ob man mit einer Hand betten sollte oder nicht.

Zu wissen, warum man eine Bet setzt, ist einer der ersten Grundsätze, die wir beim Poker lernen. Danach soll man setzen, wenn man überzeugt ist, dass man eine bessere Hand zum Folden oder eine schlechtere Hand zum Callen bringen kann. Viele Spieler betten einfach als Standard, ohne über den Grund nachzudenken, es bleibt also eine sinnvolle Richtlinie für alle, die mit einem Check konfrontiert werden und plötzlich nicht wissen, was sie tun sollen.
Ein noch hilfreicherer Ansatz ist es aber, die Entscheidung für oder gegen eine Bet mit der Frage zu beantworten, ob die eigene Hand mehr von Folds profitiert oder mehr davon, dass andere Hände noch im Pot bleiben. Vor allem wenn man regelmäßig mit Solvern arbeitet, wird einem deutlich, dass es sich genau darum dreht. Es geht nicht nur darum, ob man die beste Hand hat oder nicht. Es geht auch darum, was der beste Ausgang für die eigene Hand wäre.
Es ist weniger offensichtlich, aber auch eine schlechtere Hand zum Folden zu bringen, kann ein gutes Resultat sein, wenn eine gute Chance bestand, dass sich die Hand weiter verbessert. Und es ist zwar nicht ideal, aber keinesfalls ein Weltuntergang, wenn wir einen Call von einer besseren Hand kassieren, solange wir noch die Chance haben, uns zu verbessern und unsere Equity zu realisieren.
Verwehren von Equity

Ich will das Ganze an einem Beispiel verdeutlichen: Nehmen wir einen Postflop-Spot mit einem effektiven Stack von 30BB. Wir haben am Button geraist, der Small Blind 3-bettet, wir callen und der Flop bringt 7-8-9 ohne gleichfarbige Karten.
Für gewöhnlich würde ein Solver nun empfehlen, dass man Hände wie QQ, TT, 44 oder 67s raisen sollte, falls der Small Blind bettet, und selbst betten sollte, falls er checkt. AA und KK hingegen sind laut Solver im selben Spot häufig nur ein Call bzw. Checkback. Woran liegt das?
Fangen wir an bei QQ. Es ist zwar vermutlich die beste Hand am Flop, aber sie profitiert auch besonders gut, wenn man dem Gegner Equity verwehrt. Mit anderen Worten: Es ist eine starke Hand, bei der man es aber vermeiden möchte, dass der Gegner mit Ax oder Kx blufft und einen am Turn noch ausdrawt. Foldet Ax in solch einem Spot gegen QQ ist das für gewöhnlich ein gutes Resultat.
Mit AA und KK muss man sich hingegen keine Sorgen darüber machen. Vielmehr ist es sehr im eigenen Interesse, dass Ax und Kx beim Gegner in der Hand bleiben. Es ist kein gutes Resultat, wenn wir in solche einem Spot AQo zum Folden bringen, wenn wir AA oder KK halten. Es ist deutlich besser, wenn man einfach Call/Checkback spielt, um den Gegner am Turn und River im Pot zu halten. Bei derart niedriger effektiver Stacksize müssen wir keine Bedenken haben, dass der Gegner noch ein Monster treffen und uns um 100 Big Blinds erleichtern könnte. Wir wollen unser Geld in die Mitte befördern, die Frage ist lediglich wie.
Eine Hand wie 44 wird für gewöhnlich bei den meisten Flops aufgeben, hin und wieder kann sie aber auch aus demselben Grund betten wie QQ. Man hat viel Druck, dass der Gegner eine bessere Hand am Turn oder River trifft, sodass man mit einer Bet Händen wie JQo oder A5o die Chance gibt zu folden, bevor daraus ein schwaches Pair wird und man runtergecheckt und am Showdown geschlagen wird.
67s und TT sind interessante Fälle, weil man argumentieren könnte, dass beide über genug Equity verfügen, um sie auf beide Weisen zu spielen, vereinfacht gesagt, profitieren beide Hände jedoch von Bets. Mit TT könnten wir mit einer Bet einen Call von einer schlechteren Hand bekommen. Mit 67s könnten wir mit einer Bet einen Fold von einer besseren Hand bekommen. Und in beiden Fällen haben wir nach einer Bet die Chance ein Monster zu treffen und einen großen Pot einzusacken.
Ist unsere Hand vorne, aber verwundbar?

Wir wir in einem vorherigen Artikel bereits herausgefunden haben, ist die moderne Art, über eine Hand nachzudenken, keine binäre. Statt als Ansatz zu verfolgen, eine bessere Hand zum Folden oder eine schlechtere zum Callen zu bringen, sollte man sich fragen, wie man Villain dazu bringen kann seine Equity aufzugeben, während man seine eigene besser realisiert. Hände, mit denen wir setzen wollen, sind vor allem unsere verwundbaren, bei denen unser Gegner eine ganze Reihe an Händen mit viel Equity gegen uns halten kann. Haben wir hingegen eine Hand mit 33% Equity gegen die gegnerische Range, ist ein Fold ein gutes Resultat. Wenn wir hingegen eine hohe Equity haben, profitieren wir nicht mehr vom Realisieren unserer eigenen oder dem Verwehren der gegnerischen Equity. Die Chance, dass wir noch ausgedrawt werden, ist gering und unser Gegner foldet all seine schlechten Hände ohnehin.
Natürlich sind die obigen Beispiele allesamt sehr vereinfacht gehalten und wir müssen beim Konstruieren einer Range noch deutlich mehr Faktoren wie Balancing, Blocker und unser Betsizing berücksichtigen. Als generelle Richtlinie, wenn man sich in einem engen Spot mit der Frage konfrontiert sieht, ob man betten sollte oder nicht, kann man sich aber immer daran orientieren, ob die eigene Hand mehr von Folds oder mehr von einem Gegner profitieren würde, der noch im Pot bleibt.
Ähnliche Strategietipps und -ratschläge gibt es jeden Monat aus der Feder von Dara O'Kearney in seinem Gratis-Newsletter sowie im Buch Poker Satellite Strategy.
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