Ach ich weiß auch nicht, warum ich überhaupt auf die Idee komme, hier öffentlich zu flennen...
Kennt ihr das? Ihr seid ein guter Bürger, ihr zahlt alle Rechnungen pünktlich, zahlt brav eure Steuer, die Miete, seid nicht nur zu eurem Date, sondern auch zur Kassiererin freundlich.
Ihr behandelt euren Partner gut, habt eure Schule relativ gut bestanden, arbeitet nebenbei seitdem ihr 16 wart und habt derzeit ne gute 50h Woche mit Job und Uni...
Und dann kommt dieser eine Moment, diese eine Erfahrung, die euch einmal kurz umwirft. Für einen Moment verliert ihr die Spur aus dem Auge... Sei es Scheidung, Jobverlust durch Stellenabbau, oder der Verlust von irgendetwas privat sehr wichtigem...
In meinen jungen 23 Jahren ist mir sowas noch nie passiert, bis meine Ma' Mitte diesen Jahres verstarb.
Sie hatte Lungenkrebs. Anderthalb Jahre lang haben wir uns nicht unterkriegen lassen. So wurde sie nicht erzogen und so wurde ich nicht erzogen. Es wird gekämpft, wir haben schon schlimmeres durchgemacht.
Die Chemo schlug mehr oder minder gut an, es ging langsam voran, aber es wurde besser. Im ersten Jahr habe ich beschlossen mich noch nicht einzuschreiben, mir war klar, dass ich jetzt der Chef sein musste und die Bude pflegen muss. Einen Vater gab es nie, der verschwand früh, wie wohl leider bei vielen von uns.
Naja, die Gesamtsituation verbesserte sich und ich fing an zu studieren - Psychologie - mein großer Traum seitdem ich 17 war. Um den Haushalt musste man sich kümmern, also suchte ich mir einen Job mit besserer Bezahlung und so hatten wir einmal die Woche eine nette Dame zu Besuch, die die Bude pflegte.
Anfang 2012 dann die Nachricht. Das Karzinom war soweit zurück gegangen, dass meine Ma' endlich auf Kur fahren konnte, endliche Ruhe für den geschudenen Körper - Pusteblume, nach einem Monat war sie wieder zu Hause mit Magenschmerzen. Resultat: Metastasen in Leber und im Kopf. Weitergekämpft auch wenn wir beide eigentlich wussten - nur uns nicht eingestehen wollten - dass wir hier gegen einen übermächtigen Gegner antraten.
Ich war so oft es mir möglich war bei ihr. Uni/Arbeit verpassen wegen ihr? Das hätte ihr das Herz gebrochen.
Die letzten Wochen waren furchtbar. All die Geräte, die Schläuche, wie die Schwestern/Ärzte mit mir umgangen und vor allem der körperliche Verfall, den man fast stündlich voranschreiten sah. In den letzten Tagen zu schwach für ganze Sätze, zu schwach zum Essen, zu schwach für Hoffnung...
Als es zu Ende ging, zeigte sie mir nochmal, wie man dieses Leben leben sollte. Obwohl sie sich zuvor nichtmal mehr von alleine im Bett drehen konnte, entfernte sie alle Schläuche von sich, schmiss alles vom Bett und ließ die Schwester kommen, damit sie sich im aufrecht hinsetzen konnte. Sie wollte nicht als Patient dahinscheiden, sondern als der stolze Mensch, der sie immer war, die stolze Kriegerin, die aus ihrem Sohn, trotz aller Widrigkeiten, einen ordentlichen jungen Mann gemacht hat. Die Attitüde, welche ich noch immer so an ihr bewundere und wohl mein Leben lang nachjagen werde...
Es war am Vatertag. 17.05.2012. 16:39, auch wenn es offiziell 17 Uhr heißt. Irgendwann verließen ich und ihr Lebensgefährte das Krankenhaus und gingen getrennte Wege. Er nach Hause, ich zu einem Freund. Wir treffen uns jedes Jahr am Vatertag, es kommen alle Leute, welche das Jahr über verstreut in Deutschland arbeiten/studieren wieder nach Hause und wir treffen uns. Ich wusste nicht wohin mit mir.
Ich war leer. Ein hohles Gefäß, leergeheult und völlig verwirrt, für Wochen.. Monate. Ich verlor meinen Job, ging bis zu den Klausuren nicht mehr in die Uni, ließ sämtliche Verpflichtungen schleifen.
Mein Alltag bestand aus Alkohol, Essen und Zocken. Ganz bestimmt nicht das, was sich meine Mutter gewünscht hatte, dessen war ich mir bewusst, aber ich fand einfach keine andere Lösung in meiner Depression.
Auf der Beerdigung sagte der Redner, dass er stolz sei, dass meine Mutter einen Sohn erzogen hat, der sich auch in solch schweren Zeiten so gut um das Wesentliche kümmern kann... Er hatte ja keine Ahnung.
Zeit und eine sich kümmernde Freundin helfen. Langsam, sehr langsam. Ich hatte niemandem von dem Tod erzählt. Nicht dem Vermieter, nicht meinem alten Arbeitgeber. Nur den wichtigsten persönlichen Kontakten. Anfang Juli war der Brief für die Räumung der Wohnung im Kasten. Ende August sollte es soweit sein.
Ich bekam den heftigsten Tritt in den Ar*** von meiner Freundin, fand eine neue Arbeit und zog in ein Studentenwohnheim. Ich liebe sie. Ohne sie wäre ich nicht nur am Abgrund gestanden, sondern wahrscheinlich auch gefallen.
Ich bekam mein Leben wieder in den Griff. Im jetzigen Semester habe ich eine Anwesenheit von >90%, keinen einzigen Krankheitstag auf Arbeit und das behördliche ist soweit auch geregelt gewesen. Ich war wieder Happy!
Bis ich mich vor 2 Wochen beim Bafögamt erkundigte, wie es denn mit meinem Folgeantrag aussieht.
Hierzu muss ich kurz erzählen. Ich habe ein Abitur von 2.1. Damit nimmt mich keine Uni in diesem Lande für den Studiengang. In dem Jahr vor der Erkrankung stellte ich den Entschluss in Groningen/NL zu studieren. Ich hatte dort einen Platz, hatte 6 Monate Niederländisch Sprachkurs gemacht, mir n WG-Platz bei nem alten Schulfreund organisiert, usw. Als ich dann Anfing zu studieren stand es ausser Frage, irgendwo anders als in meiner Heimatstadt zu sein und so entschloss ich mich eine gute, staatlich anerkannte und Bafög geförderte Privatuniversität zu besuchen. Kostenpunkt: 600€ im Monat. Schaffbar als Selbstzahler mit Bafög+Job+geringer Miete.
Nunja, ich erkundigte mich beim Bafög Amt, ob soweit alles klar sei, denn nach zwei Monaten sollte wohl schon irgendwas bekannt sein. Mit der Uni war dies soweit alles abgeklärt, ich würde zahlen, sowie ich die Rückzahlung kriege. Dann aber der Schock. Laut dem Amt haben die niemals von mir einen Antrag erhalten. Ich war am sechsten August persönlich vor Ort und habe den Antrag abgegeben. Ich habe sogar noch die Bus-Tageskarte (kleiner Sammlerfetisch von mir :-S) in meiner Schatulle.
Terror! Abgeklärt wie es weitergeht, Name der Dame genannt die mir meinen Antrag abnahm. Persönlich nochmal hingefahren und mit der Dame gesprochen. Sie könne sich an mein Gesicht erinnern, sagte sie und so haben wir ausgemacht, dass ich den Antrag nochmal einreichen soll. Die Rückzahlung wird für alle Monate getätigt, nur die Bearbeitungszeit würde sich so auswirken, als würde ich den Antrag erst jetzt einreichen. Bedeutet de facto, dass es wohl vor März kein Geld geben wird... Naja, immerhin eine Lösung.
Am gleichen Tag zu Hause den Antrag fertig gemacht, die Unterlagen hatte ich alle noch hier, ging also recht flott und diesmal mit Einschreiben+Rückschein abgeschickt.
Ich dachte mir, dass die Uni vielleicht auch in Kenntnis gesetzt werden sollte. Also direkt ins Sekretariat und mit den Damen geredet. Die Reaktion kam mir ein wenig komisch, undeutbar vor. Behördlich beschreibt es ganz gut...
Ok, die Bombe platzte, letzte Woche dann einen Brief von der Uni in der Post gehabt. Mahnung. 1900€ für Oktober-Dezember incl Verzugszins und Mahngebühr, zahlbar innerhalb einer Woche.
Und da war es wieder, dieses beklemmende Gefühl, von welchem ich gehofft hatte, es nie wieder zu fühlen. Diese leere, unwissend, was ich machen soll. Fast 2000€? Ca. 4000€ wenn man bedenkt, dass Bafög erst im März kommt? Ich verdiene nicht schlecht für einen Studi-Nebenjob, ca. 900€ Netto, aber das pack ich einfach nicht. Zur Bank. Kredit aufnehmen, so übel ich mir dabei auch vorkomme. "Nein Herr X, solange wir nicht wissen, wie viel Bafög sie erhalten, können wir Ihnen den Kredit nicht geben". Wenn ich den Bescheid vom Bafög habe, bräuchte ich auch keinen Kredit mehr... Danke liebe Hausbank.
Freunde brauche ich bei so einem Betrag gar nicht erst fragen, ich kenne deren Situation. Ganz davon abgesehen, dass ich das auch nur ungern tuen würde.
Familie? Keine.
Wertgegenstände, erspartes Geld? Nein.
Hoffnung/Zukunfstaussicht? Mager, gen Null.
Wow, einfach nur wow... Ich mach und tu und das seit vielen Jahren. Ich habe mich immer gut Verhalten und das ist jetzt meine Aussicht dafür? Ich weiß nicht was, ich weiß nicht wohin. Ich weiß es einfach nicht. Ich stehe auf verlorenem Posten und wenn du wirklich bis hier hin gelesen hast, habe ich wohl auch noch einen guten Menschen in eine sehr tiefe Gefühlslage gebracht. Spitzenklasse! .. Es tut mir leid lieber, ausdauernder Leser, dass ich dir dies angetan habe und ich möchte dir danken, dass du mir bis hierhin gefolgt bist. Aber der nächste Absatz wird harsch und nicht schön, auch nicht stilistisch. Also wenn du mich in gutem erinnern möchtest, solltest du hier aufhören zu lesen.
Ich weiß ehrlich gesagt noch immer nicht, warum ich hier jetzt seit fast 2 Stunden sitze und viel zu doll auf meine Tastatur haue. Wollt ich den Scheiß einfach mal loswerden? Wollt ich zeigen, dass es auch möglich ist, alles richtig zu machen und trotzdem hinzufliegen? Wie unfair es ist, dass es Leute gibt, die für ein 1000€ Smartphone Geld hinterher geworfen bekommen und ich für meine persönliche Zukunft nur ein müdes Grinsen erhalte? Habe ich auf das gute in den hier lesenden Menschen vertraut, welche mir einen Privatkredit shippen? Haha.... Es kotzt mich an, wenn ich die Nachrichten sehe, die Schuldenkrise! Wenn ich Kommilitonen sehe, die den ganzen Tag zu Hause oder bei Freunden sind und trotzdem zur Vorlesung einen ganzen Genius Laden mit zur Uni bringen, während ich neben 20 stunden Uni noch 30 Stunden arbeite und trotzdem von PastaPesto lebe. Ich bin von mir selber erschrocken, von den Gedanken die ich mir mache, wie ich verdammte 4000€ auftreiben soll. Ich gebe mir noch einen Monat, bevor die Uni mich rauswirft. Aber es würde ja passen... Direkt am Weihnachtsmittag 24.12.2010 erhielten meine Mutter und ich die das sie Krank sei, warum sollte ich dann nicht auch am 24.12.2012 meine Zukunft verlieren. Damit dann auch mein Bett im Studentenwohnheim, damit dann auch meine Arbeit und mich dann mit gemütlichen Parkbänken auseinandersetzen... Wow, einfach nur wow...
Danke lieber Leser. Ich hoffe aus dem tiefsten meines Herzens, dass du mehr Glück in deinem Leben haben wirst. Du bist einer der Guten.