1. - 2.Platz: tthmb
1 Vorbemerkung
Der Begriff „tell“ ist ambivalent und (anders als vieles andere bei Hold�em) mathematisch nicht fassbar. Das macht den Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Themas aus. Es gibt kaum Aussagen oder Prämissen, die man (wie beispielsweise die Prinzipien von outs und odds) als „objektiv richtig“ bezeichnen kann.
Vor diesem Hintergrund können die folgenden Aussagen keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit erheben. Dies gilt umso mehr, da ich nahezu ausschlie�?lich auf eigene Gedanken und Erfahrungen zurückgreife. Die Bücher, die ich bislang gelesen habe, gehen auf onlinetells allenfalls am Rande ein. Eine Ausnahme ist – soweit ersichtlich – lediglich Matthew Hilger in „Internet Texas Holdem“, S. 266 – 270. Ich schätze dieses Buch sehr; seine Aussagen über tells sind allerdings teilweise widersprüchlich und stimmen in mehreren Punkten auch nicht mit meinen Erfahrungen überein (dazu unten mehr).
2 Definition und Wert
Tell wird definiert als verräterische �?u�?erung über den Wert einer Hand, und zwar unbewusster Art. Damit knüpfen alle Aussagen über tells an einen objektiven Umstand an. Diese Umstände müssen herausgefunden werden. Im folgenden werden daher einzelne dieser Umstände (d.h. einzelne tells) dargestellt und bewertet.
3 Einzelne tells
Im Regelfall wird im online-Poker lediglich das bet-Verhalten (generell oder eines bestimmten Spielers) als tellverdächtig angesehen. Es gibt nach meiner Erfahrung aber auch viele anderer tells, auf die ich zunächst eingehen möchte:
3.1 Name eines Spielers
Die erste Information, die ich von einem Spieler habe, ist sein Name. Dieser Name kann mir durchaus einige Informationen preisgeben. Wenn dies der Fall ist, sind diese Informationen fundamental, da sie Rückschlüsse auf die Gesamteinstellung zulassen.
Ein Beispiel: Steve Davis, der beherrschende Spieler im Snooker der 80er Jahre, hatte den nickname „the machine“ wegen seines kühlen, berechnenden, emotionslosen Spielstils. Einen Pokerspieler „the machine“ verbinde ich also sofort mit den genannten Eigenschaften, d.h. im Ergebnis für mich gefährlich. Matthias Wahls tritt u.a. unter diesem Namen auf und wenn er so spielt, wie er hier postet (woran ich keinen Zweifel habe!), spielt er Poker ebenso wie Steve Davis Snooker. Ein echter tell, den ich bei meinem Spiel berücksichtigen würde, wenn ich nicht ohnehin wüsste, wer mir da gegenübersitzt …
Noch ein Beispiel: Es gibt hier und auf PP einen Spieler namens Schnibbel. Schnibbeln ist ein Ausdruck vom Skat, wenn man versucht, die besetzte 10 des Gegners mit seinem As zu fangen, sprich herauszuschneiden, eben zu schnibbeln. Schnibbeln steht also für eher trickreiches, riskantes Spiel. Ich habe nun Schnibbel mehrmals auf PP beobachtet und glaube, dass Schnibbel tatsächlich trickreich und unkonventionell spielt. Auch hier hat sich mein Eindruck, den ich allein aufgrund des Namens hatte, bestätigt und ich kann mein Spiel danach ausrichten.
Oft sieht man natürlich Namen, die etwas mit der Pokersprache zu tun haben. Hier ist meine Erfahrung, dass der Name das Gegenteil von dem aussagt, was der Name suggerieren will. Rocks sind selten tight; donks oder maniacs oft passable Spieler. Aber: wer foldet KK nicht vielleicht gegen einen Axx-flop einen tTck öfter, wenn man gegen „Aceholder“ spielt?? Wie ist es gegen „Imonabluff“??
3.2 Betreten des Tischs
Schlüsse ziehen kann man sodann aus der Art, wie ein Spieler den Tisch betritt. Ich sehe immer wieder Spieler, die sich an einen Tisch setzen und sofort „auto post blind“ einstellen, selbst wenn sie under the gun sind. Das lässt auf wenig tightness schlie�?en. Umgekehrt genie�?t ein Spieler, der sogar nach dem button noch auf den BB wartet, bei mir einen gewissen Vorsprung an Respekt.
Gleiches gilt nach einer Toilettenpause mit sitout: ein guter Spieler würde m.E. nie in early position BB + SB (dead) posten. Man sieht es aber immer wieder und kann seine Schlüsse daraus ziehen.
3.3 Verlassen des Tischs
Teilweise kündigen Spieler an, dass sie in der letzten Runde sind, bevor sie den Tisch verlassen möchten. Das geschieht häufig nach einer Reihe von bad beats oder schönen Gewinnen, d.h. entweder frustriert oder redselig.
In beiden Fällen habe ich die auffällige Tendenz festgestellt, dass derartige Spieler noch eine letzte Hand spielen wollen, sei es, um auch einmal mit schlechter Hand zu gewinnen, sei es, da es eh egal ist, man hat ja gut gewonnen. Diese letzten Hände (utg oder utg + 1) werden oft zur leichten Beute; es lohnt sich, raises zu callen oder rezuraisen und in Position auf dem flop zu attackieren. Das gilt speziell im NL-Bereich.
3.4 Chat
Chat ist eine wahre Fundgrube. Ich meine damit weniger den Inhalt des chats (das ist nicht unbewusst und damit kein tell), sondern die Art und Weise des Chats.
3.4.1 Der Vielschreiber
Der Vielschreiber ist in der Regel loose. Er lässt die nötige Aufmerksamkeit vermissen. Oft kann man ihn auf dem flop oder turn aus der Hand drängen.
Wenn der Vielschreiber bei NL allerdings eine hohe bet macht bzw. bei limit raised oder gar check/raise spielt, hat er in der Regel eine sehr starke Hand. Denn er ist selten auf einem bluff, weil er sich nicht auf das Spiel konzentriert. Erfolgreiches bluffen ist jedoch situationsbedingt. Die Umstände, die einen bluff erfolgreich machen könnten, bekommt der Vielschreiber nicht mit; er versucht auch gar nicht, sie aufzuspüren. Deshalb: Vorsicht bei hohen bets des Vielschreibers!
3.4.2 Verhalten nach bad beats
An der Art des chats nach einem bad beat kann man häufig erkennen, ob der Spieler bad beats als zum Spiel gehörig akzeptiert und damit umzugehen wei�? oder ob er sich als mit aller Ungerechtigkeit der Welt überzogen betrachtet. Erstere Spieler sind zu respektieren, letztere geraten oft sehr schnell on tilt. Das ist ein wichtiger tell.
3.4.3 Analyse von Händen bzw. Kommentare
Teilweise kann man Spieler dadurch als stark identifizieren, dass sie die Hand ungefragt, aber sehr zutreffend analysieren. Das gilt sowohl für eigene Hände als auch für Hände, an denen der Spieler nicht beteiligt war.
Das ganze wirkt natürlich auch in die andere Richtung. Auf niedrigem level sieht man oft Kommentare, denen sich entnehmen lässt, dass der Spieler mit fundamentalen Grundsätzen des Spiels nicht vertraut ist. Notieren und ausnutzen!
3.4.4 Der Neuling
Ab und zu geben Spieler im chat zu erkennen, dass sie neu sind (z.B. statements wie „ich hätte nie gedacht dass Poker so viel Spa�? macht“). Notieren und ausnutzen!
3.4.5 Der Sheriff
Betrift NL. Der Sheriff checkt, z.B. auf dem flop out of position, reraised gegen eine kleine steal-bet all in verbunden mit der Bemerkung nach dem fold des Gegners „Stop truying to steal“. Wenn er dann kurz danach nach einem preflop-raise ein pocket-pair zeigt, wei�? man, mit welcher Sorte Spieler man es zu tun hat und kann schöne Pötte von ihm generieren, speziell wenn man ihn mit einer kleinen Bemerkung im chat etwas aufmuntert oder stimuliert.
Hier kann es sich sogar anbieten, einen kleinen pot mit trash zu callen oder einen untauglichen minibluff anzusetzen (mu�? nicht gegen den Sheriff sein, es geht auch ein anderer Gegner). Man wei�?, dass man verliert und zeigt eine schwache Hand (wie gesagt unbedingt zeigen!!). Der Sheriff wird es registrieren und bei nächst bester Gelegenheit mit hohen bets auf uns losgehen. Das ist dann sehr dankbar.
3.4.6 „Zuviele short-stacks hier“
Betrifft NL. Ein Spieler kündigte an, den Tisch zu verlassen, weil zu viele Spieler mit short stacks am Tisch seien (zur Bedeutung des short-stack-Spiels in NL siehe hier: short stack-Strategie). Ich habe das sofort notiert. Es dürfte ein Indiz dafür sein, dass dieser Spieler gern gegen big stacks mit hohen bets blufft in dem Wissen, dass big stacks seltener callen als small stacks.
3.4.7 Kommentare zum flop
Wenn ein Spieler den flop kommentiert (zumeist sein Unverständnis äu�?ert, wenn mehrmals hintereinander keine hohen Karten kommen), kann man erahnen, dass er zumeist solche Karten spielt und eher selten kleine suited connectors.
3.5 Bietverhalten
Dem Bietverhalten wird traditionell die grö�?te Bedeutung beigemessen, speziell dem Zeitmoment. Nach meiner Erfahrung spielt allerdings gerade das Zeitmoment nur eine untergeordnete Rolle. Andere Indikatoren sind für mich wichtiger.
Ich spiele vorrangig NL, weshalb sich meine Erfahrungen naturgem� auf diese Variante beziehen.
3.5.1 Geschwindigkeit
3.5.1.1 Regelfall: Geschwindigkeit hat m.E. wenig Wert
Wie schon gesagt, kann ich persönlich der bet-Geschwindigkeit generell nur wenig Bedeutung zumessen. Es handelt sich dabei nämlich häufig nicht um unbewusste �?u�?erungen verräterischer Natur. Spieler spielen mehrere Tische, so dass man aus der bet-Geschwindigkeit von vornherein wenig ableiten kann. Wie man aus den Antworten zu diesem Wettbewerb ersehen kann, wird die Geschwindigkeit häufig auch zur bewussten Täuschung eingesetzt. Im Forum hat ein Spieler dies einmal zutreffend zusammengefasst mit den Worten: „ok, ich wei�? jetzt, dass starkes betten die moderne Form von slow-play ist“.
Bei NL kommt noch hinzu, dass man teilweise in der Tat nachdenken mu�?, ob und wenn ja wie viel man bettet – auch und gerade bei einem bluff. Die Geschwindigkeit hat hier also noch weniger Wert als bei limit.
Ableitungen zur Geschwindigkeit basieren auf dem general tell „strong means weak and weak means strong“ (Hilger, ITH, S. 266), z.B. wer vor einem check länger wartet als üblich, zeigt üblicherweise Schwäche; bettet er aber nach längerem Warten, soll das Stärke zeigen. In den meisten Foren im Internet finden sich dazu keine klaren Aussagen. Langes Nachdenken vor einem check wird zu ca. 50 % als Schwäche, zu ebenfalls 50 % als Stärke interpretiert.
Wie unsicher das ganze ist, zeigen die Ausführungen vom Hilger auf S. 268. Dort hei�?t es, sogar in Fettdruck, dass ein Spieler üblicherweise Schwäche zeigt, wenn er schnell checkt, aber Stärke, wenn er dann reraised. Also kann lt. Hilger sowohl schnelles als auch langsames checken Schwäche zeigen, eine Aussage, die doch einiges relativiert. Und einem ckeck-raise ist zumeist in der Tat zu entnehmen, dass der Gegner stark ist …
3.5.1.2 Ausnahme: Wertvolle tells
Zum Spiel auf turn und river meint Hilger, dass ein schnelles raise bzw. eine schnelle bet in der Regel Stärke zeigen. Diese Meinung teile ich, aber nicht uneingeschränkt. Erscheint auf turn oder river eine scare card, die insbesondere eine straight oder einen flush machen könnte, bedeutet Schnelligkeit in der Regel, dass die scare card nicht getroffen hat. Bei langem Nachdenken bedeutet eine bet dagegen zumeist, dass der Gegner den befürchteten flush oder straight gemacht hat.
Speziell bei NL: wer auf turn oder river sofort den raise-button (= Mindestraise) drückt, ohne sich Gedanken über ein höheres raise zu machen, hat in der Regel zwar nicht die nuts, aber eine starke Hand.
Plötzliche Wechsel in der Geschwindigkeit derart, dass ein grundsätzlich bedächtiger Spieler plötzlich schnell spielt, bedeutet in der Regel eine sehr starke Hand.
Spieler kehren die allgemeine Regel „strong means weak and weak means strong“ gerne bewusst um (vgl. Hilger S. 266). Das ist nachvollziehbar, da die Betgeschwindigkeit als vorgeblich unbewusster tell am bekanntesten ist. Wenn man dies herausfindet, wird der general tell zu einem sehr wertvollen individual tell!
3.5.2 Voreinstellungen
Im Gegensatz zur Betgeschwindigkeit sind Voreinstellungen meiner Meinung nach sehr hilfreich. Sie repräsentieren zumeist die Hand, die der Aktion entspricht. Call BB ist eine durchschnittliche Hand, raise any ist sehr stark.
Ich habe es bei NL (niedriges level) so gut wie nie gesehen, dass ein Spieler, der bet pot voreingestellt hatte, auf einem bluff war. Das erscheint auch folgerichtig. Erfolgreiches bluffen ist situationsbedingt. Mit Voreinstellungen kann man diese situationsbedingten Umstände allerdings nicht erfassen, so dass Voreinstellungen an objektive Umstände (und damit an die Stärke der Hand) anknüpfen.
Vorsicht ist bei voreingestelltem check geboten, da man nie wei�?, ob check/call oder check/fold. In der Regel bedeutet check voreingestellt aber Schwäche, speziell beim BB preflop. Wenn er dann bettet, ist er stark; wenn er gar check-raised, hat er ein Monster geflopt.
Noch zu Big Blind: Wer den BB gegen ein steal-raise vom cutoff oder dem button erst nach längerem Nachdenken foldet, versucht oftmals lediglich den Eindruck zu erwecken, dass er aus Respekt vor dem raise und nicht nach Startchart foldet, um künftige blind-Verteidigungen zu erleichtern (insbesondere steal-reraises).
3.5.3 Fold out of turn
Wer am flop oder turn foldet, obwohl check möglich ist, outet sich m.E. als schlechter Spieler, oft auch als frustriert oder on tilt. Wer dagegen auf dem river foldet, ohne zu checken, sollte dagegen respektiert werden (will nicht zeigen, mit welchen Händen er wie agiert, was jedenfalls keinen schwachen Spieler verrät).
3.5.4 Wieviele Tische spielen meine Mitspieler?
Hilger empfielt, zunächst zu überprüfen, an wie vielen Tischen meine Mitspieler spielen, um deren tells im Hinblick auf die Geschwindigkeit besser einschätzen zu können. Das ist meiner Meinung nach illusorisch und nicht zu schaffen; allenfalls bei den beiden Spielern zu meiner linken und zu meiner rechten. �?berhaupt konzentriere ich mich bei der Analyse der tells auf die genannten Spieler, mehr kriege ich bei mehreren Tischen nur schwer auf die Reihe – deshalb lieber eine genaue Analyse der Spieler, gegen die ich oft in der Hand bin.
4 Eigene tells
Da�? man eigene tells vermeiden und sein Spiel entsprechend ausgestalten mu�?, versteht sich von selbst. Weitere Ausführungen dazu möchte ich deshalb an dieser Stelle nicht machen. Entscheidend ist, dass man nicht in bestimmte Gewohnheiten oder Rhythmen verfällt.
Aber noch ein Beispiel: Ich habe gute Erfolge damit erzielt, folgenden „tell“ zu setzen: vor dem fold auf dem button, im cutoff oder auf dem small blind wird länger als üblich gewartet. Der Gegner denkt, man überlegt, ob man ein steal-raise ansetzt. Wenn man das mehrmals gemacht hat, ist die Wahrscheinlichkeit gro�?, dann mit einem schnellen steal-raise durchzukommen.
5 Schlu�?
Poker basiert hauptsächlich auf dem Wert der eigenen Hand sowie dem Verhältnis von outs und odds. Wer sein Spiel nur daran ausrichtet, spielt mit positivem Erwartungswert.
Dieser Erwartungswert erhöht sich, wenn man in der Lage ist, die Stärke der gegnerischen Hand einzuschätzen. Dafür helfen tells. Tells sind ein Hilfsmittel, um die richtige Entscheidung zu finden. Deshalb sollte man m.E. niemals eine Entscheidung allein aufgrund erkannt geglaubter tells treffen, insbesondere keinen totalen bluff auf einen tell hin starten, ohne dass andere Umstände dafür sprechen, der bluff könnte erfolgreich sein. Dafür sind tells einfach zu ambivalent. Viele Fehler werden gemacht, weil ein Spieler die eigene Hand deswegen überbewertet, da er seinen Gegner falsch gelesen hat. „Thought you were on a draw“ habe ich schon von vielen Spielern gelesen, die mit einem kleinen Paar von einer keineswegs fern liegenden besseren Hand überrascht wurden.
Ich würde mich sehr freuen, wenn eine kleine Diskussion zustande kommen würde. Das Thema ist sehr spannend und es gibt sicherlich noch vieles andere, das zu sagen wäre.