Ich bin hier in diesem Forenteil zwar nicht oft unterwegs, aber aus nicht ganz uneigennützigen Gründen versuche ich mal eine Diskussion anzustoßen.
Der Begriff paternalism wie ich ihn in diesem thread benutzen werde, bezieht sich auf die Frage ob der Staat uns (unterbewußt) beeinflussen darf um uns höhere Wohlfahrt zukommen zu lassen, während er uns aber gleichzeitig in unserer Entscheidungsfreiheit beeinflusst. Dabei geht es nicht so sehr um die üblichen Beispiele wie Rauchen in öffentlichen Gebäuden, Drogenkonsum, etc., da diese Beispiele meistens externe Wohlfahrtseffekte auf den Rest der Bevölkerung haben. Viel mehr geht es um systematische Fehlentscheidungen die nur einen selbst betreffen. Ich versuche dies an drei Beispielen zu verdeutlichen.
Stellen wir uns eine Mensa vor in dem die verschiedenen Gerichte hintereinander in der Theke ausgestellt sind. Es ist bewiesen das Menschen das Gericht welches ganz vorne ausgestellt ist mit einer signifikant höheren Wahrscheinlichkeit konsumieren werden, als die anderen Gerichte. Sollte der Betreiber der Mensa (sagen wir einfach halb halber mal das ist der Staat) nun versuchen Gesunde Gerichte nach ganz vorne zu stellen? Sollte er besonders teure Gerichte nach vorne stellen? Muss er das zufällig machen? In jedem Fall wird er unsere Entscheidung beeinflussen. Darf er das Nutzen um "was gutes" zu beeinflussen?
Zweites Beispiel: Wenn man sich unterschiedliche Länder anguckt dann fällt auf das die Bevölkerung in einigen Ländern zu über 90% Organspender sind, während in anderen Ländern unter 20% Organspender sind. Das ganze lässt sich auch relativ leicht erklären. In den Ländern mit 90% Organspendern, steht der Satz "Wenn sie kein Organspender werden wollen, dann machen sie hier ein Kreuz", während in den anderen Ländern die Aussage steht "Wenn sie Organspender sein wollen, dann machen sie hier ein Kreuz". So genannte opt-in und opt-out Formulierungen. Auch hier stellt sich die Frage. Sollte der Staat mit dem Wissen eine Formulierung bevorzugen? Es ist nicht so das er dem Individuum die Entscheidung abnimmt, aber er beeinflusst sie durch einfaches Framing. Sollte er dies aktiv nutzen dürfen?
Letztes Beispiel. Stellen wir uns vor der Staat senkt die Steuern. Er hat nun die Möglichkeit dies als normale Steuersenkung zu deklarieren oder zu vermitteln das diese Steuersenkung ein Bonus sei. Sollte er letzteres tun, so wird die Bevölkerung ein Großteil der Extraeinnahmen sofort wieder konsumieren, während bei einer normalen Steuersenkung ein Großteil des Extraeinkommens gespart werden würde. Sollte der Staat hier Aussagen treffen, welche die Wohlfahrtsteigern?
Ums auf den Punkt zu bringen. Freiheit ist schön, aber macht sie uns auch wirklich glücklich? Ist es in bestimmten Fällen nicht besser, wenn andere Leute für uns entscheiden oder uns (unterbewußt) beeinflussen um unser Leben angenehmer zu machen? Es ist nicht wegzudiskutieren das Menschen nicht immer rational handeln und daher "dumme" Entscheidungen treffen, einfach weil sie nicht in der Lage sind das Problem zu überblicken oder wegen verschiedener Einflussfaktoren. Sollte es dem Staat erlaubt sein hier zu korrigieren?
Als Beispiel kann man zum Beispiel in die skandinavischen Länder schauen. Der Staatseinfluss ist relativ hoch, trotzdem schneiden diese Länder in dem Happy-Index durchgehhend mit am besten ab.