Du hast doch das wichtigste schon erkannt.
Unter ABC-Poker verstehe ich bislang: halte Dich ans SHC, bluffe gar nicht bis selten, beachte die Mathematik des Pokerns für Anfänger.
ABC-Poker ist vielmehr solides Poker ohne kreatives Gedöns. Es gehört schon mehr dazu letztendlich als ein paar Anfangschart auswendig zu lernen, sondern es beschreibt einfach grundsolides Poker. Du musst bedenken, dass ABC-Poker immer nur auf Grundlage der persönlichen Wissensbasis gespielt werden kann. Je mehr du weisst, desto komplexer wird auch dein ABC Spiel.
Da ich eigentlich aus dem Schach komme und es dort tödlich ist, nicht vom besten Zug des Gegners auszugehen, komme ich mir, trotzdem mein Graph langsam Richtung winning player tendiert, verloren vor. Habe heute erlebt, wie ein Maniac genau so gespielt hat, wie Du es auf die Spitze getrieben vorgeschlagen hast: In allen Situationen ähnlich (Ja, Du schriebst ähnlich, ich übertreibe mit "gleich"). Auf Microlimits sieht man ja wirklich viele Extreme. Und die Extrembeispiele führst Du ja auch an um meine Antworten zu ergänzen/widerlegen..
Poker unterscheidet sich von Schach maßgeblich darin, dass in Schach alle Informationen zu jeder Zeit verfügbar sind und die "besten" Züge durch Computer berechnet werden können. In Poker gibt es eine große Menge unbekannter Informationen und nur aus diesem Grund gibt es schlechte Spieler, die auch freiwillig Geld investieren. Sie sind davon überzeugt, dass ihr persönlicher Ansatz besser ist als das was die Gegner da betreiben. Das ist der Ansatzpunkt aus dem DU Kapital schlagen kannst.
Ich habe ihn heute gegen 14:00 dabei beobachtet, wie er immer preflop gelimpt oder gecallt hat, wenn er ein PP, ein Ass, einen König oder XXs hatte. Kam damit auf >60% VP$iP. Klingt bei der Häufigkeit wohl unlogisch, war aber bei jedem Showdown, den ich beobachten konnte, so. Am Flop und am Turn kam wenn kein call, dann immer ein ,02 Minraise und am River eine Bet zwischen halbem und ganzem Pott. 30 Minuten am Tisch gewesen und nicht annähernd eine spielbare Hand gehabt, aus der ich nicht von scheinbaren Regs, die auch Blut gerochen haben, rausgedrängt worden wäre.
Es ist häufig so, dass Anfänger mit loosen Spielern, die evtl. sogar noch den Raiseknopf kennen massiv überfordert sind. Das liegt schlichtweg daran, dass dein bisheriger SHC Ansatz dir nicht beigebracht hat, Pokersituationen selbstständig zu analysieren.
Stell dir mal folgende Situation vor - es gibt keine Blinds. Folglicherweise würde jeder intelligente Spieler nur Geld investieren, wenn er die beste Hand hält. Dies wäre Ass Ass und das sind 6 von ungefähr 1300 Kombinationen (schlag mich jetzt mit der genauen Zahl tot, ich weiss es grad nicht). Jetzt hat sich aber irgendwer gedacht - hey wir führen die Blinds ein. Wenn du jetzt auf Asse wartest, dann wartest du dich zu Tode, weil die Blinds dich auffressen. Also muss sich jetzt jeder überlegen wie er
a) den Verlust durch die Blinds kontert
b) durch die Konterstrategie der Gegner selber Profit erwirtschaftet
Der SHC unterstellt im Prinzip, dass an deinem Tisch eine Menge looser und passiver Spieler sitzen, die dich liebend gerne mit grenzwertigen Händen runtercallen. Aus diesem Grund spielst du laut dem SHC so wenige Hände und steigst bei Gegenwehr so schnell aus. Jetzt ist es aber so, dass nicht alle Spieler loose und passive spielen, sondern es gibt auch welche die selber tight und aggressiv spielen. Es gibt auch welche die loose und aggressive spielen.
Die Strategie gegen loose und passive Spieler ist es sie prinzipiell sehr viel zu valuebetten. Wenn ein 2nd Pair gegen einen tighten Spieler vielleicht nicht für eine Valuebet ausreich, dann wird es gegen jemanden der schlechtere 2nd Pairs called mit Sicherheit ausreichen z.b. AT auf QT334r mehrmals zu valuebetten.
Solange deine Gegner passiv sind und sich nicht aktiv wehren, sondern hauptsächlich callen oder folden, ist die Welt schön und einfach - denn du weisst wann du Gefahr läufst selber gegen eine starke Hand zu spielen (nämlich wenn diese Spieler selber sehr aktiv werden).
Jetzt gibt es aber viele Spieler, die selber aggressiv sind und zwar mit allen möglichen Händen. Jetzt wird es nicht mehr ganz so einfach, weil du anfangen musst auf der Verhältnis zwischen guten und schwachen Händen zu achten. Wenn du jemanden hast, der 60% seiner Hände spielt, dann wird er enorm oft irgendwas Postflop treffen, ABER es kann einfach nichts starkes sein. Wenn du jemanden hast der Postflop jeden Draw, jedes Pair, alle möglichen Overcards raist, dann wird er viel öfter Draws und irgendwelche Overcards haben als irgendein Pair - geschweige denn mal ein starkes Pair.
Im Prinzip ist Poker ein lustiges Puzzlespiel in dem du herauszufinden versuchst wie
a) dein Gegner grundsätzlich über Poker denkt
b) dein Gegner bestimmte Handgruppen spielt
c) welche Handgruppen dein Gegner überspielt oder unterspielt (z.b. aggressives Spiel mit sehr schwachen Toppairs oder 2nd Pairs oder Gutshots oder überhaupt nix oder z.b. sehr passives Spiel mit Draws, und mittelstarken Made Hands aber sehr aggressives Spiel mit starken Made Hands)
Du musst berücksichtigen, dass du Poker nicht gegen Roboter spielst, sondern hauptsächlich gegen echte Menschen, die alle ihr ganz persönliches Spiel runterspulen. Wobei ich dir letztendlich nur helfen kann ist folgendes:
1. Wie identifiziert man Schwächen im Spiel dieser Gegner
2. Wie nutzt man die identifizierten Schwächen aus
3. Wie spielst du selber ohne diese Schwächen zu haben
Der erste und zweite Punkt sind diejenigen auf die du den Hauptfokus legen solltest. Es ist auf den Microlimits in der Tat nicht so wichtig unexploitbar/balanced zu spielen, aber es ist kein ganz so schlechter Ansatz, wenn man keine Idee hat wer der Gegner ist - denn dann macht man zumindest erstmal nix falsch.
Wenn ich dann meine Beobachtung und Deine Schlussfolgerung kombiniere, komme ich zu dem Ergebnis, dass das SHC, aber das auch nicht unbedingt, ist ja nur für Anfänger, der einzige Filter davor ist, danach annähernd gleichförmig weiterzuspielen???
Der SHC ist wie erwähnt ein Konstrukt basierend auf der Annahme, dass die Gegner am Tisch loose/passiv spielen. Sobald deine Gegner nicht so spielen, ist der Chart (und auch die Anfängerartikel) alles andere als gut geeignet. Glücklicherweise spielen genug Gegner in den Micros loose und passiv.
Dann stehe ich doch mit 54s am BU raised vor AK, AA, KK, QQ, passiv gespielt, JJ, TT laut SHC gespielt aus den Blinds, sehe am Flop KsQhAd und soll ne Cbet anbringen? Dann, wenn mein Gegner checkraised dagegenhalten, weil ich nicht durch mein Verhalten auf meine Hände schließen lassen will...?
Den Absatz verstehe ich jetzt inhaltlich nicht. Du bist mit 45s am BU und machst damit was? Ich glaube ich weiss zwar worauf du hinauswillst (und ich hoffe wenn du mir den Absatz noch erläuterst, dann kann ich dir auch den Zusammenhang komplett erklären)