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Bin ich zu passiv?

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skam
Beigetreten: 29.07.2007
Oldschool Grinder

Hallo,

mir ist aufgefallen, dass ich postflop gefühlt zu wenig (Check)Raises spiele. Ich habe hier mal ein paar Stats zusammengesucht. Was denkt ihr über die Zahlen?


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2 Antworten
Moderator
cjheigl
Beigetreten: 10.04.2006
Elite Grinder

Ich würde generell sagen, dass du am Flop kaum oder gar keine Bluffes checkraist und an Turn oder River gar nicht. Das entspricht der Einsteigerstrategie, die am Flop nur Monsterdraws checkraisen würde, aber keine anderes Draws.

Das führt dazu, dass deine Redline (das ist die Linie, wo es keinen Showdown gibt) leidet. Dein Spiel ist Showdown fokussiert. Das heisst, am Showdown hast du typischerweise starke Hände und du gewinnst die in der Mehrheit. Das sollte in den niedrigen Limits die Verluste der Redline mindestens ausgleichen.

Wenn man eine ausgeglichene Redline haben will, dann muss man auch Bluffes als Checkraises einbauen. Das sind generell teure Moves, ganz besonders am Turn oder River. Speziell am River geht es dabei um so viele Chips (häufig alle), dass zu viele Misserfolge die Gewinnrate in den Keller abstürzen lassen.

Man braucht also ziemlich viel Erfahrung, um die Erfolgschancen gut abschätzen zu können. Ausserdem sollte man Reads über den Gegner haben, so dass man deren Tendenz kennt, wie sie auf Checkraises reagieren. Showdowngebundene Spieler sollte man mit solchen Moves als Bluffes nicht belästigen, da sie zu häufig callen werden.

Meine Flop Checkraise Rate auf NL5 ist ca. 18%. Ich traue mir solche Bluffes zu, je nach Board und Gegner, manchmal auch nur mit backdoor Draws und sonst nichts. Meine Redline ist daher ausgeglichen bis leicht positiv. Darunter leidet meine Blackline (die Showdowns), weil ich mehr bluffe. Insgesamt funktioniert das trotzdem gut, aber man muss dabei wissen, was man tut und gegen wen.

Die anderen Checkraise Raten habe ich nicht im Kopf. Ich bin gerade auswärts und kann nicht nachsehen. Checkraises auf Turn und River spiele ich aber auch sehr selten als Bluffes, weil die Betting Ranges auf Turn und River im allgemeinen viel stärker sind als die auf dem Flop.

Es gibt noch ein anderes Mass für die Passivität und diese Statistik nennt sich Aggression. Das ist der Anteil aggressiver Spielzüge in Prozent (Bets und Raises als Anteil von allen Aktionen). Die liegt bei mir bei ca. 40% über alle Streets. Da bin ich aber nicht sicher, wie gross der Einfluss der Checkraises ist. Ich spiele ausser Position auch Donkbets an allen Streets (nicht generell, sondern ausgewählt an der Boardstruktur). Daneben checke ich aber auch oft (auch mit Initiative), so dass ich natürlicherweise häufiger checkraisen muss, um die Checks auszugleichen.

Aggressivität alleine bringt ausser Position nicht dramatisch viel, sondern nur, wenn sie gezielt eingesetzt wird. Typisch dafür sind Situationen, wo Gegner am Flop zu häufig contibetten, nur weil sie in Position sind und preflop die Initiative hatten. Die Einsteigerstrategie contibettet in Position zu zweit am Flop als preflop Aggressor zu 100%. Solche Spieler können mit Checkraises sehr gut angegriffen werden, wenn das Board nicht zu gut in deren Range passt. Fortgeschrittene Spieler checken in dieser Situation auch mal, so dass sie nicht zu häufig in Konter laufen, wenn sie überwiegend schwach sind.

Beispiele:
CO bets, 2 folds, BB calls.

Board: K:c Q:c 7:h
Schlechtes Board zum Checkraisen, weil CO auf so einem Board viele made Hände hat oder gute Draws, die er auf einen Checkraise nicht aufgibt. BB hat hier auch nicht viele Monster, weil er KK/QQ/KQ preflop 3-bettet.

Board: J:c 7:h 5:s
Gutes Board für eine Attacke, weil CO häufig nur Overcards hat, selten eine made Hand hat und nie einen guten Draw. Das kann gegen einen tight aggressiven Spieler (der z. B. nach Einsteigerstrategie spielt) mit allem möglichen angegriffen werden, z. B. mit A5s, QTs, T8s+, 98s, 86s, K7s, K6s, K4s, Q6s usw. Zum Teil sieht das ziemlich schrottig aus, aber weil man die backdoor Draw Hände mit zwei backdoor Draws spielt (auch mit backdoor Flush Draw), haben sie viele Karten auf dem Turn, die sie verbessern und die man dort weiterspielen kann, falls der Gegner nicht foldet, oder sie haben Karten, die den Gegner daran hindern, eine made Hand getroffen zu haben.

Das Board lässt BB mehr Monster treffen, insbesondere 77, 55, 75s, J7s. Zu loose Calls kann sich daher CO nicht leisten, weil er doch relativ häufig in Monster rennt oder BB sich an Turn oder River Monster bastelt. Gerade das letztere lässt BB auch Spielraum für weitere Bluffes an Turn und River.

Z. B. hindert QTs den Gegner daran, QQ/TT/QJ/ JT zu halten. 98s hindert den Gegner nicht, top Pair oder Overpair getroffen zu haben, dafür ermöglicht 98s dem Gegner, sehr viele Overcard Hände zu halten, weil die nicht geblockt werden. Blocker für made Hände und Unblocker für sehr schwache Hände steigern die Foldequity, die für solche Moves notwendig ist.


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skam Themenstarter
skam
Beigetreten: 29.07.2007
Oldschool Grinder

Hey, mal wieder danke für eine ausführliche Antwort. Scheinbar habe ich mir da einen ordentlichen blinden Fleck aufgetan. Das mit der red line hast du wunderbar auf den Punkt gebracht. Die sinkt bei mir, auch weil ich vermutlich noch andere Dinge falsch mache. Meine showdown winnings, die über 50% liegen, also auch richtig, was du vermutet hast, können diese Verluste nicht ausgleichen.

Super! Ich habe was, woran ich gezielt arbeiten kann! Und da ich diesen Verdacht ja schon hatte, bin ich dem auch bereits etwas nachgegangen und ich war überrascht, wie oft die Gegner gegen checkraises in late positions overall folden.


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