Es geht nicht mehr um Programme, für die einzelne Parteien oder Politiker stehen, sondern um den Wahlvorgang, das Kreuzchen machen, als performativer Akt der redundanten Selbstbestätigung des Wählers als Wähler.
Das Engagement, das ihm abverlangt wird (Kreuzchen machen), ist jedoch kein gesellschaftliches: Appelliert wird nämlich an einen Subjekttypus, der als autonomer Konformist beschrieben werden kann – es ist dies ein Wesen, das von allen guten Geistern verlassen ist und dessen Interessen sich vollständig aus der Logik der Warentauschgesellschaft ableiten lassen.
Die Pro 7-etc.-Kampage treibt es damit auf die Spitze: Nicht mehr Aufklärung und Mündigkeit ist der Gradmesser der Politik, sondern das beharrliche Selbstbekenntnis zu Beschränktheit und Ressentiment. Jeder Idiot kann wählen gehen, und jeder Idiot findet noch irgendeinen Grund dafür. Dafür stellt sich eine Riege auf, die von Stefan Raab über Sonya Kraus bis zu Wigald Boning und die Popstargruppe Monrose reicht. Im Werbespot hört sich das dann so an: »Ich gehe!« – »Ich gehe mit!« – »Und ich gehe auch! Und deswegen gehen wir jetzt einfach.« Ein dem folgendes »Ist mir doch egal«, das im Making Of auf Youtube noch zu hören ist, wurde leider rausgeschnitten.
Nimmt man diesen Populismus ernst, dann markiert er die spaßgesellschaftliche Verwandlung dessen, was Michel Foucault in den siebziger Jahren als Gouvernementalität bezeichnete: der unbedingte Wille, regiert zu werden, verdinglicht als Ideologie, sich selbst zu regieren, wenn man die Chance wahrnimmt, irgendwo bei der Bundestagswahl sein Kreuz zu machen. Dem hat eine halbwegs vernünftige Forderung nach Demokratie nur entgegenzusetzen, seine Stimme eben nicht einfach abzugeben. Denn immerhin ist soviel an der Demokratie noch wahr: Jede Stimme zählt!