Exzerpt aus 2. Kapitel
Dort erwartet uns die suspekte Kinderärztin aus dem Kreißsaal. Der grapefruitgroße Kopf unserer Tochter wird wortlos mit einer Portion Gel überzogen, die für alle Organe eines Blauwals ausreichen würde und schon beginnt die Untersuchung. Nicht nur unsere Tochter verzieht schmerzverzerrt ihr Gesicht, als die Assistenzärztin mit ihrem Schallkopf drückt und wischt wie beim Fensterputzen. Und so ziehen die Minuten ins Land. Drei Minuten vergehen – ich sehe nichts als schwarz-weiße Fetzen auf dem Monitor. Vier Minuten: der Gel-Vorrat für die nächsten 28 Tage wird über Naya ergossen. Fünf Minuten: Es werden Screenshots gespeichert, die allenfalls der NASA helfen würden, schwarze Löcher näher zu untersuchen.
Teresa und ich werfen uns wieder ratlose Blicke zu, aber finden keine Antwort auf die uns brennende Frage: Was zur Hölle macht sie da? Schließlich scheint sie selbst zu merken, dass sie ihr Ziel heute nicht erreichen wird. Sie bricht ab und erklärt knapp: „Nichts gefunden. Kind bewegt sich zu viel. Müssen wir morgen wiederholen.“ Alles klar. Nein danke.
Etwas irritiert kehren wir auf unser Zimmer zurück und berichten von unserer jüngsten Erfahrung. Charlottes Mama beruhigt uns: „Die redet nie viel. Und die Untersuchungen laufen selten rund.“ Gut zu wissen. In der Hoffnung auf eine bessere Versorgung am nächsten Tag schlafen Teresa und Naya gegen Mitternacht ein. Ich darf nicht im Zimmer bleiben, aber im Haus: Eine Etage über der Intensivstation gibt es spartanisch eingerichtete Einzelzimmer – für Väter oder Personal auf Erholungssuche. Da kein anderer Vater da ist, beziehe ich für 40 Euro pro Nacht den gesamten Flur und schlafe binnen Sekunden ein.
Alarm auf Knopfdruck
Gegen 7 Uhr ruft Teresa an, da Madame mal wieder eine neue Windel benötigt. Auf meine Frage, welche Madame gemeint ist, erhalte ich ein knappes: „Beide“. Damit habe ich so früh am Morgen nicht gerechnet, jedoch ist ihre Antwort sehr plausibel. Schließlich reicht eine natürliche Geburt nicht nur körperlich und mental weit über die Grenzen des männlichen Vorstellungsvermögens hinaus, sondern hinterlässt offensichtlich auch Wunden. In Teresas Fall hielten sich diese zwar noch in überschaubaren Rahmen, dennoch muss sie neben all der empfundenen Liebe für ihr Neugeborenes auch ihren Heilungsprozess im Blick haben.
Genug Details für den frühen Morgen. Ich eile nach unten und freue mich über meine Verantwortung als Windeljongleur. Als Nayas neues Polster sitzt, passt, wackelt und einen Finger breit Luft hat, hüpfe ich vergnügt mit ihr ins Bett und beginne meine Kuscheleinheit bei einer Zimmertemperatur jenseits der 26 Grad – nach dem Lüften. „Das kann ja ein heiterer Tag werden.“, denke ich mir.
Und ich sollte Recht behalten. Gegen Mittag knallen draußen 33 Grad aufs Fenster, drinnen stehen 29. Die Luft bewegt sich weniger als ein in Beton gegossener Kreisel. Was wünscht man sich in so einem Moment mehr, als eine windelverpackte Heizung auf der nackten Brust? Richtig: gar nichts.
Die Kuscheleinheit endet, als wir erneut zur Kopfsonografie gerufen werden. Diesmal läuft alles rund – die neue Assistenzärztin erklärt vorher, was sie tut, was sie sucht, und bittet um Ruhe. Dank der guten Kommunikation ertragen Tere und ich die schweißtreibende Prozedur ohne Murren.
Zurück im Zimmer wartet bereits der nächste Besucher. Am Vormittag durften schon meine Mutter und mein Bruder einen kurzen Blick auf Naya werfen. Jetzt kommt ein Mann, den wir nicht kennen, aber erwartet haben: der Medizintechniker mit dem Überwachungsmonitor für zuhause. Wie besprochen sollen wir mit dem Gerät zusätzliche Sicherheit bekommen – besonders in Momenten, in denen wir Nayas Zustand nicht im Blick haben.
Die Kinderärzte haben uns daraufhin eine Verordnung zur Überwachung mittels Vitalfunktionsmonitor verschrieben und direkt den Kontakt zu einem Medizintechniker hergestellt, der uns nun diesen Monitor vorstellt, anschließt und die Handhabung für zuhause erklärt. Sobald dieser dann noch 24 Stunden parallel zum Klinikmonitor auf der Intensivstation gelaufen ist und keine großen Unterschiede verzeichnet wurden, werden wir wohl entlassen und können uns auf die Zeit zuhause freuen. Soweit die Theorie.
Die Praxis hingegen ist alarmierend im wahrsten Sinne des Wortes. Noch während der Kollege seinen Monitor mithilfe von drei Elektroden auf der Brust sowie einem Sensor am Fuß an unsere Tochter anschließt, schrillt ein Alarmton durch das Zimmer. Da hier gerade niemand ein Auto aufbricht, muss der Ton wohl aus diesem neuen Gerät stammen. Der Techniker erklärt, dass sein Gerät das modernste auf dem Markt ist und sehr sensibel auf alle Umstände reagiert, schneller aktualisiert als der Klinikmonitor und daher wohl eine Abweichung verzeichnet hat, die dem anderen Gerät nicht auffiel. Wir sollen nur schauen, dass seine Elektroden genügend Abstand untereinander haben, damit es nicht zu Messfehlern kommt. „Kein Thema, kriegen wir hin“, versichern wir ihm, bedanken uns und verabschieden ihn.
Der Typ ist noch keine 20 Minuten außer Haus, da rappelt unser Gerät zum vierten Mal. Was soll das? Laut Display sind die Elektroden nicht richtig platziert. Kurzer Blick auf die Brust unserer eintägigen Tochter: Sechs Elektroden von zwei Monitoren kämpfen um die nötigen Quadratzentimeter Fläche wie Studierende auf Wohnungssuche in Münster. Hinzu kommen tropische Bedingungen, die selbst ein Neugeborenes schwitzen lassen wie Kreisligafußballer in der Sommervorbereitung. Das Resultat sind ständig verschobene Elektroden, die nonstop Alarme auslösen.
Vielleicht kannst du aus meiner Beschreibung herauslesen, wie nervig dieses Teil schon am ersten Tag ist. Aber es kommt noch dicker: Neben all den Alarmen zu mangelhaften Anschlüssen – der Fußsensor hatte übrigens ebenso viele Fehler wie die Brustelektroden – streute das Gerät ab und zu noch Fehler ein wie „Apnoe erkannt“ oder „Keine Atmung“.
Ginge es nach dem Log dieses medizinischen Wunders, hätte unsere Tochter bis 14 Uhr bereits mehrfach wiederbelebt werden müssen. Zum Glück reichen geschulte Blicke auf das süß vor sich hin schlummernde Wesen, um festzustellen, dass sie sehr wohl atmet. Und der Klinikmonitor bestätigt das jedes Mal. Wir lernen schnell: Bei Alarm – erst mal die Stummschalten-Taste drücken. Ob das im Sinne der Erfinder war?