Außer einem eher spöttischen Videobeitrag von Paxis habe ich zu diesen Turnieren hier bislang nicht viel gefunden. Dabei sind die möglicherweise gar nicht so uninteressant. Ich möchte daher versuchen, hier einen kleinen Aufschlag zu dem Thema zu machen; vielleicht interessiert sich ja der eine oder andere dafür oder spielt sie sogar (es sind nicht wenige Deutsche an den Tischen), vielleicht findet sich sogar jemand, der das hier mathematisch korrekter analysiert als ich es kann.
Zur Struktur:
Wenn man den äußeren Rahmen mit Sprints und Tor und so weiter einmal außer Betracht lässt, werden hier 4-handed-PKO-Turniere mit 20 BB Start und sehr schnell wachsenden Blinds nach dem Format „The winner takes ist all“ gespielt. Der Rake beträgt 10%.
Eine erste Besonderheit liegt darin, dass ein gewonnenes Bounty dem Spieler nicht mit seinem Nennwert zufällt, sondern mit einem Grundbetrag von 25% des Gesamtbountys, der mit einem Multiplikator zwischen 1 und 300, auf den beiden höchsten Stufen mit einem Multiplikator zwischen 1 und 6.000 multipliziert wird. Das ist ähnlich wie bei den Spin-&-Go-Turnieren, so dass sich im Ergebnis durch den Multiplikator zwar die Varianz stark erhöht, der EV aber gleich bleiben sollte.
Die nächste Besonderheit ist, dass man mit 1 $, 2 $, 5 $, 12 $ oder 25 $ in das Turnier einsteigen kann. Es werden immer Spieler mit vergleichbar hohen Einsätzen zusammengestellt. Wenn man eines der Turniere unter 25$ gewinnt, steigt das eigene Bounty so weit an, dass man sich für das nächsthöhere Turnier qualifiziert und dort weiter spielen kann. Ein Ausstieg – und damit der Gewinn des eigenen Bountys – ist erst auf der letzten Ebene möglich.
Überlegungen zur Profitabilität
Im Ergebnis bedeutet dies, dass man auf der höchsten Stufe 25$ einzahlen kann, um, wie erwähnt, ein SnG mit vier Spielern und 10% Rake zu spielen. Wäre es ein Freezeout-Turnier würde das bedeuten, dass man 4 x 22,50 $ = 90 $ bei einem Einsatz von 25 $ gewinnen kann, im Durchschnitt also 36% aller Turniere gewinnen muss, um break even zu spielen.
FRAGE 1: Muss ich diesen Wert angleichen, weil es sich um ein PKO handelt? Wenn ein Spieler in 100% der Fälle 2 Bountys gewinnt, um dann als zweiter auszuscheiden, wäre sein Spiel schließlich auch profitabel.
Nehmen wir die zweite Stufe hinzu, ergibt sich dadurch, dass man erst auf der letzten Stufe seinen Gewinn mitnehmen kann, dass der Spieler in Wahrheit an einem 16er Shootout-Turnier teilnimmt, wiederum nach dem Format „The Winner takes it all“. Dafür zahlt er aber auch nur einen Rake von 1,20 $ statt wie auf der letzten Stufe von 2,5 $.
Das setzt sich so fort: bei 5-$-Buy-In zahlt der Spieler 0,5 $ für ein 64er-Shootout, bei 2-$ sind es 0,2 $ Rake für ein 256er-Shootout und bei 1-$-Buy-In schließlich 0,1 $ Rake für ein 1024er-Shootout-Turnier.
FRAGE 2: Unterstellt, man ist dem übrigen Spielerpool überlegen, kann man dann eine Aussage darüber treffen, ob der Einsatz auf einer niedrigeren Stufe profitabler ist als der Einstieg auf einer höheren Stufe? Wenn sich dies positiv beantworten und beziffern lässt, müsste man den Vorteil noch in Beziehung zu der einzusetzenden Zeit bringen, denn wenn ich mit einem Einsatz von 1 $ starten, muss ich 5 Turniere spielen, um mein eigenes Bounty zu gewinnen, wenn ich mit 25 $ einsteige, nur eines.
Überlegungen zu Varianz und Fischdichte
Die Varianz dieser Dinger sollte stark überdurchschnittlich sein. Das Format bietet eigentlich nur varianzerhöhende Faktoren: Die kleinen Startstacks, die schnelle Erhöhung der Blinds und den Lotteriefaktor bei einem gewonnenen Bounty. Folgerichtig wird es lange dauern, um festzustellen, ob man tatsächlich mit einem positiven EV spielt. Das ist, wenn man seriös oder gar mit Gewinnerzielungsabsicht spielen will, eher ärgerlich. Umgekehrt bedeutet eine hohe Varianz aber auch eine hohe Attraktivität für Fische oder Freizeitspieler. Es ist nun einmal reizvoll mit einem Schlag sehr viel Geld verdienen zu können. Durch den Lotteriefaktor kann auf der höchsten Stufe theoretisch ein Bounty von 27.000 $ gewonnen werden. Das lockt, auch wenn die Wahrscheinlichkeit nur bei 0,0032 % aller Fälle, in denen man überhaupt ein Bounty auf der letzten Stufe gewinnt, liegt.
FRAGE 3: Kann man die Varianz anhand der äußeren Struktur berechnen und daraus eine BRM-Empfehlung ableiten oder läuft es auf ein Try-and-Error-Vorgehen hinaus?
Noch etwas spricht dafür, dass man auf den Turnieren eine Menge Freizeitspieler antreffen kann: PKO-Turniere sind aufregend, weil man in einem Augenblick vergleichsweise viel Geld verdienen kann (s. o.). Bei den Kick-Offs kommt hinzu, dass sie schnell gehen. Ein einzelnen Turnier dauert selten länger als 5 Minuten. Wer sich also für Turnierpoker interessiert, aber nicht stundenlang in einem MTT spielen möchte, findet bei immer mehr aussterbenden SnGs hier eine Alternative, die wegen der Bountys vielleicht attraktiver ist, als die Spin-&-Gos.
Überlegungen zur Strategie
Bedingt durch die Struktur ist das ganze natürlich sehr Pre-Flop-lastig. Hinzu kommt, dass PKO-Turniere generell looser gespielt werden können als Freezeouts. Im Ergebnis muss man sich also mit Push-or-Fold-Poker auseinandersetzen. Demgegenüber sollte ICM bei einem The-winner-takes-it-all-Format keine Rolle spielen. Hier bietet der ICMIZER auch eine eigene Trainingsmöglichkeit für die Kick-off-Turniere an.
Die Frage ist natürlich wiederum, ob die Gegner hierbei so gravierende Fehler machen, dass der Wissensvorsprung sich in Profit umwandeln lässt. Dazu kann ich noch nicht viel sagen. Ich habe bislang vielleicht 300 dieser Turniere gespielt und bin dezent im Plus, was sich aber varianzbedingt jeden Tag ändern kann.
FRAGE 4: Wie seht ihr nach alledem die Sinnhaftigkeit dieser Turniere? Spielt Ihr sie, habt Ihr sie aufgegeben oder wollt Ihr die Sache einmal antesten?
Zusammenstellung der Fragen:
1. Wie berechnet man in einem PKO den Anteil an Turnieren, den man gewinnen muss, um wenigstens Break-even zu spielen?
2. Kann man eine allgemeine Aussage darüber treffen, ob der Einstieg auf der untersten oder einer höheren Stufe profitabler ist (den Zeitfaktor einmal außer acht gelassen)?
3. Lässt sich anhand der Struktur ein sinnvolles BRM ermitteln, oder kann man angesichts der hohen Varianz nur ein BRM von 1.000 Buy-Ins versuchen und das Beste hoffen?
4. Haben diese Turniere, der Poker nicht nur als sinnfreies Glücksspiel betreiben möchte, überhaupt einen Sinn?