Hintergrund:
Ich habe ein geisteswissenschaftliches Studium ziemlich verbummelt und nach x Jahren schlussendlich ohne Abschluss beendet. Das Studium wurde durch Studienkredite finanziert, so dass ich erhebliche Schulden habe. Anschließend kurz vom Pokern gelebt, dann arbeitslos gewesen. Relativ spät noch eine Ausbildung gemacht, gut abgeschlossen, aber nicht übernommen worden. Diverse Hilfsjobstätigkeiten später habe ich einen befristeten Vertrag in einer staatlichen Verwaltung bekommen, was mir heute mit Blick auf meinen Lebenslauf ziemlich irreal vorkommt,
Aktuelle Situation:
Der Gegenstand meines Jobs ist sehr interessant, die Arbeit mag ich eigentlich auch, wobei es natürlich Nachteile gibt. Ich denke aber nicht, dass ich diesen Job über Jahre ausüben möchte.
Aus meiner Arbeitslosigkeit heraus habe ich mich für 2 Auswahlverfahren in der Verwaltung des Bundeslandes beworben, in dem ich inzwischen lebe. Zu meiner Überraschung habe ich in beiden Verfahren gut bis sehr gut abgeschlossen (jeweils in den Top 10 %). Dadurch hatte ich den Fuß in der Tür und habe mich ohne großes Nachdenken in diversen Verwaltungen einfach beworben. Ich hatte ja schon einen Job und wollte einfach sehen, was passiert. Ergebnis: Ich hatte 4 Vorstellungsgespräche für ein duales Verwaltungsstudium, davon habe ich je 2 Zusagen und Absagen bekommen. Zudem hatte ich auch ein Vorstellungsgespräch für die Verwaltungsausbildung, auch da habe ich eine Zusage bekommen.
In der Summe also: Aktuell befristet beschäftigt (Befristung läuft noch > 1 Jahr), 1 Ausbildungsplatzangebot und 2 Studienplatzangebote ab September/Oktober.
Dieses Ergebnis hat mich wie gesagt eher überrascht und ich springe aktuell fast schon tageweise hin und her, was ich denn jetzt tun soll.
Ein paar Gedanken:
Pro Absage/Verbleib in meinem Job:
- Ich kann mich in meinem aktuellen Job mit diversen Themengebieten beschäftigen und finde das, auch wenn es zum Teil stressig ist und bestimmte Teile des Jobs mir überhaupt nicht liegen, sehr interessant
- Wegen meiner Verschuldung ist es mir eigentlich sehr wichtig, dass ich weiterhin normal verdiene. Mit Ausbildung/Studium natürlich unmöglich
- Ich lebe in einer Großstadt. Fast alles ist sehr schnell erreichbar, ich kann mit der U-Bahn zur Arbeit, habe ein gutes Fitnessstudio vor Ort etc. Lappalien, schon klar. Die Studienabschnitte - und das wären 20 der 36 Monate - werden in einer Mittelstadt abgehalten.
- Ich weiß nicht, ob ich ein Studium überhaupt noch auf die Reihe bekommen würde. Der erste Versuch ist krachend gescheitert. Ich denke, dass mir ein duales Studium viel eher liegen würde, u.a. wegen Wettbewerb, Prüfungsformaten (ich habe im Studium oft sehr gute Klausuren geschrieben), Druck, Perspektive etc. Mein Lebenswandel ist nicht besonders intellektuell (im Grunde Arbeit, Sport, Kino, Internet etc.), so dass ich nicht weiß, ob ich den Cut schaffen würde.
- Ich bin seit Anfang April für ein Fernstudium eingeschrieben, so dass ich jetzt absagen und testen könnte, ob ich das überhaupt schaffen kann
- Das Auswahlverfahren findet jedes Jahr statt. Im letzten Jahr habe ich mit praktisch null Vorbereitung gut abgeschlossen. Das wäre in diesem Jahr sehr wahrscheinlich nicht anders
- Ich habe in Sachen Auswahl der Vorstellungsgespräche/Standorte diverse Fehler gemacht, die ich heute so nicht mehr machen würde
- Die beiden Zusagen für die Studienplätze sind nicht meine Traumberufe. Ausgerechnet in dem Bereich, der mir meiner Meinung nach am meisten gelegen hätte, habe ich eine glatte Absage ohne Begründung bekommen. Ich habe im Vorstellungsgespräch brutal gefailt und denke über einige meiner Antworten immer mal wieder nach. Das würde mir in dieser Form nicht noch einmal passieren.
- Nach den Rückmeldungen, die ich bisher erhalten habe, sind meine Chancen auf eine Entfristung durchaus gegeben. Der Bereich, in dem ich arbeite, hat eine hohe Mitarbeiterfluktuation, so dass ich womöglich einfach nur durchhalten müsste. Netter Witz in meiner aktuellen Situation: Aktuell sind bei meinem Arbeitgeber auch Fernstudiengänge für den Laufbahnaufstieg ausgeschrieben. Würde ich eine Entfristung erhalten, würde ich hierfür alle Voraussetzungen erfüllen.
- Meine finanzielle Situation war natürlich auch Gegenstand von standardisierten Fragebögen. Hier habe ich - "weil es eh unwichtig ist/eh nichts wird" - falsche Angaben gemacht. Game Over, wenn mein zukünftiger Arbeitgeber davon erfährt. Würde ich in meinem aktuellen Job verbleiben, könnte ich in den nächsten gut anderthalb Jahren die Situation deutlich besser strukturieren/begradigen.
Contra Absage/Verbleib in meinem Job
- In Sachen Schulden hat mir meine Familie, die das alles für einen no brainer hält, Unterstützung angeboten
- Nach meiner Arbeitslosigkeit ist mir Sicherheit eigentlich sehr wichtig
- Dass ich im Studium so hart gefailt habe, belastet mich immer noch. Ein Fernstudium ist ja ganz nett, aber wer weiß, ob ich die Disziplin aufbringen kann? Da wäre der Weg zum Abschluss über ein duales Studium deutlich einfacher
- Das Gehalt, das ich aktuell verdiene, hätte ich im Fall der Ausbildung bei Bestehen nach zwei Jahren auch, nur halt mit der Perspektive Regelverbeamtung. Bei erfolgreichem Abschluss des dualen Studiums wäre mein Verdienst nochmal höher
- Studieren kann ich im Fernstudium ja ohnehin noch parallel zur Ausbildung. Wenn alles glatt liefe, hätte ich selbst im Teilzeitstudium nach 4 (Ausbildung) oder 5 Jahren (Studium) die Verbeamtung und könnte gleich danach noch den Bachelor abschließen. Oder auch nicht. Priorität hätte ohnehin Ausbildung/Studium
- Ein Knackpunkt in den Vorstellungsgesprächen war immer auch ein Lebenslauf, den ich selbst kaum plausibel erklären kann. Dieses Problem würde nicht einfach verschwinden
- Mit jedem Jahr, das ich warte, kommte ich der Altersgrenze für eine Verbeamtung näher
- Ich habe die Hilfsjobtätigkeiten abgrundtief gehasst (die Tätigkeiten selbst, aber auch speziell die Arbeitgeber bzw. das Arbeitsumfeld) und ich will in diesem Bereich nie wieder arbeiten. Das könnte mir aber drohen, wenn ich die aktuellen Angebote nicht annehmen würde und auch keine Entfristung bekommen sollte.
Eine Mischvariante, über die ich auch nachgedacht habe: Ich informiere meinen aktuellen Arbeitgeber über meine Situation und sage es ihm genau so, wie es auch ist - ich finde meinen Job sehr interessant, hätte aber gerne einige Änderungen. Unabhängig davon, ob das möglich ist oder nicht möglich ist, hätte ich zumindest gerne schon jetzt Klarheit in Sachen Entfristung. (Diese kann meines Wissens frühestens zu einem Zeitpunkt ausgesprochen werden, der einen Monat vor dem Beginn des möglichen Studiums liegt, aber eine schriftliche Absichtserklärung wäre ja ausreichend) Ohne Klarheit in Sachen Entfristung muss ich eines der Angebote annehmen. Ich habe keine Ahnung, wie man so etwas angehen und verpacken könnte, ohne dass es wie eine billige Erpressung wirkt, mit der ich mir für den Rest der Vertragslaufzeit Nachteile einhandele.
Fazit:
Im Grunde ist nach wie vor alles offen, wobei ich trotz der besseren Argumente für die Aufnahme des Studiums dennoch dazu tendiere, in meinem aktuellen Job zu bleibenund die Auswahlverfahren erneut zu durchlaufen. Wie seht Ihr das? Wie würdet Ihr das Thema angehen?