Ein ehrenwerter Ansatz, trotzdem ein paar Punkte:
Glücksspiele und Geschicklichkeitsspiele
Das Hauptproblem ist, dass man zwischen dem Geschicklichkeitsspiel Poker und den übrigen Glücksspielen nicht trennt. Das ist leider Absicht, weil
§ 3 Begriffsbestimmungen (1)
Ein Glücksspiel liegt vor, wenn im Rahmen eines Spiels für den Erwerb einer Gewinnchance ein Entgelt verlangt wird und die Entscheidung über den Gewinn ganz oder überwiegend vom Zufall abhängt. Die Entscheidung über den Gewinn hängt in jedem Fall vom Zufall ab, wenn dafür der ungewisse Eintritt oder Ausgang zukünftiger Ereignisse maßgeblich ist. ...
Stand des Entwurfs [des Glücksspielstaatsvertrags] nach MPK am 12. März 2020
https://www.vdai.de/regelwerke/GlueStV/GlueStV_2021_Entwurf.pdf
D. h., alle Kartenspiele, in denen während des Spielverlaufs neue Karten ins Spiel kommen, sind dabei. Skat übrigens auch, weil im Skat zwei Karten liegen, die erst im Spielverlauf ins Spiel kommen. Bridge aber z. B. nicht, weil dort alle Karten verteilt werden, bevor das Spiel anfängt.
Schlauer Trick, um Poker einzufangen. 5 Card Poker ohne Draw wäre dann aber wohl kein Glücksspiel und Chinese Poker auch nicht. Das haben sie übersehen. (Wobei es vielleicht drauf ankommt, was der Spielanfang ist. Zählt dazu das Posten von Blindeinsätzen (oder ist das nur die Spielvorbereitung) oder erst die erste Entscheidung, die ein Spieler macht?)
Es geht tatsächlich nicht darum, zwischen Glücksspiel und Nicht-Glücksspiel zu unterscheiden. Das war schon beim Vorläufer, dem schleswig-holsteinschen Glücksspielgesetz so, aber es wurde deutlicher formuliert:
§3 Begriffsbestimmungen
...Auch Casinospiele, bei denen die Chance auf einen Gewinn neben dem Zufall auch von der Geschicklichkeit des Spielers abhängt, sind Glücksspiele...
(Glücksspielgesetz Schleswig-Holstein 2011)
Insofern hilft der Hinweis, dass Poker ein Geschicklichkeitsspiel ist, wahrscheinlich nicht. Man hat die neue Definition des Glücksspiels mit Absicht so formuliert, dass jetzt auch viele Geschicklichkeitsspiele dabei sind.
Allerdings: streng genommen ist Black Jack auch ein Geschicklichkeitsspiel, weil weitere Karte ziehen oder nicht definitiv unterschiedliche Gewinnerwartungswerte hat. Es würde ziemlich schwierig werden, Black Jack ein Glücksspiel sein zu lassen und Poker nicht. Black Jack ist aber wahrscheinlich eins von den richtig bösen Spielen, wenn es um Spielsucht geht. Damit haben sich schon wirklich viele Spieler ruiniert.
-> Es wäre von Anfang an besser gewesen, wenn man nicht den Glücksspielbegriff so erweitert hätte, dass jede Menge Geschicklichkeitsspiele darunter fallen, um Spiele, die bisher als Glücksspiele eingestuft waren, als Glücksspiel nicht zu verlieren, sondern im dem man ganz allgemein Geldspiele reguliert hätte, ganz unabhängig davon, ob es Glücksspiele sind oder nicht. Dabei hätte man nach der gesundheitlichen Gefährdung der Spieler unterscheiden können. Wäre aber ein grosses Fass gewesen, bei dem die Beteiligten viel schwieriger schwieriger unter einen Hut zu bringen gewesen wären.
-> Die Sportwetten gehen dem Staat als Glücksspiel vielleicht trotzdem verloren, denn da gibt's ja gar keine zukünftigen zufälligen Ereignisse, die das Ergebnis beeinflussen. Die Sportarten selbst sind ja keine Glücksspiele im Sinn des Glücksspielbegriffs und daher auch keine zufälligen Ereignisse. Und professionelle Sportwetter gibt's wahrscheinlich schon länger als professionelle Pokerspieler. Wenn als das Urteil des BFHs im Fall Eddy Scharf im Hinblick auf die Einstufung als Glücksspiel irgendwie richtungsweisend ist, dann sollten nach dem gleichen Massstab Sportwetten keine Glücksspiele mehr sein. Nicht unser Thema, trotzdem mal angemerkt.
Spielsüchtige
Bezogen auf Online-Poker sehen wir auf Nutzerseite drei Gruppen. Zum einen Spieler, welche Glücksspiel pathologisch oder auf eine problematische Art und Weise betreiben. Der Anteil dieser Spieler beträgt laut einer Befragung vom SOGS in Deutschland im Jahr 2017 0,87%. (1)
...
(1) Glücksspiel: Spielsucht und problematisches Verhalten 2017“, Statista, zugegriffen 21. Mai 2020, https://de.statista.com/statistik/daten/studie/163991/umfrage/spielsucht-und-problematisches-gluecksspiel-verhalten-nach-geschlecht/
Die Quellenangabe ist leider hinter einer Bezahlsperre. Ich schätze jedoch, dass sich die Zahl pathologioschen Spieler nicht auf Poker bezieht, auch nicht auf online Poker, sondern für Glücksspiele ganz allgemein gilt. Von denen werden die wenigsten online gespielt. Nach dem Forschungsbericht Glücksspielverhalten und Glücksspielsucht in Deutschland der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind nur 1,7% aller Glücksspiele online Casino-Spiele (wozu auch Poker gehört) und da sind die online Spiele ohne Geldeinsatz (also um Spielgeld) mitgezählt.
https://www.bzga.de/fileadmin/user_upload/PDF/studien/ergebnisbericht_gluecksspielsucht_2017--3b979848c42a0a54b3991d67d46f5e0f.pdf
Tabelle 42, S. 240f.
Das heisst, es wird mit einer Zahl gearbeitet, die mit Recht abgelehnt werden kann mit dem Hinweis, dass sie das pathologische Spielverhalten in dem fraglichen Spiel überhaupt nicht misst. Tatsächlich ist die nach Glücksspielvariante gemessene Zahl viel dramatischer: in der Sparte online Casinospiel gelten nach SOGS 2017 26,9% aller Spieler als problematisch/pathologisch. Als unproblematisch gelten nur 44,7% aller Spieler (die Differenz zu 100% sind die "auffälligen Spieler").
Tabelle 44 S. 247f, online Casinospiele auf S. 248
Dabei ist eine enorme Zunahme problematischen Spielverhaltens innerhalb kurzer Zeit zu beobachten. 2015 waren nur 18,4% aller Spieler von online Casinospielen problematisch/pathologisch.
Tabelle 45 S. 249f.
Nach Poker und anderen Glücksspielen wird nicht aufgeschlüsselt. Was möglicherweise dumm für Poker ist, weil die Spielsüchtigen vielleicht eher beim online Black Jack entstehen als beim online Poker.
Schach
Im Schach existieren Zufallselemente, die das Ergebnis beeinflussen. Anzugsvorteil: unter sonst gleichen Bedingungen gewinnt der Weissspieler messbar häufiger als der Schwarzspieler. Die Auslosung der Farbe in einer Partie hat also wesentlichen Einfluss auf das Ergebnis.
In offenen Turnieren wird der Gegner und die Farbe von Runde zu Runde ausgelost. Offene Schachturniere sind also eine Mischform aus einer Lotterie und Schach. Diese werden oft um Geldpreise gespielt und es ist in solchen Turnieren notwendig, ein Entgelt zu entrichten, um eine Gewinnchance zu bekommen.
-> Schach als bisheriges Referenzspiel für Geschicklichkeitsspiele muss jetzt also als ein Glücksspiel gelten nach der neuen Glücksspieldefinition. Vielen Dank, das ist ja gut gelungen!
Nur, um mal die Absurdität aufzuzeigen.