update auf Seite 15 (16.12.2010)
Hi Leute, ich bin mir nicht sicher ob es hier die richtige Plattform ist, aber ich denke persönlich wird es mir vielleicht helfen das Erlebte mal nieder zu schreiben und dadurch noch besser verarbeiten zu können.
Falls Euch ähnliches passiert ist oder ihr ne Meinung dazu habt würde ich mich über Kommentare sehr freuen.
Das ganze ist nun 18 Tage her. Ich bin zurzeit wegen der Arbeit in Zürich – eigentlich ne ganz nette Stadt, recht klein – viele hübsche Ecken, Landschaften usw. Die meisten Leute sind sehr nett und die öffentlichen Verkehrsmittel wahnsinnig gut organisiert.
Ich war also nach einem langen Tag im Labor (12h lang Proben bearbeitet) auf meinem Weg von der Bushaltestelle nachhause, als auf einmal ein Auto mit heruntergelassener Scheibe langsam an mir vorbei gefahren ist. Ich hatte den letztmöglichen Bus genommen und es war schon 0:30. Hab vom Bus aus immer noch 5min Fußweg vor mir. Naja, da ich Musik gehört hatte, habe ich nicht ganz verstanden was der Typ wollte. Das Auto hielt 20m hinter mir und 2 junge Männer (vielleicht 18-20) stiegen aus. Da sie recht langsam gingen dachte ich nicht, dass sie was von mir wollten, doch als ich schon weiter gehen wollte rief einer ich solle mal kurz warten - als sie näher kamen fragten sie ob ich Joints oder Zigaretten hätte – da ich nicht rauche verneinte ich und erst sah es so aus als würden sie an mir vorbei gehen. Doch als sie auf meiner Höhe waren scherten beide aus und standen nun direkt links und rechts neben mir.
Dann ging alles sehr schnell und ich kann mich nur noch an sehr wenig erinner was wirklich genau passiert ist. Ich bin mir nicht mal ganz sicher ob der eine (etwas größere) zuerst nach dem Portemonnaie gefragt hatte oder erst der Schlag kam. Ich weiß wohl noch, dass ich versucht hab meine Geldbörse festzuhalten und wegzukommen – und dann wurde auf einmal alles dunkel und still. Man merkt diesen harten Schlag gegen den Kopf und ist kurz wie in ner anderen Welt – hatte nur den Gedanken ob das hier jetzt wirklich passiert. Dann hab ich nur noch 3 Szenen von jeweils 2 Sekunden die ich noch vor Augen hab. In einer hält mich der eine von hinten fest und der andere zerrt an meiner Jeans – sie reißt bis unten durch und die Tasche mit dem Portemonnaie war auf jeden Fall auch kaputt. Während des festhaltens hat mir der Größere die Schulter ausgekugelt – was ein scheiß Schmerz ist – das war dann auch der Moment wo ich mörderlich um Hilfe geschrien hab. Das ist ein ziemlich erschreckendes Gefühl, wenn man realisiert, dass man völlig hilflos ist und sich selbst schrein hört. Glaub das war auch der Punkte wo ich körperliches zur Wehr setzen komplett eingestellt habe. Weiß dann nur noch, dass ich auf der Straße lag und versucht hab meinen Kopf mit dem linken Arm zu schützen gegen die Schläge die der größere immer noch austeilte.
„Gib uns dein Portemonnaie“ schrie er mich an – und da ich mir ziemlich sicher war es schon lange nicht mehr zu haben schrie ich zurück, dass sein Kumpel es doch schon hat… naja dann hörte er auf und rannte weg.
Kann sein, dass das ganze 15sek oder ne Minute ging – genau weiß ich es nicht – als der große wegrannte konnte man den kleinen schon nicht mehr sehen – ist also gut möglich, dass er noch ne ganze Weile auf mich eingeschlagen hatte. 30m hinter mir stand ein Zeuge, der auch mit im Bus saß und dann den selben weg hatte aber etwas langsamer ging. Der hatte sich noch ein kleines Wortgefecht mit dem Großen geliefert in dem ihm auch Schläge angedroht wurden. Aber die Polizei hat er auch nicht gerufen, bzw. sich später dort gemeldet oder wenigstens zu mir zu kommen und zu fragen ob alles okay ist.
Ich steh also auf und torkel auf der Straße rum auf der gerade 3 Autos entgegen kamen – die auch langsamer wurden und dann einen großen Bogen um mich gemacht haben
War auch ein Taxi dabei – wo man sich denkt – halt doch bitte und ruf wenigstens Hilfe. Ich wusste gar nicht was ich tun sollte und hab mich erstmal auf die Bordsteinkante gesetzt. Von da aus hab ich dann gesehen, dass ein Schlüsselbund und ein Labello-Stift auf dem Asphalt lagen… als ich das bemerkt hatte bekam ich richtig Schiss – denn wenn die beiden bemerken, dass sie was verloren haben würden sie ja zurück kommen… hab das Zeug dann eingepackt und bin so schnell ich konnte nach hause gerannt – waren nur noch 500m – hab glaube 17x geklingelt- da ich gar nicht wusste ob ich noch meine Schlüssel hab. Mein Mitbewohner hat dann gefragt ob alles okay ist… naja – brauchte ich nicht viel sagen. Wir haben dann versucht die Polizei zu rufen – aber 119 funktioniert in der Schweiz nicht (wäre 117 gewesen bzw 112 als internationaler Notruf der in jedem Land klappt).
Dann meinte er – lass ein Taxi nehmen und ins Krankenhaus fahren – was ich erst nicht wollte… da ich dachte Schulter sei nur gedehnt und Rest wird schon wieder (naja – man ist halt voll mit Adrenalin)… aber als ich dann mein Gesicht in der dunklen Fensterscheibe gesehen hab war mir klar dass ich ins Krankenhaus MUSS – mein Gesicht war dermaßen angeschwollen auf der rechten Seite (die die auf der Straße lag) dass ich mir fast sicher war das Jochbein sei durch.
Da wir auch die Taxi-nummer nicht kannten sind wir einfach runter gegangen um ein Taxi anzuhalten – ich glaube ich hatte noch nie soviel Angst wieder draußen zu sein – hab mich hinter jedem Busch versteckt aus Angst sie könnten nochmal vorbei fahren. 20min später war ich im Krankenhaus und ich konnte die Wartezeit damit verkürzen meine Kreditkarten per Telefon sperren zu lassen – gar nicht so leicht sich an die 12-stellige Netellernummer zu erinnern – hab dann Schädel-CT bekommen – Schulter geröntgt – Schmerzmittel usw. usw. Sie behalten einen dann immer mind. 24h zu Kontrolle drin und zum glück hatte ich nur ne leichte Gehirnerschütterung. Waren viele deutsche Ärzte dort – alle sehr nett – und der Unfallchirurg der meine Schulter wieder eingekugelt hat war echt irre – der hat das mit der linken Hand gemacht – einfach klick und sie war wieder drin – ist ein unglaublicher release. Jochbein war zum Glück nicht gebrochen aber der Linke daumen musste in Gips und der rechte Arm in die Schulter-schlinge… könnt ihr euch Ausmalen wie hart es so ist auf Toilette zu gehen. Mein Mitbewohner musste mir noch 3 Tage lang die Hose zumachen ^^
Ansonsten hab ich extrem Glück gehabt – bei der Schulter ging nix kaputt (hatte gleich 2 Tage später MRT-termin) so dass keine OP gemacht werden musste – und Jochbein war auch nicht gebrochen – nur Kiefergelenk geprellt – so dass ich 2 Wochen lang nur Suppe, Pudding, und Eis essen durfte – ging am Anfang gar nicht zu schließen der Mund.
Tja – und dann erfährt man natürlich so einiges von den Ärzten. Der PJler (ursprünglich aus Berlin) meinte es kommt fast jeden Tag jemand rein – und oft sind auch Messer im Spiel – der schein trügt, den man so von der friedlichen Schweiz hat. Die Kieferchirurgin meinte dass auch fast jeden Tag Kieferbrüche reinkämen – oft auch Touristen die nur für ein WE mal in Zürich waren. Der Mann der bei mir mit in Zimmer lag (rücken gebrochen, weil auf Eis ausgerutscht) meinte seinem Sohn wäre vor 2 Wochen die Nase gebrochen wurden… im Niederdorf (ist im Zentrum von Zürich wo viele Bars und Restaurants sind) obwohl sie in ner Gruppe waren und niemanden gereizt hätten.
Die Polizisten die mich dann befragt hatte, hatte 2 Tage vor mir einen Fall wo jemanden 7mal der Kiefer gebrochen wurde (das muss so böse weh tun, wenn man Wochen lang nicht schmerzfrei essen kann und Platten im Kopf hat). Wenn man sowas hört… naja einerseits tut es ganz gut zu wissen, dass man nicht alleine ist – man denkt ja erstmal man hätte selbst irgendetwas falsch gemacht – wäre an irgend was schuld – typisches Opferdenken vielleicht. Aber andererseits macht es einen auch nachdenklich was hätte passieren können. Stellt euch mal vor sie hätten Messer oder Schlagringe… oder sie treten gegen den Kopf wenn man am Boden liegt – oder man wehrt sich und bricht ausversehen einem von beiden die Nase und die ticken richtig aus. Ich meine sie waren schon extrem Brutal – das ging so schnell – die Schläge waren so hart…
Vielleicht konnte ich auch mit Kollegen und Freunden und Familie (die alle extrem schockiert waren) so leicht über alles reden, weil ich selbst kaum Erinnerungen davon habe… wenn man alles komplett mitbekommt dann ist es vielleicht noch mehr psychoterror und man bekommt wirklich Alpträume oder wird depressiv – bei mir ging alles zu schnell um wirklich Angst aufzubauen und Panik zu kriegen – war nur noch ein reagieren und hoffen.
Ich lebe jetzt seit 27 Jahren in Leipzig (500k Einwohner – also etwas größer als Zürich) und klar kennt man hier die Gewalt zwischen Nazis und Punks oder Ausländern, zwischen Autonomen und der Polizei und VfB Leipzig (heute LOK) Hooligans und Sachsen Leipzig Fans und man weiß dass man im Dunkeln nicht in Grünau oder der Eisenbahnstraße sein sollte, aber ich hab nie wirklich Angst gehabt alleine unterwegs zu sein. Ich wechsle auch nicht die Straßenseite wenn mir Fremde entgegenkommen oder renne weg weil neben mir ein Auto hält – so war ich nie und so will ich auch nicht sein. Wir hatten hier letztes jahr den Typen der beim Disko-krieg erschossen wurde und mal ne Joggerin die erstochen wurde – aber sonst sind Überfälle nicht so angesagt – eher Fahrraddiebstehle. Kurzzeitig hatte ich auch an den Fall letzen Sommer in München gedacht wo die 3 Züricher Jungen den Müncher in der U-bahn totgetreten haben… man weiß halt nie was in den vorgeht.
Hab ihr denn eigentlich ne Erklärung warum sie sowas machen – viel Geld können sie eigentlich nicht erwarten da viele Züricher eh mit Karte bezahlen und wie ein Bänker seh ich halt auch nicht aus. Ich nehm an sie hätten mich auf jeden Fall auch verprügelt, wenn ich ganz brav da gestanden wäre und ihnen mein Geld gegeben hätte – glaub die wollen sich auch einfach abreagieren und groß fühlen.
Tja – seitdem hab ich es vermieden Nachts alleine unterwegs zu sein – erledige alles Tagsüber und selbst dann bekomme ich manchmal Angst immer wenn ne Gruppe von Männern auf mich zu kommt – gestern lief ich zur Physiotherapie (ja – 4 Wochen Krankengymnastik vor mir) und ein Typ bog in den gleichen Hinterhof ab wie ich – mein Puls ging sofort auf 180 und ich hatte richtig Panik – keine Ahnung wie lange das dauert bis das wieder normal wird und ich nicht mehr dran denken muss.
Zum Thema Zivilcourage… ich werfe dem Mann der 30m hinter uns stand nicht vor, dass er hätte eingreifen müssen – manchmal ist ein Schmaler grad zwischen Mut und Dummheit – aber wenigstens die Polizei rufen hätte drin sein müssen.
Gab doch letzte Woche erst den Fall wo in Rostock eine abgestochen wurde (von nem psychisch Auffälligen) und der Typ der ihr helfen wollte ist nun auch tot
Und vorgestern der Fall in Hamburg war ja auch in den News – von dem „Prügelopfer“ mit Schädelhirntrauma – der sich nur über die Laute Musik beschwert hatte – und 10sek später liegt man im Koma und Leute springen auf deinem Kopf rum – wir krank ist das denn. Glaub wenn die Täter nicht auf Video gewesen wären hätten die sich nie gestellt.
Ich musste mir dann in Zürich noch Fotos von vorbestraften anschauen – was extrem gruselig ist und ich konnte nicht wirklich jemand identifizieren. Die Schlüssel waren auch nicht registriert so dass die beiden wohl davon kommen.
Ich bin mir auch nicht sicher ob Pfefferspray oder Selbstverteidigung was bringt… wer sagt einem, dass die nicht auch schon seit Jahren täglich am Boxsack stehen… wenn man sich nicht sicher ist zu gewinnen was wohl unter blauem Gürtel gegen 2 Leute bei denen vielleicht sogar Waffen im spiel sind fast unmöglich ist – sollte man wohl passiv bleiben bzw. irgendwie wegrennen…
Tja – also wenn er Tipps hat wie man mit so einer Situation umgehen kann – bzw. was in euren Städten so los ist dann antwortet ruhig. Viele von meinen Kollegen waren mal ne Zeit lang in Amerika und da ist es ja ganz extrem – da wird man ja quasi immer mit ner Pistole überfallen und bei einem wurden direkt vor der Haustüre in San Francisco 2 Passanten abgeknallt…