grab den thread mal aus, vielleicht hat noch wer Lust, bisschen drüber zu diskutieren.
Original von DesertSession
Sorry, dass dieser Beitrag etwas länger ausfällt, aber wenn ich über den folgenden Film etwas schreiben möchte, dann kann ich das unmöglich in 3 Absätzen machen. Wem es zu lang ist, einfach ignorieren.
Antichrist
Man man man, was für ein Film. Ich habe bisher 3 weitere Filme von Lars von Trier gesehen, wovon ich zumindest "Dancer in the Dark" und "Dogville" als sehr gut einstufen würde. Einfach zu verdauen war jedoch keiner seiner Filme und obwohl ich versucht habe, möglichst wenig über Antichrist zu lesen und sämtliche Diskussionen hier im Forum diesbezüglich mehr oder weniger ausgeblendet habe, war mir schon relativ bewusst, dass dieser Film wohl noch einmal eine ganz andere Nummer werden wird. Aber auf so einen Film war ich trotz allem dann nicht wirklich vorbereitet.
Um ihn vollkommen verstehen und interpretieren zu können, müsste ich ihn mir wahrscheinlich noch mindestens zweimal ansehen und zusätzlich wohl auch noch einiges an Sekundärlitertatur lesen, da ich mir sicher bin, dass mir bei den ganzen Metaphern und Anspielungen einiges entgangen sein wird, weil mir das nötige Hintergrundwissen dazu schlicht und einfach fehlt. Eine komplette Analyse, die dem Film wirklich gerecht werden soll, würde zudem wohl über mindestens drei Seiten gehen, da es so viele Szenen, Einzelheiten und meist christliche Metaphern gibt, die man eigentlich dafür berücksichtigen müsste. Dadurch wirkt er teilweise sogar etwas überladen, denn auch wenn man auf den ersten Blick vielleicht manchmal den Eindruck bekommen mag, dass gerade gar nicht sonderlich viel passiert, wird doch einfach so unheimlich viel auf der Meta-Ebene erzählt. Jedes kleinste Detail ist dabei sorgsam überlegt.
Ich gebe Antichrist 9/10 Punkte, auch wenn ich hier eine so gute Bewertung eigentlich nicht gerne vergebe, da ich mich bei dem Film schon ein wenig in die Schule zurückversetzt gefühlt habe, wo ich gezwungen werde, den vorgesetzten Stoff möglichst genau mitzuverfolgen, damit ich ihn dann später auch ja vernünftig analysieren kann. Denn ohne diese Bereitschaft zur Analyse macht der Film in meinen Augen nicht wirklich Sinn.
Mein Versuch einer Interpretation:
Spoiler!!!
Ich möchte zuerst mit der Vorgeschichte einen Sommer vor der eigentlichen Handlung beginnen, wo Charlotte Gainsbourg mit ihrem Sohn nach Eden reist, um ihre Doktorarbeit über die Hexenverfolgung im Mittelalter zu schreiben. Ich vermute, dass sie vorher schon Probleme hatte, aber spätestens hier scheint sie einen psychischen Knacks mitbekommen zu haben. Sie kommt durch die Beschäftigung mit der Hexenverfolgung zu der krankhaften Überzeugung, dass Frauen grundsätzlich böse sind. Als Ursprung für dieses Böse sieht sie die im Film meist bedrohlich dargestellte 'Mutter' Natur, welche in Form einer Eiche unzähliges quasi ungeborenes oder besser kindliches Leben in Form ihrer Eicheln unnötig sterben lässt. Die Eiche fungiert hier als Synonym für den Apfelbaum aus dem Garten Eden, welcher gleichzeitig ein Symbol für die Schuld der (bösen) Frau an der Vertreibung der Menschheit aus dem Garten Eden darstellt. Aus der festen Überzeugung, dass alle Frauen böse sind, kommt sie in ihrem krankhaften Wahn zu dem unvermeintlichen Schluss, dass sie selbst als Frau auch böse sein muss, was sich in der Misshandlung ihres Sohnes widerspiegelt, welchem sie trotz erkennbarer Schmerzen die Schuhe falsch herum anzieht.
Auf der anderen Seite haben wir Willem Dafoe, welcher scheinbar die Rolle des Guten übernimmt, was allerdings nur oberflächlich gesehen der Fall ist. Er ist es, der auf der Beerdigung weinend hinter dem Sarg seines Sohnes hergeht und trauert. Der Zusammenbruch seiner Frau gibt ihm allerdings die willkommende Gelegenheit, aus der Rolle des trauernden Vaters und Ehemanns in die Rolle des außenstehenden fast unbeteiligten Psychiaters zu schlüpfen, obwohl es eigentlich gegen seine Überzeugung geht, dass ein Psychiater die eigenen Angehörigen behandelt. Er macht es zu seiner 'Mission', seine Frau zu therapieren und missbraucht sie so quasi dafür, selbst nicht leiden zu müssen. Sie fügt sich zwar, unter anderem auch weil sie sich dem Intellekt ihres Mannes unterlegen fühlt, leidet jedoch unter seiner Distanziertheit und hasst ihn im Grunde auch dafür. Sie sehnt sich nach dem ebenfalls trauernden Ehemann an ihrer Seite, kann ihm dies aber genauso wenig sagen, wie sie ihm nicht sagen konnte, dass sie ihn auf ihrer Reise nach Eden bereits an ihrer Seite gebraucht hätte. Es gab also bereits damals eine Entfremdung zwischen den beiden.
Wie sehr er seine Frau benutzt, wird dadurch deutlich, dass er sich in den unmöglichsten Momenten zum Sex mit ihr einlässt, obwohl ihm als Psychiater mehr als klar sein muss, dass sie damit einzig und allein das Ziel verfolgt, sich selbst zu bestrafen. Er weiß ganz genau, dass dies in dieser Form schädlich für ihren Heilungsprozess ist, denn immerhin ist ihr Sohn aus dem Fenster gefallen, während die beiden Sex hatten und genau dafür gibt sie sich die Schuld. Für sie ist der Sex eine Art Selbstgeisselung. Lars von Trier macht hier ganz bewusst Sex zum Thema, da dies ebenfalls eine Analogie zur Verteufelung des Geschlechtverkehrs durch die Kirche vor allem im Mittelalter darstellt. Schlussendlich treibt er dies so weit ins Extrem, dass die Selbstgeisselung als ultimative Bestrafung schließlich in der Verstümmelung der Klitoris gipfelt.
Als es seiner Frau kurzzeitig wieder besser geht, wird an der kühlen Reaktion des Mannes endgültig klar, dass es ihm inzwischen nicht mehr um die Genesung seiner Frau geht. Anstatt sich mit ihr zu freuen, ist er in erster Linie darauf fixiert, die Therapie weiter fortzusetzen und entblößt dadurch endgültig die hässliche Fratze des Inquisitors, der im übertragenem Sinne unter falschen Vorwänden eine Hetzkampagnie gegen die Hexe (seine Frau) führt.
Als er dann schließlich den Brief vom Krankenhaus öffnet und erfährt, dass sein Sohn ältere Misshandlungen an den Füßen aufweist, wird ihm schlagartig klar, dass die Probleme seiner Frau schon weit vor dem Tod des Sohnes bestanden haben und dass er durch seine innere Distanz zu seiner Frau und auch seinem Sohn gegenüber eine Mitschuld an dem ganzen Szenario trägt. Zum ersten Mal seit der Beerdigung kann er sein Leid nicht mehr unterdrücken und steht elendig vor dem Haus in einem Hagel von Eicheln. In dieser düsteren Szene wird er selbst zum Antichrist, denn obwohl ihm nun die ganze Situaton bewusst wird, weicht er nicht von seinem Pfad ab. Es gab ja gerade im Mittelalter die kirchliche Auffassung, dass der Teufel sein Antlitz verbergen kann und dich in dem Glauben lässt, dass er gutes im Sinn hat und genauso führt der Mann seine Therapie fort, unter dem Vorwand dies zum Wohle seiner Frau zu machen.
In ihrer Hilflosigkeit wird das Böse in der Frau immer stärker und sie wird immer mehr zu dem, für was sie sich eh schon längst hält. Ihre Gewalt gegen ihren Mann ist aber im Endeffekt nichts weiteres als ein weiterer Hilfeschrei. So zerschmettert sie ihm die Genitalien, da er ebenfalls am Sex beteiligt war, als ihr Sohn starb. Unbewusst möchte sie ihn dadurch dazu zwingen, ebenfalls Verantwortung für den Tod des Sohnes zu übernehmen und sie mit dieser Last nicht alleine zu lassen. Außerdem schraubt sie ihm eine Art Fußfessel an bzw. in das Bein und so grausam dies auch wirkt, im Endeffekt will sie nur, dass er bei ihr bleibt und zwar nicht als unterkühlter Psychiater, der sie von oben herab behandelt, sondern als liebender, tröstender und ebenfalls leidender Ehemann, der sich ihr öffnet und sie mit einbezieht. Er ist dazu aber nicht fähig, sondern verbrennt sie schließlich auf dem Scheiterhaufen.
Ganz wichtig sind auch noch die drei Bettler, deren Bedeutung man ganz gut mit dem 2x gezeigten Sternenbild erklären kann:
Der zerfleischte Fuchs steht für den Schmerz (Pain) des Mannes, der innerlich von seinem eigenen Schmerz aufgefressen wird. Das er sich dies nicht eingestehen möchte, zeigt sich noch einmal, als er dem Fuchs im Wald begegnet, und sich angewiedert abwendet.
Das schutzlose Reh, welches ein totgeborenes Junges mit sich herumschleppt, steht für die Trauer (Grief) der Frau. Sie muss die Last des Todes ihres Sohnes ganz alleine tragen und wird dabei von ihrem Mann im Stich gelassen.
Schließlich noch der Rabe, welcher für Verzweiflung/Hoffnungslosigkeit (Despair) steht. Ich bin nicht wirklich sicher, aber da der Mann trotz aller Brutalität vergeblich versucht, den Raben zu töten, könnte dies entweder für die Hoffnungslosigkeit der Therapieversuche oder evtl. die Verzweiflung der Frau oder der beiden zusammen darstellen.
Außerdem gibt es auf dem Sternenbild oben noch einen vierten Begriff. Coreus oder so ähnlich. Das Wort gibts aber anscheinend im Englischen nicht, kann das jemand richtig lesen?
Interessant finde ich auch noch, dass die drei Bettler als Metapher für die heiligen drei Könige gelten, welche ja normaler Weise zur Geburt von Jesus kommen, jedoch in diesem Fall nicht ein Neugeborenes, sondern stattdessen eine genital verstümmelte Frau aufsuchen, die ihr Kind bereits verloren hat. Durch ihre Ankunft wird schließlich die Ermordung dieser durch den Antichrist herbeigeführt, welcher nun Schmerz, Trauer und Verzweiflung - also die Wahrheit - in Form der drei Bettler ganz deutlich sieht, aber dennoch den Mord an seiner Frau begeht. In gewisser Weise handelt es sich hier also um das Negativ der Weihnachtsgeschichte.
Den Epilog mit den vielen gesichtslosen Frauen kann ich noch nicht so richtig einordnen. Jemand da vielleicht eine Idee?
Woher kommt mir das Bild mit den Leichen bzw. Körpern unter den riesigen Baumwurzeln bekannt vor? Hat doch auch irgendeinen kirchlichen Hintergrund oder?
Außerdem gehe ich davon aus, dass Fuchs, Reh und Rabe nicht zufällig als die drei Bettler ausgewählt wurden. Kennt da jemand eventuell einen mythologischen Hintergrund, der passen könnte?
Ende des Spoilers
Oh man, jetzt ist das Ding noch mal doppelt so lang geworden, wie geplant, aber wenn man bei diesem Film erst einmal anfängt zu analysieren, dann fallen einem echt immer wieder neue Aspekte auf. Ich hoffe, dass man meine Gedankengänge einigermaßen nachvollziehen konnte und ich euch nicht zu sehr gelangweilt habe.
Original von DesertSession
Antichrist Spoiler
@Azathoth
Ich glaube du hast Recht. Der Höllensturz könnte der Ursprung für diese Metapher im Film sein, zumindest würde das inhaltlich auch Sinn machen. Mir ist noch Sleepy Hollow eingefallen, wo dieses Motiv als Ruhestätte des kopflosen Reiters in einem ähnlichen Kontext Verwendung findet. Denke, dass es sich hier in beiden Filmen um den gleichen Ursprung handelt.
Bezüglich eines mythologischen Hintergrundes von Fuchs, Rabe und Reh bin ich inzwischen zu dem Schluss gekommen, dass sie hier als Metapher betrachtet wahrscheinlich keine Verbindung haben, jedoch trotzdem sehr bewusst ausgewählt wurden.
Der Fuchs, das schlaue sprechende Fabeltier ("Chaos Reigns") - der interlektuell überlegende Mann, der schließlich zu Satan wird.
Das unschuldige Reh - die Frau, die zwar zuerst als Täterin erscheint, aber in Wirklichkeit das Opfer ist. Dies zeigt sich am Ende noch einmal, als sie ihre Waffe fast erleichtert zu Boden fallen lässt und sich von ihrem Mann erwürgen lässt, um die ihrer Meinung nach gerechtfertigte Bestrafung zu erhalten. Der Mann betreibt hier keine Selbstverteidigung, um sich vor seiner Frau zu schützen, sondern die Art und Weise, wie er sie erwürgt und zum Beispiel dabei kurz noch einmal innehält, zeigt, dass er sie vorsätzlich ermordet, um sie und gleichzeitig seinen Schmerz zu töten.
Der Rabe, der in vielen Mythen als Bote der Hölle gesehen wird - der Mann versucht zwar zuerst, diesen zu töten, aber am Ende ebnet er ihm selbst sogar noch den Weg, indem er den Holzboden zerschlägt, um den Raben hereinzulassen.
Es gibt für mich zwar noch so einige Fragen und Unklarheiten bezüglich Antichrist, aber am meisten würde mich halt wirklich interessieren, was das vierte Wort auf dem Sternenbild bedeutet. Man sieht es einmal, als der Mann auf die Zeichnungen stößt, welche seine Frau für ihre Studien benutzt hat und später noch einmal, als der Mann zum Himmel schaut. Wenn man genauer hinschaut, dann sieht man nämlich, dass damit ein Geier bezeichnet wird, der über den drei Bettlern kreist. Eine vierte Figur wird aber meines Wissens nicht weiter im Film erwähnt, daher könnte das ein ziemlich wichtiges Detail sein.
denke, es heißt corvus - und beschreibt das Sternbild "Rabe". Kann damit aber ehrlichgesagt nicht so viel anfangen, vielleicht ist es doch nicht so wichtig?