Sry, dass das so lange gedauert hat, entweder keine Zeit oder kein Internet. Werde die Kommentare heute Nachmittag noch zur besseren Lesbarkeit bearbeiten.
Don Jon's Addiction
Don Jon sieht gut aus, kriegt jede Frau ins Bett und nimmt das auch durchaus Anspruch. Dennoch: Don ist pornosüchtig. Mehrmals am Tag und selbst direkt nach dem Verkehr legt er Hand an.
Was klingt wie die herzzerreißende Verfilmung der Geschichte von Patrick Nuo (Dschungelcamp2013), wird nun aber hollywoodtypisch mit den üblichen Freiheiten eines Ultraschauspielers namens Joseph Gordon-Lewitt umgesetzt.
Stetig Bauch rein, Brust raus, Haarschnitt und Fitnessstudiobesuche im Stile eines perfekt adaptierten Unterschichtenprolls. Schnelles Auto, ständig fluchen, lässige Freunde, keinen Schulabschluss und Frauen wie Mist behandeln.
Was klingt wie eine typische Ausgeburt der negativ konnotierten Generation Porno, wird durch die Bestätigung der Freunde, dem Zuschreiben des täglichen Masturbieren als typische Eigenschaft von Männern, eben gerade dieses Verhalten als männlich und damit normal gerechtfertigt.
Doch auch das Frauenbild selbst kann in dieser Weise nicht hingenommen werden. Frauen als Sexobjekte - bis auf Scarlettson erliegt jede Frau seinem Charme und unterwirft sich ihm somit. Zugegebener Maßen in der Rolle des Süchtigen prangert er bei Frauen u. A. das geringe Oralsexverlangen als aktiver Part an, DEM Unterwürfigkeitssymbol schlechthin.
Dem gegenüber steht nun aber das überzogene Overacting von Levitt, das subtile Ironische und Übertriebene das vielen Szenen anhaftet.
Und dennoch: Der Film deutet hierbei an, dass jede Person ihre Laster hätte und da die Pornosucht resp. Frauenfeindlichkeit doch auch nur ein kleines Manko wäre - die Macke des Mannes eben und das kann nicht so einfach akzeptiert werden!
Nachtrag: Vielerorts kann man lesen, dass der Film gelobt wird, weil er die Objektifizierung der Menschen auf humoristische Weise anprangert (Frauen sollen wie im Porno sein, Männer wie im romantischen Film) . Dabei wird m. E. in noch größeren Maße das Problem des Sexismus im falschem Maße relativiert. Während der romatisierte Mann zum einen nur für den Partner als Objekt fungiert, ist der Sexismus gegenüber Frauen allgegenwärtig. Eine Frage der Schwere muss in dieser Argumentation auch berücksichtigt werden, was hier absolut verharmlost und als jedermanns Laster abgetan wird!
Paradies: Hoffnung
Melanie muss ins Diät-Camp. Was die 13-jährige dort erwartet, ist mehr eine Klassenfahrt mit Trillerpfeife, schwitzen, "urstekligem" Essen und einem schnieken Arzt in den sie sich prompt verliebt.
Seidls Abschluss seiner Paradies Trilogie steht den Vorgängern in nichts nach und provoziert auf ganzer Linie. Vorher als Gotteslästerung und als pfui-deivel-Sex. Nun also dürfen wir dicken Kindern beim Hampeln zuschauen, wie sie in stets unvorteilhaften Posen mit ebenso unvorteilhafter Kleidung ihr Gold präsentieren.
Dieser Film ist schwierig. Schwierig deshalb, weil er provoziert und das nicht zu knapp. Provokation ist aber immer nur die eine Seite, der Anfang - das Ziel die andere. Und dieses erschließt sich nicht direkt. Ich habe geschwankt und abgewogen, wie dieser Film zu bewerten sei, von 2 bis 8,5 ist alles dabei gewesen.
Wo Liegt nun das Problem oder auch die Stärke an diesem Film?
Provozieren mit eindeutiger Absicht, als anprangern bestimmter Zustände mag noch zulässig sein und erfreut sich ja vielerorts großer Beliebtheit. Wenn nun aber offensichtlich fettleibige Menschen, Kinder sogar, zu Attraktionen in der Gaffer-und-Mitten-im-Leben-Ära werden, muss eingeschritten werden. Das Publikum lacht, ekelt sich ein bisschen und kommt aus dem Fremdschämen nicht mehr heraus. An dieser Stelle liegt allerdings der kleine aber feine und vor allem essentieller Unterschied zu auf den ersten Blick ähnlich erscheinenden Werken wie Stromberg. Während in Seidls anderen Filmen im Was und Warum das Komödiantische behaftet ist, stellt in den fragwürdigen Szenen hier vor allem das Wer den Unterschied dar.
Der Umstand der Fettleibigkeit liefert die Witze.
Damit werden die Menschen bzw. Kinder auf ihr äußeres Erscheinungsbild reduziert und dienen damit in herablassender Weise als indifferenzierte, zu begaffende Objekte, die wie die Beobachtung eines Nilpferds beim Koten verstanden werden kann.
An dieser Stelle muss nun jeder für sich entscheiden, ob sich der Film darauf reduzieren lassen sollte.
Meiner Meinung nach übergeht Seidl hier den Punkt der plumpen Provokation und windet sich aus seiner Schlinge. Vielmehr hält er dem Zuschauer den Spiegel vor, entlarvt ihn als ekligen Voyeuristen, dem kein Witz zu flach für eine gelungene Denunziation ist.
Der Zuschauer muss alle (schlechten) Gewohnheiten über den Haufen werfen, sich des fatalen Umstands bewusst werden und nachfolgend bewertend betrachten.
Die Mädels sind nicht nur die "kleinen dicken Mädels, die, oh gott, schon ihren ersten Sex hatten und das obwohl sie so aussehen". Die Dokumentery wird zur Mockumentery, die Schüchternheit zuzuschreibenden Mädchen sind so gar nicht schüchtern und es ist auch vielmehr der Umstand des Diätcamps und die Art der Vorführung, die belacht werden, als das Vorführungsobjekt selbst - sowohl auf narrativer Ebene durch die Päadagogen, aber auch durch Seidl mittels der Inszenierung.
Meiner Meinung nach eine gelungene Interpretation und vor allem ein gelungener Abschluss der provokanten Trilogie, der im Antlitz des vordergründig stumpfen, auf einer Metaebene gerade dies überwinden kann.
Kurzfilme
Die anschließenden Kurzfilme werde ich aufgrund des sehr experimentellen Charakters und dem Umstand des einmaligen Sehens (und meiner Müdigkeit, die erstmalig in diesem Jahr zu Sekundenschlaf führte) nur lose wiedergeben und mich einer tieferen Analyse und Interpretation entziehen. Unter dem Motto der Wahrnehmung wurden diese Filme zusammengefasst. Was und wie nehmen wir wahr. Eine Frage, die sich damals in The Flicker schon gestellt wurde. Exemplarisch möchte ich hier einen näher erläutern.
Blinder Fleck
Der Film ist gestaltet in einer, mir ist das Wort entfallen, Technik, im Aussehen vorzustellen als Objekte auf einer Glasplatte, die von unten bei starkem gegen Licht gefilmt werden und somit zu schwarzen Silhouetten reduziert werden (vgl. Höhlengleichnis) (tatsächlich werden afaik Objekte auf den Film direkt gelegt und dieser selbst aktiv belichtet).
Negativiert werden Fotos von (ich schätze deutschen) Familien (der 40er Jahre), verschiedene Formen und Wollballen komplett ohne Ton eingeblendet und Farbe wechselnd mit einfarbigen Punkten übersäht. Dabei soll sogar die Framerate aktiv im Projektionsprozess (?) gesteuert werden und vom Moment vor dem Flickern bis zur normalen 24 fps Projektion unterschiedliche Ergebnisse präsentieren. Somit steht das Sujet des Films passend in der Reihe unter dem Motto vom Sichtbarem und Unsichtbarem, wo liegt unser blinder Fleck (in der Geschichte?) etc.
An den zweiten kann ich nicht nicht wirklich erinnern, weiß nur noch, dass auch da viel geflickert wurde, rückwärts abgespielt und mit der Sprache und deren Darstellung gespielt wurde.
View from the Akropolis zeigt, untermalt von einem Brummen, eine viertel Stunde lang Bilder aufgenommen von einem Berg gerichtet auf die Stadt am Fuß des Berges.
Im letzten wurde verschiedene (migrantische) Personen sehr poetisch und assoziativ in einer französischen Stadt gezeigt, mal singend, mal suchend. Einen Zusammenhang zwischen der Darstellung der Personen deutet sich klar an, tut sich mir aber nicht auf.
Je ne sans pas morte (I'm not dead)
Ein Philosophieprofessor stirbt und sein Geist findet sich plötzlich im Körper von einem seiner migrantischen Studenten wieder. I'm Not dead stellt dabei mit viel intelligentem Witz ebendas Verhältnis von Körper und Geist in frage, was kennzeichnet den Menschen, was ist überhaupt der Mensch und kommt dabei zu einem interessanten aber diskussionswürdigen Fazit. Dopplungen, und generell jede Art Spiegelmotive werden hierbei eingesetzt und unterstützen das ganze. Generell ist der Film sowohl auf einer locker oberflächlichen Ebene zu genießen, bietet aber auch Möglichkeiten zur tiefergehenden Auseinandersetzung mit dem Thema.
Generell guter Film, wobei ich (vermutlich aufgrund meiner einsetzenden Übernächtigung) nicht fähig bin, euch das tolle am Film herauszuheben.