Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

GTO-Pokertheorie: Der Survivorship Bias

Unser nächster Artikel zu Einblicken in die Welt der Spieltheorie und Wirtschaft beschäftigt sich mit einem Fehlschluss, der zu einer Überschätzung der Erfolgsaussichten führen kann.





survivor

Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, bei der wir einige der wichtigsten Themen abdecken, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.

Mit den bisherigen Artikeln dieser Reihe dürften wir auch das eine oder andere Konzept vorgestellt haben, von dem vielleicht noch nicht jeder gehört hat. Heute diskutieren wir nun eine Theorie, bei der es jedoch äußerst wichtig ist, dass man sie als ambitionierter Spieler tatsächlich versteht. Es geht dabei um den sogenannten Survivorship Bias.

Damit wird der Fehlschluss bezeichnet, dass man bei der Bewertung von Menschen oder Dingen, die einen Auswahlprozess überstanden haben, die Erfolgsaussichten generell zu sehr überschätzt, da man automatisch die Fälle des Scheiterns zu sehr ignoriert.

Beispiele dafür gibt es am laufenden Band, insbesondere wenn es um Anerkennung für erfolgreiche Geschäftsleute oder Prominente geht. Wir nehmen an, dass Menschen wie Bill Gates die perfekte Formel fürs Leben gefunden haben und erwarten, dass es bei uns ähnlich laufen würde, wenn wir nur ihrem Beispiel folgen. Unter dieser Prämisse sieht man häufig auch erfolgreiche Menschen Bücher und Kurse zum Thema Selbsthilfe verkaufen, erwecken sie doch den Eindruck, dass sie genau wissen, wie man es schafft. Dabei ignoriert man jedoch die unzähligen Geschichten anderer Menschen mit vergleichbarem Hintergrund, Ehrgeiz und ähnlicher Intelligenz, die es schlichtweg nicht bis an die Spitze geschafft haben. Vielleicht hatte Bill Gates einfach mehr Glück in Sachen Timing als zum Beispiel ein uns nicht bekannter Gill Bates mit ähnlicher Story.

Ein weiteres Beispiel findet man im Bereich der Musik aus vergangenen Zeiten, bei denen uns dieser Tage nur die besten Hits präsentiert werden und nicht die schlechten Lieder, wodurch ältere Musik automatisch besser als aktuelle wirkt. Oder wenn alte Menschen sich damit brüsten, dass sie 100 Jahre alt geworden sind, obwohl sie jeden Tag geraucht haben. Oder wenn Ratschläge zu Investments in Richtung der Strategien bisher erfolgreicher Fundmanager tendieren, da man natürlich nichts mehr von denen hört, die zwischenzeitlich pleitegegangen sind.

Keinen Blick für die Loser

Ein besonders einleuchtendes Beispiel für den Survivorship Bias kam im Zweiten Weltkrieg zustande, als englische Ingenieure die Anzahl abgeschossener Flugzeuge minimieren wollten. Dazu warf man einen Blick auf die Einschusslöcher vom Einsatz zurückgekehrter Maschinen und schlussfolgerte, dass man genau diese Bereiche mit noch mehr Panzerung versehen müsse, um die Überlebensrate weiter zu erhöhen. Der Erfolg blieb jedoch aus und so oblag es dem Mathematiker Abraham Wald den Irrtum zu erkennen und anzuregen, dass man vielmehr die Panzerung in Bereichen ohne Einschusslöcher verstärken solle, da Treffer an diesen Stellen offensichtlich einen Absturz auslösten und eine Rückkehr unmöglich machten.

survivor bias
Survivorship Bias bei Kampfflugzeugen im Zweiten Weltkrieg

Alltägliche Beispiele für den Survivorship Bias begegnen einem wohl am häufigsten bei Plattformen wie Facebook und Instagram. Dort findet man in seinen Feeds all die coolen Schnappschüsse von Freunden und Prominenten, die gerade mal wieder an einem der geilsten Orte der Welt das Leben genießen. Man hat den Eindruck, dass jeder das Leben einer Kardashian lebt, während man selbst zuhause in Jogginghose rumgammelt und sich bei Tiefkühlpizza die nächste Folge Game of Thrones anschaut. Die Realität ist aber, dass niemand davon einen Schnappschuss macht und stattdessen nur Außergewöhnliches gepostet wird. Für das blasse alltägliche Leben, das bei jedem Menschen zu 99% vorliegt, ist dort keinerlei Platz.

Die Survivor beim Poker

Jerry Yang
Nur weil man überlebt hat, hat man nicht auch automatisch alles gecrusht

Ihr könnt sicherlich schon erahnen, warum all das auch Relevanz beim Poker hat. Der Survivorship Bias sorgt auch bei uns für eine falsche Annahme darüber, wer die großen Gewinner beim Poker sind, was insbesondere unter Berücksichtigung des vorhandenen Glückselements im Spiel eine gefährliche Mischung sein kann.

Das vielleicht beste Beispiel dafür sind Turniergewinner, allen voran die Gewinner beim WSOP Main Event. Chris Moneymaker könnte noch auf Jahrzehnte hinaus der bekannteste Sieger des Events sein, das bedeutet aber nicht, dass er auch tatsächlich der beste Spieler im Turnier war. Laut eigener Aussage war er sogar weit davon entfernt. Auch Greg Raymer hat einmal geschildert, dass er auf seinem Weg zu seinem Main-Event-Sieg im Folgejahr ganze 16 Coinflips in Folge gewonnen hat. Und dann hat man natürlich noch Leute wie Jamie Gold oder Jerry Yang, die bei vielen als die wohl schlechtesten Weltmeister aller Zeiten gelten. Jeder, der in der Pokerszene aktiv ist, weiß das natürlich. Die Welt abseits davon hat jedoch nicht den blassesten Schimmer. Selbst Gewinner, die deutlich mehr Konstanz an den Tag legen, werden unter dem Survivorship Bias beäugt. Wir alle wissen, dass Justin Bonomo ein herausragender Spieler ist, aber er selbst würde wohl sofort zustimmen, dass er in diesem Jahr deutlich über den normalen Erwartungen geblieben ist. Zweifellos gab es den einen oder anderen Spieler, der ebenso stark gespielt hat, aber die entscheidenden Pötte im richtigen Moment eben nicht gewinnen konnte.

Wenn man die Pokerszene verfolgt, kann es leicht passieren, dass man annimmt, dass praktisch jeder die ganze Zeit am Gewinnen ist. Wie wir aber bereits vor Kurzem geschrieben haben, ist die ambitionierte Pokercommunity eine kleine, wenn auch lautstarke Minderheit der Menschen, die täglich an den Tischen Platz nehmen. Der Großteil der Inhalte, Diskussionen und Berichte wird in der Pokerszene von Gewinnern für Gewinner erstellt und mindestens 90% der Menschen werden dabei ignoriert, die am Abend einfach vor dem Schlafengehen noch ein paar Spin & Gos auf dem iPhone einstreuen wollen. Wenn man sich gerade mal wieder im Downswing befindet und dann Videos von Jeff Gross oder Andrew Neeme schaut, die mal wieder die coolsten Dinge auf Tour erleben, kann man schnell das Gefühl bekommen, dass man der einzige Spieler ist, der das Traumleben verpasst.

Ich bin schon lange der Überzeugung, dass jeder, der Poker länger als ein paar Monate spielt, über den Erwartungen unterwegs ist, die man am Anfang davon hatte. Denn sind wir mal ehrlich: Wer würde schon ein Spiel weiterspielen, bei dem man keine Ahnung hat, wie es geht und dabei auch noch einen schlechten Lauf hat? Wir wissen nicht, wer die besten Spieler der Welt heute sein könnten, da sie vermutlich in einer Woche dreimal mit Set gegen Set den Kürzeren gezogen haben, als sie sich zum ersten Mal an die Tische gewagt haben, sodass sie nie wirklich das Spiel lernen konnten. Wenn ihr das hier also lest, seid ihr höchstwahrscheinlich einer der Survivor.

Welche Theorien außerhalb der Welt von Poker haben euch am meisten beim Verbessern eures Spiels geholfen? Wir freuen uns auf eure Kommentare!

Weitere Artikel