Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

GTO-Pokertheorie: Die Prospect Theory

Ihr habt das Gefühl, dass Verluste im Downswing bei euch emotional schwerer wiegen als Gewinne bei einem guten Lauf? Keine Sorge, ihr seid nicht allein...

Daniel Kahneman
Daniel Kahneman

Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, bei der wir einige der wichtigsten Themen abdecken, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.

Die Theorie, die wir dieses Mal besprechen, hat Daniel Kahneman nicht nur einen Nobelpreis beschert, sie wird wohl auch für jeden Pokerspieler am ehesten direkt nachvollziehbar sein. Die Prospect Theory unterstellt, dass das Risikoverhalten bei unseren Entscheidungen je nach eingeschätzter Sicherheit eines auftretenden Ereignisses variiert und auf unserer aktuellen relativen Lage basiert. Sämtliche ökonomischen Entscheidungen werden also nicht rein rechnerisch gefällt, sondern in Relation zu einem spezifischen Referenzpunkt, wie zum Beispiel dem aktuellen Vermögen. Geht es darum $50 in etwas zu investieren, betrachten wir nicht ausschließlich, ob es ein gutes Investment ist oder nicht. Stattdessen basieren wir unsere Entscheidung darauf, was in unserer aktuellen Lage der Verlust von $50 oder der Gewinn von $50 bedeuten würde.

Die wohl wichtigste Schlussfolgerung, die sich aus Kahnemans Überlegungen ergeben hat, ist, dass wir von Natur aus risikoscheu agieren, da Verluste bei uns emotional schwerer wiegen als Gewinne. Wir neigen dazu, lieber den Status Quo aufrechtzuerhalten, anstatt einen Schritt voran zu riskieren. Haben wir jedoch ohnehin weniger zu verlieren, sind wir auch eher geneigt, Risiken einzugehen.

Das ist auch der Grund, warum man bei Gewinnshows häufiger sieht, dass Leute einen sicheren Gewinn einstreichen, anstatt ihn zu riskieren, um noch mehr zu gewinnen. Nur die wenigen Ausnahmen bei Shows wie "Wer wird Millionär?" oder "Deal or No Deal" werden zum Hit. Die meisten Menschen behalten lieber das, was ihnen sicher ist.

Negative Emotionen durch Verluste überwiegen positive durch Gewinne

Jeder, der schon einmal an einem Pokertisch Platz genommen, kennt dieses Gefühl wohl nur allzu gut. In diesem kurzen Clip wird das ungleiche Verhältnis in unserer Wahrnehmung sehr gut von Lex Veldhuis demonstriert:

Innerhalb von einer Minute hat der Spieler zunächst sehr viel Pech und im Anschluss sehr viel Glück, die Reaktion auf den Bad Beat fällt jedoch deutlich intensiver aus als beim nachfolgenden Glücksmoment. Wir alle kennen das. Sind wir im Downswing, fühlt es sich an wie die Hölle. Sind wir am Crushen, feiern wir zwar die Gewinne, allerdings nie in solch einem Ausmaß, wie wir uns über Verluste ärgern.

Die Prospect Theory verdeutlicht etwas, das sehr tief in jedem Menschen verankert ist. Evolutionär bedingt schenken wir Dingen, die uns verletzen können, mehr Aufmerksamkeit als Dingen, die uns nutzen können. Psychologen haben fünf wesentliche Persönlichkeitsmerkmale beim Menschen festgestellt, die unser Wesen formen, und dazu zählt auch der Neurotizismus. Damit ist die emotionale Labilität eines Charakters gemeint, was bereits im Wortlaut die Stigmatisierung des Merkmals erklärt, die wir fälschlicherweise damit verbinden. Eigentlich ist es nämlich eine wichtige Eigenschaft, denn Neurotizismus gewährleistet, dass wir stets die Augen offen halten, was mögliche Gefahren betrifft, wodurch auch Eltern nicht zuletzt das Überleben ihrer Kinder sicherstellen. Die Ausprägung dieser emotionalen Labilität schwankt dabei natürlich von Mensch zu Mensch, die meisten von uns reagieren jedoch auf Verluste negativer, als sie auf Gewinne positiv reagieren.

Dadurch erlebt man eben auch Main-Event-Sieger, die sich irgendwann im Nachhinein darüber beklagen, was für einen schlechten Lauf sie doch gerade haben, obwohl auch nur ein elementares Verständnis von Varianz beim Poker dafür sorgen sollte, dass man sich nach so einem großen und unwahrscheinlichen Erfolg über nichts mehr beschweren sollte, was an den Pokertischen geschieht.

Downswing und Upswing

poker graph
Die Bad Beats bleiben mehr in Erinnerung als die Good Beats

Ich persönlich finde, dass die Prospect Theory sehr nützlich ist, um Varianz insgesamt besser zu verstehen, aber vor allem in einem Turnier wird der Zusammenhang mehr als deutlich. Nehmen wir an, man hat die letzten drei Stunden in einem Event damit verbracht, sich mit einem Shortstack von 10BB über Wasser zu halten und kaum brauchbare Hände bekommen. Dann kommen endlich ein paar Spots zustande, in denen man verdoppeln kann, sodass man auf einmal mit einem gesunden Average Stack dasteht. Man fühlt sich gut, endlich ist das Glück einem hold und man ist zurück im Geschehen. Wie aber würde das Gefühl ausfallen, wenn man in den drei Stunden zuvor einen großen Chiplead ausgebaut, dann jedoch einige große Pötte nacheinander verloren hätte und im Anschluss daran mit genau demselben Average Stack dastünde?

In beiden Situationen hat man nach drei Stunden den gleichen brauchbaren Stack im Turnier und ist voll mit dabei. Ist man aber so strukturiert wie 99% aller Pokerspieler, würde man wohl klar in Richtung Tilt neigen, wenn man zuvor den Chiplead eingebüßt hat. Und das wäre völlig normal, denn der Verlust wiegt auch in solchen Situationen bei den meisten von uns eben schwerer als der Gewinn.

Das Konzept der Prospect Theory kann man in vielen Lebensbereichen wiedererkennen, auch im Zwischenmenschlichen, aber vor allem als Pokerspieler wird man immer wieder mit den dargestellten Zusammenhängen konfrontiert. So hat das Ganze auch Relevanz im Bereich des Stakings und Angeboten wie SpinLegends, denn die eigentlich übliche Bindung zum eingesetzten Geld fällt niedriger aus, wenn man gestaket spielt, sodass man als Ergebnis auch die Entscheidungsfindung noch objektiver gestalten kann.

Und obwohl wir alle von Natur aus risikoscheu sind, kann man sich bei in dieser Hinsicht wesentlichen Entscheidungen immer eine Frage bewusst machen: Welches Risiko würde man mit Nichtstun eingehen? An etwas festzuhalten, das man bereits hat, unterbindet natürlich, dass man es an Ort und Stelle verliert, aber es verhindert auch, dass daraus noch mehr entstehen kann.

Welche Theorien außerhalb der Welt von Poker haben euch am meisten beim Verbessern eures Spiels oder in anderer Weise geholfen?

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