GTO-Pokertheorie: Das Gesetz der Trivialität
Es fällt wohl jedem leichter, über die Farbe eines Fahrradunterstellers zu diskutieren als über Nuklearenergie. Und auch beim Poker sind einige Dinge einfacher zu diskutieren als andere.

Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, bei der wir einige der wichtigsten Themen abdecken, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.
Es gibt eine so große Fülle an Informationen, wenn es darum geht Poker zu lernen, dass die größte Herausforderung ist, herauszufinden, welchem Aspekt man wann genau seine Aufmerksamkeit schenken sollte. Dieser Artikel zur GTO-Pokertheorie hilft vielleicht etwas dabei eine vernünftige Wahl zu treffen, zumindest wird er aber all den langweiligen Meetings auf den Grund gehen, die man bei der Arbeit regelmäßig über sich ergehen lassen muss.
Der sogenannte Bike-Shed-Effekt, auch bekannt als Parkinsonsches Gesetz der Trivialität, wurde 1957 vom britischen Soziologen C. Northcote Parkinson festgestellt, der in seiner Laufbahn zahlreiche in das Gewand soziologischer Lehrsätze gekleidete ironisierende Darstellungen zur Verwaltungs- und Wirtschaftslehre formulierte.
Als Beispiel für das Gesetz der Trivialität verwies Parkinson auf die Sitzung eines Finanzausschusses, bei der es um die Bewilligung von Geldern für die Errichtung eines Kernkraftwerks ging. In dem Meeting wurden drei Minuten der Diskussionszeit dem Reaktor selbst gewidmet, bei der es um die Verwendung von $10 Millionen ging, während weitere 45 Minuten für die Erörterung draufgingen, in welcher Farbe man die Fahrraduntersteller der Anlage im Wert von rund $2.500 gestalten solle. Der Ingenieur Karl Fogel gab dazu passend zu Protokoll, dass die "Diskussionmenge umgekehrt proportional zur Komplexität des Themas" gewesen sei.
Einfach ausgedrückt fällt es uns allen leichter über etwas Triviales zu debattieren als über etwas Komplexes. Wir haben alle eine Meinung zu banalen, alltäglichen Themen. Wenn es jedoch thematisch feine Nuancen und Komplexität gibt, dann sind wir meist auf verlorenem Posten.
Triviales zu debattieren ist einfach

Man muss lediglich einen Blick auf die Mainstream-Medien werfen, um diese Feststellung in Aktion zu sehen. In Großbritannien hatte zum Beispiel vor ein paar Wochen Premierministerin Theresa May eine jährliche Pressekonferenz abgehalten, bei der es vor allem um den anstehenden Brexit ging, eines der bedeutendsten politischen Ereignisse in Großbritannien der letzten Jahrzehnte.
Der Austritt aus der Europäischen Union ist jedoch ein hochkomplexes Thema und die Konsequenzen sehr nuanciert. Ein Großteil der Berichterstattung der Mainstream-Medien und der Diskussionen in den sozialen Medien hat sich daher lieber auf die Tatsache konzentriert, dass Frau May eine eher schräg anmutende Tanzeinlage zu Beginn ihrer Rede eingestreut hatte.
Wir alle fühlen uns im Stande, eine Meinung zu den Tanzkünsten der Premierministerin abzugeben. Zum Thema Brexit sieht das Ganze jedoch anders aus.
Vorsicht bei Ratschlägen zu Poker

Ich denke, dass es auch für Pokerspieler hilfreich sein kann, das Gesetz der Trivialität auf dem Schirm zu haben, wenn es um Diskussionen zu Strategien und Händen mit anderen Spielern geht, insbesondere in einem Pokerforum. Postet man dort eine seiner Hände öffnet man sich nicht nur der Kritik anderer Spieler, sondern auch gut gemeinten, aber dennoch schlechten Ratschlägen.
Nur mittels eigener Erfahrung oder weil der Ratgeber langanhaltenden Erfolg beim Poker vorweisen kann, kann man entscheiden, was tatsächlich ein sinnvoller Denkansatz ist. Generell sollte man schauen, wer die trivialen und simplen Aspekte einer Hand diskutiert und wer hingegen die tatsächlich entscheidenden Details beleuchtet, um die Expertise des Gegenübers einschätzen zu können.
Wenn jemand eher einfache pauschale Statements wie "Da kannst du niemals Kings folden" oder "Das sieht zu weak aus" ohne Begründung liefert, sollte man das Ganze mit etwas Skepsis vernehmen, es sei denn es wird noch mehr ins Detail gegangen. Bekommt man hingegen Tipps, bei denen Equitys und ICM-Berechnungen aufgeführt werden oder nach den HUD-Stats der Gegner gefragt wird, dann dürfte der Ratschlag durchaus eine Tiefe haben, die einen voranbringen kann.
Ein weiteres Beispiel, dass das Gesetz der Trivialität auch bei Diskussionen rund um Poker Relevanz hat, ist die Tatsache, dass viele Spieler immer wieder Hände zur Diskussion stellen, die eigentlich Standard-Cooler oder Bad Beats sind und sich von allein spielen. Postet jemand einen Handverlauf, bei dem er nach Preflop-All-in mit Aces gegen Kings das Nachsehen hatte, kann man erstmal davon ausgehen, dass derjenige nicht wirklich etwas lernen will. Fragt jemand aber, ob er nicht doch noch etwas mehr Value am Turn mit Third Pair hätte herauskratzen können, ist es deutlich wahrscheinlicher, dass man sich in einer ernsthaften Strategiediskussion befindet.
Welche Farbe sollte der Fahrradunterstand bei PokerStrategy.com haben? Wir freuen uns auf eure Kommentare!
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