Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

GTO-Pokertheorie: Die Illusion von Kontrolle

Der Mensch ist hochqualifiziert, wenn es darum geht, sich selbst zu belügen. Die Kontrollillusion ist eine kognitive Verzerrung, auf die Pokerspieler besonders achtgeben sollten.

Ellen Langer
Dr. Ellen Langer

Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, bei der wir einige der wichtigsten Themen abdecken, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.

In dieser Woche befassen wir uns mit einer Theorie, die jeder Pokerspieler auf dem Radar haben sollte. Die Illusion von Kontrolle ist eine Wahrnehmungsverzerrung, die 1975 von der US-amerikanischen Psychologin Dr. Ellen Langer festgestellt wurde und sehr viel Relevanz im Hinblick auf Irrtümer und Aberglaube beim Glücksspiel hat.

Die Theorie besagt, dass Menschen ihre Fähigkeit überschätzen zufällige Ereignisse zu kontrollieren, auf die sie eigentlich keinerlei Einfluss haben, insbesondere wenn Anzeichen für Fertigkeiten vorliegen. Mit Anzeichen für Fertigkeiten sind dabei Elemente gemeint, die für gewöhnlich mit bestimmten Fähigkeiten verbunden sind: Auswählen, Konkurrieren, sich mit einem Vorgang vertraut machen und Entscheidungen treffen. Ein gutes Beispiel für Kontrollillusion ist das Verhalten bei Würfelspielen: Will man eine hohe Zahl würfeln, werfen viele Menschen die Würfel härter, als wenn sie eine niedrige Zahl erreichen wollen. Es gibt Momente im Leben, da kann Kraft tatsächlich für ein höheres Ergebnis sorgen, zum Beispiel beim Boxsackschlagen auf dem Rummel, aber beim Würfeln hat die Härte des Wurfs keinerlei Einfluss.

Aus demselben Grund fühlen sich Menschen während der Autofahrt zum Flughafen sicherer als beim Flug selbst, obwohl es statistisch erheblich wahrscheinlicher ist, dass sie als Fahrer in einen tödlichen Autounfall verwickelt werden, als mit dem Flugzeug als Passagier abzustürzen. Selbst wenn uns deartige Wahrscheinlichkeiten bewusst sind, ziehen wir es vor, selbst die Kontrolle zu haben.

Ein "One Time!" bringt nichts

One time poker
Wer glaubt, dass ein "One Time!" helfen könnte, macht sich etwas vor

Ihr werdet schon ahnen, wie das Ganze in Bezug zu Poker steht. Einer der größten Unterschiede zwischen Profi- und Hobbyspielern besteht im Wissen, welchen Teil eines Resultats man mit Skill beeinflussen kann und was letztendlich nur dem reinen Zufall unterliegt. Der Profi weiß, wann er ein Risiko eingeht. Der Gambler hingegen nicht. Trotzdem geben wir uns alle immer mal wieder dem Tilt hin, denn rein vom Bauchgefühl her können wir nie vollständig unterscheiden, was nun genau skillabhängig und was reine Varianz ist. Deswegen hört man auch von erfahrenen Spielern noch die grausamsten Bad-Beat-Storys, obwohl sie genau wissen, dass Cooler letztendlich Teil des Spiels sind.

Resultat ist natürlich auch, dass eine ganze Menge Aberglaube beim Poker die Runde macht, auch bei guten Spielern. Wer einen Glückspulli oder eine Glückshand hat oder wer denkt, dass er mehr Coinflips bei Unibet als bei 888poker gewinnt, ist Opfer der Kontrollillusion geworden. Ist ein Spieler all-in und hat keinerlei Einfluss mehr auf das Geschehen, begegnen uns derartige Ausbrüche am häufigsten. Dann wird ein "One Time!" in den Raum geworfen, beim Austeilen des Boards weggeschaut oder sogar ein Stoßgebet Richtung Himmel gesandt, obwohl all das überhaupt nichts am Ergebnis ändern wird. Allein weil man aber irgendwas macht, hat man die Illusion, dass man es doch irgendwie kontrolliert.

Selbst eine Pause während eines Downswings kann, wenn aus den falschen Gründen vorgenommen, ein Beispiel für die Illusion von Kontrolle sein. Natürlich gibt es für eine Auszeit in einer solchen Phase gute Gründe, zum Beispiel um den Kopf frei zu kriegen und Tilt abzuwenden. Es gibt aber auch etliche Spieler, die bewusst oder unbewusst denken, dass nach der Rückkehr an die Tische der Downswing auf wundersame Weise verflogen ist, nur weil man eine Pause eingelegt hat.

Opfer der eigenen Evolution

dr strange
Wir sind bestens ausgestattet, um Opfer eigener Illusionen zu werden

Die genannten Beispiele sind allesamt sehr offensichtlich, dennoch sollte man sie nicht einfach abtun und denken, dass man nicht davon betroffen sei. Ich sehe immer wieder Pokerspieler, die Aspekten einer Hand erhebliche Bedeutung beimessen, die eigentlich völlig irrelevant sind, nur damit man sich einreden kann, dass man den entscheidenden Faktor erkannt hat. Unerfahrene Spieler, die die meisten Entscheidungen nach wie vor auf Gefühl statt Wissen basieren, neigen ebenfalls zu einer solchen Überschätzung der eigenen Fähigkeiten und reden sich ein, sie würden schlichtweg über ein Talent für Soulreads der allerersten Güte verfügen. Tatsächlich rational begründen, warum man nun gecallt und gefoldet hat, können die wenigsten Anfänger. Das Erkennen von Tells ist zwar eine Fertigkeit und hat nichts mit Glück zu tun, aber wenn man so gar nicht weiß, was man dabei eigentlich tun und lassen sollte, ist es am Ende auch nur ein Glückstreffer. Entgegnet der Fisch also, dass er einfach wusste, dass ihr am Bluffen wart, hat er mal wieder einfach nur gegamblet.

Der Mensch ist hochqualifiziert, wenn es darum geht, sich selbst zu belügen. Der Evolutionsforscher Robert Trivers hat sogar sein ganzes Leben der Suche nach Gründen gewidmet, warum wir unseren eigenen Illusionen glauben. Er argumentiert, dass wir vor allem uns selbst belügen, damit wir auch leichter andere Menschen täuschen können. Je intelligenter wir sind, desto leichter soll uns dabei sogar die Selbsttäuschung fallen. Evolutionsbedingt sorgt die Illusion von Kontrolle beim Menschen dafür, dass wir geneigter sind Neues zu wagen, wenn wir überzeugt sind, dass wir mehr Einfluss darauf haben, als es tatsächlich der Fall ist. Würden wir uns am anderen Ende des Spektrums befinden und hätten das Gefühl, dass wir rein gar nichts kontrollieren können, würden wir völlig hilflos in der Luft hängen und gar nichts tun. Bei einem Spiel wie Poker, bei dem es essenziell ist, dass man Glücks- und Skillelemente unterscheiden kann, ist die evolutionsbedingte verzerrte Wahrnehmung von Kontrolle jedoch sehr gefährlich.

Generell sollte man als Pokerspieler dem Ratschlag folgen nach einer Session einen genauen Blick darauf zu werfen, welcher Teil des Resultats auf a) den eigenen Skill, b) den Skill des Gegners und c) die Varianz zurückzuführen ist. Nur so kann man nach und nach ein besseres Verständnis dafür entwickeln, welche Aspekte man beim Poker tatsächlich beeinflussen kann. Man wird sich zwar immer noch selbst belügen, aber bei Weitem nicht so sehr wie der Fisch, der einem gegenüber sitzt.

Welche Theorien außerhalb der Welt von Poker haben euch am meisten beim Verbessern eures Spiels oder in anderer Weise geholfen?

Weitere Artikel