Neuropsychologie des Pokerns (6) - Die Rolle des Geldes
Einleitung
In diesem Artikel
- Geld als Motivation und Antrieb beim Online-Poker
- Welche Probleme dabei entstehen können
- Wie du dich von der Sogwirkung der Gier befreien kannst
Erwerbstrieb: Wie ihr euch sicher schon gedacht habt, beschreibt dieser Ausdruck den Drang nach dem Erwerb von Gütern (Taussig, 1915). Er bezeichnet außerdem zumindest teilweise den Grund, warum wir alle mit dem Pokern angefangen haben. Dabei ist der Erwerb von Ressourcen natürlich nicht der einzige Grund. Sich selber herauszufordern, der ursprüngliche Spaß am Spiel und das Beherrschen eines Strategiespiels sind einige der anderen Beweggründe.
Geld als Antrieb
Die Beweggründe, warum wir ins Pokern eingestiegen sind, waren sicher sehr unterschiedlich. Im Endeffekt aber geht es uns allen direkt oder indirekt ums Geld. Aber bis zu welchem Ausmaß ist das so? Sind deine finanzielle Ziele beim Pokern begrenzt? Hast du eine bestimmte Summe vor Augen, die du erreichen willst, bevor du dir eine neue Aufgabe suchst oder gilt für dich hier “The Sky's the Limit”?
In den Seminaren über “Some Relations between Economics and Psychology” an der Brown University im Jahr 1915 diskutierten namhafte Wissenschaftler über die Motivation, die hinter der Anhäufung enormen Reichtums steckt. “Warum manche Menschen es zu tun scheinen (nach grenzenlosem Reichtum streben), ist exakt die Frage, die wir zu beantworten suchen” (Taussig, 1915). Heutzutage haben wir gleich mehrere Antworten auf diese Frage und kennen außerdem die Stolperfallen und Fehlerquellen auf dem Weg dahin.
Eine der vielen Möglichkeiten, Menschen zu unterscheiden, liegt im Bereich des sogenannten “Sensation Seeking“. Ausgeprägte Sensation Seeker neigen dazu, größere finanzielle Risiken einzugehen, wozu auch das Glücksspiel gehört. Dieser Menschenschlag tendiert auch eher dazu, neue Dinge zu probieren und risikoreiche Erfahrungen zu machen. Mit großer Wahrscheinlichkeit neigst du also zum Sensation Seeking.
Wo du kein Problem damit hast, Hunderte oder gar Tausende mit 10% Edge in die Mitte zu schieben, werden Menschen ohne ausgeprägte Neigung zum Sensation Seeking das Risiko als unverhältnismäßig ansehen, auch wenn sie den potenziellen Verlust verkraften könnten. Was für sie ein (zu) großes Risiko ist, siehst du als eher geringes Risiko an.
Deine Tendenzen beim Sensation Seeking sind aber nicht der einzig relevante Faktor. Der Wunsch nach Reichtum ist offensichtlich ein Beweggrund, mit dem Onlinepoker zu beginnen. Und so lange er sich nicht in Gier verwandelt, kann er einen sehr positiven Einfluss haben. Im Gegensatz dazu kann Gier deine Produktivität massiv beeinträchtigen. Vielleicht hast du auch schon einige der Topspieler sagen hören, dass ein übermäßiger Fokus auf den finanziellen Aspekt des Pokerns die Entscheidungsfindungen am Tisch negativ beeinflussen kann. Dazu lässt sich kaum etwas hinzufügen.
Durch Gier wird man beim Pokern ungerechtfertigte und irrationale Entscheidungen treffen. Eine extreme Konzentration auf die eigenen Gewinne lenkt vom entscheidenden Bereich des Poker ab, nämlich seine Hand in der bestmöglichen Art und Weise zu spielen. Je ergebnisorientierter man ist, desto empfindlicher wird man gegenüber den neurologischen Auswirkungen der Swings.
Zu Beginn der Pokerkarriere ist es sehr schwer, nicht gierig zu sein. Auch ich bin dabei keine Ausnahme. Mit der Zeit wird man aber dem finanziellen Aspekt immer weniger Aufmerksamkeit schenken und entweder mit dem Spielen aufhören oder dabei bleiben und möglicherweise die eigene Motivation durch Konzentration auf das eigene Spiel steigern. Daneben gibt es viele weitere Möglichkeiten, wie ein starker Fokus auf das Geld beim Pokern deinen Fortschritt behindern und deine Zufriedenheit zerstören kann.
Wie beim Investieren haben auch beim Pokern durch Emotionen hervorgerufene Irrationalitäten und Fehleinschätzungen einen erheblichen Einfluss. So beschäftigt sich die Behavioral Finance mit der Psychologie des menschlichen Verhaltens in Finanzmärkten. Es scheint viele systematische Ungereimtheiten zwischen dem rational erwartbaren und dem tatsächlichen Verhalten von Menschen in Geldfragen zu geben.
Das Eingehen von irrationalen und nicht annehmbaren Risiken, falsche Reaktionen auf unerwartete Ereignisse und Schlechtreden des eigenen Spiels oder des Verhaltens vom Gegner statt der Akzeptanz der unvermeidbaren Varianz sind nur einige der Schwächen, die sich beobachten lassen.
Dieses Verhaltensparadigma ist ein Grundsatz der Erwartungstheorie; ein Bezugssystem für Entscheidungsfindungen hinsichtlich Risiken oder Unsicherheiten. Dabei sind zwei Prozesse einbezogen: Diese sind das “Editing“ und die “Evaluation“.
Editing bezieht sich auf die Praxis der Vereinfachung, des Organisierens und Reformulierung der Optionen einer Entscheidung. Die Evaluation ist dann die Zuteilung verschiedener Werte auf die Optionen, um so die hochwertigste Entscheidung treffen zu können. Das Problem mit dieser unabdingbaren mentalen Verhaltensweise sind die darin enthaltenen Fehleinschätzungen. So ändert sich beispielsweise der Wert einer Währungseinheit abhängig davon, ob es ein Gewinn oder ein Verlust ist. Des Weiteren beeinflussen auch die vorhergehenden Gewinne oder Verluste dein Verhalten.
Ein Pokerbeispiel dafür wäre eine von Tilt beeinflusste Entscheidungsfindung oder dass sich ein gewonnener Stack nicht in dem Maße mental positiv auswirkt, wie es ein verlorener Stack in negativem Sinne tun würde – ganz besonders wenn man bereits auf Tilt ist. Sehen wir uns nun einige der zahlreichen Fehleinschätzungen an, die man als Pokerspieler treffen kann.
Heuristic Simplification
Der grundlegende Mechanismus, aus denen viele dieser Fehleinschätzungen resultieren, wird “Heuristic Simplification“ genannt. Das bezieht sich auf die Abkürzungen, die unser Gehirn nutzt, wenn es gegebene Informationen analysiert, um die Komplexität einer Entscheidung zu reduzieren und Voreinschätzungen zu treffen. Das große Problem dieser Vorgehensweise ist, dass die meisten Menschen sich für bessere Entscheidungsträger halten, als sie es tatsächlich sind.
So sucht sich das Gehirn oft gezielt Informationen heraus, die bestimmte Annahmen bestätigen. Ein kleines Beispiel, die sogenannte “repräsentative Fehleinschätzung“, zeigt, dass das Gehirn davon ausgeht, dass Dinge mit ähnlichen Eigenschaften auch ähnlich bzw. gleich sind. An der Börse bezieht sich das auf Menschen, die recht irrational davon ausgehen, dass eine gute Firma auch notwendigerweise ein gutes Investment ist und dass steigende Aktienkurse bedeuten, dass sie auch zukünftig steigen werden.
Für dich als Pokerspieler drückt sich das in dem möglichen Glauben daran aus, dass Spieler mit einem beeindruckenden Winning-Graphen notwendigerweise auch gute Spieler sein müssen. Oder dass Spieler mit ähnlichen Preflop-Statistiken auch einen ähnlichen Spielstil haben müssen. Diese Einstellung bringt besonders dann Probleme mit sich, wenn man sie auch auf die Spielweise postflop anwendet. Natürlich kann das alles in Wirklichkeit sehr viel anders aussehen. Ein sehr ansehnlicher Graph könnte nur Ausdruck einer sehr guten Table Selection sein. Und Spieler mit ähnlichen Preflop-Stats können durchaus postflop äußerst unterschiedlich spielen.
Von einer weiteren bedeutsamen Fehleinschätzung hast du bereits in einem vorhergehenden Artikel lesen können. Eine sogenannte kognitive Dissonanz bezieht sich auf das Unwohlsein, das einen überkommt, wenn man Informationen wahrnimmt, die den aktuellen Einstellungen oder Glaubenssätzen widersprechen.
Beim Poker ist es beispielsweise eine Art und Weise auf eine Dissonanz zu reagieren, sich zu weigern einem Semi-Fisch Credit zu geben, einen bestimmten Spielzug machen zu können. Entweder ist dieser Spieler, den du als Fisch identifiziert hast, nicht ganz so schlecht und unfähig, wie du eigentlich gedacht hast, oder dieser Spielzug, den du als komplett irrational wahrnimmst, war stimmig mit deinen ursprünglichen Erwartungen. Dies sind zwei unterschiedliche Schlussfolgerungen, die große Unterschiede in der Range mit sich bringen, die man dem Gegner gibt.
Ein weiteres Beispiel dieser Dissonanz ist, wenn du es außerdem nicht schaffst, einen deiner eigenen Spielzüge neu zu bewerten. Vielleicht hast du in der Vergangenheit eine Line oder einen Spielzug gemacht, der zu diesem Zeitpunkt die profitabelste Option war, aber jetzt mittlerweile nicht mehr das beste Play ist. Wie du auf die resultierende Dissonanz reagierst könnte einen dramatischen Einfluss auf deine Winnings beim Pokern haben.
Wenden wir uns nun der “Bekanntheits-Fehleinschätzung“ zu, durch die man dem Bekannten zu viel Wert zubilligt. Das trifft auch auf dein Pokerspiel zu. Wie oft hast du schon eine bestimmte Line oder einen Spielzug gewählt, einfach weil es genau das war, was du immer getan hast? Dies ist das zentrale Problem des Spielens im Autopilot.
Weitergeführt bedeutet dies, dass du einen Spielzug, mit dem du wohlvertraut bist, für weniger risikoreich einschätzt als eine ungewohnte Alternative. Wenn du zu einem bestimmten Zeitpunkt zu dem Schluss kommst, dass ein gewisser Spielzug der profitabelste ist obwohl er es eigentlich nicht ist, sondern nur ein varianzreicheres Extra, dann kann diese Fehleinschätzung deine Winnings extrem negativ beeinflussen.
Auch deine Stimmung und ein gesundes Maß Optimismus sind wichtige Faktoren für deinen Erfolg beim Pokern. Aber auch sie sind gewissermaßen Fehleinschätzungen und gleichzeitig vermutlich auch die im Poker am meisten anzutreffenden. Wenn du guter Laune bist, verarbeitest du Informationen allgemein unkritischer. Daher scheint eine eher schlechte Laune einige Vorteile zu haben. Auf dein Pokerspiel angewandt lässt dich schlechte Laune aber tatsächlich empfindlicher gegenüber negativen neurologischen Einflüssen werden, wodurch du anfälliger gegenüber Tilt und irrationalen Entscheidungen wirst.
So haben Studien sogar gezeigt, dass die Stimmung eines Menschen einen so großen Einfluss auf die endgültige Entscheidungsfindung hat, dass sogar das Wetter signifikanten Einfluss darauf hat. An sonnigen Tagen erhalten Kellner beispielsweise bis zu 50 Prozent mehr Trinkgeld als an Tagen mit schlechterem Wetter. Noch interessanter ist die Tatsache, dass tägliche Berichte von 26 Börsenplätzen zeigten, dass Sonnentage deutlich höhere Gewinne versprechen. Fraglich ist dennoch, ob das Wetter und die Tageszeit deiner Gegner beim Online-Poker ihr Spiel in solch einem Maße beeinflusst, dass du dies in deinen Notes vermerken solltest.
Die letzte Fehleinschätzung, die du in diesem Artikel kennen lernst (es gibt noch mehr, über die du dich selbständig informieren kannst), ist die Selbstüberschätzung oder die “Ego-Falle.“ Sie trifft den Kern vieler Menschen besonders dann, wenn es um Geld geht. Beim Poker lässt sich diese Fehleinschätzung oft beobachten, vor allem wenn es gut läuft. Dann denken viele Spieler, dass sie besser sind, als es tatsächlich der Fall ist. Durch diesen Denkfehler kommt es auch vor, dass man seine Gegner als schwächer einschätzt, als sie in Wirklichkeit sind. So wollen beispielsweise viele Spieler glauben, dass Fische von Natur aus intellektuell unterlegen sind, obwohl sie in der Tat einfach nur gamblen wollen (Baker, 2002).
Ein eindeutige Manifestation des Zerstörungspotenzials der Gier ist der Zusammenbruch der Finanzmärkte in den USA. Falls du dich damit nicht allzu gut auskennst, hier eine kleine Zusammenfassung:
Gierige Banken vergaben Unmengen an faulen Hypothekenkrediten an Menschen, die sich die betreffenden Immobilien eindeutig nicht leisten konnten. Die Banken investierten also in die Gier und den Materialismus von Bürgern, etwas zu besitzen, das sie sich nicht leisten konnten. Dies geschah in der Hoffnung, dass die Immobilienpreise weiter steigen würden, was aber natürlich nicht passiert ist. Das Ergebnis war ein wirtschaftlicher Zusammenbruch, der weltweite Auswirkungen hatte. Wenn also tatsächlich solche Ereignisse möglich sind, ist es an der Zeit, deine eigene Motivation zu überdenken und Veränderungen anzustreben.
Die buddhistische Psychologie unterscheidet drei ungesunde mentale Zustände. Diese sind Geiz, Hass und Wahn. Diese Zustände sollten in Generosität, liebende Güte und Weisheit umgewandelt werden. Am Wichtigsten für uns ist aber, dass im Buddhismus davon ausgegangen wird, dass die offenkundigen Gründe für endlosen Wettbewerb und Ungerechtigkeit intern sind: eine Manifestation von Absichten.
Das widerspricht den im Kapitalismus vorherrschenden Ansichten diametral. Diese Kernansichten des Kapitalismus sind etwa: “Dein nächster Einkauf wird dich glücklich machen. Du kannst niemals reich genug sein. Derjenige mit den meisten Spielsachen ist der Beste.“ (Troisi, 2006).
Die Wirtschaft Thailands ist ein gutes Beispiel einer “Suffizienzwirtschaft“ mit buddhistischen Lehren im Hintergrund. Dabei will ich aber keineswegs behaupten, dass die Wirtschaftspraktiken Thailands notwendigerweise die produktivsten, effizientesten und förderlichsten sind, aber sie können durchaus graduell ein Schritt in die richtige Richtung sein (Triosi, 2006).
Der Kern dieses System ist der Glaube, dass ein Mehr an Besitz nicht automatisch ein Mehr an Glück bedeutet und dies über einem bestimmten Maß an materiellem Besitz immer weiter abnimmt. Was kann es also Besseres geben, als zu realisieren, dass Lernerfolg, Hingabe zum Spiel und Verbesserung seiner Fähigkeiten die wahren Zutaten für Erfolg und Glück sind?
Zusammenfassung
Deine Gedanken von der Sogwirkung der Gier zu befreien und dich von deinen Winnings-Graphen zu distanzieren, wird dich nicht nur mental stärker und emotional ausgeglichener werden lassen, sondern dich möglicherweise auch noch auf den Weg zu größerem Glück bringen. Erfreue dich einfach an deiner Freiheit und der Möglichkeit, deine eigenen Wünsche zu verfolgen und solange du diszipliniert an dir arbeitest, wird alles Weitere folgen.
Dazu eine Fabel:
“In einer Legende der Cherokee-Indianer erzählte eines Abends ein Mann seinem Sohn von dem Kampf, den die Menschen in sich austragen: ‘Mein Sohn, dies ist ein Kampf der beiden Wölfe in uns. Der böse Wolf ist die Wut, der Neid, die Missgunst, die Sorgen, das Bedauern, die Gier, die Arroganz, das Selbstmitleid, die Schuldgefühle, die Verbitterung, die Minderwertigkeitskomplexe, die Lügen, der falsche Stolz und das Ego. Der gute Wolf ist die Freude, der Frieden, die Liebe, die Hoffnung, die Heiterkeit, die Bescheidenheit, die Güte, das Wohlwollen, die Empathie, die Großzügigkeit, die Wahrheit, die Leidenschaft und der Glaube.‘ Der Sohn dachte eine Weile darüber nach und fragte dann: ‘Welcher Wolf gewinnt?‘ Der alte Mann antwortete: ‘Der, den du fütterst.‘“ (Troisi, 2006)
Viel Glück an den Tischen und im Leben.
Baker, H. Kent, and John R. Nofsinger. "Psychological Biases of Investors." Financial Services Review 11.2 (2002): 97+. Questia. Web. 14 Apr. 2011.
Nocera, Joseph. "Money, Greed and Risk." Washington Monthly Sept. 1999: 52. Questia. Web. 12 Apr. 2011.
Taussig, F. W. Inventors and Money-Makers: Lectures on Some Relations between Economics and Psychology Delivered at Brown University in Connection with the Celebration of the 15th Anniversary of the Foundation of the University. New York: Macmillan Company, 1915. Questia. Web. 16 Apr. 2011.
Troisi, Jordan D., Andrew N. Christopher, and Pam Marek. "Materialism and Money Spending Disposition as Predictors of Economic and Personality Variables." North American Journal of Psychology 8.3 (2006): 421. Questia. Web. 16 Apr. 2011.



