Semibluffs für Fortgeschrittene
Einleitung
In diesem Artikel
- Unterschiedliche Formen eines Semibluffs
- Wichtige Faktoren eines Semibluffs
- Mathematische Betrachtung eines Semibluffs
Seit geraumer Zeit ist die steigende Aggressivität in den Smallstakes bzw. Midstakes nicht mehr zu übersehen. Viele Spieler versuchen, jeden Move, den sie einmal in irgendeiner Pokerserie gesehen haben, selbst kreativ umzusetzen, um dann als der größte Spieler am Tisch dazustehen. Viele dieser Spielzüge basieren auf dem wichtigen Konzept des Semibluffs.
In diesem Artikel wirst du nun erfahren, wie du einen Semibluff perfektionierst und auf welche Faktoren du achten musst, um nicht ahnungslos falsche Entscheidungen zu treffen.
Was ist ein Semibluff?
Zu Beginn musst du natürlich zuerst einmal wissen was ein Semibluff überhaupt ist. Daher eine kurze Definition:
Ein Semibluff ist nichts anderes, als ein aggressiver Spielzug mit der momentan wahrscheinlich schlechteren Hand, die jedoch noch einige Chancen hat, sich zu verbessern.
Ein Semibluff liegt also immer dann vor, wenn du mit der schlechteren Hand bettest oder raist, jedoch immer noch einen gewissen Anteil an der Potequity hältst. Durch einen Semibluff stehen dir daher immer zwei Möglichkeiten offen, den Pot zu gewinnen.
- Dein Gegner foldet die bessere Hand.
- Du triffst eines deiner Outs, verbesserst dich zur besten Hand und gewinnst den Showdown.
Als Grundvoraussetzung für einen Semibluff darfst du selbstverständlich noch nicht am River angelangt sein. Bist du am River, so werden keine weiteren Communitycards erscheinen und die schlechtere Hand hält auch keinen Anteil mehr an der Potequity.
Neben dieser Grundvoraussetzung solltest du einen Semibluff nur dann durchführen, wenn du auch einen akzeptablen Anteil an der Potequity hältst. Je größer dieser ist, desto eher erhältst du dir die Chance, deinen Plan B erfolgreich umzusetzen.
Dieser Plan B sieht immer wie folgt aus:
Callt dein Gegner deine Bet bzw. dein Raise, so willst du eines deiner Outs treffen, um die wahrscheinlich bessere Hand des Gegners noch zu überholen und den Showdown, wenn es zu einem kommen sollte, gewinnen.
Die unterschiedlichen Formen eines Semibluffs
Bei dem Spiel eines Semibluffs kannst du im Grunde von zwei verschiedenen Formen ausgehen, dem All-In-Semibluff und dem Non-All-In-Semibluff.
Bei dieser Form des Semibluffs spielst du ein direktes All-In und versuchst die Aktion auf späteren Straßen einzuschränken. Diese Form des Semibluffs kann sowohl preflop mit 4-Bet-Pushes mit Axs Händen durchgeführt werden als auch im Spiel mit starken Draws am Flop.
Der Vorteil eines direkten All-Ins ist es, die Equity deiner drawing Hand, so weit es geht, zu maximieren.
Ein weiterer Aspekt ist es, möglichen Karten aus dem Wege zu gehen, die die Action killen könnten. Spielst du einen Flushdraw beispielsweise am Flop passiv und wirst dann urplötzlich bei der dritten Flushkarte aktiv, so wird dich dein Gegner oftmals genau auf deine Hand setzen können und sich von seiner guten made Hand verabschieden.
Bei dieser Form des Semibluffs setzt du nicht direkt deinen gesamten Stack aufs Spiel. Analysiert man einen Semibluff mathematisch, so erkennt man, dass man mit erhöhter Betsize auch eine höhere Foldequity benötigt, um die Profitabilität des Semibluffs zu gewährleisten.
Oftmals wirst du aber keinen allzu großen Sprung in der erzeugten Foldequity erkennen können, so dass eine kleinere Betsize am Flop oftmals völlig ausreicht und teilweise sogar mehr Foldequity erzeugt, als ein direkter Push.
Hinzu kommt, dass du bei dieser Form des Semibluffs die Chance hast, mehr Informationen über die gegnerische Handstärke zu sammeln, um so auch später die besseren Entscheidungen zu treffen und nicht als Underdog frühzeitig deinen gesamten Stack in die Mitte zu schieben.
Gehst du nicht direkt All-In, so gelingt es dir außerdem, deine Valuehands durch die Semibluffs zu balancen und dein weiteres Postflopspiel, bei welchem hoffentlich die Edge auf deiner Seite liegt, zu fördern.
Ebenso wichtig ist es natürlich, deine Hand durch einen direkten Push nicht sofort zu offenbaren, da du beispielsweise ein Set in aller Regel am Flop nicht overpotten würdest, einen Draw jedoch schon eher. Der Nachteil einer Non-All-In-Betsize ist natürlich, dass du durch Veränderungen in der Boardtextur bzw. plötzliche Moves deines Gegners zu etwas schwierigeren Entscheidungen in recht großen Pots gezwungen wirst, in denen du bei mangelnder Spielerfahrung mehr Fehler als dein Gegner machen wirst.
Was ist das Ziel eines Semibluffs?
Da du nun weißt, was ein Semibluff ist und welche wichtige Grundvoraussetzung gegeben sein muss, stellt sich dir sicher die weitere Frage nach dem genauen Ziel/Sinn und der Anwendung eines Semibluffs.
Ein Semibluff kann hierbei unterschiedliche Ziele verfolgen, wobei er nicht darauf beschränkt ist, nur ein einziges Ziel schlussendlich zu erreichen.
Durch eine Bet oder ein Raise übst du immer Druck auf den Gegner aus und zwingst ihn zu einer Entscheidung, welche er oft abhängig von seiner Handstärke und seinem Gefühl treffen wird. Du wirst den Druck, welchen du durch eine Bet bzw. ein Raise ausübst, bisher sehr wahrscheinlich unterschätzt haben.
Führst du einen Semibluff durch, so konfrontierst du den Gegner nicht nur mit dem Callen des Betrags, den du setzst, sondern lässt ihn im Ungewissen über die Möglichkeit weiterer, noch größerer Bets, vorausgesetzt es handelt sich nicht um einen All-In-Semibluff.
Gute Spieler planen eine Hand meist voraus und versuchen die Playabilty der eigenen Hand abzuschätzen. Durch den Druck, den du mit einer Bet bzw. einem Raise ausübst, werden viele Spieler dazu tendieren, die beste Hand zu folden.
Durch das Integrieren von Semibluffs in dein Spiel, erreichst du nun einen höheren Anteil an gewonnenen Pots, die dir im Normalfall nicht zugestanden hätten. Die Potequity, welche dein Gegner durch einen Fold aufgibt, ist sehr oft ein erheblicher Anteil, da in seiner Handrange sehr oft Hände enthalten sind, die deinen Draw momentan noch schlagen.
Ein weiteres Ziel eines Semibluffs kann das Balancing der eigenen Handrange sein. Je besser deine Gegner spielen, desto eher werden sie dich auf bestimmte Handgruppen setzen können. Und weiß dein Gegner irgendwann, welche Handstärke du für ein bestimmte Line benötigst, so wird er nahezu optimal dagegen spielen können.
Spielt dein Gegner nun optimal gegen deine Handrange, so wirst du langfristig Verlust einfahren, da dein Gegner keine Fehler mehr machen wird. Durch das Einstreuen von Semibluffs mit Draws erreichst du eine Art Polarisation deiner Handrange und erlangst einen gewissen Überraschungseffekt, der sehr wichtig sein kann.
Das einfachste Beispiel, anhand dessen man die Wichtigkeit der Balance in der eigenen Handrange erkennen kann, ist die Handrange, mit der du vor dem Flop bei 100 BB Stacks 4-bettest.
Auf den unteren Limits wirst du die Gegner sehr einfach auf QQ+, AK setzen können und dementsprechend auch gegen diese Handrange mit deiner Hand aufgrund von Pot Odds und Equity vs. diese Handrange immer die korrekte Entscheidung treffen können.
Beginnt nun jedoch ein Spieler durch 4-Bet-Bluffs mit suited Connectors oder anderen schwachen Händen, die er auf eine 5-Bet folden wird, seine Handrange zu balancen, polarisiert er seine Handrange und ein nahezu optimales Spiel gegen die gegnerischen 4-Bets wird nicht mehr so einfach durchzuführen sein.
Durch Semibluffs gelingt es dir besonders postflop deine Handrange oftmals so weit zu vergrößern, dass dein Gegner dazu gezwungen ist, deine legitimen Valueraises öfter auszuzahlen oder zu oft auf deine Bets zu folden. Du erlangst daher nicht nur einen direkten Value bei einem Semibluff, sondern beeinflusst den Gewinn deiner sehr starken Hände.
Neben dem offensichtlich direkten Gewinn an Value kann das Ziel eines Semibluffs auch das Ausnutzen des Gameflows und des Metagames sein. Bist du an deinem Tisch für ein sehr solides und tightes Image bekannt, so werden dir deine Gegner sehr oft Respekt auf deine Bets und Raises geben. Du erzeugst daher oftmals eine ausreichende Foldequity, um Semibluffs profitabel durchführen zu können.
Neben dem Ausnutzen deines bestehenden Images kannst du aber auch einen bzw. mehrere Semibluffs in kurzen Zeitabständen durchführen, um ein bestimmtes Image am Tisch zu erzeugen, welches du später wiederum durch eine andere Spielweise ausnutzen kannst.
Das sind noch nicht alle möglichen Gründe für einen Semibluff auf Basis des Metagames am Tisch. Gerade bei sehr guten Profispielern wirst du erkennen, dass es noch einen weiteren Aspekt gibt, bei dem ein Semibluff eine wichtige Rolle spielt.
Dies ist das direkte Ausnutzen des Gameflows, wobei hier nicht nur das Tableimage und die bereits genannten Aspekte gemeint sind. Hier geht es darum, alle bekannten Informationen zu vereinen und eine Spielsituation am Tisch so offen und neutral wie nur möglich zu betrachten.
- Tiltet ein Gegner?
- Wie sind die letzten Hände ausgespielt worden?
- Wie verhält sich die Spielgeschwindigkeit am Tisch?
- Hat sich ein neuer Spieler an den Tisch gesetzt?
- Hat ein Spieler angedeutet, dass er bald den Tisch verlassen möchte?
- Hat ein Spieler zur Zeit ein Momentum?
- Welches Gefühl hast du in der Magengegend?
Es mag sich etwas abstrakt anhören, jedoch wirst du durch immer größer werdende Erfahrung am Pokertisch Situationen fühlen, in denen dein Gegner weak erscheint bzw. in denen du einfach merkst, dass du profitabel einen Semibluff, teilweise auch auf mehrere Straßen verteilt, durchführen kannst.
Diesen Gameflow erkennen und ausnutzen zu können, ist ein ebenso wichtiges Ziel, wie die schon genannten. Ein Semibluff wird dabei sehr oft die beste Waffe sein, um dieses Ziel zu erreichen und es wird dich später von einem durchschnittlichen Spieler unterscheiden, denn du bist offen für diese speziellen Situationen.
Auf was musst du bei einem Semibluff achten?
Um einen Semibluff in einen profitablen Spielzug zu verwandeln, müssen die Grundvoraussetzungen eines Semibluffs erfüllt sein und du solltest dir über deine Ziele im Klaren sein. Ohne Ziel und Plan wirst du nie verstehen, warum du wie spielst. Sind dir diese jedoch bekannt, so gibt es nun mehrere Faktoren auf die du achten musst, deine Foldequity, SPR, die Playability deiner Hand und schon gesammelte Reads.
Die Foldequity gibt dir die prozentuale Chance an, zu welcher dein Gegner seine Hand folden wird. Für einen Semibluff ist diese sehr wichtig, da sie in direktem Zusammenhang zum Gewinn des Pots ohne Showdown steht. Je größer die Foldequity ist, welche du durch einen Semibluff erzeugen kannst, desto profitabler wird dieser.
Die erzeugte Foldequity wirst du niemals konkret bestimmen können, jedoch gibt es einige Umgebungsvariablen, in denen deine Foldequity steigen oder fallen wird.
Du wirst hier eher dazu tendieren, mehr Foldequity durch einen Semibluff zu erzeugen, da dein Gegner nun die größeren potenziellen Verluste berechnen muss, welche er eventuell nach einem Call noch einfahren wird. Die Angst des Gegners trotz eines Calls nicht den Showdown sehen zu können, steigt und wird ihn dazu bewegen öfter direkt auf den Semibluff zu folden.
Die erzeugte Foldequity auf verschiedenen Boardtexturen hängt sehr stark vom Gegner ab.
Gegen den einen Gegner wirst du auf einem drawheavy Board mehr Foldequity erzeugen, wohingegen andere Gegner eher lighter broke gehen werden, da sie dich nun vermehrt auf einem Draw setzen, gegen den sie auch noch mit ihrer schwachen made Hand vorne sind.
Ähnlich verhält es sich auch auf einem trockenen Board. Einige Spieler werden hier sehr viel folden, da du durch eine aggressive Spielweise nur eine made Hand anzeigen kannst. Andere Spieler werden sich jedoch im Klaren sein, dass du nicht sehr viele Hände haben wirst, mit denen du auf einem trockenem Board so aggressiv spielen kannst. Demzufolge werden diese Spieler dich teilweise rebluffen oder weiter bluffen lassen und ihre made Hand in einen Bluffcatcher verwandeln.
Ein wie immer wichtiger Aspekt ist deine relative Position. Spielst du in Position, wirst du oft eine größere Foldequity erzeugen können, da dein Gegner nicht immer mit einer mittelschwachen Hand einen großen Pot out of Position spielen möchte und demzufolge direkt auf eine Bet bzw. ein Raise folden wird.
Führst du beispielsweise am Flop durch ein Checkraise out of Position einen Semibluff durch, so solltest du dir schon zuvor im Klaren sein, auf welchen Turnkarten du deine Aggression fortführen wirst oder nicht. Dein Gegner wird dich nämlich mit einer guten made Hand sehr oft callen, um dann weitere Bluffbets callen zu können. Demzufolge solltest du gewährleisten, dass du eine gute Frequenz wählst, mit der du deine Aggression fortführst, um nicht zu oft in den Gegner hineinzubluffen bzw. zu oft am Turn check/fold zu spielen.
Abhängig von deinem Reststack im Vergleich zur Potsize wirst du eine unterschiedlich hohe Equity benötigen, um dich mit einem Semibluff zur Hand zu commiten. Je nachdem ob du dich dazu entscheidest, diese Hand als All-In Semibluff zu spielen und auf jeden Fall damit broke zu gehen, ist dies ein sehr wichtiger Aspekt.
Eines solltest du jedoch immer bedenken: Spielst du einen Semibluff, so wirst du in der Regel gegen die gegnerische Handrange eine Equity < 50% haben. Dies bedeutet für dich, je größer dein Reststack im Vergleich zur Potsize ist, desto mehr Verlust wirst du machen, wenn dich dein Gegner callt.
Abhängig von der erzeugten Foldequity wirst du jedoch dennoch einen +EV-Semibluff spielen können. Du musst nur bedenken, dass du bei einer hohen SPR eine größere Foldequity und wenn möglich eine ebenfalls höhere Equity vs. die gegnerische Handrange haben solltest.
Je nachdem wie sich die Boardtextur und die Qualität deiner Hand verhält, desto größere oder kleinere Probleme wirst du bekommen, sofern dein Gegner deinen Semibluff callt. Die Transparenz deiner Hand sollte daher nicht gegeben sein, da du ansonsten oftmals implied Odds einbüßen wirst.
Ein Beispiel wäre eine "raise Flop, check behind Turn, raise River"-Line mit einem Flushdraw am Flop und einem Hit am River. Diese Line ist sehr transparent und hat daher mit Einbußen von implied Odds zu kämpfen.
Ähnlich verhält es sich auch mit der allgemeinen Boardtextur. Je mehr Karten auf der nächsten Straße erscheinen können, die deine Hand nahezu unspielbar machen, desto eher ist ein direkter Semibluff zu empfehlen, da du beispielsweise nach einem Call zu oft auf einer der schlechten Karten deine Hand, welche jedoch durchaus noch eine akzeptable Equity haben kann, folden musst.
Je nachdem wie gut du deinen Gegner einschätzen kannst, umso besser werden deine Semibluffs funktionieren. Versuche daher immer, deinem Gegner entsprechend zu handeln. Ein Semibluff gegen eine Callingstation oder einen Maniac, der zu oft reblufft, ist weitaus nicht so profitabel wie gegen weak-tighte Spieler.
Die mathematische Betrachtung eines Semibluffs
Um das Verständnis für einen korrekten Semibluff zu festigen, ist es sehr hilfreich, die mathematischen Grundlagen zur Analyse eines solchen Spielzuges und seines Erwartungswerts zu verstehen und anwenden zu können.
Sie zeigt besonders deutlich, welche Faktoren für den reinen EV von Bedeutung sind und wo der Unterschied zum pure Bluff liegt.
Da es sich bei einem Semibluff um einen aggressiven Spielzug handelt, findet hier eine wahrscheinlich für dich schon bekannte Formel zur Berechnung des EV ihre Anwendung.
EV(Semibluff) = Foldequity * dead Money + (1- Foldequity) * [Equity * (dead Money + Betsize) - (1- Equity) * Betsize]
Diese Formel berechnet den EV der Bet bzw. des Raises auf eine Straße begrenzt. Dies bedeutet, dass du diese Formel für einen All-In-Semibluff ohne Bedenken einsetzen kannst. Spielst du jedoch einen Non-All-In-Semibluff, so gibt es dazu noch ein paar Feinheiten, welche du beachten musst.
Denn die weitere Playability wie auch die mögliche Veränderung der Boardtextur lassen sich nur sehr schwer mathematisch verarbeiten. Anhand dieser Formel erkennst du jedoch schon die wichtigsten Faktoren, die einen Semibluff beeinflussen:
- Die Foldequity
- Das dead Money -> Die Potsize
- Deine Equity gegen die gegnerische Callinghandrange
- Deine gewählte Betsize für deinen Semibluff
Führst du beispielsweise am River mit der wahrscheinlich schlechteren Hand einen puren Bluff durch, so erkennst du auch sofort die Veränderungen in der oberen Formel, da deine Equity gegen die gegnerische Callinghandrange nun 0 ist.
EV(Purebluff) = Foldequity * dead Money + (1- Foldequity) * [0 * (dead Money + Betsize) - (1- 0) * Betsize]
EV(Purebluff) = Foldequity * dead Money - (1- Foldequity) * Betsize
Bei einem puren Bluff ist die erzeugte Foldequity allein für deinen erzeugten Gewinn verantwortlich. Demzufolge musst du in diesem Fall um einiges mehr auf das Verhältnis der erzeugten Foldequity und den entstehenden Kosten achten.
- Foldequity : f
- dead Money: d
- Equity vs. gegnerische Callinghandrange: E
- Betsize: b
Auf was solltest du mehr bei einem Semibluff achten? Willst du lieber den Gegner öfter folden sehen oder willst du versuchen, deine Equity gegen die gegnerische Callinghandrange zu maximieren?
Der Schlüssel um eines dieser beiden Ziele zu erreichen, ist das Verhältnis zwischen Betsize und dead Money.
Es gilt daher: Je größer Betsize/dead Money ist, desto mehr Foldequity erzeugst du und desto kleiner wird deine Equity gegen die gegnerische Callinghandrange.
Willst du also deine Equity gegen die gegnerische Callinghandrange maximieren, so musst du auf eine Bet bzw. ein Raise verzichten. Dies würde jedoch nicht mehr einem Semibluff entsprechen, da du bei diesem einen aggressiven Spielzug durchführst.
Ebenso wichtig bei der Beantwortung der Leitfrage sind die möglichen Werte, die E und f annehmen können. Da es sich hier um einen Semibluff handelt, wird deine Equity immer unter 0,5 sein, da du ansonsten keinen Spot für einen Semibluff hast, da du wahrscheinlich die beste Hand halten würdest.
Die Foldequity kann bei einem Semibluff jedoch jeden Wert zwischen 0 und 1 annehmen, da durchaus die Möglichkeit bestehen kann, dass du bei einem Semibluff sowohl die gesamte Handrange des Gegners zum Folden bekommen kannst, wie auch keine einzige gegnerische Hand.
Daher gilt:
- 0 < E < 0,5
- 0 < f < 1
Spielt man nun an der Ausgangsformel etwas herum so wird man erkennen, dass es einfacherer ist, einen Sprung in der erzeugten Foldequity durch eine höhere Betsize zu erreichen, als die eigene Equity zu beeinflussen. Denn bedenke, oftmals ist die Handstärke des Gegners nicht so wichtig, da du meist eine ähnliche Equity gegen eine schwache made Hand wie gegen eine starke made Hand mit einer guten drawing Hand hältst.
Um also die Leitfrage zu beantworten, gilt zusammenfassend: Versuche bei einem Semibluff lieber durch eine höhere Betsize deine Foldequity zu erhöhen, denn durch die tightere Callinghandrange wird sich deine Equity meist nicht so stark verringern, um diesen Effekt wieder auszugleichen.
Behalte jedoch im Hinterkopf, dass dies eine rein auf Mathematik basierende Aussage ist und keinerlei Rücksicht auf deine Ziele und die möglichen Faktoren nimmt, die du mit deinem Semibluff verfolgst bzw. beachten musst.
Mathematisch lässt sich daher auch leicht folgender Satz beweisen, der bei der Erläuterung zur Foldequity gefallen ist:
EV(Semibluff) = f * d + (1-f) * [E *(d+b) - (1-E) * b]
EV(f) = (d-Ed-2Eb+b) * f + (Ep+2Eb+b)
Diese lineare Gleichung stellt grafisch eine Gerade mit der Steigung m=( d-Ed-2Eb+b), dem Y-Achsenabschnitt c=( Ep+2Eb+b) sowie der Variablen f dar. Nun gilt es zu versuchen, den oberen Satz anhand dieses Ansatzpunktes zu widerlegen. Gelingt dies nicht, kann man daraus schließen, dass der Satz korrekt ist.
Zu widerlegen ist: EV(f+x) >EV(f) wobei x > 0 ist
Dies kann nur widerlegt werden, wenn die Steigung der Geraden negative Werte annehmen kann. Daher muss d-Ed-2Eb+b < 0 sein
Umgeformt erhält man folgende Ungleichung:
d -E(d+2b)+b < 0
d+b < E(d+2b)
Für diese Variablen gilt:
d > 0, b > 0, 0 < E < 0.5
Nun setzt man einfach die Extremwerte für E ein und versucht daran zu erkennen, ob die Bedingung für bestimmte Werte für d und b zutreffen kann.
E = 0
d+b < 0
Für d > 0 und b > 0 kann dieser Sachverhalt niemals eintreffen.
E = 0.5
d+b < 0.5(d+2b)
d+b < 0.5d +b
0.5d < 0
Dies kann ebenfalls niemals eintreffen für d > 0.
Da die Steigung der Geraden niemals negativ sein kann, muss der obere Satz daher korrekt sein.
Beispielhände
Hero $200
BU $112
1$/2$ No-Limit Hold'em (6 handed)
Preflop: Hero is Big Blind with K
3 folds, BU raises to $7, SB folds, Hero calls.
Flop: (15$) 9


Hero checks, BU bets $12, Hero raises to $193 (All-In)
In dieser Hand spielst du oop und hältst am Flop einen Flushdraw, zwei Overcards + Backdoor-Straighdraw. Mit dieser Hand wirst du selbst bei einem Overpair des Gegners im Schnitt eine Equity von ungefähr 46% halten.
Im Grunde hast du nichts dagegen, wenn dein Gegner auf deinen Check am Flop behindcheckt und dich somit umsonst drawen lässt und dir die Möglichkeit gibt, auch ohne Hit durch das reine Ergreifen der Initiative den Pot zu gewinnen.
Sollte er seine gewohnte Continuationbet setzen, so kannst du hier sehr gut als Semibluff checkraisen. Die Frage, die sich dir nun stellt, ist, welche Betsize du wählen solltest. Du erkennst, dass dein Gegner nur mit etwas mehr als 55 BB die Hand begonnen hat. Sobald du also ein aussagekräftiges Raise auf seine Continuationbet ansetzt, wirst du dich zur Hand committen und den Rest am Turn ebenfalls hineinschieben müssen, da dein Draw zu stark ist, um ihn dort noch zu folden.
Viele Spieler werden daher dazu tendieren, hier am Flop direkt All-In zu pushen, da die eigene Equity mit einer drawing Hand an dieser Stelle maximiert ist. Außerdem wirst du hier mit einem Push sehr oft eine sehr hohe Foldequity erzeugen können. Und wie schon zuvor beschrieben, kannst du bei einem Semibluff niemals zu wenig davon haben.
Je nachdem wie du deinen Gegner einschätzt, kann dieser All-In-Push besser oder schlechter sein.
Bedenke jedoch, dass du niemals ein Set hier direkt All-In stellen würdest und somit deine Hand sehr transparent spielst. Ebenso solltest du dir im Klaren sein, dass am Turn nur sehr wenige schlechte Karten kommen können, bei denen du nicht weiterhin deinen Draw hineinstellen möchtest. Du solltest daher kein so großes Problem damit haben, normal zu raisen, um so deine Handrange zu balancen und nicht zu transparent zu spielen.
Ebenso stellt sich natürlich die Frage, inwiefern du deine Foldequity auch wirklich mit einem direkten Push maximieren kannst, da ein guter Gegner sehr wohl dazu tendieren wird, dich auf deine exakte Hand zu setzen und dementsprechend auch lighter mit made Hands broke gehen wird.
Neben all diesen Punkten würde noch ein weiteres Argument für ein normales Checkraise sprechen. Raist du normal, gibst du dem Gegner die Chance, einen schlechteren Flushdraw am Flop zu pushen, und somit würdest du deine Equity gegen die gegnerische Handrange etwas verbessern können.
Hier als Standardplay mit diesen Stacksizes zu pushen, ist daher nicht immer der beste Weg einen Semibluff zu spielen.
Achte daher also immer auf die gegnerischen Tendenzen und versuche dir über die Ziele deines Semibluffs bewusst zu sein.
Hero $200
BB $200
1$/2$ No-Limit Hold'em (6 handed)
Preflop: Hero is CO with T

2 folds, Hero raises to $7, 2 folds, BB calls.
Flop: (15$) K


BB checks, Hero bets $12, BB calls.
Turn: (39$) 2
BB checks, Hero bets $25
In dieser Hand entscheidest du dich am Turn für eine 2nd Barrel nachdem deine Standard-Continuationbet am Flop gecallt worden ist. Auf den ersten Blick mag diese Bet am Turn wie ein sehr guter Semibluffspot aussehen. Jedoch ist sie es nicht.
Du hältst zwar einen sehr guten Draw und erzeugst durch eine weitere Bet am Turn Foldequity, so dass dein Gegner auch bessere Hände folden wird. Jedoch hast du es hier normalerweise nicht nötig zu semibluffen.
Durch deine 2nd Barrel nimmst du dir eventuell die Chance, die Riverkarte für einen akzeptablen Preis zu sehen. Denn was machst du, wenn dich dein Gegner plötzlich auf dieser Turnkarte nun checkraist? Du willst nicht einen solch starken Draw folden. Daher ist hier ein Checkbehind am Turn definitiv einer 2nd Barrel als Semibluff vorzuziehen.
Hältst du auf der oberen Boardtextur beispielsweise A

Hero $200
BB $95
1$/2$ No-Limit Hold'em (6 handed)
Preflop: Hero is CO with J

2 folds, Hero raises to $7, 2 folds, BB calls.
Flop: (15$) 9


BB bets $10, Hero raises to $32
In dieser Hand donkt dein Gegner nun unerwartet am Flop in dich hinein. Da du einen OESD und zwei Overcards hältst, ist deine Hand hier zu gut, um direkt gefoldet zu werden. Nun stellt sich dir nur noch die Frage, ob du die gegnerische Donkbet nur callst, da du akzeptable Odds (implied Odds miteinbezogen) auf deinen Draw bekommst oder ob du die Donkbet als Semibluff raist.
Bevor du nun weiterliest, überlege dir zunächst selbst, ob du mit dem oberen Semibluff einverstanden bist oder nicht, und versuche die Argumente für beide Spielweisen abzuwägen.
Bist du nun zum Entschluss gekommen, dass ein Semibluff in diesem Spot eine gute Spielweise ist, so beachte noch einmal den gegnerischen Stack. Der Gegner hat zu Beginn der Hand nur $95 vor sich gehabt. Wie reagierst du nach deinem Semibluff, wenn der Gegner seinen Stack in die Mitte schiebt? Callst du dann?
Du würdest Odds von 1:2,41 bekommen und somit ab einer Equity von 29,3% einen +EV-Call haben. Selbst wenn du mit einem Semibluff genügend Foldequity erzeugen kannst, so dass dein Gegner nicht oft genug am Flop seinen Stack reinstellt, wirst du dennoch als sehr großer Underdog am Flop durch deinen Semibluff broke gehen müssen. Das kann nicht dein Ziel sein.
Callst du hingegen nur die Bet des Gegners, so lässt du dir noch sehr viele Möglichkeiten offen, die Hand weiterhin profitabel zu spielen. Es können sehr viele Scarecards am Turn erscheinen, auf welche du floaten kannst. Ebenso gut kannst du deinen Draw bzw. ein Paar treffen und dann an dieser Stelle komfortabler broke gehen.
Schlussendlich solltest du erkennen, dass ein Semibluff auf diesem Flop mit diesen effektiven Stacksizes nicht immer die beste Wahl sein kann.
Hero $290
SB $250 guter Regular
BU $200 TAGfish
1$/2$ No-Limit Hold'em (6 handed)
Preflop: Hero is Big Blind with A

3 folds, BU raises to $7, SB reraises to $25, Hero reraises to $64
Diese Hand erscheint auf den ersten Blick total spewy, da du hier mit einer zu schlechten Hand eine Cold-4-Bet durchführst, mit welcher du bei einem Fold des SB nicht einmal deinen Big Blind verteidigt hättest.
Hier ist jedoch einer dieser Metagame- und Gameflow-Spots entstanden, welche du mit steigender Erfahrung immer öfter erkennen wirst. Der BU wird hier eine sehr weite Openraisinghandrange haben und sehr oft versuchen, die Blinds zu stehlen. Der Small Blind, welcher ein guter Regular auf diesem Limit ist, weiß das natürlich und hat sich dazu entschlossen, seinen Blind oop aktiv zu verteidigen.
Du als sehr guter Spieler, der immer versucht, sein Spiel zu verbessern, erkennst diese Situation und weißt daher sofort, dass keiner dieser beiden Spieler zwingend eine sehr starke Hand halten muss. Neben dieser Tatsache siehst du, dass du ebenfalls mit dem sehr guten Regular fast 130 BB deep bist.
Daher entscheidest du dich aus folgenden Gründen zu einer Cold-4-Bet gegen diese beiden Spieler:
- Der BU wird sehr oft folden.
- Der SB wird ebenfalls aufgrund der deepen Stacks nur mit einer sehr guten Hand weiterspielen können.
- Du kannst in diesem Spot durch die hohe Foldequity sehr oft einiges an dead Money einsammeln.
- Du willst in diesem Spot deine eigene Handrange balancen und nicht direkt auf QQ+, AK gelesen werden können.
- Da du ein Ass hältst, wirkt hier der Cardremoval-Effekt, was bedeutet, dass es unwahrscheinlicher ist, dass einer deiner Gegner AA oder AK hält.
- Auf eine 5-Bet hast du preflop einen sehr einfachen Fold.
Du siehst also, dass es sehr viele Argumente gibt, die für eine Cold-4-Bet sprechen. Diese Situation ist selbstverständlich kein Standardspielzug, da die oberen Umstände der Gegnerreads und Konstellationen der Stacksizes nicht zu oft vorkommen.
Anhand dieses Beispiels sollte dir jedoch nun bewusst sein, dass du in solch einer Situation nicht schon nach dem BU-Openraise den Autofold-Button angeklickt haben solltest, da dir so eventuell etwas mehr als $30 entgehen könnten, diesich durchaus in deiner Winrate bemerkbar machen werden.
Zusammenfassung
In diesem Artikel hast du nun die weiteren Feinheiten im Spiel mit Semibluffs gelernt. Mache dir daher immer Gedanken über all deine möglichen Optionen und handle nicht zu voreilig, ohne zu wissen was du mit deiner Aktion erreichen möchtest. Zusammenfassend sind daher folgende Punkte wichtig:
- Semibluffs verfolgen immer mindestens ein Ziel.
- Der wichtigste Faktor bei einem Semibluff ist die erzeugte Foldequity.
- Anhand einer mathematischen Betrachtungen kannst du besonders die Profitabilität von All-In-Semibluffs nachanalysieren.
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