Gegnertypen: Shorthanded Stats - Empfehlungen für Small Stakes Hold'em
Einleitung
In diesem Artikel
- Die wichtigsten Stats für Shorthanded
- Empfehlungen für das eigene Spiel
- Stats muss man interpretieren
Tracking-Programme wie PokerTracker oder der PokerStrategy Elephant zeichnen alle wichtigen Werte der Sessions auf. So behält man einerseits den Überblick über seine Gewinne und Verluste und andererseits hat man die nötige Datenbank, um die eigene Spielweise empirisch zu überprüfen. Das ermöglicht einem, Leaks zu finden, indem man seine Werte mit denen anderer winning Player vergleicht. Spiele ich zu loose? Zu tight? Bin ich aggressiv genug? Oder gar überaggressiv?
Dieser Artikel dient als Orientierungshilfe zu den unterschiedlichen Statistiken. Im zweiten Teil wird noch darauf eingegangen, wie man Stats am Pokertisch einfließen lässt, das heißt, welche Rolle die Stats bei der Einschätzung der Gegner spielen.
Zwei Warnungen zu Beginn
Es gibt keine optimalen Stats. Poker ist ein situationsbezogenes Spiel. Nicht jeder ist mit den gleichen Gegnern konfrontiert. Diese variieren von Seite zu Seite, Limit zu Limit oder selbst zu verschiedenen Uhrzeiten. Verschiedene Gegner erfordern verschiedene Strategien, um ihre Schwächen zu exploiten.
Desweiteren spielt nicht jeder gleich gut. Wenn ich weiß, dass ich nicht besonders gut oop und ohne Initiative spiele, ist es für mich vielleicht sinnvoller, meinen Big Blind etwas tighter zu defenden. Wenn ich dagegen sehr gut mit marginalen Situationen zurechtkomme und weiß, wo die Schwächen meines Gegners liegen, kann ich da wesentlich liberaler werden.
Eine wichtige Größe bei empirischen Daten ist immer die Samplesize. Manche Werte wie der eigene VPIP oder PFR liegen in großer Anzahl vor, weil ich sehr oft die Möglichkeit habe, Geld in den Pot zu investieren und diese Chance auch oft wahrnehme. Nach 10k Händen sind diese Werte schon vertrauenswürdig.
Dagegen braucht man bei spezielleren Werten wie zum Beispiel Folded To Riverbet eine größere Anzahl, weil ich wesentlich seltener mit einer Riverbet konfrontiert werde.
Beurteilt man Stats sollte man daher immer die Samplesize im Auge behalten. Manche Werte sind schon relativ schnell aussagekräftig, andere dagegen brauchen lange, um zu konvergieren. Das beste Beispiel dafür ist leider die Winrate. Doch dazu später mehr.
Die eigenen Stats
| VPIP UND PFR |
VPIP ist eine Abkürzung für Voluntary Put Money Into The Pot. Das heißt, es ist eine prozentuale Angabe, wie oft ich bereit bin, preflop freiwillig Geld in den Pot zu investieren. Es zählen alle Calls und Raises. Bekommt man im BB einen free Flop, so zählt das nicht dazu, weil man den Blind nicht freiwillig gezahlt hat.
Der Preflop Raise (PFR) gibt an, wie oft ich preflop erhöht habe. Habe ich nach 100 Händen einen PFR von 20, so habe ich 20 mal geraist bzw., wenn es vor mir schon einen Raise gab, ge3bettet. Wenn ich preflop raise, investiere ich freiwillig Geld in den Pot und daher kann der PFR nie höher als der VPIP sein.
Beispiel: Ein Spieler mit 25/20 Stats investiert auf 100 Hände durchschnittlich 25mal Geld in den Pot und raist insgesamt 20mal. Das heißt, die fünf Male, in denen er nicht raist, wird er limpen, coldcallen oder seinen BB defenden.
Nach den PokerStrategy-Charts sind VPIP 24 und PFR 18 gute Richtwerte. Das gilt allerdings nur, wenn man vor allem 5- oder 6-handed spielt. Spielt man auch ultrashort mit 4 oder weniger Spielern am Tisch, erhält man höhere Werte. Man sollte dann auf 5-/6-handed filtern, um einen besseren Vergleich zu haben. Das gilt auch für fast alle anderen Werte wie VPIP SB, Folded SB/BB, WTS, ... .
VPIP/PFR sind auch von den Gegnern abhängig. An einem Tisch mit sehr loosen und passiven Gegnern werde ich etwas öfter overlimpen können, während ich an einem Tisch mit sehr aggressiven Gegner sehr oft 3-bet or fold spielen muss.
Sinkt der VPIP unter 20, spielt man jedoch zu tight und ein VPIP über 28 ist zu loose. Der PFR sollte dabei in etwa mitwachsen. 22/16 - 26/20 liegt alles noch im Rahmen. Man sollte allerdings Stats von 26/16 oder 22/20 vermeiden, da man dann entweder zu häufig oder zu selten callt.
Nur als grobe Richtlinie seien hier noch die Werte für ultrashort erwähnt. SH-Einsteiger sollten lieber kein ultrashort spielen, da man dort noch öfter in marginale Situationen kommt. Außerdem gibt es "die" optimalen Stats immer weniger, je weniger Gegner am Tisch sitzen, da man immer mehr an die verbleibenden Gegner adaptet.
4-handed: VPIP 35 +-5, PFR 26 +-3
3-handed: VPIP 50 +-8, PFR 38 +-5
| VPIP FROM SB |
Der VPIP SB hängt besonders stark von den Gegnern ab. Sind diese sehr loose und es kommt häufig zu limped Pots, so bekomme ich gute Odds und kann viele Hände completen. Selbst gegen nur einen schlecht spielenden Limper kann man manch marginale Hand completen, vor allem wenn der Big Blind passiv ist. So kann man in sehr loosen Games auf einen VPIP SB von bis zu 40 kommen.
In aggressiven Games bei denen es häufig zu raised Pots kommt, bekommt man viel schlechtere Odds. Da man postflop oop spielen muss, sollte man dann auch nur solche Hände spielen, die stark genug für eine 3-Bet sind. In solchen Games gegen aggressive bzw. decent Gegner ist ein VPIP SB von um die 30 zu erwarten.
In durchschnittlichen Small-Stakes-Spielen liegt der VPIP SB um die 33.
Je nach Blindstruktur ändert sich dieses Verhältnis natürlich. Auf 5/10 mit Blinds von $2 und $5, sollte man etwas tighter werden. Empirische Referenzwerte zu finden, ist nicht ganz einfach, da auf 5/10 die Gegner durchschnittlich auch besser spielen als noch auf 2/4 und daher der VPIP SB schon automatisch sinken wird. Er wird in der Regel ca. 3% niedriger sein als auf den Limits 0.5/1-2/4. Hatte man dort einen VPIP von 33, so wird er auf 5/10 wohl so um die 30 liegen.
Auf 3/6 mit der Struktur $1 und $3, sollte man noch tighter werden. Man completet nicht nur tighter, sondern openraist auch seltener aus dem SB. Der VPIP SB liegt ca. 5-6% unter dem bei normaler Blindstruktur.
| FOLDED SB TO STEAL |
Gegen einen Openraise vom CO oder BU, sollte man seinen SB zu 85% +-5% folden. Wobei ein Wert an die 90 eher zu tight ist. Es kommt aber auch auf die Umstände an. Wenn ich weiß, dass meine Gegner eher tight raisen und nicht viel von Position verstehen, sollte ich im SB etwas tighter defenden, weil ihre Raises häufiger legitim sind.
Während man, wenn ein LAG openraist, durchaus etwas liberaler werden kann. Ist man postflop sehr versiert, kann man den Wert auf 80 drücken. Man sollte aber bedenken, dass es gegen einen LAG mitunter tough ist, postflop oop spielen zu müssen, da dieser seine Position zu nutzen weiß. Ist man in diesen Situationen unsicher, sollte man lieber etwas tighter 3-betten.
Bei der Verteidigung des SB spielt man fast immmer 3-bet or fold. Aufgrund der schlechtmöglichsten Position postflop möchte man sich die Initiative sichern und gleichzeitig den Big Blind aus dem Pot drängen. Wenn wir nur callen, würde der Big Blind Pot Odds von 5:1 bekommen und Position auf uns haben. Er könnte damit viele Hände +EV callen, was uns Value kostet. Bei veränderter Blindstruktur ändert sich auch der Folded SB To Steal.
| FOLDED BB TO STEAL |
Die Big-Blind-Defense hängt von einer Reihe von Faktoren ab. Die wichtigsten sind, wie man die Range des Gegners einschätzt, wie gut der Gegner postflop spielt und wie gut man selbst postflop spielt.
Wenn man postflop nicht sehr geübt ist und marginalen Situationen lieber aus dem Weg gehen will (besonders wenn die Gegner eher tight stealen), ist es ok mit einem Wert von 65% zu starten. Man sollte allerdings versuchen, diesen so schnell wie möglich auf 60 zu drücken. Mit mehr Erfahrung im Blind Battle kann man den Folded BB ruhig auf 55 runterfahren.
Gegen loose Stealer ist ein Folded BB von 50 erstrebenswert. Sehr gute Spieler können den Big Blind tatsächlich sehr liberal defenden. Auf den Mid-Limits, wo der Rake gering und die Gegner sehr aggressiv sind, ist ein Folded BB von 40 und möglicherweise sogar noch niedriger denkbar. Das ist jedoch für unerfahrene Spieler nicht empfehlenswert: 55% ist ein guter Richtwert.
Wenn die Hand multiway wird, weil es zwischen dem Raiser und uns noch einen Coldcaller gibt, wird man natürlich anders defenden. Für Pot Odds von 5:1 kann man viele Multiway-Hände spielen. Jede suited Hand, außer vielleicht suited Trash wie 72s, und viele offsuited Connectors. Hände mit reverse implied Odds und schlechter Playbility wie K6o sollte man eher folden.
Die Differenz zwischen VPIP und PFR kommt hauptsächlich von der BB Defense, da wir sonst kaum limpen, sondern sehr häufig raise or fold spielen. Sollte die Lücke zwischen VPIP und PFR also ungewöhnlich groß oder klein sein, sollte man schauen, ob vielleicht auch der Folded BB To Steal zu groß oder zu klein ist und seine Defending Standards entsprechend anpassen.
| ATTEMPT TO STEAL BLINDS |
Als ein Attempt To Steal zählt jeder Openraise vom CO, BU oder SB. Erfahrungsgemäß ist der ATS ungefähr die BU Range des Stealers. Laut ORC openraist man 37.7% vom BU. Ganz so hoch wird der ATS aber nicht liegen. Nach PokerStrategy Charts wird man einen ATS von um die 35 erhalten. Will man seine Stealing Range etwas lockern, kann man den Wert auch bis zu 40 erhöhen.
Poker ist ein Kampf um die Blinds. Ohne Blinds ergäbe es kaum Sinn, überhaupt zu raisen. Erst durch das dead Money werden auch schlechtere Hände als AA profitabel. Je mehr dead Money es gibt, desto mehr Hände werden profitabel.
Im Gegenzug bedeutet das, dass man bei veränderter Blindstruktur auf 3/6 und 5/10 tighter stealen sollte. Man sollte dann vor allem die marginalen Hände am unteren Ende der Range streichen, vor allem dabei die Troublehands wie K7o oder auch A2o vom Button.
Im CO kann man auf 3/6 auch JTo streichen. Diese Hände sind schon bei normaler Blindstruktur nur marginal profitabel und büßen einiges ein, wenn der Pot multiway wird. Trotzdem sollte der ATS nicht mehr als 3-4% unter dem bei normalen Blindstruktur liegen.
| WENT TO SHOWDOWN |
Marginale Hände haben tendenziell mehr Value, wenn weniger Spieler in der Hand sind. Daher wird man shorthanded einen höheren WTS als Fullring haben. Ein Wert von 33% ist wahrscheinlich das sinnvolle Minimum, 42% ist etwa die obere Grenze, jedoch ist zu beachten, dass man nur in aggressiven Spielen auf über 40% kommt. Ein WTS von 33% ist normalerweise zu niedrig, außer man hat eine bestimmte Gegnerkonstellation wie z.B. sehr predictable Gegner, die nur mit guten Händen aggro sind.
Ein für die Small Stakes empfehlenswerter WTS ist 35-38.
Auf den aggressiveren Mid-Limits ist dann ein WTS von 38+ besser.
| WON $ AT SHOWDOWN |
Für einen WTS von 35-38 ist ein WSD von 51-55 realistisch. Dieser Wert ist vor allem vom WTS abhängig. Bei einem hohen WTS sinkt der WSD und bei einem kleinen steigt er. Wenn ich am River viele tighte Folds mache und auch sonst lieber folde, anstatt runterzucallen, wird mein WSD steigen.
Häufig bekommt man aber gute Odds für einen Calldown. Hat man also einen sehr hohen WSD, foldet man wahrscheinlich zu oft. Man sollte dabei auch den Went To Showdown und den Folded To Riverbet einbeziehen. Umgekehrt ist das natürlich auch der Fall. Wenn mein WSD sehr gering ist, mache ich vielleicht zu viele loose Calls.
Der WSD wird aber auch, ähnlich wie die Winrate, durch die Samplesize beeinflußt. Ein Spieler im Downswing hat fast immer einen eher niedrigen WSD und Spieler im Upswing können teils sehr hohe WSDs generieren. Man sollte sich bei einer kleinen Samplesize (20k Hände) also nicht allzu sehr auf den WSD verlassen.
| AGGRESSION FACTOR |
Die Preflop-Aggression wird hauptsächlich durch den PFR widergespiegelt. Von daher ist der PF AF eher unbrauchbar und sollte abgestellt werden, weil er sonst zur Berechnung der Gesamtaggression mitbenutzt wird. Dazu geht man bei PokerTracker unter "General Info" Tab auf "More Detail..." und deaktiviert das Häkchen bei "Include Pre-flop numbers in Total Aggression Factor calculation".
Da der TAG-Style nicht nur aus tightem, sondern auch aus aggressivem Spiel besteht, bedeutet das, dass unsere AFs eher hoch sind. Die AFs berechnen sich aus (Bets+Raises)/Calls. Da wir eher tight sind, werden wir also selten callen, und da wir aggressiv sind, viel betten/raisen.
Der AF ist am Flop am höchsten und fällt bis zum River ab. Am River z.B. ist der Pot schon sehr groß und wir werden nur sehr selten tight folden und oftmals crying callen.
Auch unsere Bets und Raises fallen etwas sparsamer aus, weil wir nur noch entweder valuebetten oder bluffen. Das Konzept Protection fällt am River weg. Gute AFs Flop/Turn/River sind 2.8/2.3/1.8. Auch etwas höhere AFs wie 3.3/2.6/1.9 sind auf den Small Stakes gut, weil wir häufig auf Flop und Turn gute Folds hinlegen können (=> weniger Calls) und unsere Gegner eher passiv sind, so dass die meiste Zeit wir das Betten/Raisen übernehmen werden.
Auf höheren Limits werden die Gegner aggressiver und es ist oftmals profitabler, die Initiative abzugeben, um Bluffs zu inducen. Dann kann der Flop und Turn AF auch ein bisschen niedriger sein. Es hilft dabei also auch ein Blick auf den WTS. Hat man einen eher hohen WTS, so ist es ok, wenn die AFs ein bisschen geringer sind. Während man bei einem niedrigen WTS eher hohe AFs erwartet. Auf der anderen Seite kann aber auch gerade ein hoher AF einen niedrigen WTS verursachen, denn wenn man aggressiv spielt, wird man mehr Hände ohne Showdown beenden.
Am River sollte man das Valuebetten nicht vergessen. Früher hieß es mal, ein River AF von 2 wäre gut, doch das ist kaum realisierbar. Am River ist man häufig zu crying Calls gezwungen und dadurch sinkt der AF automatisch, selbst wenn man sehr dünn valuebettet.
Ein AF von 1.8 ist sehr gut. Ist der River AF bei nur 1.6, valuebettet man eher zu wenig bzw. läßt sich manch profitable Bluffsituation entgehen. Auf den Small Stakes sind aber oftmals verpasste Valuebets das Problem und nicht etwa verpasste Bluffs.
Der Total Postflop AF sollte in loose-passive Games zwischen 2.3 und 2.8 liegen und in aggressive LAG Games zwischen 2.0 und 2.3.
Die AF-Stats sind trotz allem die, mit denen man besonders vorsichtig sein sollte. Verändere nicht deine Aggression, damit die Stats besser aussehen! Schau lieber in die Beispielhandforen und lerne in welchen Spots Aggression und in welchen Passivität geeignet ist.
| FOLDED TO RIVERBET |
40 und weniger ist gut. Wer weit über die 40 kommt, ausreichende Samplesize vorausgesetzt, foldet wahrscheinlich zu häufig. Die Pots am River sind groß und selbst passive Calling-Stations neigen dazu, am River mal zu bluffdonken. Da sie häufig mit sehr marginalen Händen weit gehen, stehen sie auch überdurchschnittlich oft mit busted Draws am River.
Ein TAG hätte seinen Gutshotdraw oder seine Overcard schon am Turn gefoldet, ein looser Gegner steht damit aber unimproved am River und sieht als letzte Chance auf den Sieg einen Bluff. Da wir gute Pot Odds bekommen und nicht sehr oft einen Bluff catchen müssen, um +EV zu sein, sollte man nicht oft am River folden.
Ein preflop und postflop tighter Stil sorgt schon automatisch dafür, dass wir am River mit überdurchschnittlich guten Händen dastehen. Man kann es sich da nur mit sehr guten Reads erlauben, regelmäßig tight zu folden. Andernfalls muss man die Gegner einfach auszahlen. Außerdem verpassen viele Gegner auf den Small Stakes dünne Valuebets, wodurch ihre Betting-Range auf starke made Hands und Bluffs polarisiert wird und es gar nicht so schwierig ist, einen Bluff zu catchen.
Natürlich kann man es mit dem Callen auch übertreiben und zu viele hoffnungslose Calls machen. Das findet sich dann in einem zu niedrigen Folded To Riverbet, einem zu hohen WTS und einem niedrigen WSD wieder.
| WINRATE |
Seien wir ehrlich, darum geht es doch. Man fragt sich immer wieder: Wie gut bin ich wirklich? Die Ernüchterung vorweg: Die Winrate wird dabei nicht viel helfen.
Warum? Weil man, um einigermaßen genau zu sein, eine sehr große Samplesize braucht. Eine typische Standardabweichung 6max für einen TAG ist 1.7 BB/Hand. Für 300*300 = 90k Hände liegt die Standardabweichung bei 300 * 1.7 BB = 510 BB.
Das heißt eine Samplesize von 90k Händen wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 70% innerhalb von +-510 BB um den Erwartungswert liegen. Zu 30% wird die Winrate sogar außerhalb dieses Intervalls liegen! Und 510 BB auf 90k Händen entsprechen 0.56 BB/100.
Man muss also mindestens 100k Hände spielen, um sich auf 0.5 BB/100 sicher zu sein. Selbst dann kann man sich nicht vollkommen sicher sein. Wenn man 95%ige Sicherheit will, beträgt die Abweichung sogar 1 BB/100. Eine genau Analyse und Erklärung findet sich im Forum: 2 BB/100 oder bin ich ein winning player?
Der Ausweg: Die Winrate hilft also bei der Bestimmung der Spielstärke nur bedingt weiter. Was hilft dann? Den Skill der Gegner mit dem eigenen Können zu vergleichen!
Wenn ich sehe, dass meine Gegner häufig kostspielige Fehler machen, die ich selbst vermeide, werde ich auch +EV spielen. Je schlechtere Gegner ich finde, desto besser. => gute Table-Selection.
Desweiteren ist es wichtig, den eigenen Skill zu verbessern. Damit erweitere ich den Skillgap zur Konkurrenz bzw. erhalte mir diesen Skillvorsprung, wenn die Gegner besser werden (z.B. beim Limitaufstieg). Die besten Methoden zur Verbesserung der Spielstärke und zum Finden von Leaks sind: Handbewertungen, Coachings, Videos, Austausch mit Usern, etc.
Konkrete Werte: Alles was positiv ist, ist gut. Der überwiegende Teil aller Pokerspieler besteht aus Verlierern. Schon als Break-even-Spieler hat man es geschafft, den Rake zu schlagen, der auf den Small Stakes bis zu 3.5 BB/100 ausmachen kann. Eine Winrate > 1 BB/100 ist gut und eine Winrate von > 2 BB/100 ist sehr gut.
Es kommt natürlich extrem auf die Spielstärke der Gegner und den Rake an. In besonders soften Games sind auch Winrates von > 3 BB/100 möglich, allerdings findet man diese (heutzutage) kaum. Ich würde einen Spieler mit einer Winrate von 1.5 BB/100 als starken Spieler einschätzen. Aber wie schon gesagt: Auf die Samplesize achten!
Stats der Gegner
| AUSSAGEKRAFT |
Ein sehr wichtiger Punkt bei der Anwendung von Gegnerstats ist die Aussagekraft. Manchmal hat man von seinen Gegnern nur eine sehr kleine Samplesize von vielleicht 50 Händen und fragt sich, inwieweit man auf bestimmte Werte vertrauen kann. Im Forum gibt es dazu eine Untersuchung: Ab wie vielen Händen werden Stats aussagekräftig?!
Beispiel: Nach 100 Händen weicht der beobachtete VPIP zu 95% um weniger als 10 vom tatsächlichen ab. Also kann man bei jemanden mit VPIP 60 schon sagen, dass er ein großer Fisch (50<70) ist, dagegen könnte ein TAG mit VPIP 25 auch ein Rock (VPIP=15) oder ein semilooser Fisch (VPIP=35) sein.
Warnung: Wer sich gerne so exotische Werte wie "check/raise turn" oder "won SD when raised turn" anzeigen läßt, der sollte bedenken, dass die Samplesize schon beträchtlich sein muss, um aussagekräftige Werte zu erhalten.
Wenn ich zum Beispiel bei mir in PokerTracker schaue, dann habe ich in den letzten 80k Hands nur 1.5k mal den Turn geraist. Die Situation tritt also alle 50 Hände mal auf. Und dann muss es auch noch zu einem Showdown kommen, damit sich der Zähler bei "won SD when raised turn" verändert. Für eine Samplesize von nur 50 bräuchte man schon über 3k Hände!
Tipp: Um schnell auf eine größere Datenbank zu kommen, lohnt ein Blick ins Datenbanktausch-Forum.
| INTERPRETATION |
Jemand raist aus CO und ich möchte wissen, welche Hände ich aus dem BU 3-betten kann. Entscheidend dabei ist die Range des Raisers. Stats geben uns aber keine unmittelbare Aussagen über die Range. Erstens kennen wir nur den PFR, der sich aber aus verschiedenen Positionen und Situationen zusammensetzt: Viele Spieler raisen auf dem BU looser als aus MP2; der eine raist gegen einen Limper tighter als normal, der andere dagegen looser.
Zweitens sagt uns niemand, welche Hände geraist werden. Der PFR sagt nur etwas über die Häufigkeit der Raises aus, aber er gibt keine Auskunft mit welchen Händen der Gegner raist: Der eine Gegner raist vielleicht die Top 20% aus dem Equilator, ein anderer die Top 10% immer und die 10-30% nur in der Hälfte der Fälle.
Eine Calling-Station mit 4 PFR muss nicht zwangsläufig die Top 4% raisen. Oftmals raisen Fische mit niedrigem PFR dann, wenn sie Lust dazu haben, relativ unabhängig vom direkten Holding.
Um von den Stats auf die Range zu schließen, ist immer noch ein Transformationsprozeß nötig, in denen spezielle Annahmen über den Gegner einfließen. Wenn ein Gegner mit einem PFR von 18 und einem ATS von 35 vom BU openraist, ist es zwar sinnvoll anzunehmen, er würde nach ORC-Range spielen, allerdings kann man das nicht wissen.
Es ist lediglich eine Schätzung, in der wir die Stats mit Hilfe von Logik, Erfahrung, History etc. in eine Range transformieren. Und wer im Pokern am besten schätzen kann, gewinnt auch das meiste Geld.
| STATS UND READS |
Wenn ich weiß, was eine bestimmte Aktion meines Gegner bedeutet, dann habe ich einen Read auf ihn. Stats sind ein Teil der Reads, aber noch lange nicht die einzigen. Wenn ich weiß, dass mein Gegner marginale Hände wie Bottom-Pair overplayt, nützt mir das mehr als sein AF. Zu wissen, ob ein Gegner seine Draws am Flop for Freecard cappt, ob ein passiver Fisch mit seinen starken Draws semiblufft, mit welchen Händen der Gegner in uns reindonkt, das alles sind Reads. Solche Informationen kann man nicht durch Stats gewinnen, sondern nur durch Beobachtung der Gegner.
| ZUSAMMENHANG VPIP, AF und WTS |
Die Stats VPIP, AF und WTS sind nicht unabhängig voneinander. Ein Gegner mit einem hohen VPIP hält durchschnittlich schwächere Hände am Flop als ein Gegner mit niedrigem VPIP. Wenn beide Spieler postflop gleich loose bzw. tight und gleich aggressiv bzw. passiv spielen, dann hätte der Spieler mit dem hohen VPIP einen niedrigeren WTS.
Würden zum Beispiel ein 90 VPIP Fisch und ein 10 VPIP Rock am Flop jeweils fit or fold spielen, dann müsste der Fisch einen viel größeren Teil seiner Range check/folden als der Rock. Der Grund, weshalb viele Calling-Stations trotzdem so einen hohen WTS haben, ist, dass sie zum einem auch postflop viel zu loose sind und dass sie zum anderen zu passiv spielen.
=> hat ein Spieler einen hohen VPIP und einen hohen WTS, spielt er postflop extrem loose
Ein hoher AF führt auf einen niedrigen WTS. Erstens gewinnt man durch aggressives Spiel mehr Pötte ohne Showdown und zweitens berechnet sich der AF als (Bets+Raises)/Calls. Wenn ich also nie calle, habe ich einen unendlich hohen AF.
=> hat ein Spieler einen hohen AF und einen hohen WTS, spielt er postflop sehr aggressiv
Erfahrungsgemäßt ist es nun noch so, dass loose Fische mit hohem VPIP preflop und hohem WTS postflop oftmals niedrige AFs haben. Calling-Stations haben so um die 0.6 AF. Trifft man nun auf einen dieser loosen Spieler mit jedoch 1.3 AF, so ist Vorsicht geboten, da er postflop aggressiv ist. Er macht ab und zu Semibluffs und in manchen Spots auch pure Bluffs. Man sollte also VPIP, AF und WTS in Kombination betrachten.
Beispiele: Welcher Spielertyp hat solche Stats?
- (25/18/2.5/37) ....TAG
- (60/04/0.5/48) ....Calling-Station
- (60/04/1.2/45) ....Calling-Station, aggressiv mit Draws und zu Bluffs fähig
- (69/33/2.2/45) ....Maniac
- (35/25/2.4/44) ....LAG
- (35/10/1.1/41) ....semilooser, weak-passiver Spieler
Fazit
Stats sind ein wichtiges Hilfsmittel. Sie ermöglichen zum einen die eigene Spieleinschätzung und zum anderen das bessere Beurteilen der Gegner. Die eigene Wahrnehmung und Beobachtung sind zwar auch wichtig, allerdings sind diese immer subjektiv.
Stats dagegen sind objektiv. Ich kann mir zwar subjektiv einreden, ich würde nur ab und zu mal eine Hand außerhalb des ORC spielen, doch wenn mein VPIP 33 ist, dann kann ich das nicht mehr schönreden.
In diesem Artikel wurden Referenzen empfohlen, mit denen man sein eigenes Spiel vergleichen kann. Doch trotz der Objektivität der Werte, gibt es noch genügend Interpretationsspielraum, da die dynamische Komponente des Pokerns eine Anpassung an die verschiedenen Game-Texturen erfordert. Man sollte daher nicht versuchen seine eigenen Stats nur deshalb zu verändern, damit sie besser aussehen. Vielmehr sollte man nach passenden Spots suchen. Am besten findet man diese, wenn man spezielle Hände bespricht, sei es in Coachings, Handbewertungen, Videos oder Diskussionen.