Aktualisiert am 06 Juli 26 von

Profi Seminar Bonn Handout

PokerStrategy.de Profiseminar Bonn

Referent: Dominik Kofert aka Korn

Thema 1: Die Rolle von Dead Money bei der Isolation eines pre-flop Raisers

Grundlage: Fortgeschrittenen Pre-Flop Strategie

Wenn von Equity gesprochen wird, ist stets die Equity unserer Hand gegen die Range des Gegners gemeint. D.h. unsere Equity ist stets gegnerabhängig.

Ein Beispiel

Ihr kennt alle folgende Situation: Ihr seid am Button, alle folden zum Cutoff, dieser raist. Überlicherweise 3-bettet ihr nun mit Händen, die eine Equity von mindestens 50% gegen die Raise Range des Gegners hat.

Diese Vorgehensweise vernachlässigt aber einen wichtigen Punkt: die Blinds. Denn Aufgrund der Blinds ist ja bereits Geld im Pot. Bei einer 3-bet von euch ist es recht wahrscheinlich, dass beide Blinds folden. Somit wären 0,75 SB "dead money" im Pot - d.h. Geld, dass sich auf euch und auf den Pre-Flop Raiser verteilt.

Ihr könnt also mit euren 3-betting Standards etwas nach unten gehen. D.h. ihr benötigt für eine 3-bet weniger als 50% Equity gegen den Pre-Flop Raiser. Die Frage ist nun wie viel weniger...

Der Ansatz

Hierzu müssen wir zunächst einmal abschätzen, wie viel Geld wir denn im Schnitt in die gesamte Hand investieren. Da wir nämlich pre-flop nicht all-in sind, reicht es nicht, einfach nur die Kosten von 3 SB für die 3-bet in Betracht zu ziehen - die Hand geht ja am Flop, Turn und oft auch am River noch weiter.

Je nach Gegnertyp ist dieser Wert natürlich verschieden. Ein Rock wird häufig gegen eure Flop bet folden und ihr könnt häufig gegen den check-raise eines Rocks direkt am Flop folden. Gegen einen Rock sind die Pötte in der Regel klein. Umgekehrt sind die Pötte gegen einen Maniac in der Regel groß.

Ich denke ein guter Richtwert für unsere Gesamtinvestition in die Hand sind 6 SB. Zusammen mit den 1.5 SB dead money und den 6 SB des Gegners kommen wir so auf einen Pot von 13,5 SB. Wie viel Prozent müssen uns von diesem Pot gehören, damit sich unsere Investition von 6 SB lohnt, wenn wir davon ausgehen, dass beide Blinds pre-flop folden?

Sei D unsere Durchschnittsinvestition in die Hand.
Sei X die benötigte Equity für eine 3-bet
Sei M der Wert des dead money.

Formel zur Equity Berechnung

Dann gilt: X = D / (2D + M)

Für unseren konkreten Fall ergibt sich X ~= 44,5%

Wenn also beide Blinds folden, brauchen wir gegen den Durschnittsgegner nur 45% Equity für eine 3-bet. Was aber, wenn die Blinds nicht folden? Nun, das hängt dann ganz davon ab, wie gut die Blinds spielen. Denn wenn z.B. die BB niemals foldet, so bekommt ihr von ihr zwar kein dead-money, aber jede Menge value wenn sie mit Händen wie T8o eure 3-bet callt. Eine zu loose BB kann euch also in der Regel egal sein. Eine Ausnahme liegt genau dann vor wenn eure Hand zwar heads-up sehr stark ist, aber in 3-way Situation viel value verliert. Dies trifft in aller Regel auf AXo zu - und nicht, wie viele von euch denken, auf pocket pairs.

Gefährlich sind für euch Spieler in der SB und BB die nicht zu loose spielen, sondern genau richtig. Denn diese Spieler werden nur dann ihre Blinds verteidigen, wenn sie eine gute Hand haben. Mathematisch gesehen lassen sie euch dadurch im Schnitt nicht mehr die vollen 1,5 SB dead money, sondern entsprechend weniger. Bei sehr stark spielenden Blinds geht dieser Wert schätzungsweise auf 0,75 SB zurück.

In dem Fall benötigt ihr schon mindestens X ~= 47% damit eine 3-bet korrekt ist.

Wie sieht es aus, wenn der Cutoff Raiser post flop sehr tight ist? Nun, dann müssen wir im Schnitt keine 6 SB in unsere Hand investieren, sondern häufig nur 5 SB. Rechnen wir einmal X gegen einen tighten Gegner aus wenn die Blinds beide schlechte Spieler sind. Wir erhalten: X ~= 4355%

Gehen wir einen Schritt weiter: der Gegner ist post-flop tight und die Blinds sind ganz ganz schreckliche Allescaller. Sie verlieren im Schnitt nicht nur 1,5 SB, sondern gar 2 SB wenn sie in den Blinds sind. Dann haben wir X = 41,5%

Wie sieht es gegen einen total Maniac aus mit zwei starken Blinds aus? Wir sezten D auf 8, M auf 0,75 und erhalten: X = 48%

Fazit: Je nach Gegnertyp und Stärke der Blinds benötigen wir nur zwischen 42% und 48% Equity um einen pre-flop Raiser zu isolieren. Vor allem gegen Maniacs sollte man mindestens 48% Equity haben. Ein guter Standardwert gegen einen typischen Gegner ist eine Equity von 46%.

Thema 2: Small Blind Defense

In Thema 1 haben wir errechnet, wie weit für unter die benötigen 50% Equity gehen können, wenn wir einen pre-flop Raiser isolieren möchten. Wir haben natürlich angenommen, dass wir Raise oder Fold spielen.

Diese Situation ist der Situation in der SB gegen einen einzigen Raiser vor euch sehr ähnlich. Wir können sogar fast dieselbe Formel verwenden.

Sei D unsere Durchschnittsinvestition in die Hand (Blind wird mitgezählt!)
Sei X die benötigte Equity für eine 3-bet
Sei M der Wert des dead money.
Sei S die Höhe der Small Blind (idR S = 0,5)

Dann gilt: X = (D-0,5) / (2D + M)

Gegen einen typischen Gegner investieren wir im Schnitt - nach Abzug der SB - 5,5 SB in die Hand. Wenn wir davon ausgehen, dass die BB foldet, haben wir 1 SB dead money. Daraus ergibt sich X = 42.5% Dies ist im Schnitt 3 Prozentpunkte weniger als in derselben Situation wenn wir am Button waren.

Auch hier verändert sich natürlich der Wert für X, wenn wir annehmen, dass die BB stärker spielt. Gegen einen Maniac brauchen wir dabei mehr Equity als gegen einen Rock.

Fazit: Gegen einen Open Raise 3-betten wir in der Regel mit allen Händen, die eine Equity von 43% oder mehr gegen die Range des Raisers haben. Je nach Gegnertyp und Stärke der BB kann diese Grenze bis auf 40% runter- oder auf 46% hochgehen. Gegen einen Maniac benötigen wir mehr Equity als gegen einen Rock

Thema 3: Big Blind Defense

Nehmen wir nun an, der Button raist, die SB foldet und ihr seid in der BB. Jede Hand mit mehr als 50% Equity 3-betten wir natürlich. Haben wir aber weniger als 50% Equity dann stellt sich dann die Frage, ob wir callen oder folden. Auch hier können wir eine Modifikation der oben benutzen Formel verwenden:

Sei D unsere Durchschnittsinvestition in die Hand in SB (Blind wird mitgezählt!)
Sei X die benötigte Equity für eine 3-bet
Sei M der Wert des dead money, d.h. die Höhe der small bind.

Es gilt:

X = (D - 1) / (2D +M)

Nun ist natürlich D kleiner als im obigen Fall, denn im obigen Fall haben wir ja eine 3-bet gemacht, in diesem Fall überlegen wir nur, ob wir callen. Am Flop spielen wir grob in 60% der Fälle check/folded, in 40% der Fälle check-raise Flop, bet Turn. Ich schätze unsere Durchschnittsinvestition gegen einen typischen Gegner daher auf 4 SB.

Daraus ergibt sich X = 35%

Da der Pot am Flop klein ist und wir zum Gegner checken, ist es für uns nicht so wichtig, ob der Gegner nun ein Rock oder ein Maniac ist. Denn wir haben am Flop den Informationsvorteil - wir können uns sehr genau und an den Gegner angepasst aussuchen, ob wir check-raisen oder check/folden.

Fazit: Um unseren Big Blind gegen einen Raiser zu defenden benötigen wir eine Equity von mindestens 35%.

Thema 4: Auffrischung SB vs BB pre-flop

In der SB vs BB spielen wir gegen einen aggressiven Gegner Raise oder Fold. Die Raise Hände ergeben sich aus dem ORC. Ein limp bringt nichts, da uns dieser Gegner dann meistens sowie raist. Ein limp-reraise bringt meistens nichts, da wir uns damit die Chance auf einen pre-flop Cap verwehren.

Gegen einen passiven Spieler haben spielen wir folgendermaßen: Wir raisen nur die Hände, die gegen eine random Hand eine Equity über 50% haben. Alle anderen Hände limpen wir. Raist uns der Gegner nach so einem Limp, folden wir all die Hände, die gegen seine Raise Range weniger als 35% Equity haben. D.h. wir spielen durchaus auch limp/fold mit sehr schwachen Händen. Checkt der Gegner hinter uns, dann betten wir jeden Flop - egal wie schwach unsere Hand ist. Ausnahmen machen wir gelegentlich mit Starken Händen.

Thema 5: Der heads-up Turn Value Check in Position

Ihr habt position und die Initiative am Turn. Der Gegner checkt.

Die Frage ist nun ob ihr bettet oder "check behind Turn, call River" spielt. Diese Fragestellung ist äußerst komplex.

Gründe für check-behind

1. Ihr vermeidet einen toughen check-raise. Ein check-raise ist dann tough, wenn ihr nicht genau sagen könnt, ob ein Calldown oder ein Fold korrekt ist. Toughe check-raises kommen üblicherweise von aggressive-tricky Spielern. Logischerweise kann ein check-raise auch nur dann tough sein, wenn eure Hand weder besonders stark (easy call) noch besonders schwach ist (easy fold). Mathematisch gesehen reduziert ein tougher check-raise euren EV auf nahezu 0!

2. Ihr induziert einen Bluff am River von einer schlechteren Hand, die gegen eine Turn Bet gefoldet hätte.

3. Ihr induziert einen weak River Call von einer Hand, die gegen eine Turn Bet gefoldet hätte.

Gründe für Bet

1. Eine bessere Hand könnte folden. Dies ist natürlich sehr viel wert.

2. Eine schlechtere Hand könnte callen, sowohl am Turn als auch am River. Dies ist natürlich vor allem mit solchen Händen interessant, die stark genug für eine River value bet sind.

3. Ihr gebt einer schlechteren Hand, die gegen eine Turn bet foldet, keine free Card. Wichtig: Je größer der Pot, desto gefährlicher ist es, dem Gegner eine free Card zu geben.

4. Ihr bringt eine Hand zum folden, die eigentlich genug Outs für einen Call hätte. Sehr häufig ist dies der Fall, wenn das Board am Turn 3 Karten desselben Suits hat. Der Gegner foldet hier häufig eine kleine Karte dieses Suits.

Faustregeln

Aus oben genannten Faktoren lassen sich ein paar grobe Faustregeln ableiten.

1) Ein Turn check behind kommt nur in Frage, wenn die Chance, dass man hinten liegt relativ groß ist, man aber dennoch unimproved guten Gewissens eine River Bet callen kann.

2) Ein Turn check behind kommt nicht in Frage, wenn die Chance besteht, dass der Gegner am Turn eine bessere Hand foldet.

3) Ein Turn check behind kommt meistens nicht in Frage, wenn man falls der Gegner am Turn callt, am River erneut for value betten kann. D.h. ein Turn check behind kommt nicht in Frage, wenn ihr glaubt, dass ein Gegner häufig mit einer schlechteren made Hand einen Calldown macht.

4) Je größer der Pot ist, desto weniger kommt eine Turn check behind in Frage. Denn je größer der Pot, desto höher sind die Kosten, wenn ihr dem Gegner mit einer Hand die er eigentlich gefoldet hätte eine free Card gebt.

5) Der größte Vorteil von einem Turn check-behind ist dass Vermeiden von toughen check-raises. Wenn die Chance, dass der Gegner check-raist groß ist und zudem ein check-raise uns vor eine sehr schwierige Entscheidung stellen würde, sollten wir einen check-behind in Erwägung ziehen.

Gegnertypen

Anhand der o.g. Grundregeln lässt sich folgendes ableiten:
Gegen einen tricky, agressive Gegner sollte man häufiger check-behind spielen. Gegen einen loose, passive Gegner sollte man fast nie check-behind spielen.

Check-behind ja oder nein - eine Checkliste

Die angegebenen Punkte sind nur Richtwerte. D.h. je nach Situation und Gegner kann ein Faktor auch mehr oder weniger Punkte wert sein als angegeben. Zudem werden natürlich auch immer der Gegnertyp und das Board zur Beantwortung der kommenden Fragen berücksichtigt.

1) Besteht die Chance, dass der Gegner am Turn eine bessere Hand foldet? +3 Punkte

2) Wenn der Gegner euch am Turn check-raist bzw. den River donkbettet, habt ihr dann einen leichten Calldown oder einen leichten Fold? +2 Punkte

3) Wenn der Gegner eure Turn bet callt und River checkt, könnt ihr dann value betten? +2 Punkte

4) Check-raist der Gegner häufig? Falls ja, wenn der Gegner euch am Turn check-raist, oder aber den River donkbettet, habt ihr dann eine toughe Entscheidung, da der Gegner auch gerne blufft? -2 Punkte

5) Wenn ihr am Turn check behind macht, ist die Chance groß, dass der Gegner unimproved mit einer schlechteren Hand in euch reinblufft? -1 Punkt
Ergebnis:
0 oder mehr Punkte: BET
Weniger als 0 Punkte: CHECK

Thema 6: Heads-up am Flop in Position: Call Flop, Raise Turn oder Raise Flop?

Um diese Frage möglichst elegant zu beantworten, möchte ich folgende Vereinfachung vornehmen. Wir unterscheiden zwei Fälle:

1) Wir haben eine unschlagbare Hand. Wir möchten möglichst viel Value erhalten.

2) Wir haben eine sichere losing Hand. Wir möchten uns für möglichst wenig Geld möglichst viel Folding Value erspielen. D.h. mir möchten das Verhältnis Fold Value/Kosten optimieren. Es ist uns nicht erlaubt, vor dem River zu folden.

Fall 1) ist unserer Vereinfachung für eine made hand, Fall 2) simuliert eine Drawing Hand mit der wir semi-bluffen möchten. Natürlich gehen wir bei Fall 2) davon aus, dass wir nicht gegen einen totalen Maniac oder eine extreme Calling Station spielen - denn in dem Fall sollte wir es mit dem semi-bluff komplett sein lassen.

Fall 1: Spielen einer made hand

Wir nehmen wie gesagt an, dass unsere Hand unschlagbar ist und versuchen, das Maximum an Value herauszuholen.

Generell sollte man mit made hands call Flop, raise Turn spielen. In den allermeisten Fällen erhält man so vom Gegner mindestens 3 SB extra, und falls er Calldown macht sogar 7 SB.
Im Vergleich dazu erhalten wir bei Raise Flop, bet Turn nur mindestens 1 SB und wenn der Gegner Calldown macht 5 SB.

Wenn der Gegner sehr aggressiv ist oder aber das Board wahrscheinlich viel Action bringt, sollte man bereits den Flop raisen. Ein sehr aggressiver Gegner spielt nun häufig eine 3-bet am Flop. Diese 3-bet callen wir und raisen dann den Turn. So erhalten wir falls der Gegner einen Calldown macht 2 SB mehr als bei call Flop, raise Turn.
Selbst wenn der aggressive Gegner unseren Flop Raise nur callt, so wird er uns am Turn oft check-raisen und wir haben dann die Möglichkeit zur 3-bet. So erhalten wir falls der Gegner einen Calldown macht 3 SB mehr als bei call Flop, raise Turn.

Fall 2: Spielen einer drawing hand

Grundlage: Attacking the weak Spots Artikel aus der Profi-Sektion

Wir gehen davon aus, dass wir immer hinten liegen und versuchen, den Gegner zum möglichst kosteneffizient zum folden zu bringen.

Wir haben zunächst einmal die Wahl zwischen Raise Flop, bet Turn und call Flop, Raise Turn.

Wir haben in Fall 1 gesehen, dass gegen einen loose-aggressive Gegner die Chance groß ist, dass er selten gegen einen Flop Raise foldet sondern sogar häufig eine 3-bet gefolgt von einer Turn bet spielt. Selbst wenn er nicht 3-bettet, wird am am Turn oft check-raisen.

Spielen wir allerdings call Flop, Raise Turn, so wird selbst ein loose-aggressive Gegner häufig folden und nur sehr selten den Turn 3-betten. D.h. mit call Flop, raise Turn ist gegen einen LAG die bessere semi-bluff Variante.

Gegen einen tighten Gegner ist es wichtig darauf zu achten, wie draw heavy das Board ist.
Wenn das Board draw heavy ist, so passieren zwei Dinge: 1. hat der Gegner häufig einige Outs und 2. setzt euch der Gegner häufig auf einen Draw. Diese beiden Faktoren machen es unwahrscheinlich, dass ein Flop Raise effektiv ist. In diesem Fall solltet ihr also auch call Flop, raise Turn spielen.
Wenn das Board aber nur wenige oder gar keine Draws zulässt (z.b. K 5 2 rainbow), so hat ein direkter Flop Raise gegen einen tighten Gegner eine sehr hohe Erfolgchance. Ihr habt also eine sehr Chance, durch eine Investition von nur 2 SB den Pot zu gewinnen. In diesem Fall solltet ihr also direkt den Flop raisen.
Es geht sogar noch einen Schritt weiter: gegen einen sehr tighten Gegner reicht es bei so einem Board oft sogar aus, den Flop nur zu callen. Er wird am Turn dann häufig check/fold spielen. Wenn dieser Gegner zudem am Turn in so einer Situation so gut wie nie check-raist, dann habt ihr quasi einen effektiven "Bluff" für eine Investition von nur 1 SB.