Einführung in das Heads-up-Spiel
Einleitung
In diesem Artikel
- Die Unterschiede zu 6max
- Die Ranges
- Leveln für Fortgeschrittene
Nicht wenige Pokerspieler halten Fixed Limit Heads-up für die Königsdisziplin im Poker.
Nirgendwo gibt es weitere Ranges, loosere Calldowns und häufigere Bluffs.
Viele glauben FL HU bedeutet mehr oder weniger randomisiertes Geklicke auf „Raise“ und „Call“, tatsächlich ist es aber ein sehr komplexes und interessantes Spiel, in dem es nicht hauptsächlich ums Bluffen oder Rebluffen geht. Es ist normales Poker und unterscheidet sich vom Ringgames nicht grundlegend. Trotzdem gibt es viele Eigenarten, an die du dich anpassen musst.
Der Unterschied zu Ringgames
FL HU ist ein sehr dynamisches Spiel und um einen Vorteil über den Gegner zu haben, musst du in der Lage sein, seine Schwächen zu erkennen und gezielt auszunutzen. Das fällt vielen Heads-up-Einsteigern schwer, weil sie an Multitabling, Charts und Standardlines gewöhnt sind.
Im Full Ring oder Shorthanded kann man auf den niedrigeren Limits gute Gewinne einfahren, wenn man darauf achtet, sich mit den richtigen Starthänden den Flop anzugucken, und postflop solides Poker spielt. Da man oft mehrere Tische spielt, benutzt man seine Stats als Reads, ohne genau darauf zu achten, welche Lines die Gegner mit welchen Händen in welchen Situationen spielen.
Stats sind im Heads-up nicht wichtig, völlige Aufmerksamkeit hingegen schon. Es ist elementar, sich die Spielweisen des Gegners zu merken und zu analysieren, um sich daran anzupassen.
Wenn du gegen schlechte Gegner spielst, reicht es sicherlich, seinen normalen TAG–ABC-Style zu spielen, um zu gewinnen, weil diese Gegner nicht in der Lage sind, daraus einen Vorteil zu ziehen. Spielst du gegen bessere Gegner, wirst du allerdings Probleme bekommen, wenn du nicht in der Lage bist, ausreichend zu adaptieren.
In diesem Artikel lernst du die generellen Konzepte, die für erfolgreiches Heads-up-Spiel unerlässlich sind.
Worauf musst du preflop achten?
Preflop bist du immer im SB oder BB, du kannst also viel mehr Hände spielen als im Ringgame. Während du im 6max-Game einen VP$IP von ca. 25% spielst, kannst du im reinen Heads-up profitabel mit einem VP$IP von 60-100% spielen. Weniger als 60% wäre sogar schon als Leak anzusehen. Wie viel Prozent deiner Hände du jeweils genau spielen solltest, hängt von folgenden Faktoren ab
Üblich bei den meisten Limits sind 1/2-Strukturen. Der Big Blind ist doppelt so groß wie der Small Blind. Je nach Seite und Limit finden sich aber andere Strukturen: 1/3 (3/6$ Party Poker) 2/3 (15/30$ PartyPoker) oder 2/5 (5/10$ PartyPoker).
Je kleiner der Small Blind im Verhältnis zum Big Blind ist, desto tighter solltest du openraisen. Das liegt daran, dass du mehr Geld investierst. Du brauchst also im Schnitt mehr Equity bzw. mehr Foldequity, um profitabel zu raisen.
Wenn du im Big Blind bist, brauchst du bei einer 1/3- oder 2/5-SB-Struktur auf den ersten Blick keine bessere Hand, da dein Investment für einen Blick auf den Flop gleich ist. Da aber der Small Blind aus eben dem genannten Grund oftmals tighter raist als normal, muss deine Hand wiederum mehr Equity haben, damit du profitabel defenden oder 3-betten kannst. In einer solchen Blindstruktur senken sich dein VPIP und PFR also in der Regel als SB und BB.
Umgekehrt verhält es sich, wenn der Small Blind verhältnismäßig groß ist. Du kannst looser openraisen und auch looser defenden, sofern sich dein Gegner auch anpasst und mehr openraist. Diese Anpassungen spielen aber nur eine Rolle, wenn der Gegner sich ebenfalls anpasst. Spielt der Gegner hingegen bei einer 1/3-SB-Struktur genau wie bei einer ½-SB-Struktur, so defendest du deinen Big Blind wie bei der ½-Struktur, passt aber deine Openraiserange aus dem SB an und hast damit schon eine kleine Edge.
Je nach Pokerseite oder Casino hast du im Heads-up den Button als Small Blind (z.B. PokerStars, Full Tilt Poker) oder als Big Blind. Das hat Auswirkungen auf dein Spiel.
Obwohl im Fixed Limit Position nicht ganz so entscheidend wie bei z.B. Pot Limit Omaha oder No-Limit Hold´em ist, hat der Spieler IP postflop auch bei Fixed Limit einen deutlichen Vorteil. Das sollte Auswirkungen auf deine Bereitschaft haben, in die Hand einzusteigen. Du kannst also looser openraisen bzw. defenden, wenn du postflop in Position bist.
Spielst du also auf Pokerstars (SB = BU) an einem Heads-up-Tisch, kannst du loose openraisen (bis zu 100%, je nach Blind-Struktur und Gegner), solltest aber etwas tighter defenden. Wenn sich aber dein Gegner auch an die Tatsache anpasst und somit mehr aus dem SB openraist, musst du wiederum deine Defending-Standards anpassen und mehr im BB callen.
Ist der BB gleichzeitig der BU, solltest du etwas tighter openraisen, dafür aber mehr Hände defenden. Es gilt jedoch wieder, dass du bei entsprechender Adaption des Gegners wiederum etwas weniger Hände defenden kannst.
Deine Openraising- und Defending-Standards sollten sich hauptsächlich an deinen Gegner anpassen. Dabei ist wichtig, wie er preflop und postflop spielt.
Deine Openraising-Range sollte sich daran ausrichten, wie oft der Gegner preflop seinen Blind foldet. Nicht wenige Spieler defenden 100% in einem Heads-up-Match. Das sollte für dich ein Grund sein, etwas tighter zu raisen, da du keinerlei unmittelbare Foldequity hast. Absolute Trashhands kannst du gegen solch einen Gegner also auch mucken, wenn du postflop Position hättest.
Wenn er hingegen öfter foldet, solltest du mehr raisen. Gegen einen Gegner, der preflop häufig seinen Big Blind foldet, (z.B. 25% auf ein Raise), kannst du profitabel 100% openraisen, weil du schon sehr viel Value dadurch bekommst, den Blind regelmäßig zu gewinnen.
Wie viele Hände du defendest, muss ebenfalls am Gegner ausgerichtet werden. Je mehr Hände er raist, mit desto mehr Händen hast du die nötige Equity für einen Call.
Weiterhin musst du für deine Preflopentscheidungen einbeziehen, wie der Gegner postflop spielt. Wenn er viel auf Continuationbets foldet, ist das ein Grund, deutlich looser (bis any2) zu raisen. Wenn der Gegner z.B. nie am Flop foldet, außerdem aggressiv und showdownbound spielt, solltest du deine Hände zum Raisen etwas sorgfältiger auswählen.
Anpassen solltest du auch die Defending-Range. Wenn sich dir auf vielen Flops profitable Bluffmöglichkeiten ergeben, weil der Gegner zu weak ist, kannst du sehr viel defenden, bis zu 100%, wenn er entsprechend loose eröffnet. Weil du viele Pötte unimproved gewinnen kannst, ist deine tatsächliche Handstärke unter diesen Voraussetzungen nicht entscheidend.
Bei gutem Niveau der Spieler stellt sich preflop oft folgendes Gleichgewicht ein:
- SB = Button: SB raises 70%-80%, BB calls 90%-100%
- BB = Button: SB raises 60%-70%, BB calls 80%-90%
80% bedeutet, dass der Spieler die Top-80% der Starthände spielt. Das Ranking der Hände kannst du dem Equilator entnehmen, wenn du 80% bei der Handrange einstellst. Hier können leichte Verschiebungen auftreten, da das Ranking sich an der EQ und nicht an der Playability festmacht. So kann es sein, dass ein Spieler eine Hand wie T2o aus Top-80% foldet, aber eine Hand wie 54o callt, die nicht innerhalb der Top-80% ist.
Auch wenn es auf den ersten Blick paradox klingen mag, defendest du im BB OOP in der Regel mehr als IP. Dies liegt schlichtweg daran, dass der SB mit dem Button in der Tasche wesentlich looser raist. Solltest du feststellen, dass der SB mit dem Button mehr als 20% seiner Hände openfoldet, musst du wiederum deinen BB etwas tighter defenden (80%-90%), da du im Schnitt bei einem Raise gegen eine stärkere Range antrittst.
Ist der Button beim BB, ist es ein Fehler, aus dem SB zu loose zu raisen. Manche Spieler neigen im Blindwar dazu, OOP 100% aus dem SB zu raisen. Das ist spieltheoretisch ein Leak, da du in diesem Fall mit der gleichwertigen Range (100%) defenden kannst und den Positionsvorteil im Rücken hast.
Worauf musst du postflop achten?
Durch die loosen Preflop Raising- und Defending-Standards der meisten Gegner stehst du am Flop, auch nach einer Continuationbet, meist gegen eine sehr weite Range von bis zu 100% aller möglichen Hände. Das ist einer der elementaren Unterschiede zu Ringgames und erfordert gerade von SH-Umsteigern eine Menge Anpassung.
Ein typischer Fehler von Heads-up-Anfängern ist, dass sie zu viel folden, weil sie ihre Equity unterschätzen. Der Value von marginalen Händen wird deutlich größer, und mit A- oder K-high liegt man oft weit vorne gegen die gegnerische Range.
UTG: TAG (UTG Range = ORC)
Preflop: Hero is BB with Q
UTG raises, 4 folds, Hero calls.
Flop:(4 SB) K

Hero checks, UTG bets, Heros Equity: 19%
Gegen einen UTG-Raiser in einer normalen 6-max-Partie liegst du am Flop fast hoffnungslos hinten. Du bist am Flop nur JTs und evt. QTs vorn, gegen etliche andere Holdings bereits fast drawing dead. Deine Equity liegt nur bei 19%.
Daher solltest du in der Regel check/folden. Weil du fast nie vorne liegst, hast du aber Foldequity gegen bessere Hände, jedes A-high kann direkt am Flop folden, spätestens aber am Turn. Ein Checkraise ist hier also auch spielbar.
UTG: TAG (HU-Opening-Range: 85%)
Preflop: Hero is BB with Q
SB raises, Hero calls.
Flop:(4 SB) K

Hero checks, SB bets, Heros Equity: 48% !
Im Heads-up sind die Verhältnisse vollkommen anders. Dein Q high ist auf dem Board sehr oft die beste Hand. Du bist nur knapper Underdog.
Während im Ringgame ein Check/Fold die klar beste Möglichkeit war, ist diese Spielweise hier indiskutabel. Du musst den Flop und mindestens noch den Turn callen, da sich die Range des Gegners nach einer zweiten Contibet nicht wesentlich verringert.
Ein Checkraise als Bluff ist hier ebenfalls wenig Erfolg versprechend, da der Gegner aufgrund deiner weiten Range selten bessere Hände folden wird. Außerdem zeigst du im Heads-up mit einem Checkraise deutlich weniger Stärke als gegen einen UTG-Raiser, der meistens eine starke Hand hat. Oft hat der Gegner eben auch keine bessere Hand und zusätzlich machst dich angreifbar für Rebluffs.
Ein genereller Unterschied ist also, dass du viel looser callen musst, weil der Gegner viel seltener eine gute Hand hat und du damit auch ohne Paar und ohne Ace oft eine passable Equity hast, die du weiterspielen musst. Das bezieht sich auf Highcard-Hände und auch auf kleine Pairs auf ungünstigen Boards mit vielen Highcards.
Natürlich musst du dich dem Gegner anpassen. Viele Heads-up-Gegner auf niedrigeren Limits spielen selbst sehr tight und straightforward, so dass du dementsprechend mehr folden musst.
Die Annahme, dass man im Heads-up ständig bluffen und rebluffen sollte, ist falsch. Trotzdem wird man gegen die meisten Gegner viel Value verlieren, wenn man den pure Bluff nicht als festen Bestanteil des eigenen Spiels etabliert. Der Grund dafür ist einfach. Der Gegner hat oft auch nichts getroffen.
Durch die sehr weite Range hat er notwendigerweise oft völlig verfehlt und wird dementsprechend auf Gegenwehr oft aufgeben. Weil deine Range ebenfalls sehr groß ist, kannst du auch auf vielen Boards eine Hand repräsentieren.
Solltest du nur starke Hände raisen, wird der Gegner dir keinerlei Value geben, wenn du mal eine Hand getroffen hast. Wenn du deine Valueplays also nicht in einer guten Frequenz mit ausreichend Bluffs/Semibluffs/Free-SD-Raises ausbalancierst, machst du es guten Gegnern einfach, optimal gegen dich zu spielen.
Preflop: Hero is BB with 6
SB raises, Hero calls.
Flop:(4 SB) K

Hero checks, SB bets, Hero raises
Angenommen du kannst beim Gegner alle Hände die Q-high und schlechter sind und kein Pair und keinen Draw haben, direkt zum Folden bringen (Q9s+,Q7s-Q5s,Q3s-Q2s,J9s+,J7s-J5s,J3s-J2s,T9s,T7s-T5s,T3s-T2s,97s-95s,93s-92s,85s+,83s-82s,73s-72s,63s-62s,53s-52s,32s,QTo-Q9o,Q7o-Q5o,Q3o-Q2o,J9o+,J7o-J5o,J3o-J2o,T9o,T7o-T5o,T3o,97o-95o).
Das entspricht hier 36% seiner Range. Damit ist ein Bluff unmittelbar profitabel, da du 2 Bets investierst, um 7 zu gewinnen (28,5%). Vgl. Artikel Pure Bluff.
Wie man sieht ist es gegen tighte Gegner auf sehr vielen Boards unmittelbar profitabel zu bluffen, selbst wenn man Metagame- und Balancing-Aspekte außer acht lässt. Wenn der Gegner auch Hände wie QJ und Backdoordraws auf ein Raise noch callt und manchmal reblufft (das ist realistisch), sollte man nicht ganz so viel bluffen.
Bluffs haben nicht nur ihren unmittelbaren Value, die Foldequity. Sie ermöglichen dir auch, für deine made Hands deutlich mehr Value zu bekommen, weil der Gegner dir weniger glauben kann. Diesen Vorteil musst du natürlich mit dünnen Valuebets ausnutzen.
Du solltest also, je nach Gegner natürlich, auch Valuebets machen, die du in einer normalen Ringgame-Konfrontation nicht machen könntest. Je nach Situation können sich A high und K high dafür durchaus eignen, mit Pairs kannst du sehr oft valuebetten.
Preflop: Hero is BB with 4
SB raises, Hero calls.
Flop:(4 SB) T

Hero checks, SB bets, Hero raises, SB calls.
Turn:(4.75 BB) 2
Hero bets, BU calls.
River:(6.75 BB) K
Hero valuebets
Auf diesem Board könnte der Gegner zwar 33-77 halten und nur passiv downcallen, viel öfter hat er aber A high. Das wird er auch auf diesem River noch callen, weil die Draws nicht angekommen sind. Das funktioniert eben besonders gut, wenn du in einer vorherigen Hand den River in einer vergleichbaren Situation mit Air gebarrelt hast.
Der Umkehrschluss ist gegen die meisten Gegner auch zulässig. Die Gegner werden im Schnitt mehr bluffen und dünner valuebetten, so dass du loose downcallen solltest.
Das betrifft einerseits den Fall, wenn du geraist wirst (da ist es sehr gegner- und situationsabhängig) und auch die Situation, in der du gegen eine Contibet mit Q high, K high oder Ace high einen equitybasierten Calldown spielst. Wie bereits gesagt, hast du oft mit Highcardhänden aufgrund der großen Range deiner Gegner ausreichend Equity, um den Flop zu callen. Ob du den Turn auch noch callen kannst, hängt von der Karte und von der 2nd-Barrel-Frequenz des Gegners ab. Generelle Regeln zum Spiel am Turn nach Equity kannst du im Platinartikel Turnplay OOP ohne Initiative mit Showdownvalue nachlesen. Du musst dann natürlich für Berechnungen die Range deines Gegners entsprechend anpassen.
Auf niedrigeren Limits mit hoher Spielerfluktuation und vielen schwachen Gegnern ist Balancing nicht sonderlich wichtig. Die Gegner achten entweder unzureichend darauf, welche Lines du mit welchen Händen spielst, oder sie sind nicht in der Lage daraus einen Vorteil zu ziehen.
Im Heads-up ist das ganz anders. Im 1on1 ist es elementar, seine Lines zu balancen, weil du in kurzer Zeit gegen einen Gegner viele Hände spielst. Du darfst deinem Gegner keine Angriffsfläche bieten, dich zu exploiten. Generelle Informationen zum Thema Balancing und Adaption findest du im Artikel Heads-up am Flop: Einleitung in der Platinsektion.
Ein wichtiges Mittel zum Balancen wurde bereits genannt: der Bluff. Immer wenn du eine bestimmte Line in einer bestimmten Situation nur mit einer Sorte von Händen spielst (z.B. Bluffs, A high, Toppair, made Hands), kann der Gegner das ausnutzen, indem er beispielsweise Rebluffs oder toughe Folds macht. Auch wenn einer bestimmten Spielweise in einer bestimmten Situation immer eine bestimmte andere Spielweise folgt, bietet dies Angriffsfläche. Beispiel: Auf drawheavy Boards spielst du made Hands immer Call Flop, Raise Turn, Draws immer Raise for Freecard.
Wenn der Gegner gut genug ist, dies zu erkennen und sich anzupassen, wird er in Zukunft den Flop immer 3-betten, mit made Hands for Protection und mit Air und Draws als Bluff. Er weiß ja, dass du immer auf einen Draw sitzt und du deine Hand unimproved spätestens am River folden wirst. Weiterhin wird er auch Turnraises toughe Folds mit A high und kleinen Pairs machen, was dir den Payoff deine guten Hände verwehrt.
Wie bereits erläutert, musst du versuchen, dein Spiel unangreifbar zu machen und deine Lines ausbalancieren, indem du dieselbe Line mit unterschiedlichen Handkategorien spielst. Genauso wichtig ist es allerdings herauszufinden, wo dein Gegner Schwächen hat.
Daran musst du dich anpassen und dein Spiel dynamisch umstellen. Zunächst musst du versuchen, aus den Informationen zu extrahieren, welche Fehler er generell macht.
Es gibt eine Menge allgemeine Tendenzen und Schwächen, die ein Gegner aufweisen kann und die du versuchen solltest auszunutzen.
Besonders gegen solide Gegner (viele TAGs zum Beispiel), wirst du allerdings mit diesem Ansatz nicht sehr weit kommen, weil gute Gegner keine solchen generellen Fehler machen werden. Dann musst du sehr genau das Spiel des Gegners analysieren, um herauszufinden, welche Lines er unzureichend balanct. Dort sind deine Ansatzpunkte für exploitive Plays, also Spielweisen, die gezielt eine Schwachstelle im Spiel des Gegners angreifen.
Du weichst also bewusst von einer 'Standardspielweise' ab, um deinen EV zu maximieren. Beobachtungen im Spiel des Gegners und daran ausgerichtete Exploitive Plays können folgendermaßen aussehen.
- Beobachtung: Dein Gegner feuert immer blind eine 2nd Continuationbet am Turn.
- Anpassung: Spiel deine made Hands (und Draws) Call Flop, Raise Turn!
Preflop: Hero is BB with T
SB raises, Hero calls.
Flop:(4 SB) 2

SB bets, Hero calls.
Turn:(3 BB) 3
SB bets, Hero raises
Preflop: Hero is BB with K
SB raises, Hero calls.
Flop:(4 SB) 6

Hero checks, SB bets, Hero calls.
Turn:(3 BB) 4
Hero checks, SB bets, Hero raises
- Beobachtung: Dein Gegner check/foldet oft den Turn mit Initiative.
- Anpassung: Bluffcalle den Flop und bette, wenn er am Turn zu dir checkt!
Preflop: Hero is BB with 9
SB raises, Hero calls.
Flop:(4 SB) 6

SB bets, Hero calls.
Turn:(3 BB) 4
SB checks, Hero bets
- Beobachtung: Dein Gegner check/callt oft den Turn mit Initiative und SD-Value.
- Anpassung: Calle loose am Flop und checke mit Händen, die wahrscheinlich hinten liegen, am Turn behind (‚Call for Freecard’) und raise made Hands (und Bluffs) schon am Flop!
Preflop: Hero is BB with 7
SB raises, Hero calls.
Flop:(4 SB) 2

SB bets, Hero calls.
Turn:(3 BB) 4
SB checks, Hero checks
Preflop: Hero is BB with Q
SB raises, Hero calls.
Flop:(4 SB) 6

SB bets, Hero raises
- Beobachtung: Der Gegner spielt schwache Hände und Draws am Flop stark und raist starke Hände erst am Turn.
- Anpassung: Reraise am Flop auch mit mittelstarken Händen und finde toughe Folds am Turn.
Preflop: Hero is BB with K
SB raises, Hero calls.
Flop:(4 SB) 8

Hero checks, SB bets, Hero raises, SB 3-bets, Hero caps, SB calls.
Turn:(6 BB) 3
Hero bets, SB calls.
Turn:(8 BB) 7
Hero bets, SB calls.
Preflop: Hero is SB with 9
Hero raises, BB calls.
Flop:(4 SB) 8

Hero bets, BB raises, Hero 3-bets, BB calls.
Turn:(5 BB) 3
Hero bets, BB calls.
Turn:(7 BB) 7
Hero bets, BB calls.
Preflop: Hero is BB with 6
SB raises, Hero calls.
Flop:(4 SB) 7

Hero checks, SB bets, Hero raises, SB calls.
Turn:(4 BB) 2
Hero bets, SB raises, Hero folds.
- Beobachtung: Gegner foldet oft preflop.
- Anpassung: Openraise any2!
- Beobachtung: Gegner foldet postflop schnell und reblufft nicht.
- Anpassung: Attackiere so viele Spots wie möglich!
...
Es gibt eine Vielzahl möglicher Leaks deines Gegners, die du exploiten kannst. Überleg dir, welche weiteren Schwachstellen zu finden sein könnten, und mach dir einen Plan, wie du daraus Nutzen ziehen kannst!
Wenn du anfängst solche Tendenzen auszunutzen, kann es natürlich sein, dass der Gegner sich daran anpasst und entsprechende Counter-Lines spielt. Dann musst du natürlich wieder deine Spielweisen umstellen. Man befindet sich in einem Fließgleichgewicht.
Die Dynamik ist im FL HU permanent. Es kommen ständig neue Informationen dazu und das vermeintliche Wissen über den Gegner und die Images beider Spieler ändern sich ständig. Gegen gute Gegner ähnelt das Spiel Schnick-Schnack-Schnuck (Rock- Paper-Scissor, RPS abgekürzt) auf hohem Niveau.
Du musst genau überlegen, was dein Gegner denkt, was du denkst, was er denkt und das ändert sich mit jeder Hand, die gespielt wurde. Wenn er einen Schritt weiter denkt, verlierst du. Wenn du zwei Schritte weiter denkst, verlierst du auch. Du musst versuchen, deinem Gegner immer genau einem Schritt voraus zu sein.
Die RPS-Analogie ist sehr treffend (viele gute FL HU-Spieler sind übrigens gute RPS-Spieler). Ein Beispiel:
Erste Runde im RPS: Du nimmst Papier, Gegner nimmt Stein. Was überlegst du dir vor der zweiten Runde? Je nachdem, was man dem Gegner zutraut bzw. was für eine History man hat, muss man sich überlegen, auf was für einem Level der Gegner denkt.
Denkt er, du würdest glauben, er nehme zweimal dasselbe und du würdest dementsprechend Papier nehmen, und du nimmst deshalb Schere? Oder denkt er, du würdest denken, er würde nicht vermuten, dass du zweimal dasselbe nimmst, und tust es deshalb doch und nimmst noch einmal Papier?
Generell ist es beim RPS-Spiel sehr einfach, die optimale und damit nicht exploitbare Strategie zu spielen. Du müsstest einfach nur per Zufallsgenerator bestimmen, was du nimmst. In diesem Fall wäre dein EV gegen jeden Gegner 0. Du kannst mit dieser Strategie niemals +EV spielen, aber auch niemals –EV.
Im Poker ist die Sache komplizierter. Die optimale Strategie ist viel schwerer zu finden, da im Gegensatz zu RPS nicht jede Aktion denselben EV hat. Außerdem möchtest du ja auch versuchen, deinen Gegner gezielt zu exploiten und nicht mit einem EV von +-0 spielen.
Darum musst du dich im Poker den RPS-ähnlichen Denkprozessen stellen und kannst deine Lines nicht einfach durch den Zufall bestimmen lassen. Ein Item (Schere, Stein oder Papier) entspricht einer bestimmten Line mit einer bestimmten Hand in einer bestimmten öfter wiederkehrenden Situation.
Erste Hand im HU: Du spielst Call Flop, Raise Turn mit einer starken made Hand. Gegner callt down mit A high. Mit welcher Hand raist du jetzt in der nächsten vergleichbaren Situation den Turn, mit einem Bluff oder noch einmal mit einer starken made Hand? Das hängt davon ab, was du glaubst auf welchem Level dein Gegner denkt.
0ter Level: Der Gegner denkt gar nicht und interessiert sich nicht für dich und ist ausschließlich mit dem Board und seinen Karten beschäftigt.
1st Level wäre der Gegner, der dir nicht zutraut, deine Lines zu balancen. Er denkt, du spielst deine starken made Hands immer Call Flop, Raise Turn. Das nächste Mal solltest du also als Bluff raisen.
2nd Level: Der Gegner denkt einen Schritt weiter und ‚traut dir zu’, jetzt dieselbe Line als Bluff zu spielen, da du zuvor eine made Hand so gespielt hast. Deshalb solltest du wieder mit einer made Hand raisen.
3rd Level: Der Gegner denkt noch einen Schritt weiter und glaubt, du würdest absichtlich zweimal dieselbe Hand gleich spielen, weil du ihm wiederum zutraust, über den ersten Level hinaus zu denken. Dann müsstest du doch als Bluff raisen.
4th Level wäre: Der Gegner denkt, das du denkst, das er denkt, das du denkst … . Dann solltest du als nächste Hand eine made Hand raisen.
Die richtige Entscheidung kannst du nur treffen, wenn du den Level richtig einschätzt, auf dem der Gegner denkt. Dann musst du genau einen Schritt weiter denken und du wirst gewinnen. Was sich kompliziert anhört, ist in der Praxis noch komplizierter, weil sich Spielsituationen nie genau wiederholen und du immer eine große Menge von Informationen in die Entscheidung einbeziehen musst.
Solche Gedanken sind gerade gegen schlechte Gegner völlig irrelevant, weil sie genug mit ihren eigenen Karten und dem Board beschäftigt sind.
Wenn man FL HU aber auf hohen Limits spielt und besonders wenn man oft gegen denselben Gegner spielt, wird das Spiel umso komplexer, weil die Informationen mit der History zunehmen. Annahmen darüber zu machen, was der Gegner darüber denkt, was man selbst denkt, und das gezielt zu exploiten, wird dann elementar.
Wenn diese Metagame-Aspekte stark ins Spiel kommen, kann man auch nicht mehr jede Hand isoliert betrachten und z.B. punktgenau nachanalysieren, ohne die History und den Gameflow mit einzubeziehen.
Oft spielt auch das Image, was man mit einer bestimmten Spielweise generiert, eine große Rolle. Eine einzelne Entscheidung kann isoliert betrachtet –EV sein. Durch die dem Gegner gegebene Fehlinformation und dem Extra-Value, den man in zukünftigen Händen dadurch extrahieren kann, kann es aber insgesamt +EV sein.
Das heißt nicht, dass man die erste Hand mit Trash durchcappen sollte, um ein Maniac-Image zu generieren. Man sollte sich aber jederzeit darüber klar werden, was für ein Bild man durch bestimmte Spielweisen vermittelt und sich in zukünftigen Händen daran anpassen.
Im reinen Heads-up ist der Rake auf Limits unter 5$/10$ beachtlich. Du kannst nur profitabel spielen, wenn du eine deutliche Edge gegen deinen Gegner hast. Dieser Tatsache musst du dir immer bewusst sein. Darum solltest du nicht zu viel Zeit damit verbringen, nach Schwachpunkten bei deinem Gegner zu suchen. Solltest du nach ca. 50-100 Händen noch kein Leak bei deinem Gegner gefunden haben, ist es keine persönliche Schande, den Gegner zu quitten.
Selbst wenn du eine theoretischen Edge von 0,5BB/100 hättest, würde es bei 2 BB/100 Rake 2 Verlierer geben: deinen Gegner und dich. Lediglich das Casino wird sich an eurem Rake erfreuen, wenn nach einer langen Session beide Kontrahenten down sind.
Sei weiterhin vorsichtig, wenn der Gegner Spielweisen an den Tag legt, die dir auf den ersten Blick merkwürdig erscheinen. Was du zunächst nicht verstehst, muss nicht automatisch schlecht sein. Wenn du keine Ahnung hast, wie du seltsame Plays exploiten kannst, könnte es sogar sein, dass du gerade exploitet wirst. Du solltest nach einiger Zeit immer eine Idee haben, was du besser machst als dein Gegner. Wenn dir keine Schwächen bei ihm auffallen, dann such dir besser ein anderes Opfer.
Fazit
Reines Heads-up ist ein kompliziertes Spiel, das viel Anpassungsfähigkeit erfordert. Preflop musst du dir über die Blindstruktur und die Vergabe des Buttons im Klaren sein, um eine gute Strategie zu wählen. Diese kannst du aber nicht starr spielen, sondern musst sich unter Umständen dem Gegner anpassen, wenn du den maximalen EV aus deinen Händen holen möchtest.
Postflop musst du dir ein Bild von deinem Gegner machen und seine Schwächen herausfinden. Hast du diese entdeckt, musst du gezielt mit den richtigen Spielweisen dagegen vorgehen und ihn exploiten. Du solltest immer einen Plan haben, was du besser machst als dein Gegner und wie du daraus Profit schlagen kannst.
In diesem Artikel hast du die Grundlagen kennen gelernt, wie du einen Gegner readen kannst und wie dies dein Spiel beeinflussen kann. Solltest du keine Angriffsfläche bei deinem Gegner erkennen, musst du auch in der Lage sein, zu quitten, da es keinen Sinn ergibt, nur gegen den Rake anzutreten.
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