Konzepte: Semibluffs - Theorie und Praxis
Einleitung
In diesem Artikel
- Der mathematische Hintergrund von Semibluffs
- Die praktische Anwendung von Semibluffs
- Wann es sich lohnt, auch noch den River zu betten
Ein Semibluff hat genau wie ein purer Bluff das Ziel, den oder die Gegner dazu zu animieren, bessere Hände folden zu lassen. Im Gegensatz zum puren Bluff hält man bei einem Semibluff aber eine Hand, die mittleres bis sehr gutes Potenzial hat, sich noch zur besten Hand zu verbessern.
Mit einem Semibluff versuchst du, deine Gewinnchance zu maximieren, indem du die sowieso vorhandene Chance, die beste Hand zu bekommen, mit der Foldequity deiner Gegner kombinierst. Und deshalb ist es eben nur so etwas wie ein "halber" Bluff, weil hinter der großen Klappe eben doch was dahinter stecken könnte.
In diesem Artikel werden dir die mathematischen Grundlagen von Semibluffs erklärt und anhand von Beispielen erläutert, unter welchen Voraussetzungen du Semibluff am Pokertisch einsetzen kannst und solltest.
Ein Beispiel
Preflop: Hero ist MP2 mit A

4 folden, Hero raist, 4 folden, BB callt
Flop: (4,5 SB) T


BB bettet, Hero callt
Turn: (3,25 BB) J
BB bettet, Hero raist …
Du hast hier einen Monsterdraw: 9 Outs auf den Flush, 3 weitere für die Könige (alle außer Pik) plus 2 Overcards, denen man auch noch 3 Outs geben kann - was eine Summe von 15 Outs macht. Du hast also sehr gutes Potenzial, am River die beste Hand zu machen, hältst aber am Turn meist nicht die beste Hand.
Dennoch entscheidest du dich aber für ein Raise am Turn, weil du den Gegner bessere Hände folden lassen willst. Aber wie oft muss denn der Gegner nun eine bessere Hand folden, damit so ein Semibluff profitabel ist? Woher weißt du, ob ein Raise wirklich besser als ein Call ist oder nicht? Wie kannst du abschätzen, ob der Gegner genügend bessere Hände folden könnte oder nicht. Diese und viele weitere Fragen rund um das Thema Semibluff werden dir im folgenden Kapitel ausführlich erläutert.
Die Mathematik von Semibluffs
Die Mathematik von Semibluffs ist kompliziert. Klassische EV-Berechnungen sind schwer anzuwenden. Wir widmen uns hier im Wesentlichen der Beantwortung folgender Fragen:
Ist Raise Turn besser als Call? Welche Foldequity ist nötig, damit Raise besser als Call ist?
Dafür betrachten wir die Erwartungswerte von Call und Raise zunächst einzeln und vergleichen sie dann, um auf eine allgemeine Formel zu kommen. Wie bei allen Formeln klären wir vorher die Begrifflichkeiten:
P = Potgröße zu Beginn der Runde, also ohne die Bet des Gegners – z.B. bei 5BB ist P = 5
V = Betgröße von Villain (Gegner) – setzt er 1 BB, dann ist V = 1
H = Betgröße von Hero (Du) – bei einem Raise bei Fixed Limit entspricht H = 2,
EQ = deine Equity – Üblicherweise zählen wir hier in Outs, diese lassen sich aber einfach umrechnen: 1 Out entspricht ungefähr 2.2% Equity – mit einem simplen Flushdraw am Turn macht das grob EQ = 20% bzw. EQ = 0.2
P(F) = Wahrscheinlichkeit, dass der Gegner eine bessere Hand foldet – callt er alles, dann ist P(F)=0; foldet er immer, dann ist P(F)=1
Poker ist ein sehr komplexes Spiel. Eine exakte Formel, die jede Kleinigkeit berücksichtigt, wäre zu lang und unhandlich. Es würden so viele ungewisse Faktoren und Verzweigungen einfließen, dass man zu keinem brauchbaren Ergebnis käme. Wir müssen also zwangsläufig ein wenig abstrahieren. So werden wir zum Beispiel die Möglichkeit einer 3-Bet von Villain, aber auch implied Odds am River vernachlässigen.
Diese Ungenauigkeiten wiegen sich entweder gegenseitig auf oder sind hoffentlich so klein, dass sie keinen entscheidenden Einfluss auf unser Endergebnis haben. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt: Wir gehen davon aus, dass du eine schlechtere Hand als der Gegner hältst.
Genug mit dem Kleingedruckten, weiter zu den Erwartungswerten! Betrachten wir als erstes den Call. Der Artikel über Odds und Outs bietet hier übrigens eine gute Hilfestellung.
EV(Call) = (P + V + V) * EQ – V
Der Term in der Klammer beschreibt den gesamten Pot am Ende der Setzrunde, nämlich „Pot zu Beginn der Runde“ plus „Bet des Gegners“ plus „unseren Call“, der natürlich der Bet des Gegners entspricht.
Diesen Betrag gewinnen wir mit einer Wahrscheinlichkeit, die EQ entspricht. Logisch, Equity ist ja nichts anderes als unsere Gewinnwahrscheinlichkeit. Jetzt haben wir schon deinen Gewinn, davon müssen wir noch unsere Kosten abziehen. Und die entsprechen immer genau V, deinem Call.
Nach diesem Prinzip – Gewinnbetrag mal Gewinnwahrscheinlichkeit minus Kosten – können wir auch den Erwartungswert eines Raises aufstellen:
EV(Raise) = P(F) * ( P + V ) + ( 1 – P(F) ) * ( ( P + 2 * H ) * EQ – H )
Hier müssen wir eine Fallunterscheidung einbauen, schließlich macht es einen großen Unterschied, ob der Gegner callt oder foldet. Diese zwei Möglichkeiten betrachten wir getrennt und summieren sie dann gewichtet nach Eintrittswahrscheinlichkeit:
Foldet Villain [P(F)], dann kannst du den gesamten Pot [(P+V)] als Gewinn verbuchen. Dein Raise „gewinnst“ du zwar auch, musst es aber als Kosten direkt wieder abziehen. Damit ist der erste Teil schon geschafft.
Callt der Gegner hingegen, dann sind P, V, H (dein Raise) und H-V (der Call des Gegners, bei dem er die Differenz zu begleichen hat) im finalen Pot. Zusammengefasst ergibt das ( P + 2 * H ).
Das gewinnst du nun entsprechend deiner EQ. Die Kosten der Aktion sind unser Raise H. Die Eintrittswahrscheinlichkeit des Calls ist genau das Komplement zum Fold, weil wir eine 3-Bet vorher ausgeschlossen haben. Der Gegner callt immer, wenn er nicht foldet, und foldet immer, wenn er nicht callt. Die Eintrittswahrscheinlichkeit beträgt also 1 - P(F).
Die Ausgangsfrage war, wann ein Raise besser als ein Call ist und wie viel Foldequity du dazu benötigst. Die Antwort erhalten wir, indem wir EV(Raise) > EV(Call) setzen und nach P(F) auflösen. Das ist hauptsächlich Schreibarbeit und ein wenig Schulmathematik:
|
einsetzen | ||
|
ausmultiplizieren | ||
|
- [ ( P + 2 * H ) * EQ – H ] | ||
|
: [ P + V + H – EQ * ( P + 2 * H ) ] | ||
|
Diese Formel ist bislang sehr allgemein gehalten. Da wir uns hier ausschließlich für Fixed Limit interessieren können wir noch konkreter werden und die fixen Bet-Größen einsetzen [ V = 1, H = 2] und erhalten:
Anwendungsbeispiel: Versuchen wir mal unsere Erkenntnisse auf das erste A

Preflop: Hero ist MP2 mit A
4 folden, Hero raist, 4 folden, BB callt
Flop: (4,5 SB) T


BB bettet, Hero callt
Turn: (3,25 BB) J
BB bettet, Hero raist …
P ist 3,25 und unsere Equity wird ungefähr bei 34% liegen. Mit unserer Formel ergibt das einen Mindestwert für P(F) von ( 1 – 2 * 0.34 ) / ( 3,25 + 3 – 0.34 * ( 3,25 + 4 ) = 0,32 / 3.785 = 0.0845.
Der Gegner muss also nur zu ~8% eine bessere Hand wie Q

Eine Formel allein gibt uns noch kein Gespür für die Zusammenhänge, Bilder helfen hier oft mehr als tausend Zahlen. Erfreulicherweise lässt sich unsere Gleichung für P = 3.25 auch im Koordinatensystem darstellen Der hellgraue Bereich beschreibt hier die Kombinationen von Equity und Foldequity bei denen ein Raise besser als ein Call ist. In der blauen Zone ist ein Raise nicht ratsam.
Suchen wir jetzt wieder die benötigte Foldequity für unseren AsQs-Fall, dann folgen wir den schwarzen Pfeilen ab 0.34 EQ und landen bei 0.0845 für P(fold).
An dieser Stelle wären wir fast fertig, gäbe es nicht noch den Fold-Button. Auch diese Option kann manchmal die beste Wahl sein und wir müssen sie den zwei Alternativen gegenüberstellen. Der Erwartungswert für „Fold“ ist 0, weil wir nichts gewinnen, aber auch nichts investieren. Das macht den Vergleich einfach, da wir den EV für Raise und Call bereits aufgestellt haben.
Ein Raise ist besser als ein Fold, wenn gilt:
- EV(Raise) > EV(Fold)
- P(F) * ( P + V ) + ( 1 – P(F) ) * ( ( P + 2 * H ) * EQ – H ) > 0
| P(F) > |
(H – EQ * ( P + 2 * H ))
( P + V + H – EQ * ( P + 2 * H )) |
Und ein Call ist besser als ein Fold, wenn Odds und Outs passen, anders ausgedrückt:
- EV(Call) > EV(Fold)
- (P + V + V) * EQ - V >0
| EQ > |
V
( P + 2 *V ) |
Diese Formeln können wir wieder auf Fixed Limit reduzieren, P gleich 3.25 setzen und in unser altes Bild einfügen (Abb. 2). Neu hinzugekommen ist der hellbraune Bereich, in dem ein Fold besser als ein Call oder Raise ist.
Die Entscheidung ob Fold oder Call aufgrund von Equity interessiert uns in einem Semibluff-Artikel nur marginal, da du bei einem Semibluff fast immer einen Draw hast, mit dem du eh die Pot Odds zum Callen hättest. Wirklich wichtig ist uns hier der hellgraue „Raise“-Bereich – und das nicht nur für P = 3.25. Abbildung 3 vereint die profitablen Semibluffareale für verschiedene Werte von P in einer abschließenden Grafik.
Mit einem Gutshot am Turn und geschätzten 10% EQ können wir demnach bei einer Pottgröße (zu Beginn der Setzrunde) von 9 BB gewinnbringend raisen, wenn Villain zu mindestens 7.5% foldet. Sinkt die Pottgröße auf 7 BB benötigen wir schon 10% Foldequity und bei einem P von 3 muss der Gegner ganze 25% folden.
Die Mathematik hinter Semibluffs wirkt recht kompliziert, da Verzweigungen bei den Ereignissen berücksichtigt werden müssen, was zu umfangreichen Formeln führt. Diese ermöglichen es aber erst, mit Hilfe der Graphen eine übersichtliche Darstellung und eine angemessen schnelle Anwendung zu erreichen.
Auch wenn die Foldequity des Gegners niemals exakt bestimmbar ist, hilft dir die Mathematik von Semibluffs mit den dazugehörigen Graphen, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie viel Foldequity du benötigst, um einen profitablen Semibluff zu starten.
Im Folgenden werden Semibluffs nun anhand konkreter Spielsituationen näher erläutert. Dabei wird dir auch gezeigt, wie du etwas über deine vorhandene Foldequity herausbekommen kannst.
Die praktische Anwendung von Semibluffs
Es gibt natürlich wieder unzählige Möglichkeiten für Semibluffs. Im Gegensatz zu puren Bluffs gibt es aber dennoch einige Situationen, in denen Semibluffs als eine Art Standardmove gemacht werden können. Grundsätzlich sind Semibluffs umso effektiver, je mehr Outs man hat. Etwas plump kann man sagen, dass mit starken Draws wie OESDs und Flushdraws Semibluffs fast immer +EV sind.
Das heißt im Gegenzug aber nicht, dass mit starken Draws ein Semibluff immer das beste Play sein muss. In Position solltest du und im Heads-up am besten am Turn raisen, weil du dadurch für Big Bets oft die höhere Foldequity erzielst. In Multiway-Pots solltest du hingegen in Position in der Regel am Flop raisen, um dir die Optionen offen zu halten zwischen:
- Value-Raise-Schlacht
- Pot ohne SD durch Druck zu gewinnen
- bei Widerstand Freecard-Option am Turn
Out of Position solltest du bereits am Flop die Initiative behalten, um dem Gegner die Chance zu geben, sich direkt am Flop oder am Turn von seiner (meist besseren) Hand zu trennen.
Wie schon erwähnt, ist bei Semibluffs natürlich die Königsdisziplin, ein Gefühl für die geschätzte Foldequity, die man beim Gegner erzielen kann, zu entwickeln. Auch wenn diese abstrakte Größe nicht quantifizierbar erscheint, gibt es Möglichkeiten, Näherungen zu machen und zu einem im Mittel guten Ergebnis zu kommen.
Dies erreichst du, indem du dir bei einem Semibluff folgende Frage stellst: Welche konkreten besseren Hände kann ich mit einem Raise zum Folden bringen?
Du versuchst also, die Range des Gegners abzuschätzen. Dabei helfen dir Stats des Gegners, vergangene Action, Board und History mit deinem Gegner. Dann musst du dir konkret vorstellen, welche besseren Hände er davon denn folden könnte. Du könntest dann abschätzen, wie wahrscheinlich es bei seiner Range ist, ob er eine dieser Hände hält und hättest damit einen Schätzwert für deine vorhandene Foldequity.
Es kann natürlich auch gut für dich sein, wenn dein Gegner eine schlechtere Hand foldet, weil er in der Regel immer Outs hat, die er dann folden würde. Als Gegenargument hält hier aber die Möglichkeit des Bluffinduce. Eine extra Bluffbet würde dann deine Verluste überkompensieren, die durch das Treffen eines Outs von deinem Gegner entstehen könnten. Generell willst du schlechtere Hände vor allen Dingen dann zum Folden bekommen, wenn sie eigentlich die Pot Odds zum Callen hätten.
Preflop: Hero ist Button mit Q
3 folden, Hero raist, SB 3-bettet, 1 fold, Hero calls
Flop: (7 SB) 3


SB bettet, Hero callt
Turn: (4,5 BB) T
SB bettet, Hero raist ...
An dieser Stelle wollen wir nun einmal eine exakte Analyse durchführen. Dazu müssen wir uns folgenden Fragen widmen:
- 1) Wie viele Outs hast du?
- 2) Was ist die Range des Gegners?
- 3) Wie viel % Foldequity brauchst du von besseren Händen, damit EV(Raise) > EV(Call) ist?
- 4) Welche konkreten besseren Hände könnte Villain folden? Ist die potenzielle Foldequity größer als die benötige Foldequity für einen Semibluff?
Zu 1) 8 Outs für den OESD sind klar, die Frage ist, wie viele Outs du für eine Q oder eine 9 bekommst? Zur genauen Berechnung dieser Outs könnte man eine Analyse machen, die hier aber den Rahmen sprengen würde. Dieses Thema wird in diesem Platinartikel behandelt: Heads-up am Flop OOP: C/C Flop ohne Initiative - Ohne Showdownvalue
Wir halten die Prognose hier einmal etwas pessimistisch und geben dir für die Q und die 9 zusammen 2 Outs, so dass du insgesamt auf 10 Outs kommst.
Zu 2) Die Range deines Gegners. Da wir keine genauen Informationen haben, geben wir ihm mal die 3-Betting-Standards eines TAGs. Diese Range könnte so aussehen:
33+, A2s+, KTs+, QTs+, JTs, T9s, A5o+, KTo+
Da der Gegner preflop eine 3-Bet aus dem SB gespielt hat, kann man davon ausgehen, dass er mit seiner gesamten Range sowohl den Flop als auch den Turn betten wird.
Zu 3) Deine benötigte Foldequity. Hierzu könnten wir natürlich an den entsprechenden Graphen ablesen und damit abschätzen, wie viel Foldequity du brauchst. An dieser Stelle wollen wir aber noch einmal anhand der Formeln eine exakte Berechnung durchführen. Du wirst sehen, dass das mit ein bisschen Übung auch gar nicht so schwer ist. Wie oben gezeigt gilt für einen Semibluffraise IP bei Fixed Limit:
EV(Raise) > EV(Call), wenn P(F) > ( 1 – 2 * EQ ) / ( P + 3 – EQ * ( P + 4 ) )
P = Potgröße zu Beginn der Runde, also ohne die Bet des Gegners – z.B. bei 5BB ist P = 5
EQ = deine Equity; Üblicherweise zählen wir hier in Outs, diese lassen sich aber einfach umrechnen: 1 Out entspricht ungefähr 2.2% Equity – mit einem simplen Flushdraw am Turn macht das grob EQ = 20% bzw. EQ = 0.2
P(F) = Wahrscheinlichkeit, dass der Gegner eine bessere Hand foldet – callt er alles, dann ist P(F)=0; foldet er immer, dann ist P(F)=1
Nun ersetzen wir die Variablen durch unsere bekannten Parameter und können P(F) berechnen:
- P = 4,5 BB
- EQ = 10 Outs x 2,2% = 22% = 0,22
- P(F) > (1 – 2 x 0,22) / (4,5 + 3 – 0,22 * (4,5 + 4)
P(F) > 0,56 / 5,63 = 0,099 ~ 10%
Du musst im gezeigten Beispiel bei einem Raise in mehr als 10% bessere Hände zum Folden bringen, damit EV(Raise) > EV(Call) ist.
Zu 4) Die Frage, welche Hände dein Gegner folden könnte, ist natürlich nie exakt, weil man eben nicht für den Gegner den Fold-Button drücken darf, aber wir können uns ja einfach mal vorstellen, wie du anstelle von Villain spielen würdest, wenn du am Turn ein Raise kassieren würdest.
An dieser Stelle gehen wir mal davon aus, dass der Gegner jede Hand am Turn betten würde. Wir schauen uns noch mal Villains Range und das Board an:
Preflop: Hero ist Button mit Q
3 folden, Hero raist, SB 3-bettet, 1 fold, Hero calls
Flop: (7 SB) 3


SB bettet, Hero callt
Turn: (4,5 BB) T
SB bettet, Hero raist ...
Villain: 33+, A2s+, A5o+, KTs+, QTs+, JTs, T9s, KTo+
Folgende Hände sind am Turn auf ein Raise definitiv foldbar: A2s, A4s, A5, A7, A8, A9
Gerade weil das Board keine Flushdraws bietet, kann es gut sein, dass A high gefoldet werden kann. Nicht jeder Gegner spielt hier A high automatisch showdowngebunden. Ist auch ein teurer Spaß, jedes mal noch 2 BB für den Calldown zu investieren, denn das Board ist nicht gerade ace-high-freundlich.
Weiterhin kommen auch Hände wie 44, 55, A6 oder gar 77-88 als foldbar in Frage, zunächst gehen wir aber nur von den zuerst genannten aus. Wir müssen nun die Frage beantworten: Wie viel % machen A2s, A4s, A5, A7, A8, A9 von der Gesamtrange 33+, A2s+, KTs+, QTs+, JTs, T9s, A5o+, KTo+ aus?
Dabei kommen wir gerade nicht drum herum, die Kombinationsmöglichkeiten auszurechnen. Ein Pocketpaar hat 6, eine Offsuithand 12 und eine suited Hand hat 4 Kombinationsmöglichkeiten.
Dabei müssen wir aber die Karten des Boards und deine Hand berücksichtigen (Dead Cards). Eine Hand wie A9 hätte theoretisch 16 Kombinationsmöglichkeiten, praktisch in dieser Hand aber nur 12, weil 4 Möglichkeiten wegfallen, da du selbst eine 9 hältst. Dies muss bei allen möglichen Händen berücksichtigt werden.
Tabellarisch ergibt sich folgendes Bild:.
| Villains Range |
33+ | A2s+ | A5o+ | KTs+ | QTs+ | JTs | T9s | KTo+ | Summe |
| Combos | 72 | 48 | 108 | 12 | 8 | 4 | 4 | 36 | 292 |
| Dead | 18 | 6 | 15 | 3 | 3 | 2 | 2 | 9 | 58 |
| Total | 234 | ||||||||
| Foldbare Hände | A2s | A4s | A5 | A7 | A8 | A9 | Summe |
| Combos | 4 | 4 | 16 | 16 | 16 | 16 | 72 |
| Dead | 4 | 4 | |||||
| Total | 68 | ||||||
Die Analyse der Kombinationsmöglichkeiten zeigt, dass Villain, hier potenziell 68 von 234 Möglichkeiten = 29% seiner Hände am Turn auf ein Raise folden könnte. Und dabei wurde noch nicht einmal berücksichtigt, dass Villain auch ein kleines Pair folden könnte.
Zuvor wurde gezeigt, dass du in diesem Spot aber nur in 10% der Fälle Foldequity von besseren Händen benötigst. Somit liegt deine erwartete Foldequity meilenweit über der benötigten und du kannst hier äußerst profitabel einen Semibluff starten. Natürlich mag es auch Spieler geben, die A high nicht so einfach am Turn folden, aber davon kann man in der Regel nicht ausgehen, dass hier jeder Gegner A high auf diesem Board runtercallt.
Du siehst, dass eine exakte Analyse aufwändig ist, aber es ist durchaus möglich, auch solch abstrakte Größen wie die Foldequity näherungsweise zu berechnen. Bedenke, dass auch hier immer der Mittelwert zählt und dass es keine Schande ist, wenn du einmal von A7o runtergecallt wirst und verlierst.
Wenn du aber natürlich weißt, dass dein Gegner A high in so einer Situation nie foldet, dann ist deine Foldequity besserer Hände am Turn = 0 und damit ist ein Semibluff natürlich nicht die beste Option.
Preflop: Hero ist BB mit J

2 folden, MP2 callt, Button callt, SB completet, Hero checkt
Flop: (4 SB) 3


SB (Semi-TAG) bettet, Hero raist und bettet jeden Turn, wenn MP2 und Button folden
Es ist wohl sehr wahrscheinlich, dass SB hier eine bessere Hand als du hat. Es ist aber fraglich, ob er eine Hand wie beispielsweise J

Du kannst am Flop versuchen, deine Gegner bessere Hände folden zu lassen. Deine Chancen dafür stehen recht gut. Der Pot ist nicht sehr groß, unraised Pots sind generell nicht so hart umkämpft.
Wichtig ist bei dieser Hand, dass du deinen Bluff auf jeden Fall am Turn fortsetzt. Am Flop könnte Villain noch für 7 zu 1 Pot Odds ein Pair callen. Am Turn aber für 4,5 zu 1 auf deine Turnbet auch ein kleines Pair folden. Den River musst du in dieser Hand nicht um jeden Preis betten, denn es ist auf diesem Board unwahrscheinlich, dass Villain einen busted Draw halten könnte, der dich schlägt. Dafür kommen nur der Q-high- bis A-high-Flushdraw in Frage, diese würde er aber selbst am Flop oft 3-betten.
Sofern der Gegner die Hand aber passiv spielt, wird er am River meist nicht mehr folden, wenn er den Turn nur callt. Neben dem SB greifst du mit deinem Raise aber auch potenziell bessere Hände von MP2 und Button hinter dir an. Diese werden mit 2 SB und Pot Odds von 3,5 zu 1 konfrontiert, so dass die Gegner auch Hände wie z.B. 66 oder A3 folden könnten. Für den Fall, dass SB hier eventuell selbst einen Draw wie z.B. 56 hält, könntest du dir sogar mit einem Raise am Flop die beste Hand kaufen.
Weiterhin könntest du dir Outs kaufen, falls Hände folden, die dich potenziell dominieren wie z.B. K9 oder QT. Du solltest auf keinen Fall den Flop nur callen, weil du dir dadurch bessere implied Odds auf den Big Streets erhoffst. In diesem Beispiel hast du realistische Chancen, bessere Hände folden zu lassen, so dass der Semibluff immer die bessere Alternative ist!
Preflop: Hero ist MP3 mit T
1 fold, Hero raist, 3 folden, BB callt
Flop: (4,5 SB) 6


BB bettet, Hero callt
Turn: (3,25 BB) Q
BB bettet, Hero raist ...
Am Flop kommt eine so sehr „geliebte“ Donkbet deines Gegners. Dein Gutshot, Backdoorflushdraw und T sowie 9 sind 7-8 Outs wert. Die Donkbet kannst du am Flop locker callen. Am Turn schnappst du nun nicht nur einen OESD auf, dieser entsteht auch noch durch eine Overcard, die auf diesem Board durchaus großen Scarecardcharakter hat.
Der BB sei hier unknown und du kannst so natürlich nur schwer abschätzen, ob er überhaupt in der Lage ist, ein Pair zu folden. Eigentlich solltest du nicht zu große Hoffnungen darauf setzen, deine Gegner Pairs folden zu lassen, aber dieses Board und seine Entwicklung sind dafür sehr gut geeignet.
Der Gegner könnte hier sehr wohl 22-55 folden oder eine Hand wie A6 oder 65 oder eine andere Kombination eines low Pairs. Es gibt vor allen Dingen auch seltsame Fische, die eine Hand wie A3o einfach locker aus der Hüfte zweimal auf diesem Board donken, auf ein Raise aber folden. Du hast hier im Mittel definitiv genug Foldequity besserer Hände, so dass ein Semibluff die richtige Spielweise ist.
Ändern wir nun aber einmal ein wenig die Situation.
Preflop: Hero ist MP3 mit A
1 fold, Hero raist, 3 folden, BB callt
Flop: (4,5 SB) 6


BB bettet, Hero callt
Turn: (3,25 BB) 3
BB bettet, Hero???
Du wirst erneut mit einer doppelten Donkbet konfrontiert. Auch jetzt hast du einen starken Draw mit einem Gutshot und 2 Overcards, die dir Top Pair/Top Kicker geben würden. Folgende Parameter sind hier aber anders:
- Am Turn kommt keine Scarecard, sondern eine absolute Blank.
- Deine Hand hat Showdownvalue, du schlägst Idiotenbluffs mit z.B. A4 und Semibluffs mit Q9 oder 98.
Hier wird die Range an besseren Händen, die am Turn folden könnten schon wieder relativ dünn, so dass ein Semibluff nur bedingte Erfolgschancen hat und du eigentlich nur schlechtere Hände zum Folden bringst.
Du solltest erstmal am Turn nur eine BB investieren. Es könnte sein, dass der Gegner am River eine bessere Hand checkt, die er aber auf ein Raise nicht folden würde, so dass du effektiv eine BB sparst. Weiterhin könntest du einen weiteren Bluff induzieren von einer Hand, die auf ein Turnraise vielleicht folden würde (z.B. A4).
Das Hauptargument, das in dieser Situation gegen den Semibluff spricht, ist aber die Tatsache, dass du die stärkste Nonpair-Hand hältst und dass es darum zu unwahrscheinlich ist, dass Villain eine bessere Hand (=mindestens ein Paar) foldet.
Turnplay: Hero calls
Zum Thema „Wie reagiere ich auf Donkbets?“ gibt es auch ein Seminarvideo, welches sich speziell mit diesem Thema beschäftigt. http://de.pokerstrategy.com/video/833
Preflop: Hero ist SB mit A
6 folden, Hero raist, BB (26/17/2,3/34) callt
Flop: (4, SB) 5


Hero bettet, BB raist, Hero???
Du befindest dich im Blindwar mit einem TAG, der einen geringen WTS hat und wirst mit Initiative direkt am Flop geraist. Du hast den Nutflushdraw und musst dich nun fragen, ob du am Flop 3-betten oder nur callen sollst.
Dazu musst du dich erneut fragen, welche besseren Hände dein Gegner folden könnte. Da du selbst A high mit einem passablem Kicker hast, ist es auch mangels Preflop-3-bet sehr unwahrscheinlich, dass dein Gegner ein besseres A high hat. Somit musst du mit einem Semibluff Hände angreifen, die mindestens ein Paar haben.
Wenn der Gegner hingegen bluffen sollte, könntest du ihn seinen Bluff fortsetzen lassen und deine Hand einfach passiv weiterspielen. Da du hier den Flushdraw hältst, hat der Gegner auch oft nur 4 Outs, falls du am Flop vorne liegen solltest.
Es geht also um die Frage, ob dein Gegner in der Lage ist, ein Pair zu folden. Es gibt durchaus TAGs, die am Flop so genannte Informationsraises platzieren, um auf eine 3-Bet spätestens am Turn einen Fold zu finden, da diese Variante nur 1 – 1,5 BB im Gegensatz zu 2,5BB für Calldown kostet. Der geringe WTS deines Gegner könnte für so einen Typen sprechen.
Du solltest am Flop folgendermaßen vorgehen:
- 3-Bet Flop, Bet Turn gegen den hier beschrieben Gegner und jeden Gegner, den du postflop als weak bezeichnen würdest
- 3-Bet Flop, Bet Turn gegen unknown. Im Zweifelsfall lieber aggressive. Dein Draw ist sehr stark mit >12 Outs.
- Call Flop, Check/Call Turn und Check/Fold River unimproved gegen passive showdowngebundene Spieler. Hier ist die Foldequity besserer Hände quasi Null, also nicht gegen die Wand rennen.
- Call Flop mit Showdownambition gegen aggressive LAGs, wenn das Board nicht besonders fies wird. Du willst kein Turnraise kassieren und baust lieber auf deinen Showdownvalue und damit auf Bluffinduce. Dank deines Flushdraws ist auch eine Freecard nicht so schlimm, weil 1-2 potenzielle Outs deines Gegner verseucht sind.
Wann weiterfeuern, wenn der Bluff nicht klappt?
Dies ist ein giftiges Thema, da es wirklich schwer ist, ein Patentrezept zu finden. Wir nehmen ein x-beliebiges Beispiel, bei dem wir einen Bluff oder Semibluff machen, der Gegner aber nicht foldet und wir am River immer noch mit einer Hand dastehen, die einem Häufchen Elend gleicht. Weiter bluffen? Vielleicht foldet er ja doch den River, wer weiß?
Dennoch wollen wir einmal versuchen, ein wenig Licht in die Dunkelheit zu bekommen. Folgende Dinge solltest du bedenken, bevor du am River eine Entscheidung triffst.
- Das Board ist so strukturiert, dass Villain selbst auf einem Draw sein könnte, der am SD selbst busted ist, aber deinen Draw-Bluff noch schlagen würde.
- Am River kommt eine Scarecard, die viele Draws komplettieren könnte. Auch wenn deiner nicht dabei ist, kannst du hoffen, dass dem Gegner langsam die Hände ausgehen, gegen die er sich noch vorne sehen könnte.
- Der Gegner neigt zu abstrusen Calls, weil er einfach neugierig auf den River ist und beispielsweise knallhart mit low Pair auf Twopair drawen will, so etwas aber unverbessert folden könnte.
- Der Gegner hat nach PT einen hohen Fold-to-Riverbet-Wert (z. B. > 40).
- Du hast einen busted Draw, der gegen einen anderen busted Draw SD-Value hat.
- Das Board bietet keine Draws, so das Villain SD-Value haben muss, wenn er callt und wohl auch für eine Bet nicht mehr folden wird.
- Wir haben einen Read des Gegners, dass er den SD immer sieht, wenn er ein Raise am Turn callt.
Greifen wir das durchanalysierte Beispiel 1 auf:
Preflop: Hero ist Button mit Q
3 folden, Hero raist, SB 3-bettet, 1 fold, Hero calls
Flop: (7 SB) 3


SB bettet, Hero callt
Turn: (4,5 BB) T
SB bettet, Hero raist, SB calls
River: (8,5 BB) 7
SB checks, Hero???
Du musst dich hier fragen: Wie viel % Foldequity benötige ich? Diese Rechnung ist leicht. Es gilt die Formel aus dem Pure-Bluff-Artikel.
Bluff ist +EV wenn gilt: P(fold) > Bets/Pot
Bets = die Kosten des Bluffs = 1BB Pot = die Potgröße NACH dem Bluff = 9,5 BB
Es gilt: Bluff ist +EV, wenn P(fold) > 1 / 9,5 = 10,5%
Foldet Villain in >10,5% der Fälle eine bessere Hand? Welche besseren Hände könnte Hero am Turn callen und am River aber dann doch folden? Zur Erinnerung, seine Range haben wir folgendermaßen angenommen:
Villain: 33+, A2s+, A5o+, KTs+, QTs+, JTs, T9s
Es kommen letztlich nur noch 3 Hände in Frage, die Villain am River folden könnte, AK, AQ und KQ. Könnte er diese folden? Eigentlich schon! Welche Hände könnte er denn am River noch schlagen? Es gibt auch keinen Flushdraw am Turn, der busted sein könnte, die 7 hat auch noch einen Draw wie 98 komplettiert. Wenn Villain AK, AQ und KQ am River folden würde, müssen wir nun schauen, ob diese 3 Hände mehr als 10,5% seiner Range ausmachen.
Am Turn hatte Villain 234 verschiedene Kombinationsmöglichkeiten mit seiner Hand. Wir sind ja aber davon ausgegangen, dass Villain A2s, A4s, A5, A7, A8, A9 am Turn foldet. Diese machen 68 Kombinationen aus. Hinzu kommt, dass durch die 7 am River die Hand 77 nun 3 Kombinationsmöglichkeiten weniger hat.
Weiterhin müssen wir die Hände abziehen, die Villain am Turn 3-Betten würde, diese wären JJ, TT, 66, QQ-AA, JTs und AJ. Unter Berücksichtigung des Boards und deiner Hand machen diese Hände 38 Kombinationsmöglichkeiten aus.
Damit bleiben am River letztlich 234 – 68 – 3 – 38 = 125 Kombinationsmöglichkeiten. Nun müssen wir berechnen, wie viele Kombinationsmöglichkeiten AK, AQ und KQ ausmachen. Auch hier müssen wir bedenken, dass du selbst eine Q hältst, was diese Hände unwahrscheinlicher macht. Es bleiben je 12 Möglichkeiten für AQ und KQ und 16 Möglichkeiten für AK, insgesamt 40 Combos.
Daraus ergibt sich: 40 foldbare Combos / 125 mögliche Combos = 32%
Wenn Villain in der Lage ist, am River AK, AQ und KQ zu folden, dann musst du in diesem Spot auf jeden Fall am River die letzte Kugel feuern. Du brauchst >10,5% Foldequity, hast aber überwältigende 32%. Selbst wenn Villain KQ als einzige Hand am River folden würde, wäre 12/125 immer noch knapp 10%, was fast schon für einen profitablen Bluff ausreichen würde, obwohl nur exakt eine Hand auf die Bet foldet.
Fazit
Bei den meisten Semibluffs brauchst du nur sehr wenig Foldequity von besseren Händen, um einen profitablen Move zu machen. Diese ist bei guten Draws fast immer <20%, und bei sehr guten Draws sogar oft kleiner als 10%. Darum solltest du dich nicht von Serien verunsichern lassen, bei denen die Gegner auf deine Semibluffs nicht folden mögen.
Es passiert irgendwann unweigerlich, dass z.B. mehr als 10 Semibluffs in Folge heruntergecallt werden oder du eine 3-Bet kassierst und du in die Röhre schaust. Das heißt aber nicht automatisch, dass dein Move nicht richtig war. Du musst dich einfach psychologisch darauf einstellen, dass der Misserfolg bei Bluffs und Semibluffs prozentual stets überwiegt, dass dein Spiel mathematisch gesehen aber dennoch richtig ist.
Auf der anderen Seite musst du aber auch darauf achten, stets bessere Hände im Auge zu haben, die dein Gegner auch wirklich folden könnte. Wenn du blind jeden Draw bluffst, ohne dir Gedanken zu machen, welche konkrete bessere Hand dein Gegner folden könnte, kannst du dir auch schnell eine blutige Nase holen.
Du hast gesehen, dass man sogar die so sperrige Variable namens Foldequity mit einfachem Handwerkszeug und ein wenig Mühe konkret abbilden kann. Mit den hier vorgestellten Konzepten hast du nun das perfekte Handwerkszeug, um jeden Spot analysieren zu können. Dies solltest du auch regelmäßig tun, denn nur wenn du viele Situationen analysiert hast, bekommst du ein Gefühl für die entsprechenden Muster, die sich am Tisch ergeben können. Mit der entsprechenden Erfahrung wird es dir dann auch am Tisch leicht fallen, intuitiv die beste Entscheidung zu treffen.
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