Slowplay - Den Gegner in die Falle locken
Einleitung
In diesem Artikel
- Wann du slowplayen kannst
- Auf welchen Boards du slowplayen kannst
- Bei welchen Gegner du slowplayen kannst
Slowplay ist etwas, was das eigene Spiel bereichern und in ausgewählten Spots den Profit vergrößern kann, was aber von Anfängern und semifortgeschrittenen Spielern überbewertet wird, seltsamerweise gerade auf den kleineren Limits, auf denen häufig aggressives Spiel die beste Variante ist.
Dieser Artikel wird sich daher einmal eingehend mit dem Thema Slowplay befassen. Er wird dir zeigen, wann es Sinn macht, statt straightforward zu spielen, einmal etwas tricky zu werden. Anhand einiger Beispiele erläutert der Text, mit welchen Händen, auf welchen Boards und bei welchen Gegnern, passives Slowplay überhaupt mehr Value verspricht als ein gerades aggressives Spiel. Darum geht es schließlich: Slowplay um des trickreichen Spiels willen ist sinnlos, wenn simples Betten und Raisen mehr Geld einbringen würde.
Was ist Slowplay?
Per Defintion ist Slowplay das Checken und Callen, also das passive Spiel, von starken Händen. Allerdings darf dies nicht missverstanden werden. Slowplay dient zur Gewinnmaximierung durch „implied“ Gewinne auf späteren Straßen. Man spielt also primär mit einem kleineren Erwartungswert, um später durch diese implied Gewinne die durchschnittliche Potgröße zu maximieren.
Slowplay verstößt gegen ein Grundprinzip des tight-aggressiven oder auch des loose-aggressiven Styles. Man verzichtet auf die Initiative und auch auf Protection, um seinen Gegnern die Möglichkeit zu geben, entweder eine zweitbeste Hand zu treffen, ihre Hand zu überspielen oder zu bluffen.
Das zeigt schon einen wichtigen Grundsatz: Slowplay bietet sich dann an, wenn deine Hand so stark ist, dass du sie nicht protecten musst.
Neben dem Slowplay, das postflop vollzogen wird, gibt es auch ein Slowplay von starken Händen preflop. Allerdings ist Preflop-Slowplay in No-Limit Cashgames selten sinnvoll, besonders in den Low-Stakes. Daher behandelt dieser Artikel nur das Postflop-Slowplay.
Was bringt dir Slowplay?
Slowplay in No-Limit Hold’em hat einen entscheidenden Vorteil. Durch passives Spiel gibt man den Gegnern eine Möglichkeit, sich die nächste Karte für einen kleinen Einsatz anzuschauen (bzw. man gibt ihnen keine Möglichkeit zum Folden).
Spielt man aggressiv und erhöht den Einsatz, werfen sie ihre Hand womöglich weg. In den meisten Fällen ist ihr Fold dann korrekt. Man will aber, dass die Gegner Fehler machen, um genau zu sein: Man hofft, dass sich ihre Hand verbessert, aber immer noch von der eigenen geschlagen wird, sodass man nun mehr Geld von ihnen gewinnen kann, weil sie sich von ihrer verbesserten Hand nicht mehr trennen können.
Wichtig ist dabei die Aussage, dass die eigene Hand die verbesserte Hand des Gegners noch schlägt. Ist dies nicht der Fall, so hat man einen Fehler gemacht, indem man dem Gegner eine Chance gegeben hat, korrekt auf eine bessere Hand zu drawen.
Außerdem ermöglicht man es dem Gegner durch passives Spiel, Bluffs weiter durchzuführen, da dieser möglicherweise denkt, dass er mit einer großen Bet den Gegner aus der Hand treibt, da dieser durch eben passives Spiel keine Stärke gezeigt hat.
Diese Methode kann genauso zum Gewinn des Stacks führen wie die Chance, dass man von verbesserten, schlechteren Händen ausbezahlt wird – und darauf kommt es an, Gewinnmaximierung, egal wie.
Mit welchen Händen kannst du auf welchen Boards slowplayen?
Die erste Frage, die man sich stellen sollte, wenn man ein Slowplay in Erwägung zieht, ist: Ist meine Hand so stark, dass ich es mir leisten kann, Freecards zu vergeben?
Ist die Antwort nein, dann sollte man das Slowplay ganz schnell vergessen - und zwar wirklich ganz schnell!
Die prinzipielle Frage, die man sich stellen sollte, wenn man eine Hand hat, die keine Protection braucht, lautet: Wie bekomme ich am meisten Geld in den Pot? Slowplay ist nur eine Möglichkeit.
Die Stärke der eigenen Hand hängt natürlich direkt mit der Konstellation des Boards zusammen. Wenn das Board nicht connected und rainbow ist (ragged), dann ist es relativ ungefährlich, billige bzw. sogar Freecards zu vergeben.
Auch die Gegneranzahl spielt eine Rolle bei der Bewertung der eigenen Hand. So ist ein Overpair am Flop in einem Pot mit einem Gegner quasi ein Monster. Erhöht sich die Anzahl der Gegner allerdings auf sieben, so verliert man deutlich an Equity und nicht selten wird das Overpair sogar schon am Flop geschlagen sein.
Oft sollte man also mit Twopairs, Straights und Sets nicht slowplayen, auch wenn diese Hände auf den ersten Blick sehr stark aussehen.
0,50/1,00 No-Limit Hold'em
Preflop: Hero is MP+3 with A

UTG+1 calls $1, UTG+2 calls $1, 1 fold, MP1 calls $1, 1 fold, Hero calls $1, 3 folds, BB checks.
Flop: ($5.5) 9


BB checks, UTG+1 checks, UTG+2 checks, MP1 bets $3, Hero ???
Das ist definitiv kein guter Zeitpunkt, um slowzuplayen. Du hast hier zwar wahrscheinlich die beste Hand, solltest aber dennoch raisen, um gegen Flushdraws und andere Draws zu protecten. Ein Raise auf $12 scheint hier gut.
Callst du nur, gibst du den darauffolgenden Spielern gute Odds. Twopairs sind meistens zu schwach, um langsam gespielt zu werden, selbst wenn kein Flushdraw möglich ist. Fällt z.B. eine weitere 9 am Turn oder eine andere Karte, die sich am River wieder pairt und höher als die 6 ist, so ist das Twopair relativ wertlos.
Bei Straights existiert das gleiche Problem. Pairt sich das Board und man hat eine Straight, wird es oft sehr teuer, wenn der Gegner ein Full House hält. Des Weiteren sind Straights auch anfällig gegen Flushs und sollten generell kaum slowgeplayt werden.
0,50/1,00 No-Limit Hold'em
Preflop: Hero is UTG+1 with 8

1 fold, Hero calls $1, 1 fold, MP1 calls $1, MP2 calls $1, 4 folds, BB checks.
Flop: ($4.5) 9


BB checks, Hero ???
Hero bets! Das ist ebenfalls kein guter Zeitpunkt, um slowzuplayen. Bei diesem Board kannst du es dir auf keinen Fall leisten, eine Freecard zu vergeben. Das wäre eine Katastrophe. Viele Karten können für dich tödlich sein und selbst, wenn einer der Gegner ein Backdoorflushdraw hält und am Turn den Flushdraw trifft und callt, kannst du den Pot am River immer noch abgeben – gegen eine Hand, die am Flop gegen eine einfache Bet gefoldet hätte. Natürlich musst du auch Flush- und Straightdraws am Flop zahlen lassen. Eine potsized Bet um $4.5 scheint hier richtig.
0,50/1,00 No-Limit Hold'em
Preflop: Hero is UTG+1 with 8

1 fold, Hero calls, 1 fold, MP1 calls, MP2 calls, 4 folds, BB checks.
Flop: ($4.5) K


BB checks, Hero ...
Jetzt sieht die Sache schon ganz anders aus! Du könntest es dir grundsätzlich leisten, eine Freecard zu vergeben, um später mehr Bets zu gewinnen. Ob du das auch tun oder einfach straightforward spielen und betten solltest, hängt noch von anderen Faktoren ab, die in den nächsten Kapiteln behandelt werden. Theoretisch eignet sich dieses Board aber zum slowplayen, denn das Set muss hier kaum protectet werden.
Bei welchen Gegner kannst du slowplayen?
0,50/1,00 No-Limit Hold'em
BB ($100) VP$IP:50 / PFR:5 / AF:2.0 / WTSD:40
Preflop: Hero is MP+3 with 8

Hero raises to $3.00, 3 folds, BB calls $2.00.
Flop: ($6.50) 8


BB checks, Hero…
Hero bets! Du solltest hier betten. Schaust du dir das Board an, so macht es dir nicht viel aus, wenn der Gegner eine Karte umsonst sieht. Deine Hand braucht kaum Protection, zumindest zu diesem Zeitpunkt. Das Board ist sehr ungefährlich. Fällt am Turn ein weiteres 


Viel wichtiger ist hier aber, dass der Gegner möglicherweise sowieso eine Bet am Flop callt, weshalb du betten solltest. Der Gegner in der Beispielhand hat einen "Went to Showdown"-Wert von 40. In einem NL-Cashgame ist das sehr viel. Ein guter Spieler hat hier einen Wert ziwschen 16 und 22. 40 ist extrem viel und bedeutet, dass dein Gegner ein großes Problem damit hat, den Fold-Button zu finden. Auch wenn das Board nicht drawlastig ist, so würde er wahrscheinlich eine Bet mit jedem Pair callen und womöglich sogar mit Ace high.
Falls eine gute Chance besteht, dass dein Gegner eine Bet callt, solltest du nicht slowplayen.
Das ist oft gegen Fische mit hohem WTSD der Fall. Die Angst, die man beim Straight-Forward-Play hat, ist, dass der Gegner gegen eine Bet oder einen Raise foldet. Diese Angst ist bei einem Fisch weniger selten gegeben als z.B. bei einem TAG.
Nun gut. Zwei Argumente gegen ein Slowplay wurden schon genannt. Die alleine reichen allerdings noch nicht ganz aus, denn selbst Fische mit einem WTSD von 40 werden nicht alles callen und die Wahrscheinlichkeit für einen Backdoorflush ist auch denkbar gering.
Am wichtigsten ist in der gezeigten Hand, dass ein Check in dieser Situation völlig unnormal und sehr auffällig ist. Das Board ist perfekt für eine Continuation Bet. Selbst ein Fisch wird sich hier möglicherweise fragen, wieso sein Gegner nach einem Preflopraise bei diesem Board checkt. Ein denkender Spieler wird das erst recht tun und das vermindert die möglichen Gewinne auf späteren Straßen, denn wenn der Gegner denkt, dass man eine starke Hand hält, vermindern sich natürlich die späteren Gewinne.
Beispiele
Der effektive Stack liegt bei $100 und BB ist ein LAG.
0,50/1,00 No-Limit Hold'em
Preflop: Hero is MP+3 with 9

Hero raises to $3.00, 3 folds, BB calls $2.00.
Flop: ($6.50) 9


BB checks, Hero bets $4.00, BB raises to $12.00, Hero …
Hero calls! Schauen wir uns das Board und deine Hand in Relation zueinander an. Das sollte immer der erste Schritt sein, wenn man ein Slowplay in Erwägung zieht. Das Board ist sehr ungefährlich. Du liegst gegen fast alle Hände vorne und diese Hände haben dann auch nur zwei bis vier Outs gegen dich, was Protection unnötig werden lässt. Deine Hand ist daher auch sehr, sehr stark auf diesem Board.
Am Turn kommen wahrscheinlich noch anderweitige Draws dazu, aber du befindest dich am Flop. Die wahrscheinlichste Hand des Big Blinds ist hier ein Toppair. Gegen fast alle möglichen Hände des BB bist du ein riesiger Favorit. Laut Equilator liegt deine Equity hier bei knapp 97% - ein Traum.
Eine andere Möglichkeit ist, dass der BB blufft. Um auf den Punkt zu kommen: Du solltest nur callen, um Hände wie ein einfaches Toppair nicht zu verscheuchen und möglicherweise noch eine Bet am Turn zu gewinnen. Oft wird diese nämlich erfolgen.
Gegen ein Reraise könnte der Gegner aber Toppairs mit schlechtem Kicker weglegen, mit denen er möglicherweise den Turn noch einmal bettet. Einen Bluff wird er gegen ein Reraise sowieso folden und falls er 22 hat, wird er am Ende dieser Hand sowieso höchstwahrscheinlich seinen Stack verloren haben.
0,50/1,00 No-Limit Hold'em
MP+3 ($120.12)
Hero ($95.72)
Preflop: Hero is BB with A

MP+3 raises to $3.00, 3 folds, Hero calls $2.00.
Flop: ($6.50) T


Hero checks, MP+3 bets $5, Hero …
Hero raises! Wer hier an Slowplay denkt, hat den Artikel noch nicht verstanden und sollte ihn noch einmal durchgehen. Erstens ist das Board sehr gefährlich. Du musst auf jeden Fall gegen Flushdraws protecten. Zweitens ist die Hand gar nicht so stark, wie sie aussieht, denn du kannst schon hinten liegen gegen ein Set, gegen eine Straight und auch gegen einen Flush. Ein Raise auf $17-$20 scheint hier richtig. Bei starker Gegenwehr solltest du dir je nach Gegner sogar überlegen, die Hand wegzulegen.
0,50/1,00 No-Limit Hold'em
BB ($150.53)
Hero ($100.00)
Button ($80.90)
Preflop: Hero is MP+3 with 7

Hero raises to $3.00, 3 folds, BB calls $2.00
Flop: ($6.50) 7


BB bets $4, Hero …
Fall A: Dein Gegner ist ein guter Spieler
Du hast einen Read auf den BB. Er ist ein guter Spieler, der das Prinzip von Odds und Outs kennt und oft donkt er seine Flushdraws am Flop. Außerdem weiß er, dass du ein guter Spieler bist.
In diesem Fall solltest du den Flop nur callen und hoffen, dass dein Gegner seinen Flush trifft, eine schlechtere Hand also, um ihm dann mehr Geld abzunehmen. Raist du stark, verscheuchst du ihn möglicherweise.
Falls er ein Pair hat oder sogar drei Buben, dann wird er den Turn womöglich noch einmal betten. Ein Pair wie z.B. 99 oder TT würde er aber nach einem Flopraise wahrscheinlich weglegen – selbst gegen einen Minraise. Minraist du den Flop auf $8, dann bekommt dein Gegner Odds von 4 zu 18.5. Das entspricht Odds von 1 zu 4.6. Sein Flushdraw ist ein Underdog von ca. 1 zu 4. Die Odds würden also für einen Call reichen.
Da du aber weißt, dass BB ein guter Spieler ist, weißt du auch, dass er sich überlegen wird, warum du hier klein raist. Mit einem Overpair würde das keinen Sinn machen, denn du würdest dann gegen Draws protecten. Es ist offensichtlich, dass er absichtlich die Odds bekommt, die er braucht.
Des Weiteren ist das Board paired und möglicherweise hält BB nur einen kleinen Flushdraw. Vielleicht würde er schon gegen ein kleines Raise folden und wenn nicht, würden sich die späteren Gewinne vermindern, denn so ein Raise sieht verdächtig aus.
Daher solltest du also eher callen als raisen, denn oft würdest du hier auch mit zwei Overcards callen.
Fall B: Dein Gegner ist ein schlechter Spieler
In diesem Fall ist der BB ein schlechter Spieler, der viel zu viele Flops sieht und auch viel zu oft zum Showdown geht. Auch er donkt seine Flushdraws gerne am Flop, trennt sich aber sehr selten von ihnen. Er will auf jeden Fall den River sehen.
Nun sieht das Ganze etwas anders aus. Wenn du raist, wird er wahrscheinlich callen. Wieso solltest du dann selbst nur callen, wenn du doch so einfach den Pot groß machen kannst?
Wenn du in Fall A klein raist und dein Gegner callt, so macht er einen Fehler. Wenn du in Fall B groß raist und dein Gegner callt, so macht auch er einen Fehler, aber einen größeren!
Das Ziel mit starken Händen ist es, möglichst viel Value zu bekommen.
In diesem Fall bekommst du am meisten Value, wenn dein Gegner einen großen Fehler macht. Es gibt aber auch Hände, in denen der Gegner korrekt spielen kann und du trotzdem maximale Value bekommst, z.B. second Nuts gegen Nuts.
In Fall B solltest du definitiv raisen, da dein Gegner höchstwahrscheinlich callen wird. Dann wird der Pot am Turn größer und du kannst wieder mehr betten und mehr gewinnen. So gewinnst du viel Geld, selbst wenn der Draw des Gegners nicht eintrifft. Dieses Beispiel zeigt noch einmal, wie wichtig es ist, zu wissen, gegen was für Gegnertypen du spielst.
0,50/1,00 No-Limit Hold'em
Preflop: Hero is MP+2 with 9

MP+1 calls $1, Hero calls $1, 2 folds, BU calls $1, SB calls $0.5, BB checks.
Flop: ($5) 7


SB checks, BB checks, MP+1 bets $3, Hero…
Hero raises! Hier solltest du auf keinen Fall slowplayen. Auch wenn die Hand sehr stark aussieht, so ist sie doch nur ein relativ kleiner Flush, der von vielen anderen Flushs geschlagen werden kann, und gegen genau diese musst du protecten. Ein Call wäre hier fatal. Höhere 

Zusammenfassung
Bevor du dich für ein mögliches Slowplay entscheidet, solltest du dir folgende Fragen stellen:
- Ist meine Hand so stark, dass ich es mir leisten kann, Freecards zu vergeben?
- Würden meine Gegner folden, wenn ich bette?
Beantwortest du beide Fragen mit ja, kannst du ein Slowplay in Erwägung ziehen. Künstlich den Ball flach halten und slow zu spielen ist aber nur dann sinnvoll, wenn die aggressive Spielweise weniger Value verspricht.
Hier kommt es auch wieder auf den Gegner an. Gegen einen typischen "I has two cards"-Fisch macht Slowplay keinen Sinn. Ist dein Gegner in der Lage, korrekte Folds zu finden und zu erkennen, wann er geschlagen ist, sind Slowplay und das Maskieren der eigenen Handstärke ein probates Mittel.
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