Der Float
Einleitung
In diesem Artikel
- Der EV beim Floaten
- Floate nach Möglichkeit mit einem Draw
- Callingstations kannst du nicht floaten
Floaten bezeichnet einen Spielzug, bei dem du in einem raised Pot die Continuationbet des Preflopaggressors callst, um am Turn mit einer (Bluff-)Bet den Pot zu gewinnen, wenn dein Gegner Schwäche zeigt. Du kannst dabei sowohl in Position als auch out of Position floaten, wobei es sich IP wesentlich einfacher gestaltet.
In den richtigen Spots eingesetzt, kann dieser Spielzug deine Winrate in den höheren Limits deutlich steigern. Dabei solltest du aber darauf achten, dass die Rahmenbedingungen stimmen und einige wichtige Vorraussetzungen erfüllt sind, damit der Move erfolgreich sein kann.
Dieser Artikel setzt sich mit dem mathematischen Hintergrund des Floatens auseinander und zeigt dir, in welchen Situationen es sinnvoll ist zu floaten und worauf du dabei achten solltest.
Der Erwartungswert beim Floaten
Um zu sehen, in welchen Situationen ein Float sinnvoll ist, berechnen wir zunächst anhand einiger Beispiele den Erwartungswert dieses Spielzugs. Dabei ist es wichtig zu unterscheiden, ob du IP oder OOP bist. Des Weiteren beeinflusst natürlich auch ein möglicher Draw den EV.
Beispielhand:
NL $2/$4
Stacks:
MP ($460)
Hero ($395)
Preflop: Hero ist BU with 7 , 8
1 fold, MP raises to $12, Co calls $12, Hero calls $12, 2 fold.
Flop: ($42) 2, 6
, K
(3 players)
MP bets $32, CO folds, Hero calls $32.
Turn: ($106) J (2 players)
MP checks, Hero bets $70, ...
Du callst das Raise mit Position auf den Preflopaggressor. Dieser macht am Flop eine Continuation Bet. Ob er etwas getroffen hat oder nicht, kannst du zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht sagen.
Dein Flopcall hat hier einzig und allein den Zweck, dem Gegner am Turn den Pot zu stehlen, wenn er Schwäche zeigen sollte.
Um den Erwartungswert zu berechnen, gehen wir von folgenden Annahmen aus:
- Bettet dein Gegner erneut am Turn, bist du geschlagen und foldest.
- Checkt dein Gegner den Turn und callt deine Bet, bist du geschlagen und foldest am River.
- Checkraist dein Gegner am Turn, ist das ebenso zu behandeln wie eine direkte Bet.
- Du kannst am Turn keine Made Hand machen, mit der es sich lohnt, weiterzuspielen.
EV = P(Turncheck) * {P(Fold) * [Pot(Turn) - Call(Flop)] - [1 - P(Fold)] * [Bet(Turn) + Call(Flop)]} - [1 - P(Turncheck)] * Call(Flop)
In dieser Gleichung gibt es nun zwei Unbekannte. Zunächst die Wahrscheinlichkeit, mit der dein Gegner am Turn checkt, und weiterhin die Wahrscheinlichkeit, mit der er gegen eine Bet foldet.
Im folgenden Diagramm ist die Equity gegen die Foldwahrscheinlichkeit am Turn für verschiedene Check-Turn-Wahrscheinlichkeiten aufgezeigt.
Die Gesamtwahrscheinlichkeit, dass Villain sich von seiner Hand am Turn trennt, berechnet sich aus P(Turncheck) * P(Fold). Es ist hier sehr schwer zu verallgemeinern, wie oft Villain den Turn checkt und gegen eine Bet foldet. Hier können nur recht grobe Abschätzungen gemacht werden, da diese Werte stark von dem betreffenden Gegner, dem eigenen Image, etc. abhängen. Mehr dazu findest du in dem späteren Abschnitt: "Wie häufig gibt dein Gegner am Turn auf?".
Oft bist du in der Situation, noch einen Gutshot oder einen ähnlich schwachen Draw zu halten. Die Annahmen sind die gleichen wie oben, nur mit dem Unterschied, dass du eventuell am Turn eine starke Hand machen kannst.
Beispielhand:
NL $2/$4
Stacks:
MP ($460)
Hero ($395)
Preflop: Hero ist BU with 7 , 8
1 fold, MP raises to $12, Co calls $12, Hero calls $12, 2 fold.
Flop: ($42) 4, 6
, K
(3 players)
MP bets $32, CO folds, Hero calls $32.
a) Turn: ($106) J (2 players)
MP checks, Hero bets $70, ...
b) Turn: ($106) 5 (2 players)
MP checks, Hero bets $70, ...
Im Folgenden die Veränderung des Erwartungswerts:
EV = [1 - P(Draw kommt an)] * {P(Turncheck) * {P(Fold) * [Pot(Turn) - Call(Flop)] - [1 - P(Fold)] * [Bet(Turn) + Call(Flop)]}- [1 - P(Turncheck)] * Call(Flop)} + P(Draw kommt an) * {P(Turncheck) * {P(Fold) * [Pot(Turn) - Call(Flop)] +[1 - P(Fold)] * [Pot(Turn) + Pot(Turn) * Implied Faktor * 2/3 - Call(Flop)}+ [1 - P(Turncheck)] * [Pot(Turn) - Call(Flop) + Implied Faktor * Pot(Turn)}
Der Implied Faktor bestimmt, wie viel Value du noch im Durschnitt vom Gegner bekommst (in Einheiten des Pots am Turn). Den Implied Faktor bei einem Turncheck des Gegner multiplizierst du mit 2/3, da du nicht direkt eine Bet des Gegners bekommst und du somit im Mittel von niedrigeren Gewinnen ausgehen musst.
Das folgende Diagramm zeigt die Equity gegen die Foldwahrscheinlichkeit am Turn für verschiedene Check-Turn Wahrscheinlichkeiten. Als Draw hast du in diesem Beispiel einen Gutshot Straightdraw, der mit einer Wahrscheinlichkeit von 8,5% am Turn ankommt. Der Implied Faktor wurde auf 1,5 gesetzt.
Die Gesamtwahrscheinlichkeit, dass Villain seine Hand am Turn aufgibt, berechnet sich erneut durch P(Turncheck) * P(Fold).
Aus diesen beiden Betrachtungen wird deutlich, dass ein kleiner Draw wie ein Gutshot Straightdraw deine Equity deutlich nach oben pushen kann.
Beispiel:
P(Turncheck) = 60%
P(Fold) = 60%
Gesamtwahrscheinlichkeit, dass Villain foldet: 36% (0.6 * 0.6).
EV ohne Draw: -10.64
EV mit Draw: +4.12
Bei dieser Betrachtung wurde ein Implied Faktor von 1,5 angenommen. Dieser Wert ist sogar noch recht niedrig angesetzt.
Vorweg: Diese Situation sollte recht selten auftreten. Als guter Spieler vermeidest du es nach Möglichkeit, OOP gegen einen Preflopraiser zu spielen.
Beispielhand:
NL $2/$4
Stacks:
Hero ($460)
Button ($395)
Preflop: Hero ist BB with 7 , 8
1 fold, MP raises to $12, 3 fold, Hero calls $8.
Flop: ($26) 2, 6
, K
(3 players)
Hero checks, MP bets $20, Hero calls $20.
Turn: ($66) J (2 players)
Hero bets $47, MP ...
Du callst mit 78s im BB gegen den Preflopraiser. Am Flop spielst du check/call, einzig und allein mit der Intention, den Pot am Turn durch eine Bet zu gewinnen.
Wir machen folgende Annahmen:
- Callt oder raist Villain den Turn, bist du geschlagen.
- Du kannst am Turn keine Made Hand machen, mit der es sich lohnt, weiterzuspielen.
Der Erwartungswert berechnet sich wie folgt:
EV = P(Fold) * [Pot(Turn) - Call(Flop)] - [1 - P(Fold)] * [Call(Flop) + Bet(Turn)].
Folgendes Diagramm zeigt den Verlauf der Equity in Relation zur Wahrscheinlichkeit, dass Villain foldet.
Die Berechnung der Equity gestaltet sich im Fall OOP deutlich einfacher, da du hier nur eine unbekannte Variable hast (Die Wahrscheinlichkeit, dass Villain auf eine Bet von dir foldet). Deutlich zu sehen ist hier, dass sich in diesem Beispiel (Beispielhand s.o.) ein Float lohnt, sobald du ca. eine Fold Equity von 60% hast.
Änliche Situation wie bei "In Position". Du kannst natürlich auch hier zusätzlich einen Draw haben.
Beispielhand:
NL $2/$4
Stacks:
Hero ($460)
Button ($395)
Preflop: Hero ist BB with 7 , 8
1 fold, MP raises to $12, 3 fold, Hero calls $8.
Flop: ($26) 4, 6
, K
(3 players)
Hero checks, MP bets $20, Hero calls $20.
a) Turn: ($66) J (2 players)
Hero bets $47, MP ...
b) Turn: ($66) 5 (2 players)
Hero bets $47, MP ...
Berechnung der Erwartungswerts:
EV = [1 - P(Draw kommt an)] * {P(Fold) * [Pot(Turn) - Call(Flop)] - [1 - P(Fold)] * [Call(Flop) + Bet(Turn)]} + P(Draw kommt an) * {P(Fold) * [Pot(Turn) - Call(Flop)] + [1-P(Fold)] * [Call(Flop) + Implied Faktor * Pot(Turn)]}
Im folgendem Diagramm ist die Equity gegen die Foldwahrscheinlichkeit am Turn eingetragen. Erneut gehen wir von einem Gutshot Straight Draw und setzen den Implied Faktor auf 1,5.

Auch OOP steigt natürlich mit einem entsprechenden Draw die Equity enorm an. Vergleichst du die beiden OOP-Diagramme, erkennst du, dass fast 10% weniger Fold Equity benötigt wird, nur aufgrund eines Draws mit 4 Outs.
IP gestaltet sich das Floaten wesentlich leichter und effektiver. Villain muss zuerst agieren und du kannst abwarten und reagieren. Dieses bringt einige Vorteile mit sich:
- Du hast in der Regel eine höhere Fold Equity. Bist du OOP und donkst direkt in Villain rein, hast du noch keine Ahnung von seiner Handstärke. Checkt Villain allerdings am Turn zu dir, hat er oft eine schwache oder mittelstarke Hand.
- Triffst du deinen Draw, kannst du IP meist mehr Value von Villain extrahieren. Somit steigen deine implied Odds deutlich.
- Du hast eventuell die Möglichkeit, die Freecard zu nehmen, falls du eine mittelmäßige Hand am Turn bekommst (mit Showdown Value) oder einen guten Draw (Backdoor Draw am Flop).
Wie häufig gibt dein Gegner am Turn auf?
Die Wahrscheinlichkeit, dass Villain seine Hand am Turn foldet, ist von mehreren Faktoren abhängig. Im Folgenden soll auf diese genauer eingegangen werden. Die genannten Überlegungen solltest du natürlich bereits am Flop machen.
Es gibt zwei wichtige Eigenschaften eines Gegner, die es möglichst zu wissen gilt. Zunächst einmal die Aggressivität des Gegners. Je aggressiver ein Gegner ist, desto häufiger macht er Continuation Bets. Je mehr Continuation Bets er macht, desto öfter steht er am Turn mit einer schlechten Hand da, von der er sich gegen eine Bet von dir womöglich trennt. Auf der anderen Seite macht ein aggressiver Gegner ab und zu einen Second-Barrel-Bluff am Turn, was dir die Möglichkeits eines Floats nimmt.
Weiterhin müsstest du wissen, wie oft dein Gegner zum Showdown geht. Je häufiger das der Fall ist, desto niedriger ist deine Foldequity am Turn. Es ist sinnlos, eine Calling Station zu floaten.
Bezüglich der Aggressivität gibt es bei Pokertracker unterschiedliche Werte. Einen allgemeinen Richtwert liefert average aggression postflop.
Spezieller sind die beiden Werte Continuation Bet und Continuation Bet Turn, die angeben, wie oft dein Gegner eine Continuation Bet am Flop bzw. am Turn macht (in Prozent). Diese beiden Werte sind allerdings erst bei recht großer Samplesize aussagekräftig.
Wie oft dein Gegner zum Showdown geht, siehst du allgemein an dem Wert WtSD. Spezieller im Bezug auf deine Situation ist der Wert Fold to Turnbet. Mit diesem kannst du bei entsprechendend großer Samplesize recht genau abgeschätzen, wie oft Villain im Schnitt foldet.
Drawlastigkeit des Boards: Sind viele Draws möglich, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass dein Gegner einen Draw hält, von dem er sich nicht trennen wird. Weiterhin ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass er dich auf einen Draw setzt und deswegen seltener foldet.
Die Wahrscheinlichkeit, dass dein Gegner eine Made Hand hat: Je wahrscheinlicher dein Gegner eine Made Hand hat, desto geringer ist natürlich die Wahrscheinlichkeit, dass er seine Hand foldet.
All diese Überlegungen sind stark von deinem eigenen Image abhängig. Was denkt dein Gegner über dich? Weiß er, dass du auf Boards, auf denen er selten etwas getroffen hat, gerne floatest? Wenn das der Fall ist, wird er oft eine second Barrel feuern oder am Turn checkraisen.
Wie verändert sich der EV, wenn sich die Betsize ändert?
Es ist ein großer Unterschied, ob dein Gegner am Flop 1/2 oder 3/4 Potsize bettet. Zunächst aber die zwei verschiedenen Hände. In beiden Beispielen bettet Hero am Turn jeweils 2/3 Potsize, wenn zu ihm gecheckt wird. Alle weiteren Parameter bleiben konstant (gleiche Foldequity am Turn etc).
Stacks:
MP ($460)
Hero ($395)
Preflop: Hero ist BU with 7 , 8
1 fold, MP raises to $12, Co calls $12, Hero calls $12, 2 fold.
Flop: ($42) 2, 6
, K
(3 players)
MP bets $21, CO folds, Hero calls $21.
Turn: ($84) J (2 players)
MP checks, Hero bets $56, ...
EV (ohne Draw): -4.2
EV (mit Draw): 7.51 (würde auf dem Board beispielsweise statt der "2" eine "4" liegen)
Stacks:
MP ($460)
Hero ($395)
Preflop: Hero ist BU with 7 , 8
1 fold, MP raises to $12, Co calls $12, Hero calls $12, 2 fold.
Flop: ($42) 2, 6
, K
(3 players)
MP bets $32, CO folds, Hero calls $32.
Turn: ($106) J (2 players)
MP checks, Hero bets $70, ...
EV (ohne Draw): -10.64
EV (mit Draw): 4.12
Es ist also deutlich zu erkennen, dass sich der EV erhöht, wenn dein Gegner kleinere Continuation Bets macht.
Ganz allgemein sollte deine Bet am Turn so groß sein, dass der EV maximal wird. Diese Entscheidung ist natürlich stark von Gegner und Image abhängig. Als allgemeiner Richtwert bietet sich 2/3 Potsize an.
Fazit
Zusammenfassend noch einmal folgende Punkte:
- Floate möglichst in Position.
- Floate möglichst mit Draws, auch wenn es sehr schwache Draws sind.
- Floate eher gegen schwache Continuation Bets.
- Beobachte deinen Gegner! Es macht keinen Sinn, eine Calling Station zu floaten.
Floaten ist ein recht komplexes Thema und in der Realität teils schwierig umzusetzen. Um ein gutes Gefühl zu bekommen, wann du floaten kannst und wann nicht, ist es notwendig, im Nachhinein deine Hände zu analysieren und aus diesen Erkenntnissen zu lernen.
Dazu sollte gesagt sein, dass Floaten ein Move ist, der deine Winrate, vor allem in den High Limits, enorm steigern kann. Vorrausgesetzt hierbei ist natürlich Floaten in richtigen Situationen. In den falschen Situationen kann es sehr kostspielig werden.
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