Aktualisiert am 12 März 26 von

Anpassen der Reraise-Range

Einleitung

In diesem Artikel

  • How to: Positionsangepasste Reraise-Ranges
  • 4 Charts
  • Anpassungen bei größeren Stacks

Um auf den mittleren und höheren Limits mit der Shortstack-Strategie bestehen zu können und um deinen Gewinn zu maximieren, wird es immer wichtiger, dass du dich nicht mehr nur auf die Charts verlässt, sondern deine Preflop-Raises individuell deinen Gegnern anpasst.

In diesem Artikel geht es darum, wie du deine Reraise-Range den Gegnern anpasst in Abhängigkeit vom PFR% des Gegners, der zuerst geraist hat. Du benötigst also den Elephant, um überhaupt den PFR%-Wert ermitteln zu können. Beachte hierbei, dass der PFR%-Wert dem Raise Preflop-Wert im Elephant entspricht.

Wovon hängt die Reraise-Range ab?

Hierbei hängt die eigene Reraise-Range hauptsächlich von folgenden Faktoren ab:

  • Dem PFR% des Gegners
  • Der Position des Gegners, aus der er raist
  • Deiner eigenen Position

Der PFR% ist ausschlaggebend für unsere Berechnungen und muss beim Spielen aber mit Vorsicht betrachtet werden, da man häufig nur wenige Hände aufgezeichnet hat und man deswegen nur eine Tendenz erkennen kann.

Der PFR% wird beim Elephant unabhängig von der Position angegeben. Allerdings kann man davon ausgehen, dass der PFR% in früher Position wesentlich geringer als in später Position ist.

Deine eigene Position spielt insofern eine Rolle, da es ja möglich ist, dass noch Monsterhände bei Gegnern hinter dir liegen und das ist natürlich wahrscheinlicher, wenn du in früher Position bist, als wenn du dich in später Position befindest.

Im Folgenden erhältst du vier verschiedene Übersichten, in denen für die verschiedenen Positionen, aus denen dein Gegner raisen kann, deine Reraising-Range aufgezeigt wird, natürlich immer in Abhängigkeit vom PFR% des Gegners.

Downloads

Shortstack-Strategie: Reraise Ranges

Übersichten der Reraising-Ranges

In den folgenden vier Tabellen wird nur folgender Fall betrachtet: Es gab genau ein Raise vor dir und kein Reraise.

Jede Tabelle gilt für 2 bestimmte Positionen des Gegners, der zuerst geraist hat. In jeder Tabelle wird deine Reraising-Range in Abhängigkeit des PFR% des Gegners und deiner eigenen Position angegeben.

In der jeweils linken Spalte findest du die möglichen Positionen, in denen du dich befinden kannst. Im Tabellenkopf findest du jeweils die Untergrenzen des gegnerischen PFR%. Steht da z.B. eine 4, dann bedeutet das, dass du mit den in der zugehörigen Spalte aufgelisteten Händen dann reraist, wenn dein Gegner mindestens einen PFR% von 4 hat. Eingeklammerte Hände sind sehr grenzwertig und es sollte mit diesen Händen nur gereraist werden, wenn noch weitere Faktoren dies begünstigen (siehe Ende des Artikels).

Die Tabellen kannst du dir hier als PDF-Dokument zum Ausdrucken herunterladen

Shortstack-Strategie: Reraise Ranges

Der Gegner raist aus UTG oder UTG+1

Gegner raist aus UTG oder UTG+1

Der Gegner raist aus UTG+2 oder MP1

Gegner raist aus UTG+2 oder MP1

Der Gegner raist aus MP2 oder MP3

Gegner raist aus MP2 oder MP3

Der Gegner raist aus CO oder BU

Diese Tabelle kommt nur zur Anwendung, wenn dein Gegner nicht first in raist, denn dann solltest du deine Spielweise nach dem im Artikel Steals und Resteals vorgestellten Konzepten richten.

Gegner raist aus CO oder BU (nicht first in)

Anpassungen bei größerem Stack

Mit den angegebenen Reraising-Ranges wirst du auf Dauer Gewinn machen, da du gegen die gegnerischen Ranges +EV bist. Bei den Berechnungen wurde davon ausgegangen, dass es zu einem All-In oder direktem Fold des Gegners kommt. Sollte der Gegner nur callen, ist dein Stack am Flop meistens so klein, dass dein Gegner mit nahezu jeder Hand ein All-In callen wird. Oft solltest du sowieso sofort All-In pushen, um noch etwas Fold-Equity dazuzugewinnen.

Sehr wichtig ist, dass du bei einem größeren Stack ( >20 BB) deine Reraising-Range etwas tighter wählen musst. Der Grund hierfür ist, dass dein Gegner, der geraist hat, nicht mit jeder Hand dein Reraise callt/pusht. Das heißt sogar, dass du bei einem Call des Gegners mit den Händen am unteren Rand deiner Reraising-Range etwas hinten liegst gegen die Calling-Range des Gegners. Das kannst du jedoch locker damit ausgleichen, dass du bei einem Fold des Gegners den Pot direkt gewinnst.

Umso größer dein Stack nun ist, desto weniger ist dieser Ausgleich gegeben und du verlierst auf Dauer. Dass du mit einem größeren Stack noch etwas mehr Fold-Equity erzeugst ist wohl wahr, aber diese ist nur minimal größer.

 

Beispiel

NL 0.50/1 (10-handed)

1.)
UTG+1 ($94)
Villain (MP1) ($47), PFR%=8
SB ($16)

Preflop: Hero is SB mit TT
1 fold, UTG+1 calls $1, 1 fold, Villain raises to $4, 4 fold, Hero raises to $16, 1 fold, UTG+1 fold, MP1??

Du gehst davon aus, dass Villain hier mit 8% in MP1 raist. Gegen diese Range liegst du ganz knapp vorne mit 51 % zu 49 %, aber du entscheidest dich für ein Reraise, da du sehr tight an diesem Tisch warst und noch etwas Fold-Equity besitzt. Deswegen liegt die gegnerische Calling-Range bei geschätzten 6% (75% seines PFR%). Gegen diese Range liegst du mit 48% zu 52% hinten. Lohnt sich danach ein All-In-Push?

Im Pot sind $1 von UTG+1, $4 von Villain und die Blinds ($1.50).

Gewinn = 0.25 * ($1 + $4 + $1.50) + 0.75 * 0.48 * ($1 + $4 + $1.50 + $12) = $8.285
Verlust = 0.75 * 0.52 * $15.5 = 6.045
Gesamtgewinn = Gewinn - Verlust = $8.285 - $6.045 = $2.24

Zu erwarten ist also im Durchschnitt ein Gewinn von knapp unter $2.24, da ja noch Monsterhände nach dir liegen könnten und du Rake bezahlen musst. Es ist also eine knappe Entscheidung.

 

2.)
Nun stellen wir uns das gleiche Beispiel vor, nur dass dein Stack 24$ groß ist und du Villain auf $12 reraist. Villain setzt dich zu 5% seines 8% PFR (62.5%) All-In, so dass du callen müsstest, und er foldet zu 37.5 %. Gegen seine 5% Range liegst du mit 41% zu 59% hinten:

Gewinn = 0.375 * ($1 + $4 + $1.50) + 0.625 * 0.41 * ($1 + $4 + $1.50 + $20) = $9.23
Verlust = 0.625 * 0.59 * $23.5 = $8.66
Gesamtgewinn = $0.56

Da du im Falle eines Gewinns noch Rake bezahlen musst und auch noch Monsterhände nach hinter dir liegen können, reichen die +0.56$ nicht aus, um Gewinn zu machen. Du würdest etwas Verlust machen. Daher musst du etwas tighter agieren, wenn dein Stack größer wird.

Bei knappen Entscheidungen können folgende Faktoren noch weiterhelfen:

  • Ist schon dead Money im Pot? (spricht für einen Reraise)
  • Gab es vor dem Raise schon Limper? Das kann für ein Reraise sprechen, da dann etwas mehr Geld im Pot ist. Dafür zeigt das Raise im Durchschnitt aber etwas mehr Stärke, als ein First-In-Raise. Es muss also je nach Situation entschieden werden.
  • Wenn das Raise bereits vor einem gecallt wurde, von einem Spieler mit nicht allzu geringem VPIP%, ist es meistens sehr gut und würde für einen Reraise sprechen, denn es zeigt nicht allzu viel Stärke ein Raise zu callen bei einem mittleren bis hohen VPIP%. Die Fold-Equity ist dann etwas geringer, aber die Handrange des Raisecallers ist nicht allzu stark und es ist ja auch mehr Geld im Pot.

Fazit

Mit den Übersichten dieses Artikels gehst du einen weiteren Schritt in Richtung gegnerangepasstem Spiel. Immerhin hast du den Gold-Status erreicht, kannst somit auf einige Erfahrung zurückgreifen und wirst sicherlich vorhaben, Limits in Angriff zu nehmen, in denen stures Chart-Spiel, ohne darauf zu schauen, wie deine Gegner überhaupt spielen, einfach nicht mehr ausreicht.

Mit gegnerangepassten Reraise-Ranges, Blindsteals und Blinddefenses kannst du zudem weitaus mehr aus deinen Händen holen, insbesondere auf Limits, auf denen deine Gegner schon etwas mehr Spielpraxis vorweisen können.

Wichtig ist, dass du bei den angegebenen Ranges darauf achtest, inwiefern sie von der Größe deines Stacks beeinflusst werden. Ideal ist natürlich, wenn du den mathematischen Hintergrund nachvollziehen kannst und in der Lage bist, eigene Berechnungen anzustellen. Zu wissen, warum du etwas machst, ist in Poker wie sooft, bares Geld wert. Versuche, die Tabellen nicht nur blind einzusetzen, sondern sie zu verstehen, und so auch irgendwann über sie hinauszuwachsen.