Aktualisiert am 12 März 26 von

Tiltprävention durch Arbeit am Kern des Problems

Einleitung

In diesem Artikel

  • Die verschiedenen Formen und Auswirkungen von Tilt
  • Die Bedeutung von Präsenz und Bewusstsein
  • Der Kern des Problems und wie du daran arbeiten kannst

Dieser Artikel erreichte den 1. Platz beim Article Contest im April 2011

Das Schwierige an Psychologieartikeln ist der oft fehlende Beweis für Theorien und Konzepte. Es gibt keine mathematischen Beweise, wie man sie in den meisten Pokerartikeln finden kann. Psychologische Probleme können nicht durch Formeln gelöst werden und oft können nur mögliche, aber nie garantiert richtige Wege aufgezeigt werden.

Dieser Artikel ist da keine Ausnahme, die hier dargestellten Problemskizzen, Thesen und Lösungsvorschläge haben nicht den Anspruch, die absolute Wahrheit zu sein. Jeder bewertet Situationen subjektiv und zieht dadurch unter Umständen abweichende Schlüsse.

Die Wahrheit

Dennoch konnte die moderne Neuropsychologie bereits viele psychologische Phänomene in ihren biochemischen Abläufen darstellen und den Einfluss von diversen Stoffen wie Dopamin auf unsere Psyche aufschlüsseln. Diese Fakten sind nicht zu leugnen und bieten Pokerspielern eine gute Möglichkeit zu verstehen, warum ein gesunder Lebensstil ein wichtiger Faktor für erfolgreiches Pokerspiel ist. In diesem Zusammenhang möchte ich Somnius' Artikelserie Neuropsychologie des Pokerns wärmstens empfehlen.

Ich werde in diesem Artikel einige neuro(psycho)logische Vorgänge stark vereinfacht darstellen. Das liegt daran, dass ich kein Neurologe bin und nicht alle Vorgänge bis ins Detail erklären kann (was allerdings auch nicht nötig ist), doch selbst wenn ich dies könnte, würde dies den Rahmen eines Pokerartikels deutlich sprengen.

Während pokertheoretische Artikel oft auf bereits bestehendes Wissen aufbauen haben pokerpsychologische Artikel oft einen gegenteiligen Effekt: Was wir glaubten zu wissen, wird widerlegt, was wir uns über lange Zeit angeeignet haben – Gewohnheiten, Glaubenssysteme, Verhaltensmuster - wird abgelegt. Dazu bedarf es der Bereitschaft, sich selbst kritisch zu hinterfragen und Fehler einzugestehen.

Definition und Effekte von Tilt

Tilt wurde schon oft genug definiert, Tommy Angelos Definition von „allem, was nicht A-Game entspricht“ halte ich dabei für eine der sinnvollsten. Tilt findet nicht nur am Tisch statt, wenn wir unkontrolliert betten und raisen, sondern auch in unauffälligeren Formen abseits des Tisches. Es soll hier aber auch nicht zur Debatte stehen, was nun alles als Tilt bezeichnet werden kann und was nicht, wichtig ist, dass wir lernen, mit Tilt umzugehen und ihn zu reduzieren.

Die Effekte von Tilt kennt jeder Pokerspieler aus persönlicher Erfahrung. Sie unterscheiden sich von Spieler zu Spieler, abhängig von Charakter und Erfahrung. Bei den einen ist es der plötzliche Limitaufstieg, bei anderen die zerbrochene Tastatur. Aber auch passive Symptome von Tilt können beobachtet werden, eines der häufigsten ist scared Money. Eines haben alle, die unter Tilt leiden, gemeinsam – Unzufriedenheit über eine Situation, die so wie sie ist, nicht sein sollte.

Die Effekte von Tilt können verheerend sein. Manche verlieren nur mehr Geld, als sie sollten, andere lassen Tilt Einfluss auf ihr alltägliches Leben nehmen und der RNG ihrer Pokerseite bestimmt plötzlich nicht nur die Karten, sondern auch die allgemeine Lebensfreude. Wer unter Depressionen leidet, die durch Poker bedingt sind, sollte sein Heil nicht in einem Artikel suchen. Professionelle Hilfe ist hier angebracht.

Nächtliche, überlange Sessions um Verluste auszugleichen, resultieren oft in Müdigkeit und Abgeschlagenheit, was sich dann oft direkt auf die nächste Session auswirkt.

Verdruß über Verluste führt oft zu Faulheit, die Motivation fehlt, um sich mit dem eigenen Spiel kritisch auseinander zu setzen, das Ergebnis sind oft weitere Verluste, die Motivation sinkt noch weiter. Oft geraten Spieler in einen Teufelskreis und werden sich ihrer Lage erst bewusst, wenn sie große Teile ihrer Bankroll verlieren. Diese Forenposts beginnen dann meist mit den Worten „Ich habe schon x% meiner Bankroll verloren, Hilfe!“

Symptombehandlung

Viele Konzepte, die in jedem neuen Hilfegesuch bei Tiltproblemen wie am Band abgespult werden, haben das Problem, dass sie nur die Symptome von Tilt behandeln. Ein Stop-Loss heilt das Symptom - viel Geld zu verlieren - hilft dem Spieler aber keineswegs weiter, den Grund für diese Verluste zu beseitigen. Ein Stop-Loss ist ein gutes Konzept, um kurzfristig Schadensregulierung zu betreiben, sollte aber keinesfalls auf lange Sicht als Gewohnheit übernommen werden. Es geht nicht darum zu tilten und dann aber bei einer bestimmten Summe aufzuhören zu spielen, es geht darum, erst gar nicht zu tilten.

Oft wird ein Stop-Loss mit der Begründung der Tiltprävention praktiziert. Auch hier gilt es, daran zu arbeiten, weniger zu tilten und eine höhere Toleranzgrenze zu entwickeln.

Andere Ratschläge wie Hände posten, Videos aufnehmen oder einen Freund über die Schulter schauen lassen, arbeiten ebenfalls nicht am Ursprung des Problems. All dies kann helfen, um die negativen Effekte von Tilt einzudämmen und sich einschleichende Fehler aufzudecken. Allerdings bleibt der Tilt selbst unbehandelt, er wird wiederkommen und die Geschichte geht von vorne los.

Die Wurzel des Bösen

Wie können wir dann das Problem selbst, den Tilt, lösen? Dazu muss man verstehen, was Tilt auslöst und was in unseren Köpfen vorgeht.

Wie bereits gesagt, ist Tilt immer gleichbedeutend mit Unzufriedenheit über eine Situation, die so wie sie ist, nicht sein sollte. In der Mehrheit der Fälle ist dies der Verlust von mehr Geld als zu erwarten gewesen wäre, eher ein Luxusproblem ist es, nicht so viel zu gewonnen zu haben, wie zu erwarten gewesen wäre. Andere Tiltauslöser können z.B. das Verhalten oder Kommentare von Mitspielern sein.

Hier machen wir einen grundlegenden Fehler, indem wir meinen zu wissen, wie eine Situation sein sollte. Wir denken, wir kennen die Wahrheit: „Diese Hand hätte ich gewinnen sollen.“ Unsere subjektive Sicht der Welt erlaubt es uns nicht, die Wahrheit zu kennen. Unsere Erinnerungen und Glaubenssysteme projizieren ein Weltbild, welches wir lediglich für die Wahrheit halten.

Wer fünf Coinflips am Stück verliert und daraufhin tiltet, der geht davon aus, dass er das Recht hat, nicht fünfmal in Folge zu verlieren und dies eine völlige unfaire Situation ist. Jeder Pokerspieler sollte über seine Odds Bescheid wissen und sich klar machen, dass jeder Downswing, so unwahrscheinlich er auch sein mag, letztlich dennoch fair ist.

Die meisten Spieler sind sich dieser Tatsache durchaus bewusst, tilten aber dennoch. Der Grund ist, dass das Wissen über die Wahrscheinlichkeiten und die Legitimität von Downswings in einer Bewusstseinsebene sitzt, die bei einem Ausbruch von Tilt nicht mehr aktiv ist. On Tilt setzen chemische Reaktionen in unserem Hirn ein, welche jegliche Rationalität unmöglich machen. Es ist äußerst schwierig diesen Ablauf zu stoppen und aus der Bewusstseinsebene 'Tilt' herauszutreten. Wer damit besonders große Probleme hat, wäre mit einem Stop-Loss gut bedient. Dennoch sollte man weiterhin an diesem Problem arbeiten und sich nicht auf den Stop-Loss verlassen.

Letztlich identifzieren wir uns völlig mit dem Bild, das wir in unserem Kopf kreiert haben, ohne jegliches Bewusstsein darüber, was gerade vor sich geht. Das Wort „identifizieren“ stammt aus dem lateinischen „idem“ (dasselbe) und „facere“ (machen). Identifizieren bedeutet also zum Selben machen – womit? Mit unserem Ego. Womit auch immer wir uns identifizieren, wir machen es zu einem Teil unserer Identität.

Wenn wir uns als Pokerspieler betrachten, identifzieren wir uns automatisch mit unserer Bankroll. Ein paar Zahlen auf einem Bildschirm werden Teil von uns und gehören von nun an zu uns. Aber was besitzen wir wirklich? Wenn wir uns auf die Straße stellen, auf ein Hochhaus zeigen und sagen „Das gehört mir“, dann erzählen wir eine Geschichte in der „Ich“ und ein Gebäude miteinander eins werden. Stimmen alle Leute zu, gibt es Dokumente darüber, stimmt keiner zu, werden wir zum Psychiater geschickt. Egal welcher der beiden Fälle zutrifft, letztlich hat es überhaupt nichts damit zu tun, wer wir sind. Viele Menschen realisieren dies erst an ihrem Totenbett, kurz bevor sie sterben. Alle Konzepte von Besitz und Haben werden bedeutungslos.

Reizverarbeitung – Reaktion als Mindset

Die Welt in der wir leben ist voll von Reizen. Licht, also alles was wir sehen können, Geräusche, Gerüche usw. Ständig werden wir mit diesen Reizen bombardiert, viel zu viele, um sie alle bewusst wahrzunehmen. Die meisten werden unterbewusst verarbeitet, z.B. konzentrieren wir uns beim Pokerspielen auf die Geschehnisse am Bildschirm und hören dadurch leise Hintergrundgeräusche wie das Summen der Computerkühlung nicht mehr. Dennoch ist dieses Summen existent und wird von unserem Unterbewusstsein wahrgenommen.

Auch körperliche Abläufe wie Verdauung und Herzschlag werden vom Unterbewusstsein verarbeitet und gelangen nie ins Bewusstsein. Die komplette Außenwelt manifestiert sich dabei in unserem Gehirn durch Reize, alles was wir sehen ist Licht, das auf Rezeptoren in unserem Auge trifft und vom Gehirn zusammengefügt wird. Töne sind vibrierende Luft, ein Geschmack oder Geruch chemische Vorgänge. Jeder Reiz, den wir bewusst wahrnehmen, wird in vier Schritten abgewickelt:

  • 1. Wahrnehmung
    Im ersten Schritt wird die Art des Reizes wahrgenommen, z.B. Licht.
  • 2. Erkennung
    Im zweiten Schritt erkennen wir den Reiz, den wir in Schritt 1 registriert haben. Zum Beispiel eine bestimmte Karte, sagen wir das Ah am River.
  • 3. Bewertung
    Als nächstes wird die Information aus Schritt 2 bewertet. Die Information „Ah“ wird mit bereits vorhandenen Informationen abgeglichen. Eine solche Information könnte z.B. sein, dass unser Gegner AA hält und wir ein Set. Daraus folgt die Bewertung „negativ“, da in diesem Fall das Ah einen bad Beat für uns bedeutet.
  • 4. Reaktion
    Im letzten Schritt reagieren wir auf die Bewertung aus Schritt 3, in unserem Beispiel z.B. mit Wut.

Wenn wir Tilt vermeiden wollen, also nicht mehr mit der Emotion „Wut“ auf den Reiz Ah reagieren wollen, müssen wir einen Weg finden, um in diesen vierteiligen Prozeß einzugreifen. Auf die Suche nach einer solchen Möglichkeit begab sich schon vor rund 2500 Jahren ein gewisser Siddhartha Gautama, vielen eher als Buddha bekannt.

Die ersten zwei Schritte können und wollen wir nicht beeinflussen. Den dritten Schritt können wir - das Beispiel macht dies klar - ebenfalls nicht beeinflussen. Bad Beats wird es immer geben, genauso wie uns immer wieder unangenehme Situationen im Leben begegnen. Buddha erkannte dies und formulierte seine erste edle Wahrheit: „Leben ist dukkha.“ Wobei dukkha gewöhnlich mit „Leiden“ übersetzt wird.

Die einzige Möglichkeit bietet also ein Einschreiten in Schritt 4, unserer eigenen Reaktion. Diese Reaktion findet stets unterbewusst statt, wir entscheiden uns nicht, wütend zu sein, wir sind es einfach. Schaffen wir es allerdings, diesen Schritt in unser Bewusstsein zu rufen, können wir ihn unterbinden und die Tatsache, dass wir soeben einen bad Beat hinnehmen mussten, mit unserem rationalen Verstand bewerten. Im Poker wird oft der Begriff Mindset verwendet, dieses nicht-reaktive Mindset ist die zentrale Lehre des Buddhismus und der Weg zu einem glücklicheren und bewussteren Leben.

Aktion statt Reaktion

Wie bereits in Kapitel 5 angesprochen ist das Mittel zum Erfolg, die unbewusste Reaktion auf einen Reiz zu unterbinden. Dies ermöglicht eine bewusste Auseinandersetzung mit Geschehnissen. Wir können rational agieren, statt irrational zu reagieren.

Das unterbewusste Reagieren ist eine Gewohnheit, die sich seit unserer Geburt immer stärker in unseren Köpfen manifestiert, entsprechend schwierig ist es auch, sich dieses Verhalten abzugewöhnen. Man kann hier bedingt Vergleiche mit Suchtkranken ziehen. Je länger ein Mensch beispielsweise Drogen zu sich nimmt, desto schwieriger ist es, ihm dieses unterbewusste Verhaltensmuster von Verlangen nach Mehr abzugewöhnen.

Das soll aber nicht bedeuten, dass die älteren Strategen unter uns schlechtere Karten haben. Verschiedene Menschen haben diese Verhaltensweise in verschiedener Intensität verinnerlicht, wer z.B. viel Sport ausübt, kennt das Gefühl von voller Präsenz, und jedes Mal, wenn wir völlig präsent sind, machen wir einen kleinen Schritt in die richtige Richtung.

Wohin führt uns der Weg letztlich? Buddhisten nennen es Erleuchtung. Erleuchtung ist ein Mindset bei dem ein Mensch nie unterbewusst auf Reize reagiert, sondern stets bewusst agiert. Dies darf nicht so verstanden werden, dass eine solche Person nicht instinktiv die Hand von einer heißen Herdplatte wegziehen würde, denn diese Verhaltensweise ist noch viel tiefer in unserem Unterbewusstsein verankert, genauso wie die Steuerung der Organe.

Der Weg zu diesem Mindset ist ein sehr langer Weg. Buddhistische Mönche widmen ihr ganzes Leben dieser Aufgabe und gelangen zu großen Teilen nicht ans Ziel. Andere haben nie etwas von diesem Sachverhalt gehört und führen ein völlig erleuchtetes Leben, wieder andere erleiden schwere Schicksalsschläge, welche plötzlich einen Perspektivwechsel ermöglichen.

Ein von seinem reaktiven Unterbewusstsein gesteuerter Mensch ist wie eine Marionette. Die äußeren Reize ziehen an den Fäden, dem Unterbewusstsein. Dieses reagiert auf externe Reize und wir sind nichts anderes als Marionetten unseres Unterbewusstseins. Wenn wir es schaffen, diesen Prozess zu unterbinden, die Fäden durchzuschneiden, dann können wir uns frei bewegen.

Reaktion bedeutet aber nicht nur Reaktion auf Schlechtes, auch auf positive Reize reagieren wir. Wir bekommen ein köstliches Essen serviert und sofort reagiert unser Unterbewusstsein mit dem Verlangen nach mehr. Haben wir aufgegessen, fängt das Leiden an. Zugegeben, in diesem Beispiel ist das Leid nicht von besonders großem Ausmaß, in anderen Fällen kann anfängliches Glück aber auch großes Leiden bringen. Da wäre der Verlust von Besitz, z.B. Geld. Als Pokerspieler kennen wir die zwei Seiten der Medaille: Freude über gewonnenes Geld, Wut und Trauer über verlorenes Geld.

Aus diesem Grund stand im antiken Rom hinter jedem General, der gerade einen Siegeszug durch eine Stadt feierte, ein Sklave mit dem Hinweis „Memento Mori“ (Gedenke des Todes). Dies bedeutet allerdings nicht, dass wir letztlich zu neutralen, gefühllosen Menschen werden. Wir können immer noch die Vorzüge von materiellem Wohlstand genießen, werden ihn aber nicht vermissen, wenn wir plötzlich nichts mehr besitzen.

Im Buddhismus wird der Begriff „dharma“ (Sanskrit) oder „dhamma“ (Pali) benutzt und ist unter anderem der Begriff für Buddhas Lehre. Eine alte indische Kurzgeschichte beschreibt sehr anschaulich, wie ein nicht-reaktives Mindset im Alltag in Erscheinung treten kann:

Eine Mutter hatte drei Söhne. Sie gibt dem ersten Sohn eine leere Flasche und 10 Rupien, um Öl zum Kochen zu kaufen. Der Sohn zieht los und kauft das Öl, doch auf dem Rückweg fällt er und verschüttet die Hälfte. Er kehrt weinend zurück nach Hause und berichtet seiner Mutter, dass er die Hälfte des Öls verschüttet hat.

Die Mutter schickt ihren zweiten Sohn los, ebenfalls mit einer Flasche und 10 Rupien. Wie es der Zufall will, fällt auch dieser auf dem Weg nach Hause und verschüttetet die Hälfte des Öls. Er kehrt fröhlich zurück und berichtet seiner Mutter, dass er die Hälfte des Öls retten konnte.

Dann schickt die Mutter auch ihren dritten Sohn, einen Dhamma-Jungen, los. Ebenfalls mit einer leeren Flasche und 10 Rupien kauft er das Öl und auch er fällt auf dem Rückweg und verschüttet die Hälfte. Er kehrt zurück nach Hause und berichtet, dass er froh ist, die Hälfte noch gerettet zu haben, ihm ist aber auch bewusst, dass er die Hälfte verschüttet hat und er werde heute Abend auf dem Markt arbeiten, um 5 Rupien zu verdienen und die Flasche wieder zu füllen.

Es gibt viele Fallen auf dem Weg zu diesem nicht-reaktiven Mindset. Zum Beispiel ist das Streben nach diesem Status schon das Gegenteil von dem, was eigentlich erreicht werden soll und damit ein Schritt in die falsche Richtung. Wer „Erleuchtung“ erreichen möchte schafft dukkha, indem er nach etwas verlangt. Im Zen-Buddhismus heißt es, dass einst ein Schüler seinen Meister gebeten hat, ihm irgendetwas zu geben, um Erleuchtung zu erlangen. Der Meister wurde daraufhin traurig und sagte: „Ich würde gerne irgend etwas anbieten, um Dir zu helfen, aber im Zen haben wir überhaupt nichts.“

Diese völlige Leere, frei von Wünschen, Ablehnung, Wollen usw. ist das hier angesprochene „Nichts.“ In diesem Moment der Leere, des Freiseins von allen Reaktionen, können wir die Dinge sehen, wie sie wirklich sind und bewusst agieren.

"Wirkliche Freiheit besteht darin, zwischen Reiz und Reaktion einen Moment inne zu halten, um die Reaktion selbst zu bestimmen."

Es gibt viele Metaphern und Sprichworte für diese Philosophie der geistigen „Leere“, z.B. sagte Jesus „Selig sind die Armen im Geiste, denn ihnen ist das Himmelreich", oder „Only when you lost everything (Wünsche, Ablehnung usw.) you're free to do anything“ in „Fight Club.“

Der Schlüssel zu dieser Freiheit, bewusst sein, wird im folgenden Kapitel diskutiert.

Bewusst sein

Sobald wir unsere Gedanken von einer weiteren, im Hintergrund stehenden Bewusstseinsebene als das betrachten können, was sie wirklich sind, nämlich unsere Vorstellungen, wie die Welt sein könnte, müsste oder wie wir sie gerne hätten, geprägt von Erinnerungen auf unserem bisherigen Lebensweg, dann hören wir in genau diesem Moment auf, uns mit ihnen zu identifizieren.

Wer völlig mit seinen Gedanken identifiziert ist, befindet sich im gleichen Stadium wie jemand der träumt. Während des Traumes sind wir völlig mit ihm identifiziert, uns ist nicht bewusst, dass wir träumen. Dasselbe gilt für unsere Gedanken, wenn wir uns völlig mit ihnen identifizieren.

Tilt oder Wut generell ist eines der besten Beispiele dafür, wenn jemand völlig mit seinen Gedanken identifiziert ist. Es fehlt jeglicher Zugang zu einer Bewusstseinebene außerhalb der aktuell aktiven.

Sobald wir an ein Ereignis in der Vergangenheit denken, identifizieren wir uns mit einem vagen Eindruck, den wir von etwas gewonnen haben und für wahr erachten. Sobald wir in die Zukunft denken, konstruieren wir in unseren Köpfen, wie etwas sein könnte oder sollte, und identifizieren uns damit im selbigen Moment. Jegliches bewusst sein fehlt.

Der Schlüssel liegt im Jetzt. „Yesterday's history, tomorrow's a mystery. Today is a gift, that's why it's called the present.“ Unser Leben findet nur in einem einzigen Moment statt, und der ist genau jetzt. Wenn wir in diesem Moment leben und aus dem Nebel von Vergangenheit und Zukunft, Eindrücken und Konzepten heraustreten, dann entfaltet sich sofort das Bewusstsein, welches erlaubt unsere Gedanken zu beobachten und zu kontrollieren.

Meditation ist nichts anderes als reine Präsenz und Observation der Gedanken. Dazu später mehr. Nicht zu verwechseln ist das Schwelgen in Erinnerungen mit dem Abrufen von Informationen, die im gegenwärtigen Moment hilfreich sein können, wie z.B. früher gespielte Hände. Hier wird gezielt Information abgerufen und im Jetzt verarbeitet, während die Bad-Beat-Story eine Identifizierung mit den Geschehnissen der letzten Session ist.

Diese Gegenwärtigkeit ist für viele ungewohnt und tritt nur in bestimmten Situationen auf. In diesen Situationen fühlen wir uns gut, wissen aber im Nachhinein nicht warum. Da wäre z.B. der Fußball-Fan der im Stadion für 90 Minuten all seine Sorgen vergessen kann und im Geiste nur auf dem Platz ist. Der Sportler, der alles um sich herum vergisst oder der Tänzer, der eins wird mit seinem Tanz. Manche machen diese Erfahrung wenn sie arbeiten, z.B. Chirurgen. Das alles sind Momente der absoluten Präsenz.

Jetzt da wir verstehen, was in diesen für viele Menschen so besonderen Momenten vorgeht, können wir diese Situationen ständig herbeiführen. Es reicht schon, wenn wir uns bewusst machen, wie beim Gehen unsere Fußsohlen die Erde berühren oder wenn wir einfach nur spüren, wie wir gerade in unserem Stuhl vor dem PC sitzen. Mit regelmäßiger Übung werden diese gegenwärtigen Momente immer häufiger, es wird einfacher, die Gedanken zu beobachten, statt sich mit ihnen zu identifizieren und Tilt als das zu entlarven, was er ist, ein Konstrukt unseres Kopfes.

Mangelndes bewusst sein ist nicht nur Nährboden für Tilt, sondern kostet uns auch in normalen Phasen Geld. In No-Limit Hold'em sind die größten Pötte meist die unbedeutendsten. Jeder wird longterm gleich oft mit KK gegen AA verlieren und viele Hände sind No-Brainer. Große Pötte sind sehr oft EV-neutral, da unsere Mitspieler oft genau gleich agieren würden wie wir und wir so keinen Vorsprung auf sie erhalten können.

Kleine Pötte dagegen machen oft den Unterschied zwischen einem breakeven und einem winning Player. Viele Spieler, die nicht präsent genug sind, übergehen die kleinen, vermeintlich unbedeutenden Hände und erfahren starke Einbußen in ihrer Winrate. Wer nach einem fischigen Limper im BB mit 72o checkt und auf 35Tr check/foldet, ist nicht gegenwärtig. In zwei von drei Fällen hat Villain das Board nicht getroffen und wir können den Pot mit einer kleinen Bet gewinnen. Machen wir dies in 100 Händen dreimal steigern wir unsere Winrate um 3,5BB/100 (natürlich wird der Fisch auch mal callen und wir erzielen im Endeffekt eine kleinere Steigerung der Winrate). Dennoch fehlt den meisten Spielern die Präsenz, diese Situation überhaupt wahrzunehmen. Sobald wir 72o sehen, schaltet unser Gehirn automatisch auf Fold und wir schenken der Hand keine weitere Beachtung. Auch dies ist eine Abweichung von unserem A-Game und daher laut Defintion Tilt.

Eine andere Situation, in der uns mangelnde Präsenz Geld kostet, ist das Übersehen von Shortstacks. Wir callen ein Raise mit 67s am BU und stellen einen Moment später fest, dass wir gerade einen Shortstacker gecallt haben und niemals die nötigen Implied Odds erhalten können. Das Übersehen von wichtigen Stats ist ein weiteres Phänomen. Wir callen einen Fullstack am BU mit 67s und stellen dann fest, dass im BB ein Maniac sitzt, welcher jede Möglichkeit nutzt, um zu squeezen.

Diese Situationen treffen wir relativ häufig an, je erfahrener ein Spieler ist, desto seltener passiert das. Dennoch ist jede einzelne dieser Situationen unnötig, vermeidbar und schadet unserer Winrate immens.

Glaubenssysteme – Der ewige Loser

Viele unterschätzen die Macht des Unterbewusstseins, manche sind der Meinung, es habe überhaupt keinen Einfluss auf sie.

Wenn wir uns aber vergegenwärtigen, welche Aufgaben das Unterbewusstsein übernimmt, dann wird schnell klar, wie viel Einfluss es auf uns haben kann. Es steuert unsere Atmung, so lange wir sie nicht ins Bewusstsein rufen, reguliert unseren Herzschlag und ist für die Verdauung zuständig.

Unter Hypnose wird ein Weg in das Unterbewusstsein des Probanden geöffnet, ab diesem Punkt sind die Möglichkeiten vielfältig. Man kann Glaubenssysteme in das Unterbewusstsein einpflanzen und der Proband glaubt plötzlich, ein Huhn zu sein oder spürt einen Ekel gegenüber Zigaretten. Man kann Glaubenssysteme entnehmen und Phobien heilen. In allen Fällen geschieht dies für den Probanden unterbewusst, er weiß nicht, warum er plötzlich keine Lust mehr hat zu rauchen.

Viele Möglichkeiten bergen aber auch viele Gefahren, z.B. das Ansammeln von negativen Glaubenssystemen. Wer als Kind fast in einem See ertrinkt, speichert dies eventuell im Unterbewusstsein ab und entwickelt eine Wasserphobie. Wem ständig gesagt wurde, dass er etwas nicht kann, dem brennt sich dies in das Unterbewusstsein ein und er glaubt letztlich selbst, gewisse Dinge nicht zu können – ohne sich dessen bewusst zu sein.

Ein typisches Phänomen ist der ewige Loser. Er ist engagierter als alle anderen um ihn herum, dennoch macht er keinerlei Fortschritte, immer wenn er kurz vor dem Durchbruch steht, geht etwas schief. Oft ist dabei das Selbstbild des Losers schon so tief im Unterbewusstsein eingegraben, dass die betreffende Person unbewusst alles unternehmen wird, um keinesfalls diesem Selbstbild zu widersprechen. Wer sich für einen Verlierer oder ein Opfer hält, wird dies immer sein. Henry Ford sagte einst: „Whether you believe you can or you can't, you're probably right.“

Es ist sehr einfach, sich ein solches Selbstbild einzubrennen. Das Unterbewusstsein kann nicht zwischen Realität und Fiktion entscheiden, wenn wir also in unserer Vorstellung negative Selbstbilder haben, wird das Unterbewusstsein diese als real empfinden und speichern. Oft sagen wir nebenbei unüberlegte Dinge wie „Das schaff ich nie“ oder „Ich kann es nicht oft genug sagen“, was dann letztlich in genau diesem Wortlaut ins Unterbewusstsein geschickt und im Ernstfall mit allen Mitteln wahrgemacht wird. Dieses Phänomen gibt uns aber auch Werkzeuge an die Hand, um unser Unterbewusstsein positiv zu programmieren, zu visualisieren. Dazu später mehr.

Negatives Selbstgespräch findet in jedem von uns mehr oder minder ausgeprägt statt und kann uns große Steine in den Weg legen, wenn wir es nicht wahrnehmen und reduzieren. Diese „Gedankenhygiene“ sollte Gegenstand von mentalem Training bei Sportlern und psychologischer Fortbildung bei Pokerspielern sein.

Übungen und Anwendungen im täglichen Leben

Um Tilt zu erkennen und als solchen zu entlarven, müssen wir präsent sein. Dies lässt sich mit einfachen Übungen dauerhaft verbessern.

Die wohl intensivste Form der Übung ist die Meditation. Im Internet findet man genügend Anleitungen zu Sitzposition etc., darum soll es hier aber nicht gehen. In der Meditation selbst konzentriert man sich, wie es schon Tommy Angelo in einem seiner Videos präsentierte, völlig auf seine Atmung. Zu Beginn ist es einfacher jeden Atemzug zu zählen, das hilft etwas bei der Sache zu bleiben. Sobald ein Gedanke auftaucht, ist dies nicht als negativ zu bewerten, es ist völlig normal. Man nimmt Notiz davon, dass man soeben diesen Gedanken gedacht hat und lässt ihn dann davonziehen, ohne irgendeine Wertung abzugeben.

Je mehr Übung man hat, desto weniger Gedanken kommen auf und desto präsenter wird man. Meditation ist alles andere als geistige Abwesenheit, es ist pure Präsenz. Ein alter Zen-Meister schlich sich an seine Schüler von hinten an, während diese meditierten und versuchte, sie mit einem Stock auf den Rücken zu schlagen. Sind die Schüler präsent genug, nehmen sie Notiz von ihm und können ausweichen.

Eine etwas weniger intensive Form sind kleine Routinen, die man sich überall einfach einbauen kann. Das Bewusstsein über die Fußsohlen während des Gehens oder das bewusste Klicken des Mauszeigers während einer Session, Gegenwärtigkeit lässt sich ständig üben und einfach in alltägliche Bewegungsabläufe einbauen.

„Wenn du den Hof fegst, fege den Hof, wenn du eine Karotte schneidest, schneide eine Karotte.“ Zen-Spruch

Die Macht des Unterbewusstsein über unser Verhalten wurde in Kapitel 8 erklärt. Diese Macht kann uns aber nicht nur schaden, sie kann auch hilfreich sein. Ein wichtiges und sehr bekanntes Instrument ist das Visualisieren. Wichtig ist natürlich, dass wir positive Dinge visualisieren. Die Visualisierung sollte außerdem so detailreich wie möglich sein. Gerüche, Geräusche und Temperatur tragen zu einer besseren Verfestigung im Unterbewusstsein bei.

Für Spitzensportler ist das Visualisieren bereits Teil des täglichen Trainings, Boris Becker sagte mal nach einem gewonnen Tie-Break: „Ach, den hab ich doch gestern schon gewonnen gehabt.“

Spiritualismus und Wissenschaft - Zusammenfassung

Dieser Artikel ist wohl mehr und mehr von einem reinen Pokerartikel zu einem Artikel über das Leben generell geworden. Da Tilt aber den selben Ursprung wie alle anderen negativen Emotionen hat, ist dies meines Erachtens eher ein Vorteil als ein Nachteil. Wenn wir lernen, unsere Gedanken und Reaktionen im Leben generell zu kontrollieren, dann können wir dies auch auf Poker direkt anwenden. Außerdem ist ein glücklicheres Leben selbstverständlich auch für die Leistung am Pokertisch förderlich.

Ich habe diesen Artikel noch einmal überarbeitet, nachdem ich einen zehntägigen Meditationskurs in völliger Stille und Abschottung von der Außenwelt absolviert habe. Der Kurs und einige der Lehrinhalte waren sehr spirituell, ich habe bewusst versucht, diesen Spiritualismus aus dem Artikel fernzuhalten, da ich selbst nicht viel mit Spiritualismus anzufangen weiß.

Ich habe versucht, die wissenschaftlichen Wahrheiten herauszufiltern und mit diesen Fakten auf wissenschaftlicher Ebene weiterzuarbeiten, dennoch befinde ich mich erst in den Anfängen. Dieser Artikel könnte mühelos auf ein vielfaches seiner momentanen Länge ausgedehnt werden, ich hoffe die Hauptgedanken sind dennoch verständlich dargestellt. Es werden sicherlich viele Fragen auftauchen und ich möchte versuchen, auf diese Fragen einzugehen. Stellt eure Fragen daher am besten in den Kommentaren, oder falls vorhanden, im entsprechenden Feedbackthread.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass jedes Leid in uns selbst entsteht, dadurch, dass wir unterbewusst reagieren oder uns in der Vergangenheit oder der Zukunft verlieren. Der Schlüssel zum Wechseln von Reaktion zu Aktion liegt in genau diesem Moment, im Jetzt. Wenn wir uns nicht in Vergangenheit oder Zukunft verlieren, sind wir völlig präsent und können den Schritt von der reaktiven, reizgesteuerten Marionette zum aktiven, bewusstseinsgesteuerten Menschen machen. Wer dies verinnerlicht und lebt, stellt nicht mehr die Frage nach dem Sinn des Lebens, akzeptiert die Realität und hat die wahre Freiheit, alles zu tun.