Aktualisiert am 12 März 26 von

Die richtige Einstellung zum Geld

Einleitung

Ein großes Problem beim Pokern ist, die richtige Einstellung zum Geld zu finden. Wenn man zu lässig mit seinem Geld umgeht, wird man es verlieren. Ein zu ängstliches Verhalten dagegen ist auch kontraproduktiv, da man dann nicht aggressiv genug vorgeht und sich leicht einschüchtern läßt.

Enthemmung durch Abstraktion

Die Gewinne der Gambling-Industrie und der Erfolg von Pokerprofis stehen im Zusammenhang mit der Verniedlichung des Geldes. Der größte Coup der Veranstalter von Casino-Spielen war die Einführung von Chips. Anstelle von Geldscheinen, auf denen die gestrengen Gesichter puritanischer amerikanischer Präsidenten daran erinnerten, wie hart das Geld erarbeitet wurde, bekam man nun niedliche bunte Chips in die Hand.

Ein Geldschein an sich ist ja bereits eine Abstraktion der Arbeitskraft, die ihm zugrunde liegt. Leute, die nicht mit Geld umgehen können, vergessen leicht, wie hart sie dafür arbeiten mussten. Die Einführung der Chips treibt diese Abstraktion weiter voran. Jeder weiß, was er sich mit einem bestimmten Geldschein kaufen kann, aber die glitzernden Chips wird man im Laden nicht los. Ihr Aussehen suggeriert Lifestyle und Coolness. Sie senden animierende Botschaften an das Unterbewusstsein. Horden von Produktdesignern und Psychologen haben sich angestrengt, um das perfekte Spielgeld zu konstruieren. Spielgeld, mit dem man leichtfertig um sich schmeißen kann.

Eine weitere Revolution war die Einführung der Online-Casinos. Jetzt hatte man nicht einmal mehr Chips in der Hand, die einen haptisch an ihren Wert erinnerten. Onlinechips müssen nicht mechanisch in die Mitte des Tisches geschoben werden. Onlinechips lassen sich durch einen simplen Mausklick bewegen. Der Enthemmung steht Tür und Tor offen.

Die Grundcharaktere

Der Enthemmte

Onlinepoker ist deshalb so profitabel, weil viele Spieler aufgrund der mehrfachen Abstraktion den Wert des Geldes vergessen, welches auf dem Spiel steht. Für sie ist Onlinepoker wie eine Art aufregendes Videospiel. Ein schwacher Call ist leicht getätigt mit der Muskulatur eines einzigen Fingers. Man bleibt im Rennen und partizipiert weiterhin an der „Action“. Auch ein „Stupid Bluff“ ist nur einen Mausklick entfernt.

Es gibt zwei strategische Implikationen: Im Onlinepoker wird mehr geblufft und mehr gecallt. Das ist natürlich ein Widerspruch, denn die Bluffs verlieren an Profitabilität durch die Enthemmung beim Callen. Wer dies durchschaut, der macht mehr Geld. Was gilt es zu tun? Im Vergleich zum Live-Poker sollte man: 1. Nicht so viel bluffen und 2. Gegen aggressive Bluffertypen mehr Calldowns machen.

Der Bodenständige

Der Bodenständige lässt sich von der Abstraktion des Geldes nicht täuschen. Er geht sorgsam mit seinen Chips um. Er hat jedoch zwei potentielle Schwächen: Passivität und Angst. Häufig ist er ein „Moderatly Winning Player“. Sein Geld bekommt er von den Enthemmten.

Viele Bodenständige haben nicht das Zeug zum Profi, weil sie zu vorsichtig sind. Hold’em ist ein Spiel, bei dem Aggression belohnt wird. Wenn ich 100 Dollar setze und dabei darüber nachdenke, welchen Gegenwert das besitzt (z. B. 2 Jeans oder 8 Restaurantbesuche), dann bin ich zu gehemmt, um schnell und aggressiv handeln zu können. Auch bin ich großen Enttäuschungen ausgesetzt, sollte ich das Geld verlieren (Tilt-Gefahr).

Der Profi

Der Profi verfügt über Anteile des Enthemmten und des Bodenständigen und zwar in der perfekten Mischung. Er besitzt dem Geld gegenüber eine gewisse Geringschätzung (Geizige werden es daher schwer haben, in die Weltspitze aufzusteigen), allerdings nur im kurzfristigen Zusammenhang. Sein Blick ist auf langfristigen finanziellen Gewinn ausgerichtet. Er weiß, dass dies der Maßstab für Erfolg und Misserfolg seines Handelns ist. Der Profi abstrahiert die von ihm bewegten Chips zum tatsächlichen finanziellen Gegenwert. Er betrachtet sie als Big Bets. Er bekommt seine Gewinne von den Enthemmten und in deutlich geringerem Maße auch von den Bodenständigen.